Würzig, würziger, Sansibar

Foto: Thrombax 6 Daniele C. Foto: Thrombax 6 Daniele C.

Die Gewürzinsel vor der Küste Tansanias ist vielen Reisenden nur einen zweitägigen Zwischenstopp nach einer Safari auf dem Festland wert. Unser Autor Jan Schnettler war zwei Wochen da – und hat sich dort, wo der Pfeffer wächst, trotzdem nicht eine Sekunde gelangweilt. Ganz im Gegenteil. Text: Jan Schnettler

Frisch von der Rinde geschält, gibt sich die Königin der Gewürze noch zugeknöpft. Zunächst entfaltet sie zwischen den Nasenflügeln nur einen zarten Vorgeschmack ihrer Künste. Ahmad blickt erwartungsfroh drein, hinter ihm wiegt eine Kokospalme im leichten Wind: »Well?« Doch erst, als er zusätzlich ein Blatt des Strauchs mit den Fingern zerreibt und mir unter die Nase hält, verbindet sich der samtige, vage vertraute Wohlgeruch zu einer Erkenntnis: »Cinnamon!« Ahmad hebt die Hand zum Abklatschen: Richtig, Zimt. Endlich richtig, vielmehr. Vorher habe ich schließlich schon die unförmige Jackfruit für eine Mango gehalten, etwas ratlos vor dem Pfefferstrauch gestanden und die Vanille-Ranke mit Bohnen verwechselt. Doch der Zimt, für die Einheimischen besagte »Queen of Spices« – im royalen Duett mit der Nelke, dem König der Gewürze – hilft selbst meiner olfaktorischen Trägheit auf die Sprünge.

Gut, mal abgesehen von der kampferhaltigen Wurzel (»Smells like Wick Vaporub«, demonstriert Ahmad zu meiner Überraschung überaus zutreffend). Zimt und Nelke sind schließlich deshalb so gut beleumundet, weil sämtliche ihrer Bestandteile genutzt werden. Von der Stinkfrucht Durian hin zu sieben verschiedenen Bananensorten, von Kurkuma über Ylang Ylang, Zitronengras und Maniok hin zu Chili und Kardamom: Der Besuch einer Gewürzfarm ist der sinnesintensivste Höhepunkt eines jeden Sansibar-Aufenthalts. Jedes Gewächs in der nur scheinbar kreuz und quer gewachsenen Plantage ist eine Nutzpflanze, und sei es nur für Hausmittelchen (»Ingwer für den Mann, Muskat für die Frau«, raunt Ahmad mir zu, als meine Freundin mal nicht zuhört) oder Dekorationszwecke: Während Ahmad erläuternd durch den Duft-Dschungel führt, schnitzt, faltet und flicht der junge Moussa den Besuchern Hüte, Krawatten, Ringe und sogar Brillen aus dem, was die Natur ihm bietet.

Überall Düfte, mal bekannt, mal exotisch

Und auch der Rest des Dorfes, das diese Plantage im Inselinneren gemeinschaftlich betreibt, ist mehr oder weniger mit in die Führung integriert. Einer erklettert frische Kokosnüsse, der nächste lädt zur Obstverkostung, und wieder ein anderer verkauft am Ende die fertig verarbeiteten Gewürze. Düfte allenthalben. Mal entfernt bekannt, mal exotisch, aber stets frisch und intensiv, knüpfen sie einen Teppich aus Aromen, wie er so nur auf Sansibar, der Gewürzinsel schlechthin, entstehen kann. Einem Bonmot zufolge verschließt sich der halb autonome, zu Tansania gehörige Archipel jeder griffigen Beschreibung; man müsse es vielmehr empfinden, sagen die Einheimischen, und das mit allen fünf Sinnen. Erst dann ergebe sich ein Gesamtbild; eines, das oft aus scharfen Kontrasten besteht. Wird meine Nase auf der »Spice Farm« oder nach einem kurzen tropischen Regenschauer im äffchenreichen Jozani-Wald noch von Wohlgerüchen umschmeichelt, steht sie auf dem Da­rajani-Markt von Stone Town beispielsweise vor einer echten Belastungsprobe.

