Auf dem Yangtse fährt man 130 Kilometer zu Füßen spektakulärer Schluchtenlandschaften. Eine Kreuzfahrt ist hier zwar kein romantischer Honeymoon-Trip, dafür kann man aber einige der interessantesten Ecken im Reich der Mitte kennenlernen. Text: Markus Grenz

Jedes Land hat seine Ikonen.

Bilder, die sich im Kopf für immer festsetzen, die für die Betrachter in der ganzen Welt stellvertretend für das große Ganze eines Landes stehen und es mit der Aura von Romantik und Abenteuer überlagern. Nicht nur in China werden diese Bilder gerne auf Geldscheine gedruckt. Allerdings ist das 10-Yuan-Motiv mit dem westlichen Tor zu den »Drei Schluchten« spektakulär. Majestätisch erhebt sich linker Hand der – nur im Sommer rote – »Berg der Roten Rüstung«, der »Chijia Shan«, mit seiner Spitze rund 1.000 Meter in die Höhe. Gegenüber wacht die Kreidewand des »Weißen Salzberges«, des »Baiyan Shan«, ebenso aufmerksam über die Schiffe, die an ihrem Fuße den Yangtse hinunterfahren.

Majestic Qutang Gorge and Yangtze River

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Massive Steilwände, sanft ansteigende grüne Hänge, der Fluss, der hinter der Felsbiegung verschwindet: Die Einfahrt in die »Qutang-Schlucht« gehört zu den spektakulärsten Perspektiven im Reich der Mitte und ist sicherlich mehr wert als schnöde 1,10 Euro. Auch die durchschnittlich 700 Euro, die die Kreuzfahrer für die fünf Tage an Bord ihres Yangtse-Schiffes bezahlen mussten, werden allein von den mehr als rund 130 Kilometern Wasserweg zu Füßen der »Drei Schluchten« bis zum »Dreischluchtendamm« locker aufgewogen. Und das ist nur ein Ausschnitt der Reise. Unterwegs sind die Teilnehmer insgesamt 660 Kilometer auf dem drittlängsten Fluss der Erde, der wie kein Zweiter seit 1993 sein Gesicht verändert hat.

Der Yangtse von heute – gezähmt und industriell erschlossen

Aus dem ehemals gefährlichen und reißenden Strom ist in den 15 Jahren Bauzeit ein oberflächlich ruhig vor sich hin fließender »Stausee« geworden. Auch wenn der Wasserspiegel um durchschnittlich 70 Meter gestiegen ist, wurde der Charme der Schluchten längst nicht im Yangtse-Wasser ertränkt. Dies fühlt der Kreuzfahrer besonders deutlich, wenn er die »Qutang«-Schlucht entlangschippert. Biegt er um die Kreidewand, öffnet sich ein malerisches Panorama.

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Wie hat sich die Natur behauptet gegen diesen menschlichen Eingriff, der zeigt, wie man Fortschritt und Umwelt eben nicht miteinander verbindet? Die Reise in den ruhigen Fahrwassern des »Langen Flusses« gibt viel Gelegenheit zum Beobachten. Träge fließt das braune Nass vor sich hin. Dies war nicht immer so. Erst durch die großflächigen Entwaldungen am »Yangtse«-Mittellauf in Osttibet und durch gewaltige Erdrutsche in der Folge wurde der »lange« zu einem gelben Fluss – nicht zu verwechseln mit dem »Huang He« im Norden des Landes, dem richtigen »Gelben Fluss«. Doch zu viele Sedimente sind nicht die einzigen Bestandteile, die nicht ins Wasser gehören. Wie auch an den Ufern seines deutschen Zwillingsbruders – des Rheins – haben sich am Yangtse zahlreiche Industriebetriebe vor allem an den Rändern der großen Städte angesiedelt. Und in dem Land, in dem der Yuan über allem steht und heutzutage ein guter Kommunist vor allem ein guter Kapitalist ist, kann man von einheitlichen und nachprüfbaren Standards in Sachen Umweltschutz nur träumen.

Hinzu kommen die Frachter, die den Yangtse fast in eine kleine Autobahn verwandeln. 80 Prozent des Inland-Schiffsverkehrs tummeln sich auf seinen Fluten. Nein, ein romantischer »Honeymoon-Trip« ist eine Reise auf dem Yangtse nicht. Das stört aber die Passagiere auf den Kreuzfahrtschiffen wenig. Sie haben die fünf Tage an Bord als Teil eines Pakets gebucht, das sie in verschiedene Ecken des Landes führt. Der Yangtse ist dabei sicherlich eine der Interessantesten. Daneben kann man tatsächlich auch noch buchstäbliche Schönheit entdecken. Pflichtstopp einer jeden Kreuzfahrt ist nämlich das Yangtse-Städtchen »Wushan«, wo die Kreuzfahrer ein handlicheres Wasserfahrzeug besteigen und in die drei kleinen Schluchten des Daning eintauchen.

