Familienbesuch mit Wildlife-Faktor

Familienbesuch mit Wildlife-Faktor Foto: Michael Bednarek

Mein erster Aufenthalt in Tansania sollte ein Familienbesuch mit hohem Wildlife-Faktor sein. Doch statt der »Big Five« sah ich im touristisch unerschlossenen Süden des Landes lediglich die »Small Two« – ein Chamäleon und eine Spinne. Das sollte sich bei meiner zweiten Reise in das afrikanische Land ändern: Eine Safari ins Naturreservat und Unesco-Weltnaturerbe Selous Game Reserve brachte (fast) alle der Großen Fünf vor meine Linse. Text: Alexandra Klaus

Als mein Bruder vor ein paar Jahren mit Frau und drei kleinen Kindern nach Masasi, einer Kleinstadt im Süden Tansanias, zog, um dort als Entwicklungshelfer zu arbeiten, schwärmte er mir vor: Hier ist noch das wahre Afrika zu erleben. Anders als der Norden des Landes mit seiner berühmten Serengeti ist dieser Teil noch touristisch unberührt. Hier warten nur wenige glamouröse Lodges auf zahlungskräftige Kundschaft, hier muss man meistens selbst seinen Geländewagen fahren und auch schon mal einen Sack Reis als Gastgeschenk mitbringen. Aber die Tierwelt ist mindestens so großartig wie in dem bekannten Nationalpark im Norden.

Ich flog also voller Vorfreude nach Tansania. Schon die Anreise diente der zügigen Aneignung afrikanischer Gelassenheit: Die Airline mit dem vielversprechenden Namen »Precision Air« teilte lapidar mit, dass sie den Anschlussflug von der Hauptstadt Daressalam nach Mtwara um ein paar Stunden vorverlegt habe. Ich checkte für eine Nacht im Trinity Hotel ein, das mitten im Botschaftsviertel von Daressalam am Meer liegt. Ein perfekter Ort für den sanften Einstieg ins afrikanische Leben: Die gut ausgestatteten Hütten sind um eine Grünanlage und ein Freiluftrestaurant gruppiert, und das Gelände ist umzäunt und bewacht, sodass man sich auch als allein reisende Frau sicher fühlt. In der Umgebung gibt es mit dem »Slipway« ein offenes, modernes Einkaufszentrum, wo man tansanische Lebensmittel wie Kaffee oder köstliche Cashews sowie afrikanische Handwerkskunst kaufen kann – neben Holzschnitzereien der berühmten Makonde hübsche Taschen aus Bast und Kunst aus Recyclingmaterial. Besonders beeindruckte mich der Stand von »Birds of Paradise Handcrafted Accessories«: Hier fertigen Künstler täuschend echt aussehende Vögel nach der Vorlage eines Ornithologenbuchs über die afrikanische Vogelwelt. Wer seinen Lieblingsvogel nicht findet, kann ihn in Auftrag geben.

Masasis einzige Touri-Attraktion: drei Hügel

Als ich mit etwa 24-stündiger Verspätung in Masasi im Süden des Landes ankomme, bin ich voller Vorfreude darauf, die Flora und vor allem Fauna in der Gegend an der Grenze zu Mosambik erkunden. Doch weil das Familienauto defekt ist, muss ich zunächst auf Safari der anderen Art gehen: Mit dem Fahrrad erkunde ich die Ortschaft von 40000 Einwohnern, deren einzige touristische Attraktion drei Hügel sind, die auf unwirkliche Weise aus der flachen Landschaft aufragen. In der ärmlichen, von einfachsten Hütten geprägten Kleinstadt brummt das Leben, die Straßen sind voll mit Frauen in bunten Wickelkleidern. Auf dem Markt sind neben den appetitlich arrangierten Lebensmitteln auch Stoffe und Handwerksutensilien erhältlich. Es gibt in Masasi sogar kleine Gasthäuser und einfache Restaurants, in der die Nationalspeise Ugali (ein nahrhafter Brei aus Maismehl) und gegrillte Ziege oder frittierter Fisch serviert werden.

