Weitläufige Sandstrände, subtropische Nationalparks und die älteste Stadt der USA – Floridas alter Süden liegt im Norden. Text: Martin Dommer

Ein jeder hat genaue Vorstellungen von Florida. Dazu gehören: Palmen, Flamingos, romantische Sonnenuntergänge am Meer, dazu sehr schöne und junge Menschen am Strand oder aber auch Margaritas schlürfend. Natürlich dürfen auch Mickey Mouse, das Space Shuttle und die Alligatoren der Everglades nicht fehlen. Aber nun vergessen wir das mal für einen Moment, denn hier geht es um den Norden des US-Bundesstaates, der mit dem Florida-Klischee ungefähr so viel zu tun hat wie Miami Vice mit dem Alltag amerikanischer Polizeibeamter. Die hohen weißen Dünen auf Amelia Island, der südlichsten Insel der Sea Islands, die sich entlang der amerikanischen Ostküste erstrecken, sind selbst im Hochsommer nahezu menschenleer. Willkommen in Floridas Norden.

Bei 21 Kilometern Länge misst die nördlichste Insel Floridas an der breitesten Stelle etwa sechs Kilometer, weite Teile davon feinkörniger Muschelkalkstrand. Wer entlang dem American- oder Fernandina Beach wandert, kann Lenkdrachen durch die Luft wirbeln sehen oder Gruppen von Segway-Anfängern betrachten, die um das rechte Gleichgewicht ringen, während sie sich durch die sanften Hügel kämpfen. Wer selbst aktiv werden will, der lässt sich ein Pferd satteln, um über die lang gezogenen Dünen zu traben, die am Abend rötlich-golden im Sonnenlicht leuchten.

Das Rezept der »Floribbean Cuisine«?

Tägliches Highlight, zumindest für diejenigen, die gerne essen, sind die Menükarten in den Restaurants. Die lokale Spezialität sind Krabben, immerhin werden hier pro Jahr etwa zwei Millionen Pfund gefischt. Aber auch insgesamt betrachtet wird wohl nirgends in den USA vielseitiger gekocht als in Florida. Papaya-Ananas-Shrimps, Riesengarnelen mit Mango, Lauch und Kokosnuss-Rum oder vielleicht doch lieber Gelbschwanzschnapper mit einer Kokosmilch-Curry-Sauce? Allein aus Kuba stammen mehr als eine Million Menschen, die Rezepte aus ihrer Heimat mitbrachten. Neben kreolischen und hispanischen Einflüssen sind es vor allem frische regionale Produkte sowie exotische Gewürze und Zutaten, die man früher nicht einmal beim Namen kannte, die heute die gehobene »Floribbean Cuisine« auszeichnen.

Nur 70 Kilometer südlich von Amelia Island liegt das sehenswerte Saint Augustine. Die mit über 440 Jahren älteste (durchgehend besiedelte) Stadt der USA kommt dem Reisenden zu Recht spanisch vor. Genau genommen ist ganz Saint Augustine ein Denkmal, ein Stück Spanien auf Floridas Boden. Viele der Häuser könnten ebenso gut in Sevilla stehen. In den Gassen und auf der lebhaften St. George Street riecht es nach Empanadas und Paella aus der »Spanish Bakery«, neben dem ältesten Schulgebäude des Landes eine der Hauptattraktionen. Aus den Restaurants und Bars erklingt Gitarrenmusik, dazu das Klicken von Kastagnetten – leider meist vom Band. Ein alter Mann mit unendlich vielen Falten im Gesicht verkauft Zigarren. Er hat sie selbst gedreht.

Stampfend durchpflügen die Ausflugsdampfer das Wasser des Matanzas River, wenn sie die legendenumwobene (Hebe-)Brücke der Löwen passieren. Sie trennt St. Augustine von Anastasia Island. Schon seit Jahrzehnten weist dort der alte Leuchtturm Schiffen den Weg in den ältesten Hafen der Nation. Genau 219 Stufen Wendeltreppe trennen Besucher von einem grandiosen 360-Grad-Panorama-Blick über die gesamte Matanzas Bay. Das ganze Jahr über dümpeln dort zahllose Sportboote und Luxusjachten an den privaten Bootsanlegern von Vilano Beach und Conch Island hier im Norden Floridas.

Paddeltouren nahe Gainesville

Kehrt man Saint Augustine den Rücken und fährt eine gute Stunde Richtung Westen ins Landesinnere, gelangt man nach Gainesville. Mit der »University of Florida« beherbergt die Stadt die größte und älteste Hochschule des Staates. Sie ist ohne Zweifel das intellektuelle Zentrum Floridas. Knapp 50000 Studierende machen beinahe die Hälfte der Gesamtbevölkerung aus. Die Stadt wird von mehr als einem Dutzend Frischwasserseen umschlossen, die sich am besten mit einem Kajak oder per Airboat erkunden lassen.

Säulengezierte Herrenhäuser, Villen mit ausladenden Verandas im Kolonialstil und aufwendig restaurierte »Bed & Breakfast«-Pensionen, wie etwa das »Laurel Oak Inn«, lassen in und um Gainesville echte Old-South-Atmosphäre aufkommen. Eichen, Palmen, Farne und sogar Mahagoni-Bäume und wilde Orchideen zählen zur üppigen subtropischen Vegetation. Der süße Duft der südlichen Magnolien wirkt in der feuchtwarmen Luft betörend, und von vielen der uralten Bäume hängt das spanische Moos wie langes, silbergraues Haar, in dem sich das Licht der Abendsonne funkelnd bricht.