Natur und Ursprünglichkeit an den Seitenarmen des Yangtse

Ist man auf den ersten Kilometern noch im braunen Wasser des Yangtse-Nebenflusses unterwegs, gewinnt bald das ursprüngliche Grün im Daning die Überhand und ist auch fortan die vorherrschende Farbe. Sehr viel schmaler als der Hauptfluss schlängelt sich hier das Wasser an den Steilhängen entlang. Üppig bewachsen »galoppiert« der »Berg des heimkehrenden Pferdes« vorbei. In der »Bawu Xia», der »Nebel-Schlucht«, verdeckt glücklicherweise dieser nicht die Sicht auf die »Göttin der Barmherzigkeit«, »Guanyin«, mit einer Felslotusblüte in der Hand. Weniger Fantasie braucht man, um die kraxelnden Rhesusaffen aus Fleisch und Blut zu erkennen.

Noch pittoresker präsentieren sich die anschließenden zwölf Kilometer der »Dicui«-Schlucht mit dichtem Bambus, gelben, rosafarbenen und leuchtend weißend Blüten. Nach dem zweiten Wechsel in ein traditionelles Holzboot fährt man auf dem »Madu«-Fluss noch tiefer in die Vergangenheit vor der Staudammflutung. Schmale Wasserfälle tröpfeln am braunen Gestein herab. Von einem dichten grünen Teppich bedeckt, wachsen die Berghänge mit Heilkräutern, Lilien und Orchideen in die Höhe. Wassertaxis für die lokalen Farmer knattern schwer beladen vorbei.

Eine Schlucht ist malerische als die nächste

Malerisch präsentiert sich auch die 45 Kilometer lange »Wu«-Schlucht, deren namensgebenden »Schamanen «-Berg man schon vom Außendeck an der Anlegestelle in Wushan durch den Dunst erkennen kann. Der ist auf der gesamten Drei-Schluchten-Tour der ständige Begleiter der Kreuzfahrer und verschluckt nach einem Drittel des Wegs fast den Gipfel des Feenbergs. Der gewaltig angestiegene Wasserspiegel hat das Klima verändert und die Luftfeuchtigkeit beträchtlich erhöht. Deutlich zeigt sich aber heute die Göttin »Jao Ji« am Fuße des Feenbergs, die der Sage nach zwölf, Wushan angreifende Drachen in ebenso viele Berge verwandelte und damit für die wunderschöne Küstenlinie der Schlucht verantwortlich ist. Schiffe ins Verderben zu reißen war nicht die Angewohnheit dieser chinesischen Loreley. Mehr Gefahr für die Reisenden barg noch vor dem Bau des Staudamms die letzte der drei Schluchten, die »Xiling«-Schlucht, die eigentlich aus zwei Schluchten besteht. Da aber die Zahl »Vier« im Hochchinesischen wie »Tod« ausgesprochen wird, haben die Planer des Dreischluchtendamms kurzerhand die Realität dem schönen Klang geopfert. Fortan reisten die Yangtse-Fahrer durch eine 31 Kilometer lange, von einer Ebene unterbrochenen Schlucht. Gepasst hätte in der Vergangenheit die »Vier« allerdings besser. Vor allem die westliche »Xiling «-Schlucht war mit ihrem reißenden Strom und den scharfen Felskanten und tückischen Riffs vor kaum 50 Jahren Schauplatz unzähliger Tragödien.

Ab durch die Schleuse

Bis zu drei Tage brauchten die Boote, unterstützt von zahlreichen »Treidlern«, die sie mit Seilen durch die Stromschnellen zogen, um den gefährlichen Wasserweg zu überwinden. Noch heute kann man an einigen Stellen in den Felsen geschlagene Gänge sehen, in denen die mutigen »Treidler« wohl einen der gefährlichsten Jobs des ganzen Reiches erledigten. Doch das ist längst Vergangenheit aus der Zeit des »Wilden Ostens«. Heute hat in der Mitte der »Xiling-Xia« längst die Zukunft angefangen. Wie kein zweites Projekt steht der »Drei-Schluchten- Damm«, der eigentlich eine Talsperre ist, für das neue China. Groß, größer, chinesisch: Über 150 Meter hoch und mehr als zwei Kilometer breit wächst dies Monstrum der Ingenieurskunst betongrau in die Landschaft. Als größtes Wasserkraftwerk der Welt versorgt es ganze Provinzen und zahlreiche Fabriken mit Strom und heilsversprechendem Fortschritt.

Allein um die fünf Stufen Schleusensystems zu überwinden, benötigt unser Kreuzfahrtschiff knapp drei Stunden. Genug Zeit für eine Visite im Besucherareal, einem beliebten Ausflugsziel auch für die chinesischen Touristen, die einmal die Stärke ihres Landes hautnah erleben möchten. Ganz in der Sitte der Touristen aus dem Reich der Mitte lassen sie sich familienalbumstauglich vom Profifotografen mit dem Damm im Hintergrund ablichten. Auch dies ein Bild, das sich im Kopf festsetzt und stellvertretend für ein großes Ganzes stehen kann. Auf die Geldscheine wird es diese Ikone allerdings nicht schaffen. Auch nicht im Land des Yuan.

Anreise. Von Frankfurt und Düsseldorf fliegt die Air France täglich über Paris nach Peking, www.airfrance.de

Information. Fremdenverkehrsamt der Volksrepublik China, Ilkenhansstraße 6, 60433 Frankfurt, Tel.: 069 52 01 35, www.china-tourism.de

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