So vergehen die Tage, während wir auf ein Ersatzteil für das Auto warten. Ein Sonntagsausflug führt uns nach Ndanda, etwa eine halbe Stunde Fahrt von Masasi entfernt. Der Benediktiner-Orden prägt den Ort, die Mönche haben neben dem schmucken Kloster auch ein Krankenhaus, Schulen und Werkstätten aufgebaut. Ich traue meiner Nase kaum, als ich das weiß getünchte Kloster betrete: Es riecht nach Sonntagsbraten! Tatsächlich kommt zur Freude meiner ausgewanderten Familie deftige Kost auf den Tisch: Fleisch, Kartoffeln, deutsches Brot. Ein Festtag für meine Verwandten, der für die Kinder durch das Nachmittagsprogramm noch getoppt wird: ein Bad im kühlen Bergsee der Mönche.

Doch der erfrischende Trip tröstet nur bedingt über eine Tatsache hinweg: Nach zwei Wochen Aufenthalt fällt meine Wildlife-Bilanz erschütternd aus. Ein einziges Chamäleon habe ich gesehen, das sich mitten auf einer Straße sonnte. Und eine Spinne – die allerdings ein kapitales Netz über dem Eingang zu einem Restaurant gesponnen hatte. Doch auch, wenn ich statt der »Big Five« nur die »Small Two« beziehungsweise mit meinen Nichten und meinem Neffen die »Small Three« gesichtet habe: Ich reise nach zwei Wochen glücklich ab, habe ich doch tatsächlich das »wahre« Afrika erlebt, von dem mein Bruder mir vorgeschwärmt hatte. Als wir mit dem Überlandbus die 600 Kilometer nach Daressalam zuckeln – Precision Air hatte mal wieder den Flug verschoben –, nimmt mir Ben ein Versprechen ab: »Du musst bald wieder kommen – und dann wirklich auf Fotosafari gehen.«

Die Fahrt zur Safari entpuppt sich als "afrikanische Massage"

Zwei Jahre später wohnt die Familie in Daressalam. Diesmal habe ich vorgesorgt und schon vorab eine Safari gebucht: mit Transfer von der Hauptstadt aus direkt in den Selous Game Reserve, je nach Verkehr rund sechs Stunden von Daressalam entfernt. Schon auf der Hinfahrt, die der Fahrer Yusuph der unebenen Sandpisten wegen schmunzelnd als »kostenlose afrikanische Massage« bezeichnet, erblicken meine mitreisende Mutter und ich Affen, die sich die Baumwipfel entlangschwingen. Die Äffchen tummeln sich auch am Pool der einfachen, aber gepflegten Jimbiza Lodge mit prächtiger Aussicht auf den Fluss Rufiji. Vor allem entlang des breiten Stromes haben sich Lodges und Camps verschiedener Preiskategorien angesiedelt – auch luxuriöse Unterkünfte mitten in der Wildnis sind hier zu haben.
Der Fluss ist zudem Ausgangspunkt meiner ersten Tansania-Safari. Am Nachmittag treffen wir unseren Guide namens Tuesday, der uns mit dem Boot gleich zu einer der Hauptattraktionen des Rufiji fährt: Flusspferde, die sich in der Abendsonne ein Bad genehmigen und dabei wohlig grunzen. Sie scheinen ebenso zufrieden zu sein wie wir, die wir nun bei angenehmen 25 Grad zweieinhalb Stunden Bootstour vor uns haben: als einzige Passagiere von Tuesday, der mit seinem geschulten Blick Krokodile, Warane und Vögel wie den putzigen Kingfischer erspäht und uns nicht nur über Flora und Fauna entlang des Flusses aufklärt, sondern auch über die Menschen der umliegenden Dörfer, für die der Strom lebenswichtig ist.

