Starbesuch, Shopping und Shisha in Beirut

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Libanons Hauptstadt zeigt sich als weltoffene, mondäne Mittelmeermetropole, die weit mehr ist als traditionell arabisch: Hier werden Nächte durchgefeiert, Prominente eingekleidet und die libanesische Küche neu erfunden. Text: Christoph Karrasch

Also, das war ja nun wirklich nicht zu erwarten. Nada Doueiry hatte uns zwar erzählt, dass im Phoenicia Beirut regelmäßig Stars und Persönlichkeiten einchecken: David Guetta, Prinz Albert, Julio Iglesias – und auch Shakira, der Nada übrigens verblüffend ähnlich sieht. Aber dass noch am selben Abend derart hoher Besuch neben uns im Hotelrestaurant »Eau de Vie« Platz nehmen würde, konnten wir nicht ahnen.

Die Grand Dame unter Beiruts Hotels

»Das Haus ist einer der besten Spots in Beirut zum Promi-Watching«, erzählt die Sales Managerin, räumt jedoch im nächsten Moment ein, dass man die Anwesenheit der allerwichtigsten Celebrities gar nicht mitbekommt. »2010 ist Angelina Jolie in den Libanon gekommen«, plaudert Nada aus dem Nähkästchen. »Ihr Wunsch war es, durch unseren unterirdischen Zugang ins Hotel zu gelangen. Und genauso unerkannt ist sie später auch wieder verschwunden.« Mir schießen Bilder in den Kopf, die die schwerbewaffnete Lara Croft in dunklen Katakomben zeigen.

Warum die Promis ausgerechnet hierherkommen und sich nicht ins neue Four Seasons oder das Le Gray am historischen Märtyrer-Platz einbuchen lassen? Abgesehen von der – in so einem Fall sicherlich angenehmen – Anonymität des 600-Zimmer-Hauses, von seinen gemütlichen Chaiselounges, schweren Polstermöbeln und römischen Geländern aus Marmor wahrscheinlich, weil das Phoenicia die Grande Dame unter Beiruts Luxushäusern ist. Es hat schon die mondänen Zeiten der 1960er mitgestaltet, als Brigitte Bardot und Gunter Sachs hierherkamen. Und es ist Teil der Stadtgeschichte, seit es im Bürgerkrieg schwer beschädigt schließen musste. Erst im Jahr 2000, zehn Jahre nach dem Friedensschluss, konnte das Hotel wiedereröffnen – und feierte vor Kurzem sein 50. Jubiläum.

Arabisches Nightlife

Eine solche Kontinuität findet man in Libanons Hauptstadt bei Weitem nicht überall. Die Zwei-Millionen-Metropole ist ständig in Bewegung, alles verändert sich – täglich. An der einen Ecke wummern noch die Presslufthammer, an der nächsten bereits die elektronischen Beats des neuesten Nachtclubs, für dessen Eröffnung gerne internationale Stars wie Pitbull oder Flo Rida eingeflogen werden. Besonders im Sommer sind die Rooftop-Bars »Iris« und »White« gefüllt mit gut gelaunten, partybereiten Mittelmeerarabern. Dann haben Indoor-Clubs wie der im Untergeschoss des Phoenicia Beirut eröffnete Ableger des stylischen Londoner »Whisky Mist« geschlossen. Im Winter läuft es andersherum.

Auf dem Sternenplatz Place de l'Étoile wurde rund um die Turmuhr, auf deren Ziffernblatt – bezeichnend für Beiruts Drang nach kosmopolitischem Rang – ein Rolex-Logo prangt, in den letzten Jahren alles neu gemacht. Über den Eisdielen und Cafés, die sich mit internationalen Namen wie »Grand Café« und Marken wie »Häagen Dazs« schmücken, recken sich die mediterran-arabischen Häuser aus restauriertem, gelbbraunem Sand- und Kalkstein mit gusseisernen französischen Balkonen gen Himmel. Über die Bürgersteige der modernen, teils etwas steril wirkenden Downtown, wo der alte arabische Souk nach seiner Zerstörung gegen eine blitzblanke Arkaden-Mall mit »Dolce & Gabbana« und Co. ersetzt wurde, klackern teure Absätze unter langen Frauenbeinen. Und sogar auf der alten Einkaufs- und Vergnügungsmeile Hamra im muslimischen Westen der Stadt eröffnen regelmäßig neue Designerläden.

Der neueste Hotspot zum Flanieren und Gesehenwerden ist – neben der weitläufigen Meerespromenade Corniche – die Marina an der Zaitunay Bay. Sie wurde Anfang 2012 mit neuem Gesicht wiedereröffnet: Zwischen Grünflächen und einer geschwungenen Flaniermeile genießt man jetzt unter weißen Sonnenschirmen Eiscafé und Champagner beim Blick auf das offene Mittelmeer. Die strahlend weißen Jachten könnten auch in Monaco und St. Tropez nicht protziger sein.

