Die meisten Island-Reisenden zieht es nach ihrer Ankunft am Keflavík International Airport gleich gen Osten. In die Richtung der Hipster-Hauptstadt Reykjavík oder zu den imposanten Naturhighlights. Dass das musikalische Erbe der Insel jedoch gleich vor ihren Augen liegt, wissen die wenigsten. Redakteurin Linda Ruckes nimmt uns mit auf eine musikalische Tour über die Halbinsel Reykjanes.

Der Wind pfeift, Regen prasselt rhythmisch auf die Autoscheibe. Ein grauer Schleier liegt in der Luft. Nebelschwadenbilder. Ich habe Schwierigkeiten, überhaupt Straßenumrisse auszumachen, geschweige denn die Häuser oder wahlweise Schafe am Wegesrand zu erkennen. Auch Fahrer Eyþór ist konzentriert. Mit beiden Händen fest am Lenkrad trotzt er den peitschenden Windböen. Meine Hände graben sich wärmesuchend in meine Jackentaschen. Eine weibliche Stimme untermalt diese fast filmische Szene. Es ist nicht mein erster Kontakt mit isländischen Indie-Songs. Aber der intensivste.

Auto fährt über isländische Landstraße, die rundherum von bunten Gesteinen umgeben ist

Linda Ruckes

Das älteste Tonstudio Islands

Von außen wirkt das Geimsteinn Studio wie ein einfaches Einfamilienhaus. Und doch fällt das moderne Anwesen mit seiner schwarzen Außenfassade zwischen den sonst so nordischen Wohnhäusern auf. Guðmundur Kristinn Jónsson führt uns in das älteste Tonstudio der Insel. Jónsson ist der Gitarrist der isländischen Band Hjálmar. Ein mir nicht bekannter Rúnar Júlíusson ziert das Plakat über den wuchtigen Marshall-Boxen.

Er war Mitglied der Band Hljómar, die so etwas wie die isländischen Beatles in den 1970er-Jahren waren. Júlíusson gründete in dieser Zeit das Geimsteinn Label, zu dem eben dieses Studio gehört. Neben den wuchtigen Boxen erhebt sich ein Schlagzeug, E-Gitarren zieren die Wände, während Perserteppiche wohl schon seit Jahren den Boden bedecken. Da wundert es kaum, dass das Bad knallrot gefliest ist. So modern das Gebäude von außen wirkt, scheint die Zeit hier drinnen stehen geblieben zu sein. Konservierter Rock ’n’ Roll sozusagen.

Vintage: Die Innneneinrichtung der Gmeinsteinn Studios scheint in den 70er-Jahren hängengeblieben zu sein

Linda Ruckes

Musikalische Wunderkinder

Heute ist die Musikerdichte auf der Insel – und insbesondere in der Region um Keflavík – größer als in vielen anderen Regionen der Welt. Doch wieso stammen nun so viele Musiker aus der Gegend, die sich 1994 mit den umliegenden Ortschaften Njarðvík und Hafnir zur Gemeinde Reykjanesbær zusammenschloss? Eine eindeutige Antwort darauf gäbe es natürlich nicht, betont Jónsson. In der Navy Base war man jedoch für jegliche Art der Unterhaltung dankbar. So hatten sich den Musikern in den Clubs und Pubs der Navy Base mehr Auftritts-möglichkeiten geboten als zu dieser Zeit in Reykjavík. Heute jedoch befinden sich die meisten Tonstudios in der Hauptstadt. Zwar bekommt Jónsson strahlende Augen, als er über Nashville und die große weite Welt der Musik spricht. Trotzdem ist er stolz auf die Musikszene seines Heimatlandes.

Der Singer/ Songwriter Asgeir in den gmeinsteinn Studios in keflavik

Linda Ruckes

Rúnar Júlíusson und Hjalmar sind nicht die einzigen musikalischen Söhne, die Keflavík hervorbrachte. Auch Of Monsters and Men, die längst internationale Bekanntheit genießen, wuchsen in der Gegend rund um Keflavík auf. Ganz zu schweigen von Ásgeir Trausti. Der junge Singer-Songwriter ist der Sohn des isländischen Dichters Einar Georg Einarsson, der noch heute Songtexte für seinen Sohn schreibt. Und das mit Erfolg. Sein Debütalbum »Dýrð í dauðaþögn« zählt zu den bestverkauften Debütalben der Insel. Jeder zehnte Isländer, von insgesamt 350.000, soll im Besitz des Albums sein.