Am nächsten Morgen brechen wir mit unserem Guide Magire und dem Fahrer Zuberi im Geländewagen zum Eingang des Selous Game Reserves auf. Wenig deutet in dem unscheinbaren Besucherzentrum darauf hin, dass es sich bei dem nach dem britischen Großwildjäger Frederick Courteney Selous benannten Wildreservat um das größte Wildschutzgebiet Afrikas handelt – ein Areal, das fast zweimal so groß ist wie die Schweiz und das aufgrund seiner Artenvielfalt 1982 zum Unesco-Weltnaturerbe erklärt wurde. Neben Elefanten, Giraffen und Löwen leben hier beispielsweise die vom Aussterben bedrohten Afrikanischen Wildhunde – für Touristen ist eine Safari im Selous eine der wenigen Möglichkeiten, die scheuen Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zu erleben.

Wir sind überrascht, wie ruhig es an diesem Sommermorgen ist, es scheinen kaum Safarigäste unterwegs zu sein – und auch später werden wir nur wenigen anderen Menschen begegnen, was uns das Gefühl gibt, die beeindruckende Natur und ihre Tierwelt exklusiv für uns zu haben. Tatsächlich macht Tourismus hier im Süden Tansanias nur einen kleinen Teil der Wirtschaft aus. Die Haupteinnahmen des Selous Parcs, der ohne öffentliche Förderung auskommen muss, stammen aus Jagdkonzessionen. Widersprüchliches ist hierzu in den Medien zu vernehmen: Mal heißt es, die Regierung wolle die Jagd eindämmen und die Schutzzone des Areals erhöhen; dann ist zu lesen, dass man zusätzliche Konzessionen an reiche arabische Fürsten vergeben wolle, um Kapital aus dem Naturgebiet zu schlagen.
Anfangs müssen sich unsere Augen noch an die Umgebung gewöhnen: Als Magire die erste Giraffe erspäht hat, suchen wir noch die Büsche ab. Doch plötzlich guckt ein gefleckter Kopf mit langen Wimpern keck über den Busch. Es wird nicht das einzige Mal in den nächsten Stunden sein, dass wir entweder vor Freude lachen oder ergriffen schweigen. Wir gackern, als vor uns ein Impala posiert, das einen etwas unvorteilhaften Grasschmuck ums Horn drapiert hat. Staunen, als wir Antilopen miteinander kämpfen sehen. Und wir schweigen, als wir Aasgeier beobachten, die sich über eine verendete Giraffe hermachen. Endgültig aber verschlägt es uns die Sprache, als wir nahe des Tagalala-Sees zwei ausgewachsene Löwen beobachten – träge liegen sie im Schatten und scheinen uns keines Blickes zu würdigen. Als wir am Nachmittag zurück in die Lodge kehren, werden wir noch Zebras, Kudus, Flusspferde und Paviane gesehen haben. Nur die Elefanten, von denen es im Selous immerhin rund 13000 geben soll, haben sich wohl vor uns versteckt.

Ein Grund mehr, bald abermals wiederzukehren. Das beschließen wir, als wir am nächsten Morgen mit einer Cessna von der Sandpiste nahe unserem Camp abheben und über den Rufiji-Fluss in Richtung Daressalam fliegen. Nachdem uns Zuberi verabschiedet und »Safari njema« gewünscht hat: eine gute Reise.

Anreise. Direktflüge von Frankfurt a. M. aus z. B. mit Qatar Airways über Doha nach Daressalam. Weiterflug nach Mtwara mit Precision Air.

Unterkunft. Daressalam: Trinity Hotel, Msasani Rd 8, Oysterbay, Daressalam, Tansania; Jimbiza Lodge im Selous Wildreservat, Pakete kosten € 708 p. P., inkl. Flug von Daressalam, zwei Übernachtungen, Verpflegung, zwei Safaris und Parkgebühren, www.jimbizaselous.com; Selous Wildreservat, zwischen Daressalam und Mtwara gelegen. In der Regenzeit von März bis Mai sind viele Straßen unpassierbar und zahlreiche Lodges geschlossen. Infos unter: http://whc.unesco.org/en/list/199

Info. www.tanzaniatouristboard.com

Den reisen EXCLUSIV-Guide finden Sie unter: www.reisenexclusiv.com/guide-tansania

ella Verlag
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