Schon mal was von Poké gehört, einem hawaiianischen Gericht mit rohem Thunfisch? Oder Hühnchen mit süßen Waffeln? Dann begleiten Sie mich auf einem Streifzug durch die Kochtöpfe der Welt zwischen Manhattan und Brooklyn.

Text: Philipp Eins

Wer sich eine Weltreise nicht leisten kann, fliegt einfach nach New York. Die Metropole ist von Einwanderern geprägt wie kaum eine andere Großstadt, 800 Sprachen werden hier gezählt. Das merkt man auch an der Food-Szene. Hier setzt New York regelmäßig Trends.

 

Pies ’n‘ Thighs, Williamsburg

 

Frittiertes Huhn und Zimtwaffeln – passt das?

Philipp Eins

Die erste Station ist das »Pies ‚n’ Thighs«, was so viel bedeutet wie »Kuchen und Schenke«“. Dinge, die ich im Kopf nicht so recht zusammenbekomme, die aber beide in meinen Magen sollen. Und zwar gleichzeitig.

Die Spezialität des »Pies ‚n’ Thighs« sind frittierte Hühnerschenkel auf süßen Zimtwaffeln. Ob das schmeckt?

 

Den meisten Gästen wohl schon. Das Restaurant erkennt man schon von weitem an den Menschengruppen, die Ecke 4th Street und Driggs Avenue im hippen Williamsburg auf einen freien Tisch warten.Der Laden ist brechend voll. »Comfortable Food« aus den Südstaaten gebe es hier, sagt einer der Wartenden, heiß und fettig. Da möchte jeder hin. Eine halbe Stunde muss ich in der Kälte ausharren, bevor mich die Bedienung hereinwinkt.

Innen komme ich mir vor wie in den Südstaaten: Schummriges Licht fällt von der Decke auf den dunklen Dielenfußboden. Überall Menschen, es ist eng und laut. Ventilatoren durchwühlen die schwere, dunstige Luft. Die Bedienung führt mich an der Küche vorbei in den Hinterraum.

Hier ist es etwas ruhiger, aber noch immer gemütlich-rustikal. Die Decke wird von Holzbalken gestützt, die roten Klinkermauern liegen frei, im Hintergrund spielt softe R’n’B-Musik. Ich brauche nicht lange, um in die Karte zu schauen: Ich nehme »Chicken & Waffels« für 13,50 Dollar und einen ungesüßten Hibiskus-Ice-Tea für 3 Dollar.

Kurze Zeit später bekomme ich zwei knusprig frittierte Hühnerkeulen, dazu zwei Waffeln mit Apfelscheiben und Zimt, außerdem ein Kännchen mit dunklem Ahornsirup. Wo soll der nun hin? Aufs Hühnchen oder auf die Waffel? Besser erst mal an den Rand, sagt mein Tischnachbar, der zur Vorsicht rät.

Der erste Bissen aber ist deutlich besser, als ich dachte. Die Süße schmeckt vor, die herzhafte Panade des Hühnchens ordnet sich unter. Der Zimt gibt dem Gericht einen leicht weihnachtlichen Geschmack. Das Beste aber ist der erfrischende Hibiskus-Ice-Tea, mit seiner säuerlichen Note. Insgesamt eine stimmige Mischung – muss ja nicht jeden Tag sein.

 

Pies ’n‘ Thighs

166 S 4th St, Brooklyn

http://piesnthighs.com

 

Katz’s Delicatessen, Lower East Side

Pastrami_Sandwich mit Tradition.

Philipp Eins

Das Restaurant Katz’s Delicatessen in Manhattan findet man in wohl jedem Reiseführer. Es ist die erste Adresse für alle Fans des Pastrami-Sandwiches – und von »Harry und Sally«. Schließlich wurde hier 1989 die berühmte Szene gedreht, in der Meg Ryan einen Orgasmus vortäuscht.

Doch alleine der Besuch wegen des Fleischs lohnt sich. Pastrami ist ein gepökeltes und geräuchertes Stück Rinderbrust, das in dünne Scheiben geschnitten wird. Ein Gericht, das Ende des 19. Jahrhunderts über die jüdische Küche aus Rumänien in die USA gelangt ist. Genauso lange gibt es Katz’s Delicatessen auch schon: seit 1888.

Schwer zu finden ist der Laden nicht. Schon von weitem leuchtet einem die riesige Reklametafel mit Buchstaben aus roten Leuchtstoffröhren den Weg. Drinnen herrscht eine Stimmung wie in einer Bahnhofshalle. Hinter sieben Schaltern stehen Cutter mit weißen Kochmützen, die das Fleisch mit mächtigen Hackbeilen zerlegen. Die Gäste nehmen an den gut 20 Tischreihen vor der Theke Platz.

