Unterwegs im Rocky Mountaineer

Fotos: PR (2), Kirsty Pang Fotos: PR (2), Kirsty Pang

Schon nach fünf Minuten sind wir anständig durchgeschüttelt. Dann bittet uns der Fahrer, dass wir uns nun doch am Vordersitz fest-halten mögen: »Wir nähern uns dem Abgrund«, sagt er. Und schon stürzt sich das Gefährt unter beträchtlichem Ächzen und Stöhnen den Hang hinunter. Eine Reise mit dem Rocky Mountaineer von Jasper nach Vancouver. Text: Ralf Johnen

Es ist noch keine 16 Stunden her, dass wir im denkbar unbequemsten Verkehrsmittel gesessen haben, das die Rocky Mountains zu bieten haben: dem »Ice Bus«, der uns hinauf zu den Ausläufern des Athabasca-Gletschers gebracht hat. Nun aber stehen wir in aller Frühe am Bahnsteig von Jasper, einem Eisenbahnkreuzpunkt in den Rocky Mountains. Und während die Morgenröte über den Bergen aufzieht, haben wir die Gewissheit, dass die kommenden beiden Tage deutlich komfortabler werden.

Gleich nämlich wird uns das fein livrierte Personal unsere Plätze im Rocky Mountaineer zuweisen, in dessen doppelstöckigem Panoramawagen wir die Reise nach Vancouver antreten. Nach dem rituellen Ausrollen der roten Teppiche wird jeder Passagier per Handschlag begrüßt. »Willkommen in einer kanadischen Legende«, sagt eine junge Niederländerin, die für die Sommersaison in dem Zug angeheuert hat.

Kurs Westnordwest

Als wir auf den breiten Fauteuils im Oberdeck Platz genommen haben, setzt sich der Rocky Mountaineer gegen sieben Uhr mit Kurs auf Westnordwest behäbig in Bewegung. Das Wetter ist launisch, doch als nach wenigen Kilometern der beste Blick auf Mount Robson angekündigt wird, ist der mit fast 4.000 Metern höchste Berg der kanadischen Rockies gut zu sehen. Bald aber zieht Regen auf, und die Atmosphäre erinnert an die Fernsehserie »Twin Peaks«: Nadelwälder, Nebel und viel, viel Wasser bestimmen das Bild.
Wir plaudern über die zurückliegenden Tage in Alberta. Wir haben erlebt, wie das milchige Gletscherwasser des Athabasca River in aufgewühltem Zustand aussieht, wenn eine Art Sandsturm über das Tal hinwegfegt. Nachdem der Spuk vorbei war, sind wir mit der Jasper Tramway auf den 2.285 hohen Whistlers Mountain gefahren. Von der Seilbahn aus haben wir einen Schwarzbären gesehen. Und schließlich war da noch der grobschlächtige Ice Bus.

Nach einer Stunde werden wir zum Frühstückstisch ins Untergeschoss gebeten. Wir nehmen auf den beigeroten Sitzbänken des Speisewagens Platz, wo die Crew Kaffee und kunstvoll aufgetürmte Omelette-Kompositionen serviert, die unter Anleitung des französischen Chefkochs Frédéric Couton in der großzügigen Bordküche frisch zubereitet werden. Vieles hier erinnert an die Zeiten, als Cary Grant in Hitchcocks Klassiker »Der unsichtbare Dritte« einen ähnlichen Zug für seine Flucht quer durch die USA genutzt hat. Weil auch ein Güterzug die eingleisige Strecke benutzt, bleibt das Tempo sehr gemächlich. Einen Fahrplan muss der Mountaineer nicht einhalten. Hauptsache, am frühen Abend wird das Städtchen Kamloops in der Nachbarprovinz British Columbia erreicht. Nach exakt 114,2 Kilometern kommt der Zug zum Stillstand. Die Bordzeitung weist Pyramid Falls aus, einen 91 Meter hohen Wasserfall, dem die Fahrgäste viele Ohs und Ahs widmen.

Protagonist: Landschaft

Mittlerweile folgen die Gleise dem North Thompson River, der später in den Fraser River mündet. Das Personal serviert süffigen Merlot aus BC, wie das Personal British Columbia abkürzt. Und die schroffen Rockies machen vorübergehend einer seichten Hügellandschaft Platz.

Kurz vor Kamloops dann wird die Landschaft gänzlich unkanadisch: Der alte Handelsposten ist von zwei Bergketten umgeben, weshalb die Niederschläge gering sind und die Temperaturen in den Sommermonaten auf eher kalifornische Werte von mehr als 30 Grad ansteigen können. Am Abend sehen wir die »Vancouver empties«. Das mag wie ein neuer Roman des kanadischen Erfolgsautors Douglas Coupland klingen, ist in Wahrheit aber ein Wetterphänomen. So nämlich nennen die Einheimischen die Wolken, die aus Richtung der Pazifikmetropole kommen – und aus denen es so gut wie nie regnet. Die Abendsonne orchestriert den Moment gekonnt, indem sie die Bergketten in ein unwirkliches Farbspektrum taucht.