Keine Stunde Fahrt entfernt, im Südosten Gainesvilles, erstreckt sich der schier unermesslich weite Ocala National Forest, von kristallklaren Quellen durchzogen und von Zeltplätzen gesäumt. Weiter westlich durchtrennen kilometerlange Weidezäune das saftig grüne Hügelland von Ocala. Hier werden einige der besten Rennpferde der Nation gezüchtet. Kaum eine Farm, die nicht wenigs­tens über einen Hektar Land verfügt. Der wohl berühmteste Eigentümer der Gemeinde ist Hollywood-Star John Travolta, zu dessen Anwesen in der Fliegergemeinde »Jumbolair« (»Höhle des Elefanten«) – zwei Hektar – sogar eine private Start- und Landebahn gehört. Dem Vernehmen nach hat der passionierte Flieger nicht nur eine Boeing 707 vor der Haustür stehen, sondern daneben auch noch vier Jets geparkt.

Vorsicht, Alligatoren in Sicht, hier in Floridas Norden!

Umweltfreundlicher geht es westlich von Ocala zu. In Dunnellon liegt der Rainbow Springs State Park. Das Naturreservat ist ein Unikum hier in Floridas Norden: Steile, dicht bepflanzte Hänge mit Wasserfällen, die über felsige Stufen plätschern; Brücken und verschlungene Backsteinwege führen durch ein ungewöhnlich bergiges Terrain. Die Anlage stammt aus der Zeit, als in diesem Gebiet großflächig Phosphat abgebaut wurde. Der dabei angefallene Felsaushub kam hier gestalterisch zum Einsatz. Wem der Auslauf im Garten noch nicht ausreicht, kann sich auf weiteren fünf Kilometern Wanderwegen und Naturlehrpfaden die Beine vertreten.

Im Schatten der uralten Bäume wacht Rick Hammers vom Florida Park Service über üppig wuchernden Farn und leuchtend blühende Azaleen und Kamelien. Sie blühen pink, rot und lila. »Wussten Sie, dass über 600 Quellen aus Floridas Erdboden sprudeln?«, fragt er seine staunenden Besucher. Rick, der lange als GI in Schwäbisch Gmünd gelebt hat, bevor er zum »Naturschützer aus Überzeugung« wurde und hier Herr des wohl saubersten natürlichen Pools der Welt ist. »Ob es Alligatoren im Fluss gibt?« Der kurz geschorene Mittvierziger schaut ein wenig verwundert. »Klar Mann, Florida ist Gator-Land.« Als er die leicht verstörten Blicke der Umstehenden bemerkt, die auf ein kühles Bad gehofft hatten, feixt der stämmige Ranger:

»Aber die Alligatoren leben weiter stromabwärts, wo das Wasser und die Mangroven ihnen Deckung bieten und sie sich ihrer Beute unbemerkt nähern können.«

Ein mulmiges Gefühl bleibt; dennoch: Ein Bad in dem kristallklaren Quellwasser ist einfach zu verlockend und entschädigt in nur wenigen Minuten für die vielen Stunden anstrengender Autofahrerei. Selbst ohne Taucherbrille ist der Grund in gut drei Metern Tiefe mühelos erkennbar. Zahllose kleine Fische tummeln sich im azurblauen Wasser. Kein Wunder also, dass Rick, der mit seiner Familie inmitten des Parks wohnt, seinen Job »für kein Geld der Welt« eintauschen würde. »Wenn sich abends die letzten Besucher verabschiedet haben, ist das hier mein Reich«, sagt Rick, und man kommt nicht umhin, Floridas Johnny Weissmüller um seinen privaten Dschungel zu beneiden – Alligatoren hin oder her.

Anreise. U.S. Airways fliegt mehrmals pro Woche von Frankfurt a. M. via Charlotte oder Philadelphia nach Jacksonville (FL). Lufthansa fliegt mehrmals pro Woche ab Frankfurt a. M. über Washington D.C.

Unterkunft. Das Amelia Island Plantation auf Amelia Island liegt jenseits der großen Touristenströme inmitten eines großen bewaldeten Areals direkt an einem langen Sandstrand; das Hilton Historic Bayfront in St. Augustine ist mit gerade einmal 72 Zimmern das weltweit kleinste Hotel der Gruppe und liegt fünf Minuten Fußweg von Festung und St. Georg Street im historischen Zentrum der Stadt; in Gainesville das The Laurel Oak Inn, wo sich Monta und Peggy Burt, die Betreiber des liebevoll restaurierten B & B, den Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich gestalten.

Infos. Tourismusbüros und Reiseinformationen, die über Floridas Norden informieren, sind  www.visitflorida.com; www.getaway4florida.com (St. Augustine); www.visitgainesville.com (Gainesville); www.ocalamarion.com (Ocala).

 

Wir und unsere Partner verwenden Cookies, um unsere Dienste zu erbringen und Ihnen Werbung entsprechend Ihrer Interessen anzuzeigen. Informationen zu Cookies und ihrer Deaktivierung finden Sie in unseren Cookie-Richtlinien. Durch die Nutzung unserer Internetseite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen