Der Archipel liegt abgelegen im Pazifischen Ozean und verspricht Südsee-Idylle. Wer einmal hier war, wird immer wiederkommen. Klar, seine weißen Traumstrände machen süchtig. Aber es ist die allgegenwärtige Herzlichkeit, die einen nicht loslässt. Wer mit Offenheit das Land bereist, wird sich einer Begegnung mit den geselligen Inselbewohnern nicht entziehen können. Eine kleine Liebeserklärung in Wort und Bild von Marie Tysiak.

»Oops, I did it again«

Ich stecke in einer Zwickmühle. Zu meinen Seiten erheben sich Wände aus massiv geflochtenem Bambus, hinter mir versperrt ein Gewirr aus alten Plastikstühlen den Weg. Vor mir strahlen mich drei Dutzend braune Augenpaare erwartungsvoll aus dem Halbdunkeln unter dem Verandadach an. Es dämmert bereits, dabei ist es noch keine sechs Uhr. Ich sehe keinen Ausweg. Meine Hände werden schwitzig, das Mikro zwischen ihnen rutschig. Bei dreißig Grad im Schatten und einer Lufttemperatur von gefühlt 100 Grad kommt Angstschweiß hinzu. Tobi neben mir scheint es nicht anders zu ergehen, seine Füße rutschen nervös in seinen Flip-Flops auf und ab. Die ersten dröhnenden Töne erklingen aus der Musikbox, und der rot blinkende Punkt auf dem Bildschirm über mir rückt der ersten Zeile von »Oops, I did it again« bedrohlich näher. Ich schließe die Augen und denke zurück an heute Mittag.

Ach, du schöne Inselwelt

An den perfekten Moment auf der Bugspitze der kleinen und völlig überladenen Bangka, dem hier typischen, von dicken und bunt bemalten Bambusrohren geflankten Fischerboot, das uns in vier Stunden von Port Barton nach El Nido brachte. Meine Füße zu den Seiten der Bootsspitze, eine atemberaubende und palmenüberladene Inselwelt an mir vorbeiziehend; bunte Korallen und Fische blitzen durch die Wasseroberfläche hindurch und lassen eine nicht weniger atemberaubende Welt unter mir erahnen. Der Bacuit-Archipel im Norden Palawans ist ein Paradies aus kleinen Kalksteininseln, die sich senkrecht aus dem Meer emporheben. Unser Ziel für ein paar Tage: Entspannung. Zu erreichen ist es per Flugzeug, Bus oder Bangka. Trotz Tobis Seekrankheit nahmen wir das Boot, es sollte ja auch landestypisch sein. Mutig, aber der Mut wurde mit einer hinreißenden Szenerie belohnt. Nur der Geräuschpegel passte nicht zur seichten, leicht im Wind schwankenden Landschaft. Wir saßen noch immer Beine baumelnd ganz vorne an der Bugspitze. Der Motor des Bootes knatterte so laut, dass ich nur an Tobis aufreißender Mundbewegung merkte, dass er mit mir sprach. Oder eher versuchte, mich anzubrüllen. Aber nicht einmal meine – dank meiner schlechten Ohren gut ausgeprägte – Fähigkeit, Lippen zu lesen, wäre nötig, um zu verstehen, was er mir vermitteln wollte. Seine vor Glück strahlenden Augen hätten es wohl einem Taubstummen verraten: »Ein Traum hier!« Ich nickte. Bald, zurück zu Hause, wird es mir wohl wirklich vorkommen wie ein Traum. Der Moment hingegen fühlte sich sehr real an. Ich spürte jeden einzelnen Tropfen Meerwasser, der mir an die nackten Beine spritzte. Meine Fußspitzen hingen so knapp über der Wasseroberfläche, dass mein großer Zeh bei jeder größeren Welle in den vorbeiflitzenden tiefblauen Teppich unter mir eintauchte.

Die Landkarte des Inselstaates gleicht einem Teller voller Kuchenkrümel

Wir waren so schnell unterwegs, dass das kühle Wasser mir manchmal bis ins Gesicht spritzte. Es störte mich nicht im Geringsten. Denn es schmeckte etwas salzig und erfrischte. Und die Sonne strahlte nur so vom Himmel. (Achtung, Kitschfaktor: Als würde sie mit dem Glück in Tobis Augen um die Wette strahlen.) Und dann lernten wir Iman kennen. Der ausgesprochen gut Englisch spricht, weil er lange auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet hat. Viele Philippiner arbeiten im Ausland und versorgen so ihre Familien zu Hause. Jetzt ist er Kellner in einem Gästehaus hier auf der im Westen gelegenen Insel Palawan. Auch wenn er jetzt bedeutend weniger verdient, wohnt er so näher bei seiner Frau und seinem kleinen Sohn. Er war auf dem Weg zu ihnen und hockte in seiner Shorts, seinem viel zu großen lässigen Billabong-Shirt und seinen Flip-Flops in einer schattigen Ecke des Bootes, eingepfercht zwischen unzähligen Pappkartons. Laut summend, was wegen dem lauten Knattern des Motors kaum zu hören war. Er rückte noch ein Stück tiefer in die Ecke, damit ich auch einen Platz auf der schmalen Holzbank fand. Ich musste meinen Lieblingsplatz an der Bugspitze verlassen, sonst wäre ich bei der Ankunft mehr als gegart. Wir kamen ins Gespräch, er plauderte trotz lautem Motor munter drauflos. Eine Stunde später, bei der Einfahrt in die flache Anlegebucht, waren wir bei Facebook befreundet, kannte ich Fotos sämtlicher Familienmitglieder, und es schlummerten auf seinem erstaunlich neuen Smartphone zwanzig Selfies von uns. Und ich war auf dem 85. Geburtstag seines Lolos, seines Opas, eingeladen. Meinen Asawa, er deutete zu Tobi, der noch immer an der Bugspitze saß und den Ausblick auf die immer näher kommende Küste genoss, sollte ich natürlich mitbringen (dass Tobi nicht mein Asawa ist, erwähnte ich lieber nicht, wusste ich doch, wie konservativ es mit der Ehe auf den sehr katholischen Philippinen oft ist). Und so kam es, dass Iman, als er wenig später leichtfüßig und mit vier der Pappkartons beladen vom Boot auf den weißen Strand sprang, uns fröhlich winkte und ein »See you later! Remember, next to the church!« zurief, bevor er am Straßenrand hinter einem älteren Mann aufs Moped stieg und davondüste. Wir waren angekommen in El Nido.

Das Hafenstädtchen liegt in einer sichelförmigen, von grünen Hügeln gesäumten Bucht, die von unzähligen Fischerbooten und weiter draußen von hohen Kalksteinfelsen bedeckt ist. Kein Wunder, dass die kleinen Bangka-Boote auf den Philippinen DAS Verkehrsmittel sind. Die Landkarte des Inselstaates gleicht einem Teller voller Kuchenkrümel; große und kleine Landmassen scheinen wahllos angeordnet auf dem pazifischen Ozean verstreut. Über 7.000 Inseln umfasst der Staat; es sind die Gipfel einer unterirdisch liegenden Gebirgskette. Viele von ihnen sind so winzig, dass sie unbewohnt sind oder bei Flut gänzlich verschwinden. Einige der Kalksteinfelsen vor El Nido zählen sicher dazu. Ein großer Teil des Landes liegt also unter der Meeresoberfläche. Sie beim Tauchen oder Schnorcheln zu erkunden, sollte man sich nicht entgehen lassen. Es warten unterirdische und dunkle Tunnel, tiefe Höhlen, schroffe Abhänge, bunte Korallengärten und eine beeindruckende Tierwelt. Wer die Philippinen nur von oberhalb der Wasseroberfläche gesehen hat, hat nur die Hälfte von ihnen gesehen. El Nido ist ein typisches Dorf des südostasiatischen Archipels: Vereinzelt bellende Straßenhunde trotten müde durch die Gassen, die von kleinen Sari-Sari Kiosken mit bunten Coca-Cola-Plakaten und Essensbüdchen gesäumt sind. Vor ihnen trocknet Reis auf Planen in der Sonne. Mofas mit zu vielen Passagieren rasen um die vielen spielenden, allesamt zuckersüßen, dunkelbraunäugigen Kinder umher. Auf Straßen, wo das Umfahren der Schlaglöcher und Reishäufchen mich in meine Gameboy-Zeit von Mario-Kart zurückversetzt. Die Stromkabel der aus allerlei Holz- und Blechteilen zusammengezimmerten Häuser kommen bei einem hohen Holzmast notdürftig zusammen. Nicht verwunderlich, dass regelmäßig der Strom ausfällt. Durch die Straßen zieht der Geruch von frittiertem Essen und Motoröl. Irgendwo kräht ein Hahn.

Der Südseetraum lebt

Und doch ist El Nido anders: Hier gibt es Touristen, die anderorts auf den Philippinen noch oft wie ein exotischer Anblick – auch für die Einheimischen, ein auffälliges Fingerzeigen ist nicht selten – erscheinen. Wie wir sind sie gekommen, um ihren Südseetraum zu erfüllen. Um auf einer der kleinen Inseln zu nächtigen, den Tag in einer Hängematte zwischen Kokospalmen zu verbringen und das Postkartenpanorama entspannend auf ihr Gemüt wirken zu lassen. Am Strand reihen sich die Bars, Touren-Anbieter, Restaurants und Hotels aneinander. Mittlerweile ist vom Hostel zum Fünf-Sterne Luxus-Resort die gesamte Bandbreite an Unterkünften vertreten. Seit letztem Jahr gibt es im Ort zudem einen Geldautomaten, vorher musste man für Bargeld bis in die sieben Busstunden entfernte Hauptstadt der Provinz, Puerto Princesa. Die Einheimischen erzählen es stolz, als sei das Städtchen nun in die Rangliste der Weltmetropolen aufgenommen. In die Top Ten der schönsten Strände der Welt hat es eine kleine Bucht nördlich des Dorfes bereits geschafft. Wem das Treiben zu viel ist, der kann in ein Resort auf einer der zahlreichen kleinen vorgelagerten Inseln umsiedeln oder die weiter nördlich gelegene Touristeninsel Coron besuchen. Wir bleiben. Morgen möchten wir von hier einen Schnorchelausflug starten. Tobi graut es bei dem Gedanken, einen weiteren Tag auf einer wackeligen Bangka zu verbringen. Auch wenn er das bisschen Schaukeln natürlich für ein Stück vom Paradies in Kauf nimmt. Aber auf den Philippinen sind Boote unumgänglich, Tabletten gegen Seekrankheit sollten bei Bedarf nicht fehlen. Und jetzt mussten wir bleiben, schließlich hatten wir eine wichtige Einladung angenommen. Wir wollten Iman und seinen 85-jährigen Lolo nicht vor den Kopf stoßen und nahmen uns vor, am frühen Abend bei der Geburtstagssause vorbeizuschauen. Ich fand es schon verwunderlich, als ausländisches, junges Pärchen auf dem Familiengeburtstag eines fremden 85-jährigen Mannes eingeladen zu sein. Aber man soll ja für alles offen sein. Dass ich mich zu einer Karaoke-Performance von Britney Spears habe überreden lassen, zeugt definitiv von meiner Offenheit, finde ich. Angstschweiß hin oder her. Jetzt finde ich allerdings nichts mehr über die Filipinos und Filipinas – so nennen sich die Bewohner der Inseln – verwunderlich. Wer eine Weile bleibt und offen ist, wird verstehen, warum Besucher des Tropenparadieses von der Herzlichkeit des geselligen Völkchens schwärmen. Es gibt da ein Sprichwort: »Der Filipino ist so glücklich, weil er schlicht zu arm für eine Therapie ist.« Wie wahr. Tobi und ich krächzen »I played with your heart« in die Mikros der plärrenden Karaoke-Anlage, und die Party beginnt. Die rund 30 Gäste allen Alters erheben sich von ihren Plastikstühlen und schwingen die Hüften und trällern los. Sogar der 85-jährige Lolo springt auf, klatscht mit und steigt lauthals ein. Meine Nervosität ist völlig unbegründet und vergessen. Wie gesagt, mich wundert wirklich nichts mehr über den fröhlichen, oftmals singenden, tanzenden und stets essenden und trinkenden Inselbewohner (der einen Oldie-Geburtstag zur lauten Fete macht). Wie simpel Freude doch sein kann. Die Filipinos haben das eindeutig erkannt.