Der zweite und letzte Tag der Reise beginnt mit einem ausführlichen Exkurs in die Tierwelt. Fraser River, der bei Vancouver in den Pazifik mündet, gehört zu den bevorzugten Habitaten des Rotlachses. Bei einer Zählung im Jahr 2010 wurde die Population auf 22 Millionen Exemplare geschätzt. Immer wieder werden wir vom redseligen Personal auch auf Fisch- und Weißkopfseeadler hingewiesen, deren meist auf abgestorbenen Nadelbäumen oder Telekommunikationsmasten platzierten Domizile vom Panoramawagen aus deutlich zu sehen sind. »Kreuzfahrten auf Schienen sind deutlich besser als auf dem Meer«, hören wir beim Abendessen.

Lachs und kanadischer Wein – ein Abschied im Panoramawagen

Bei nunmehr deutlich wärmeren Temperaturen wagen wir einen Ausflug auf den Balkon des letzten Waggons – noch so ein nostalgisches Überbleibsel aus den Pioniertagen des Bahnfahrens. Nicht ohne Skepsis beobachten wir, wie wir auf ein mehr als wacklig aussehendes Holzbauwerk zusteuern, auf dem der Rocky Mountaineer den Fluss überquert. Die »Skuzzy Creek Bridge« mit ihren nur kniehohen Geländern führt über eine Schlucht – und sie hält stand. Übertroffen wird die Dramaturgie nur noch am »Hell's Gate«. Es ist die engste Stelle des Flusslaufs. Hier herrscht eine gewaltige Strömung – der Wasserspiegel kann je nach Saison um bis zu 24 Meter variieren.

Langsam nun geht die Berglandschaft in eine weite Ebene über. Am späten Nachmittag rollt der Zug durch die Vorstädte von Vancouver. Ein letztes Glas kanadischen Weins wird ausgeschenkt. Dann heißt es Abschied nehmen vom Panoramawagen. Dafür freuen wir uns auf eine unserer Lieblingsstädte. Wir wollen rohen Fisch essen in den berühmten Sushi-Bars der Stadt. Vorzugsweise mit Rotlachs aus dem Fraser River. Mit frischer Inspiration werden wir sicherlich wieder davon schwärmen, wie glamourös Bahnfahren doch sein kann.

 

Anreise. Air Canada fliegt ab Frankfurt a. M. nonstop sowie ab München via Toronto nach Vancouver. Die Verbindungen werden jeweils täglich bedient. Ein Hin- und Rückflug in der Economy Class ist ab € 910 buchbar (inkl. Steuern und Gebühren).
Veranstalter. Die Reise »Journey through the Clouds« von Jasper nach Vancouver ist u.a. buchbar bei Dertour, Meier's Weltreisen und Canusa. Die 2-tägige Reise inkl. eine Hotelübernachtung und Früh­stück/Mittagessen kostet zum Beispiel bei Dertour ab
€ 685 pro Person. www.dertour.de

Unterkunft. Jasper ist ein kleiner Ort im gleichnamigen Nationalpark. Luxuriös nächtigen im Fairmont Hotel (ab ca. € 200 im DZ), www.fairmont.de/jasper
Vancouver ist an Reiz kaum zu übertreffen. Eine ebenso zentrale wie hübsche Unterkunft ist das Hotel »The Listel«, ab etwa € 120. www.thelistelhotel.com

Infos. Der Rocky Mountaineer verkehrt auf verschiedenen Routen: Die hier beschriebene Strecke führt mit einer Übernachtung in Kamloops von Jasper nach Vancouver. Außerdem im Angebot sind Strecken von Calgary nach Vancouver, von Vancouver nach Alaska oder von Vancouver bis nach Halifax an der Ostküste. In der preiswertesten Buchungsklasse beginnen die Angebote für die Strecke Jasper-Vancouver bei € 674 pro Person, 16-tägige Pauschalreisen von Küste zu Küste kosten inklusive Flug bis zu € 13000. Der Zug verkehrt an ausgesuchten Daten von April bis Oktober. www.rockymountaineer.com

Eine weitere Erzählung von Ralf Johnen und weitere Bilder finden Sie auf seinem Blog http://boardingcompleted.me/2013/07/31/wie-eine-kreuzfahrt-auf-schienen-im-rocky-mountaineer-durch-kanada/

ella Verlag
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