Wer jetzt meint, Keflavík sei eine Art Großstadt, der irrt sich. Beim frühmorgendlichen Schwimmbadbesuch im Reykjanes Swimming Center trifft man immer auf bekannte Gesichter. Den schroffen Wetterbedingungen zum Trotz treffen sich die Einheimischen hier noch vor der Arbeit, um ihre Bahnen zu ziehen. Das isländische Morgenritual ist nichts für mich. Mich fröstelt es schon beim Zusehen.

Island rockt

Stattdessen ziehe ich ein paar Straßen weiter, hier ist wirklich alles fußläufig. »Rokksafn Íslands« steht in roten Leuchtbuchstaben auf der weißen Fassade geschrieben. Vor fünf Jahren eröffnete das Haus, in dem sich heute Konzertsaal, Musikschule und das Isländische Rock- ’n’-Roll-Museum befinden.

Aussenfassade des Rock'n'Roll-Museums in Keflavík

11. Islands Rock’n’Roll-Museum

Eine Collage bunter CD-Cover begrüßt die Gäste im Inneren des Museums, bevor sie lebensgroße Porträts isländischer Musiklegenden wie Of Monsters and Men, Björk und Sigur Rós empfangen. Deckenhohe Wandtafeln führen chronologisch durch die Geschichte der isländischen Popmusik. Auf den zweiten Blick erst erkenne ich Jónsson, dessen Band Hjalmar als Pappfiguren ausgestellt ist.

Ob aus mir eine gute DJane geworden wäre? Das wage ich zu bezweifeln. Hier im Museum muss ich zum Glück keine Musik auflegen. Stattdessen kann ich mich am DJ-Pult durch die Bandhistorie der isländischen Rockband Kaleo grooven, die vor mir an die Wand geworfen wird. Ganz schön cool. Ansonsten kann man an der E-Gitarre oder in der Karaoke-Kabine sein musikalisches Können unter Beweis stellen.

Redakteurin Linda am DJ-Pult

Linda Ruckes

Zurück in der Natur, entreißt mir die umliegende Mondlandschaft das Gefühl, in einer lebendigen, urbanen Stadt zu sein. Die Landstraße führt uns einmal über die Halbinsel. Wir fahren vorbei an Lavafeldern, die mit dunklem Moos überwachsen sind. Wir passieren steile Klippen, die in den Kleifarvatn-See abfallen und an irische Küstenstraßen erinnern. Auch die brodelnden Schlammquellen im Thermalquellgebiet Krýsuvík, deren Geruch wirklich gewöhnungsbedürftig ist, lasse ich mir nicht entgehen.

Auf der »Bridge between two continents« überqueren wir die euroasische und die nordamerikanische Erdplatte, die an dieser Stelle sichtbar aufeinandertreffen. Es folgen Landabschnitte, die von derart endloser Weite geprägt sind, dass ein buntes Häuschen am Straßenrand wie verloren wirkt und das ein oder andere Schaf – oder noch besser Pony – wie Wesen aus einer anderen Galaxie.

Raue Mondlanschaften auf Island sind mit Moos überzogen

Linda Ruckes

Normalerweise fülle ich auf Reisen meinen Rucksack mit Andenken. Dieses Mal habe ich eine bunt gemischte Spotify-Playlist, die mich an die vielen unterschiedlichen Gesichter der Halbinsel Reykjanes erinnern wird.

Infos.

Englischsprachige Informationen über die Halbinsel Reykjanes gibt es hier. Mehr Infos über Island liefert diese Website. Nützliche Reisetipps rund um das Thema Sicherheit und Autofahren auf Island gibt es hier.

Anreise. Icelandair bietet mehrmals täglich Flugverbindungen von Berlin, Frankfurt, Hamburg und München an. Einmal täglich ab Düsseldorf. Preise ab 250 Euro für Hin- und Rückflug. Passagiere von Icelandair mit einem Transatlantikflug können bis zu 7 Tage ohne zusätzliche Kosten einen Zwischenstopp einlegen.

Schlafen. Lighthouse Inn. Einfaches, aber sehr gemütliches Hotel gleich gegenüber dem Leuchtturm in Gardur. Ab 120 Euro für ein Doppelzimmer inklusive Frühstück. Norðurljósavegur 2, 250 Gardur, +354 433-000.