Das In-Viertel

Auf diesen Trubel und Hype steht Rosa Maria überhaupt nicht. Ich treffe sie in ihrer Boutique im Stadtteil Mar Mikhael, dem Soho von Beirut. »Was für ein inspirierendes Viertel«, schwärmt die 57-jährige Designerin, deren Schmuck und Taschen für Großevents wie die Pariser Fashion Week gebucht werden. Ich blicke aus dem Schaufenster ihres dunklen, lagerhallenähnlichen Ladens, um die Umgebung zu mustern: einfache Bauten, braun verputzt, jahrzehntealte Einschusslöcher in den Wänden, speckigen Markisen an den Balkonen. Inspirierend scheint aber auch wirklich das positivste Wort zu sein, mit dem man die Gegend beschreiben kann, denke ich und sage es auch. »Ganz und gar nicht«, werde ich von Rosa Maria korrigiert. »Die einfachen Viertel unserer Stadt haben Seele – nicht so wie die blanken Gassen der Innenstadt. Die hier erzählen eine Geschichte.« Ich muss gestehen, dass sie recht hat, so wie sie es sagt.

An den Straßenecken sitzen alte Männer und spielen Brettspiele. Über ihnen liegt der süße Duft der Orange, verbreitet durch ihre blubbernden Shishas. Selbst internationale Stars lassen sich von dem verfallenen Charme, von dieser arabischen Straßenromantik anlocken. Catherine Deneuve zum Beispiel stöberte schon nebenan in den nahost-inspirierten Kleidern und Accessoires von »Liwan«. Rosa Maria hat hier schon so einige Menschen kommen und gehen sehen: »Meine Boutique wurde 1975 kurz vor dem Beginn des Bürgerkriegs eröffnet und blieb all die Jahre über in Betrieb«, sagt sie und wirkt dabei ein wenig stolz.

Köstlichkeiten und hoher Besuch

Nein, an Mut und Ideen, wie man als Metropole für Aufmerksamkeit sorgt, hat es Beirut nie gefehlt. Wer würde woanders schon einem Restaurant eine Chance geben, das jeden Tag einen neuen Küchenchef hat? »2009 hatten wir die Idee, eine Location zu eröffnen, um die Landwirte aus den verschiedenen Regionen des Libanon zu unterstützen und ihnen ein Grundeinkommen zu sichern«, erklärt Alain Chehab, der Manager des »Tawlet«. Das Konzept ging auf: Heute wechseln sich rund 50 Bäuerinnen als Küchenchefs ab. Sie alle bringen ihre eigenen Produkte mit und tischen mittags in stylischer Atmosphäre das auf, wofür die libanesische Küche weltweit berühmt ist: Fattoush, Tabbouleh, Hummus ... und die Leute kommen.

So wie die Berühmtheiten seit jeher ins Phoenicia Beirut kommen. Als ich aus der Stadt zurückkehre und mich fürs Abendessen im »Eau de Vie« fertig mache, herrscht im neunten Stock, in dem sich mein Zimmer befindet, eine ganz besondere Spannung. Vor der Präsidentensuite am Ende des Flurs steht ein Tisch, an dem zwei Männer im schwarzen Anzug sitzen. Man mustert mich, ich mustere zurück. Dann lächeln wir uns kurz an. Später am Abend die Auflösung: Mit Blick auf das tiefschwarze Mittelmeer sitzen wir im schummrigen Ambiente des Restaurants an seinem Nebentisch. Er schaut nur selten herüber, wir verkneifen uns die Blicke. Man will ja nicht weiter auffallen. Dann, irgendwann, erhebt er sich, um mit seinen Begleitern den Raum zu verlassen. Aber nicht, ohne noch einmal zu uns zu schauen. Unsere Blicke treffen sich. Ich nicke ihm zu. Er nickt zurück und lächelt dabei. Dabei sieht er gutmütig aus. Wie er eben ist, Mister Kofi Annan.

Anreise. Lufthansa und Middle East Airlines fliegen täglich nonstop von Frankfurt a. M. nach Beirut. www.lufthansa.de, www.mea.com.lb 

Übernachten. Legendär und luxuriös ist das Phoenicia Beirut an der neuen Marina. DZ ab € 440 inkl. Frühstück. Minet El Hosn, P.O. Box 11/846, Beirut, www.phoeniciabeirut.com. Das gemütliche Schwesterhotel Le Vendôme Beirut liegt direkt an der Corniche, DZ ab € 450 inkl. Frühstück. Ain Mreysseh, P.O. Box 13/5518, Beirut. www.levendomebeirut.com 

Essen. Restaurant Tawlet, 12 Naher Street, www.tawlet.com. Sehr atmosphärisch ist auch das Restaurant Al Falamanki, wo libanesische Küche auf den Tisch kommt. Damascus Road, Sodeco. www.alfalamanki.com

Einkaufen. Rosa Maria Jewellery, 56 Madrid Street, Mar Mikhael, www.rosamariajewellery.com Liwan, 56 Madrid Street, Mar Mikhael. Beirut Souks, Beirut City Center, Saad Zaghloul Street. www.beirutsouks.com.lb

Feiern. Nachtclub Whisky Mist, Phoenicia Beirut, Minet El Hosn, www.whiskymist.com/beirut. Sky Bar, Biel Complex, www.sky-bar.com. Rooftop-Bar Iris, An Nahar Building, Märtyrer-Platz, www.irisbeirut.com. Open-Air-Club White, Sea Side Road, www.whitebeirut.com 

Video. Christoph Pfaff, Autor dieses Artikel, hat zudem einen Videoblog über seine zahlreichen Reisen. Hier die Beirut-Variante. Viel Spaß!

 

 

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