An Schalter 3 bestelle ich ein Pastrami-Sandwich für stolze 21 Dollar. Zum Glück habe ich Hunger mitgebracht: Das dunkelrote Fleisch zwischen den beiden Weißbrotscheiben wird ganze drei Finger dick gestapelt. Es duftet nach Muskat und Nelkenpfeffer. Dazu gibt es eine frische und eine saure Gurke, je geviertelt, und etwas Senf. Alles auf einem Tablett zum Mitnehmen.

Ich setze mich an einen freien Tisch im hinteren Teil des Restaurants, vor einer holzgetäfelten Wand. Vom Holz ist allerdings nicht mehr viel zu erkennen:

Überall hängen Fotos prominenter Besucher, darunter Bill Clinton, Serena Williams und sogar jemandem im Mickey Maus-Kostüm. Wenn es der Maus schmeckt, kann das Sandwich nicht so falsch sein, denke ich.

 

Und tatsächlich – das Fleisch ist so saftig und butterweich, dass es fast auseinanderfällt. Der dunkle Rand gibt die nötige Würze, die Gurken bringen eine frische Note. Mehrere Stunden lang ist das Fleisch im Ofen gegart, verrät mir einer der Köche. Rechnet man die Zeit fürs Pökeln und Räuchern hinzu, vergehen mehrere Wochen, bis die zarten Scheiben auf dem Teller landen.

Weil die Sandwiches so beliebt sind, will der junge Chef von Katz’s Delicatessen, der 29-jährige Jake Dell, eine weitere Filiale in Brooklyn eröffnen. Zum ersten Mal in der Geschichte des Unternehmens. Ob es eine kluge Entscheidung ist, das Original zu kopieren? Man wird es sehen.

 

Katz’s Delicatessen

205 E Houston St, New York

http://www.katzsdelicatessen.com

 

 

Springbone Kitchen, Greenwich Village

 

Darf es ein Schlückchen Brühe sein?

Philipp Eins

US-amerikanisches Essen führt zu maßloser Fettleibigkeit – so haben wir das in Europa gelernt. Für New York gilt das nicht unbedingt. Der Gesundheitstrend greift hier schon lange um sich. Die Fitnessstudios sind gut gefüllt, der Central Park ist bei Sonnenschein voller Jogger und auch die Restaurants stellen sich auf leichte Küche ein.

Auf die Spitze getrieben haben das die Inhaber von Springbone Kitchen in Greenwich Village. Sie haben sich auf Brühe spezialisiert. Ja, Sie haben richtig gelesen: Brühe. Die wird im Springbone Kitchen nicht gelöffelt, sondern aus Pappbechern getrunken. Wie Kaffee zum Mitnehmen. Nur trüb und salzig statt schwarz und bitter.

Springbone Kitchen ist ein kleiner Laden, kaum größer als ein Kiosk, den man in der quirligen 3rd Street zwischen den vielen Bars und Geschäften leicht übersieht. Eine Echtholztheke hinter der Glasfront, breite Lampenschirme aus Messing, unverputzte Wände – die Einrichtung des Lokals ist schlicht und stylisch. Im Hintergrund laufen die Kings of Convenience, leicht hörbarer skandinavischer Minimal-Pop. Einige Gäste sitzen mit MacBooks an den Tischen und arbeiten – oder surfen einfach im Internet.

Alle Zutaten, die Springbone verwendet, sind frei von Gentechnik, Antibiotika und Raffineriezucker, lese ich.

Etwas für die Gesundheit zu tun, ist gut. Aber hungrig bin ich trotzdem. Gibt’s denn wirklich nicht mehr als Brühe?

Doch, das gibt es. Und zwar verschiedene Rice-Bowls in der Pappschachtel. Ich entscheide mich für die Mexican Bowl für 10,50 Dollar mit roten Bohnen, Guacamole, Wildreis, Tomaten, Zwiebeln und Hühnchen. Ein kleiner Becher mit Rinder- oder Hühnerbrühe wird separat gereicht. »Die kannst du trinken oder über deine Bowl geben«, sagt die bärtige, mit Basecap bekleidete Tresenkraft.

Das Essen wird frisch zubereitet und ist schnell fertig. Der Geschmack: Würzig, aber nicht zu scharf, leicht, ganz ohne Fett. Fast Food ohne schlechtes Gewissen. Dazu nippe ich an der Brühe. Kräftig und gut. Eine Mahlzeit, nach der ich mich gleich gesünder fühle. Eines aber erinnert daran, dass ich noch immer in den USA bin: Das Besteck ist aus Plastik, nach dem Essen werfe ich es in den Müll. Umweltfreundlich ist anders.

 

Springbone Kitchen

90 W 3rd St, New York

http://springbone.com

 

 

Caffe Palermo, Little Italy

Cannoli - unbedingt probieren!

Philipp Eins

Little Italy in New York – wenn man sich das bildlich vorstellt, hat man direkt den Duft von frischgebackener Pizza in der Nase und den Geschmack salziger Meeresluft auf den Lippen. Tatsächlich kommt man sich in der Mulberry Street aber eher vor wie in einem schlechten Italo-Western aus den 50ern. Eine billige Pizzeria neben der anderen, die einzigen Gäste sind Touristen.

