Ein Beruf, der auf der Zunge zergeht wie massiertes Rinderfilet. P-i-l-o-t-i-n. Traumjob über den Wolken. Doch neben dem Prestige trägt die Profession vor allem an einem schwer: Verantwortung. An Bord ein paar Hundert Seelen, die sich auf die Person am Steuer verlassen müssen. Ich wollte wissen: Kann ich das auch, diesen Vogel fliegen?  Text: Jennifer Latuperisa

Beim Fliegen kenne ich mich aus. Zumindest, wenn es darum geht, den besten Sitz in der Maschine zu ergattern. Ansonsten weiß ich bei Flugreisen nicht einmal, in welchem Maschinentyp ich hocke. Dreistellige Zahlen sind für mich Schall und Rauch. Dementsprechend wenig Wissen kann ich Dave Cowell präsentieren, als er mich bei dem Vorbereitungsgespräch nach meinen einschlägigen Flugerfahrungen befragt.

Ich treffe Cowell in London. Präziser ausgedrückt: im Trainingscenter von British Airways. Hier will ich testen, ob ich mich grundsätzlich als Pilotin eigne. Kleine Brötchen backen ist dabei nicht mein Thema; das können andere. Also fange ich nicht mit einer Cessna an, sondern mit einem Jumbojet. Wenn schon, denn schon, würde meine Großmutter sagen und ganz schön staunen über die zahlreichen Knöpfe und Hebel, die sich im Cockpit eines vierstrahligen Flugzeugs auftürmen.

Einsichten in das Cockpit einer 747

Die meisten British-Airways-Flieger sind Boeing 747; entsprechend großzügig sind sie mit Flugsimulatoren für dieses Modell ausgestattet. Das Trainingscenter ist gut frequentiert, zur Schulung der eigenen Piloten und der anderer Airlines, die sich hier (ähnlich wie ich) einen Zeit-Slot buchen.

Einer der insgesamt 15 Simulatoren kostet eine Stange Geld: über zehn Millionen Pfund muss British Airways dafür auf den Tisch legen. Das Übungscockpit befindet sich in einer Hangar-ähnlichen Halle – und verfügt über eine ausgetüftelte Hydraulik, die lebensechte Bewegungen innerhalb der Maschine zulassen. Ziemlich authentisch also, am ehesten zu vergleichen mit einem 3-D-Fahrgeschäft im Freizeitpark. Nur seriöser, teurer und professioneller. Deswegen sitzt Dave geduldig vor mir. Ein echter British-Airways-Pilot, der just aus Hongkong zurückgekehrt ist, um mir nun in einem dreistündigen Crashkurs das Fliegen beizubringen.

Die »kurze« Einweisung in die vielschichtige Technik und in das doch sehr unübersichtliche Cockpit löst bei mir das leise Gefühl von Überforderung aus. Begriffe, von denen ich bisher noch nie gehört habe, prasseln auf mich ein. Was bitte ist ein Flap? Und wozu braucht man den Stream brake? Verwirrung auf ganzer Ebene, trotz meines ausgiebigen Konsums von Flugzeugkatastrophenfilmen. Natürlich weiß ich, dass Fliegen eine komplexe Angelegenheit ist. Fahrwerk ausfahren vor der Landung, verschiedenste Daten an den Tower funken und selbstbewusst wichtige Knöpfe drücken – so in etwa hatte ich mir das vorgestellt. Die Realität jedoch ist beklemmend eng und klamm-feucht. Piloten sitzen unkomfortabel. Die Choreografie an Handbewegungen, die zu tätigen wären, habe ich schon vergessen, und der plötzliche Wunsch nach ein wenig mehr Technikverstand kommt zu spät. Er habe schon Bruchlandungen erlebt, die ich kaum überbieten könne, beruhigt Dave mich mit seiner pastoralen Stimme. Das macht Mut. Ich gebe Schub.

Erstflug samt Landung

Wir rasen über die imaginäre Startbahn von London Heathrow, und ich ziehe das Steuer mit meinen verschwitzten Händen an den Körper, um die Maschine in die Luft zu hieven. Ein eigenartiges Gefühl. Der Flieger bewegt sich überraschend langsam und schwer. Kein Wunder, bei dem Gewicht, das wir geladen haben: voll besetzt mit über 350 ausgedachten Passagieren inklusive Gepäck. Zeit, den Autopiloten einzuschalten, findet Dave – und das Steuer bewegt sich fortan wie von Geisterhand.

Leider kommen wir nun zur Theorie: Verbrauch des Kerosins bei Gegenwind und Passagierkilometern berechnen. Wie bitte? Eindeutig brauchte ich einen Kopi­loten, der – wenn kein Taschenrechner samt Rechenweg vorhanden – diese fiese Aufgabe für mich löst.

Lampenfieber befällt mich, als ich nach ein paar Schleifen, die ich selbst fliegen darf, die grüne Lande­bahn erblicke. Höchste Konzentration ist nun angesagt, denn jetzt wird der Landeanflug geübt. Dabei darf ich dem Autopiloten oder wahlweise dem echten Piloten über die Schulter schauen. Dann aber bin ich auch schon an der Reihe: Simulator neu starten und plötzlich wieder dort beginnen, wo die verflixte Matheaufgabe aufhörte. Landen also. Fahrwerk ausfahren. Und das Fadenkreuz fest im Blick halten. Langsame, behutsame Bewegungen des Symbols, das die 747 repräsentiert, auf dem Fadenkreuz. Sachte. Schweißperlen auf der Stirn, zuckende Augenbrauen. Eine Blamage muss nicht sein. Doch statt auf dem Asphalt lande ich auf dem Rasen. Einen Katzensprung von der eigentlichen Landebahn entfernt. Aber – so sagt Dave – es war eine exzellente Landung. Talentiert sei ich – der Charmeur. Wahrscheinlich würde er sich nicht einmal als Beifahrer neben mich in den Pkw setzen. Doch ein gewisser Stolz erfüllt mich, auch wenn die programmierte Feuerwehr vor der Landebahn in Alarmbereitschaft steht.

Von wegen Busfahrer der Lüfte

Ob ihm das Simulatorfliegen eigentlich Spaß mache, frage ich Dave. Mit Privatpersonen immer, mit Kollegen weniger, sagt er. Und liefert gleich den Grund hinterher: British-Airways-Piloten werden zweimal im Jahr im Simulator geprüft. Brenzlige Situationen werden dabei durchgespielt, die richtige Reaktion sei gefragt, es gebe keinen zweiten Versuch, bei Versagen drohe der Lizenzentzug. Deswegen sei er dabei immer sehr angespannt.

Seit fünf Minuten versuche ich, meine Hände an der Jeans trocken zu reiben. Und wünsche mir ehrlich gesagt beim nächsten echten Flug lieber einen Mittelplatz in der Economy als den Stuhl links im Cockpit. Zu viel Verantwortung für eine Frau, die höchstens weiß, wie man den besten Sitz ergattert.

Info. Ein Flug im 747-Simulator in London Heathrow kostet für eine Stunde € 526. Drei Stunden kosten € 1577. Aber Achtung: Die freien Zeiten sind sehr begrenzt. www.ebaft.com 

Anreise. Nach London mit British Airways ab € 159, www.ba.com 

 

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