Nur mit der Kulinarik, das ist so eine Sache.

Mit dem letzten »I’m not that innocent« dürfen wir die Mikros endlich an die nächsten Sänger reichen – eine runde, kleine Frau, die sich mir als Tante Angel vorgestellt hat, und einen kleinen Jungen im Grundschulalter, er verpasst mir grinsend ein High Five. Während sie eine Liebesschnulze auf Tagalog (der philippinischen Landessprache) trällern (die Gäste gehen nicht weniger ab als zuvor), stürzen Tobi und ich uns auf das üppige Buff et. Von Nahem sieht es leider nicht mehr so appetitlich aus, Imans Erklärungen machen es nicht besser: »This is Lechón, roasted pig. The eyes are the best. Oh, and this is Bulalo, Filipino beef marrow stew.« Er deutet auf eine bräunliche Suppe voller Knochenstücken und andere undefi nierbare Zutaten. Allerlei allesamt unappetitlich aussehende Fleischgerichte komplementieren das Buff et, Gemüse scheint hier Fehlanzeige. Ich verzichte dankend auf die Rinder-Knochenmarksuppe und die Schweineaugen und nehme dann doch lieber ein Stück Spanferkel mit Reis. Und ein Stück des Kuchens, der vor lauter Zuckerglasur nur so nach Karies schreit. Meine Ansicht, dass Essen zumindest ein wenig mit Ästhetik zu tun haben sollte, wird auf den Philippinen off ensichtlich nicht geteilt. Die Liebe zum Essen schon. Die Gespräche an meinem Tisch (das kleine Kind neben mir starrt mich dabei ununterbrochen mit off enem Mund an) kreisen um die Zubereitung von Gerichten, was man wie auf dem Markt erstanden hat oder wann man zu Abend zu essen hat. Mein Tischnachbar, der mindestens so alt scheint wie Lolo und sich ständig Emperador-Rum nachgießt, erklärt uns alles ganz genau – es wird nicht das letzte Mal auf dieser Reise sein, dass ich das Rezept von Chicken Adobo erklärt bekomme. Nun ja, wir halten Small Talk übers Wetter, die Filipinos eben übers Essen. Am Ende des Abends, unzählige Karaoke-Lieder und Selfi es mit sämtlichen Partygästen später sitzen wir vollgegessen (der Zuckerbomben-Kuchen war sogar ganz lecker und meine Rettung!) und leicht angesäuselt von etwas Kokosnusswein zu dritt gequetscht auf dem Motorroller von Imans Cousin, der uns nach Hause fährt. Lolo und Iman winken uns von der Veranda zum Abschied. Laut fahren wir in die warme Nacht. Vor uns geht der Vollmond auf, die Silhouette zweier großen Kokospalmen zeichnet sich vor seinem Licht ab. Tobi ruft mir etwas über das Knattern des Motorrollers zu. Diesmal bedarf es nicht mal der Mundbewegung. Ich nicke. »Ein Traum hier.« (In Gedanken werde ich sicher oft hierher zurückkehren.)

Anreise. Am besten kommt man mit Emirates oder Etihad über die Arabischen Emirate auf die Philippinen. Inlandsflüge nach Puerto Princesa oder El Nido gibt es bei Philippine Airlines.

Unterkunft. Pangulasian Island ist eine kleine Sandstrandinsel vor El Nido. Das gleichnamige Eco-Luxus-Resort verfügt über  42 Villen auf der sonst unbewohnten Trauminsel. Ab ca. € 660 pro  Villa, Pakete inkl. Anreise verfügbar.

Aktivitäten. Wassersport aller Art, Schnorchel- und Tauchausflüge ins Bacuit Archipel, www.elnidoparadise.com

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