Im 19. Jahrhundert, als die Mietshäuser um die Mulberry Street noch schmuddelig waren, lebten hier 40.000 italienische Einwanderer. Mafia und Cosa Nostra kontrollierten das Viertel. Anfang des 20. Jahrhunderts aber wurden die Nachfahren der Einwanderer immer wohlhabender und zogen in bessere Viertel. Heute sind nur noch fünf Prozent der Bewohner Little Italys italienischstämmig. Geblieben ist ein italienisches Disneyland für Erwachsene.

Das Essen in den Restaurants gilt als mäßig und überteuert. Ein Highlight aber gibt es: das Caffe Palermo. Hier sollen die besten Cannoli der Stadt hergestellt werden, frittierte Teigrollen mit einer süßen cremigen Füllung aus Ricotta. Oder wie das Restaurant selbst wirbt: »Best Cannoli On Planet Earth«.

Es gibt kaum Gäste an diesem Nachmittag, ich setze mich ans Fenster und bestelle bei der Bedienung eine Cannoli für 6,25 Dollar, dazu einen Cappuccino für 5,75 Dollar.

Die Einrichtung des Caffe Palermo ist trashig im besten Sinne.

Die Cafétische sind aus dunklem Marmorimitat, eine Wand ist komplett verspiegelt. In der Ecke steht eine riesige Cannoli aus Plastik, daneben ein Bild von einem Mann in weißer Konditorschürze, karierter Hose, zurückgegelten schwarzen Haaren und einem Spritzbeutel in der Hand. Es ist Baby John, der selbsternannte »Cannoli-King« und Inhaber des Ladens. Der Mann hinter der Eistheke, der unentwegt in sein Handy brüllt, könnte er sein – nur 20 Jahre älter.

Die Kaffeemaschine rauscht und brodelt, die Beatles singen aus Bluetooth-Lautsprechern. Schließlich stehen Cappuccino und Cannoli vor mir auf dem Tisch. Der Teigmantel ist knusprig und goldbraun gebacken, außerdem mit Puderzucker bestreut. Ein erster Biss. Die Creme ist süß und schmeckt leicht nach Vanille.

Gut für einen Kaffeestop, am besten auf dem Weg nach China Town – der asiatische Multi-Kulti-Kiez beginnt gleich nebenan.

 

Caffe Palermo

148 Mulberry St, New York

http://www.caffepalermo.com

 

 

Chikarashi, China Town

 

Seared Otoro special ?? #chikarashi ? @noleftovers

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Roher Thunfisch ist nicht nur etwas für japanisches Sushi. Auch in der hawaiianischen Küche wird er verwendet, für den traditionellen Fischsalat Poké. In New York wird daraus zusammen mit chinesischen und koreanischen Einflüssen ein echtes Trend-Gericht.

Einer der bekannteren Läden für Poké in New York ist das Chikarashi im quirligen China Town, nur wenige Meter von der Metrostation Canal Street entfernt.

Es ist ein schmales Ladenlokal, versteckt zwischen Ramschläden mit Asia-Importen und Straßenhändlern, die Imitate von Designersonnenbrillen für fünf Dollar anbieten.

Umso überraschender ist die Atmosphäre im Chikarashi.

Billig wirkt hier nichts, sondern edel. Die Decken sind schwarz gestrichen, an den Wänden stehen zwei Theken aus hellem Holz. Am Ende des langgezogenen Raums befindet sich eine offene Küche aus Edelstahl, in der die Köche werkeln. Lässiger Folk-Rock und Blues laufen im Hintergrund. Nach der Rushhour um die Mittagszeit ist es angenehm leer.

Ich bin von der Auswahl zunächst überfordert. Es gibt bestimmt zehn verschiedene Poké-Varianten auf der Karte. Bevor ich mich in Experimente stürze, will ich es simpel halten. Ich bestelle eine große Portion Original Poké für 15,99 Dollar, die kleine Portion wäre gerade mal zwei Dollar günstiger.

Das Gericht ist wenig später fertig. Der Salat mit rohem Atlantikthunfisch kommt in einer Pappschale mit Reis, dazu zarten, in Streifen geschnittenen Algen, Zwiebeln und Avocado. Es schmeckt zunächst tatsächlich etwas nach Sushi. Nach und nach kommt aber das Chili-Öl durch, mit dem der Salat angemacht ist. Eine feurige Schärfe, die sich über die Lippen legt – und mich ein Mineralwasser nachbestellen lässt. Besonders lecker dazu: die fein geraspelten Knoblauch-Chips auf dem Salat.

Insgesamt ein ebenso simples wie unbeschwerliches Gericht. Geradlinig und einladend ist auch das Restaurant selbst, in dem man gerne etwas Zeit verbringt nach einem längeren Spaziergang durchs hektische New York.

 

Chikarashi

227 Canal St, New York

http://www.chikarashi.com

 

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