Selten Fleisch und Fisch dermaßen ungekühlt gerochen wie in diesem wuseligen, von Garküchen gerahmten Basar. Stone Town, die zum Weltkulturerbe erhobene Altstadt von Zanzibar Town auf der Hauptinsel Unguja, ist von spröder und anrührend bröckeliger Schönheit. Schätzungen zufolge sind 90 Prozent der Bausubstanz aus Korallenkalk sanierungsbedürftig. Insofern mutet ein Spaziergang durch dieses historische Wimmelbild, in dem Portugiesen, Omaner, Briten und kurzzeitig auch Deutsche ihre Spuren hinterließen, an wie eine Zeitreise zurück ins 18. und 19. Jahrhundert, als der Tiefseehafen Ostafrikas wichtigster Umschlagplatz war. Viktorianische Prachtbauten, deren Lack in der salzigen Meeresbrise langsam abblättert, reihen sich an frühere, in Museen umgewandelte Sultanspaläste und arabische Korallensteinbauten mit den massiven, verschnörkelten Swahili-Türen aus Teak oder Mahagoni; und wer einst die gusseisernen Kanonen vor dem »House of Wonders« zurückließ, weiß niemand mehr so recht. Womöglich die Portugiesen.

Sansibar muss man auch hören, um es zu empfinden

Umwandert ist Stone Town in 20 Minuten. Doch wer sich in dem Irrgarten aus verwinkelten und für Autos viel zu schmalen Gassenschluchten treiben lässt, entdeckt über viele Stunden immer wieder Neues. Eine Kunstgalerie hier, eine Hinterhofnäherei und ein Hindutempel da, ein Kaffeehaus dort; und dazwischen wuselnde Schulkinder, feilschende Marktschreier und immer wieder auch ein Papaasi, ein selbst ernannter Stadtführer. Und ja, natürlich führt er mich schnatternd und radebrechend x-mal im Kreis, bevor er mich aus dem jeden Stadtplan spottenden Labyrinth heraus geleitet, obwohl der Turm der anglikanischen Kathedrale doch eigentlich so orientierungsspendend über der Altstadt thront. Sansibar muss man auch hören, um es zu empfinden, und der vielstimmige Schmelztiegel Stone Town mit dem überall gepfiffenen und gesungenen kenianischen Hit »Jambo bwana« und seinem unerschöpflichen Fundus an Anekdoten und Geschichten ist der perfekte Ort dafür.

Da gibt es tragische Romanzen, wie die von der Sultanstochter Salme, die mit einem Hamburger Kaufmann durchbrannte, oder skurrile Räuberpistolen, wie die vom kürzesten Krieg der Welt, 1896 ausgefochten – und nach 38 Minuten schon wieder vorüber. Da gibt es Dokumente ästhetischer Entgleisungen: Sie legen Zeugnis davon ab, wie ein typischer Plattenbau nach DDR-Vorbild zu der Ehre kam, die Optik des neuen Teils von Zanzibar Town zu verzieren. Und da gäbe es auch noch die Geschichte von Farrokh Bulsara, dem zweifelsohne größten Sohn der Insel. Doch weil sein kontroverser Lebensstil der zwar kosmopolitischen, aber zu 95 Prozent muslimischen Bevölkerung Sansibars wenig entsprach, erinnert in seiner Geburtsstadt Stone Town so gut wie nichts an ihn. Er ging als Freddy Mercury, Sänger von Queen, in die Musikgeschichte ein. Denn auch Schweigen, das andere Extrem des akustischen Spektrums, gehört zu dem, was man in Sansibar gehört haben sollte. Es erklingt meist dort, wo der düstere Teil der Inselhistorie touchiert wird – etwa in den Sklavenkammern von Mangapwani.

Eine Stille, die in den Ohren klingelt

Hier, in diesem in den Boden gehämmerten Steinverhau, in dem eng zusammengepferchtes »Menschenmaterial« einst auf seine nächtliche Verschiffung wartete, herrscht eine Stille, die in den Ohren klingelt. Und mein Guide Shabaan, ein stattlicher, gestandener Mann, scheint vor meinen Augen plötzlich zu einem nachdenklichen, geduckten Schatten zu schrumpfen. Sein Großvater, erzählt er mir leise, war ein Sklave; denn die Omaner machten mit dem von den Briten seit 1873 verbotenen Handel noch jahrelang weiter, indem sie zur Tarnung einfach unter französischer Flagge segelten. Noch stiller, bis auf das gelegentliche Flügelschlagen einer Fledermaus, ist es in den nahe gelegenen Korallenhöhlen. Auch hier kauerten einst Sklaven, barfuß und in völliger Dunkelheit; dass ihre Nachfahren dem Ort noch immer eine tiefere Bedeutung beimessen, zeigen die in den Höhlen platzierten Voodoo-Objekte wie Eier und Fläschchen, die sporadisch im Lichtkegel meiner Taschenlampe aufflackern. Dort, wo in Stone Town die Anglikanerkirche steht, befand sich einst Afrikas letzter Sklavenmarkt, der Altar an genau der Stelle, wo die Gefangenen ausgepeitscht wurden. Der Name der nicht weit entfernten Suicide Alley (Selbstmordgasse) deutet darauf hin, dass viele das ewige Schweigen einer Existenz in Fron und Pein vorzogen.

Die messerscharfen, jede Fußsohle malträtierenden Felsen in den Korallenhöhlen zu spüren, gehört ebenso zum »gefühlten« Sansibar wie andere, weniger bedrückende, aber ebenso beeindruckende Berührungen. Mit urzeitlicher Faszination streichele ich etwa die ledrigen Köpfe der Aldabra-Riesenschildkröten auf der Insel Prison Island; die über 100 Tiere waren ein Geschenk der Seychellen. Mit einem hohen Grad an Tuchfühlung quetsche ich mich in ein »Dalla-Dalla«, einen der hoffnungslos überfüllten Kleinbusse, die den Nahverkehr gewährleisten. Mit der Empfindung, in einer natürlichen Badewanne zu kreisen, schwimme ich bei einem Safari-Blue-Schnorchelausflug (unbedingt machen! Delfin-Sichtungen, Hummer-Lunch und Dhow-Segeltörn inklusive) in einer Mangrovenlagune; mit dem Blick auf Sandbänke und ein Meer, dessen Farbe sich aus Dutzenden Türkistönen zusammensetzt. Und während ich den feinen, weißen Sand der Ostküste durch meine Finger rieseln lasse, flippern Fliegende Fische umher und huschen possierliche Winkerkrabben zwischen Muscheln von der Größe einer Sansibar-Pizza an mir vorbei. Denn Sansibars Traumstrände leben, speziell bei Ebbe: Bei Wattwanderungen zu Fuß oder hoch zu Ross lässt sich erleben, wie viele Einheimische vom Anbau von Seegras und vom Korbfischen abhängig sind. Zu sehen gibt es also auch mehr als genug, ob auf der Nordinsel Pemba, Unguja oder den zahlreichen vorgelagerten Inseln. Deutlich mehr, als in den zwei Tagen, die die meisten Reisenden dem Archipel zum Ausklang einer Safari auf dem Festland oder eines Kilimandscharo-Trips bisher lediglich gönnen, aufgesogen werden kann.

Das Spektrum reicht vom perfekten Sonnenaufgang an der Ostküste, etwa von der Jetty-Bar des Meliá-Hotels aus bewundert, hinter der offenes Meer bis Indonesien folgt, bis zum Bilderbuch-Sonnenuntergang im Westen, in der Jetty-Bar des Sea-Cliff-Resorts. Sobald sich die sternenklare (und ungemein sternenreiche) Nacht auf das Meer senkt, zeichnet sich am Horizont in Form einzelner Lichtpunkte sogar die 30 Kilometer entfernte Küste Tansanias ab. Und der Geschmackssinn? Über den brauchen wir auf der Gewürzinsel kaum Worte zu verlieren. Egal, was meinen Gaumen berührt – ob Kachori (Kartoffelbällchen), Samosas (Teigtaschen), Mishkaki (Fleischspieße) oder Meeresfrüchte – es ist garantiert alles mit Perfektion gewürzt. Und meistens kontrastreich: Garnelen mit Kokos, Reis mit Zimt, Kaffee mit Kardamom. Probieren Sie's doch mal aus – aber bitte mit allen fünf Sinnen.

Anreise. Condor fliegt einmal wöchentlich ab Frankfurt direkt nach Sansibar-Stadt, ab € 800. Alternativ (und leicht billiger) wird es mit Ethiopian Airlines über Addis Abeba. www.condor.com, www.flyethiopian.com

Unterkunft. Über FTI ist eine Woche im Vier-Sterne-Sea Cliff Re­sort & Spa (Westküste) im DZ mit Halbpension inklusive Flug, z. B. ab Hamburg, ab € 1229 p. P. buchbar (ohne Flug: € 410). Eine Woche im Fünf-Sterne-Hotel Meliá Zanzibar (Ostküste) ist im DZ mit all-inclusive mit Flug, z. B. ab Hamburg, ab € 1439 p. P. buchbar (ohne Flug: € 689). Buchungen und Informationen unter, Tel.: 089 25251024, im Reisebüro sowie unter: www.fti.de

Touren. Ein etablierter und sehr zuverlässiger Anbieter für Ausflüge und Transfers ist Fisherman Tours, Tel.: +255 24 2238791/2, www.fishermantours.com 

Buchtipp. Zum Reiseziel Sansibar gibt es so gut wie keine eigenständige Literatur. Der Klassiker unter den Tansania-Reiseführern ist jedoch »Tansania« von Daniela Eiletz-Kaube und Kurt Kaube, Dumont Reiseverlag, € 23,99 Informationen.

Informationen. Über Visum und die vorgeschriebene Gelbfieberimpfung informiert man sich am besten bei der Botschaft in Berlin. Tel.: 030 3030800, www.tanzania-gov.de

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