Asiens World City gilt als Businessmetropole schlechthin. Doch in Hongkong muss man schon etwas genauer hinschauen, um inmitten der grau glitzernden Wolkenkratzer nicht den Blick für das Ursprüngliche zu verlieren. Text: Andreas Dauerer

Shopping? Au ja?

Er mag mich nicht. Nein, sie mögen mich nicht. Und das ist deshalb ärgerlich, weil ich in einer neuen Stadt ungern ohne unterwegs bin. Aber keiner der vielen, ja unzähligen Bankautomaten hier in der Stadt will meine Visa-Karte um ein paar Hongkong-Dollar erleichtern. Dass es an meinem zu gewöhnlichen Outfit aus Jeans, T-Shirt und bequemen Sneakers liegt, mag ich nicht so recht glauben. Schließlich laufen die Leute hier auch so rum, und glaubt man der Marketingchefin des Hotels, die schon direkt nach der Begrüßung und ohne Luftholen freudigst rief: »Shopping is our culture«, dann müsste doch selbst der Bankautomat Mitleid mit mir haben.

Tut er aber nicht. Und Shoppen ohne Geld, liebe Mandy Soh, das geht nicht. Und in der Sieben-Millionen-Glitzermetropole noch weniger. Denn hier im Zentrum zwischen den Stadtteilen Kowloon und Hongkong Island scheint nicht nur alles gen Himmel zu streben, sondern sich monetären Zwängen unterzuordnen.

In den duftenden Hafen, wie Hongkong übersetzt heißt, kommt man vornehmlich, um Geschäfte zu machen. Touristen kommen für einen Kurztrip in die City. Aber für die meistens Europäer dürfte es vor allem ein angenehmer Stopover auf dem Weg nach Australien oder Neuseeland sein. Doch egal, welche Gründe man für einen Besuch der Stadt hat, ein paar Hongkong-Dollar in der Hosentasche machen den Aufenthalt nicht nur spürbar angenehmer, sondern das Eintauchen auch leichter.

Kleiderfrage während des Dim-Sum-Wartens

Das fängt schon beim Mittagstisch an. Zumindest dann, wenn man das beste Dim Sum der Stadt, wahrscheinlich sogar der Welt, bei Tim Ho Wan genießen möchte. Zwar zu ungewöhnlich moderaten Preisen, insbesondere wenn man bedenkt, dass der Chef bereits einen Michelin-Stern erkocht hat, aber die Rechnung ist in Cash zu begleichen. Ehe meine Mitstreiter und ich aber an einem der dunk­len Tische sitzen, müssen wir uns brav in die riesige Schlange einreihen und warten, was schon mal länger als eine Stunde dauern kann.

Marilyn Acosta/flickr.com

Zeit genug also, um die Dresscodefrage zu stellen, schließlich habe ich Hunger. Anzüge, bunte Hemden, T-Shirts, leger und normal – es könnte also etwas werden mit der kulinarischen Belohnung. Stehen dann endlich die Bambusboxen vor einem auf dem Tisch, und man lupft den Deckel, verkommt das schmucklose Interieur binnen Sekunden zur Nebensache. Gedämpfte Shrimps und Spareribs mit schwarzer Bohnensoße, verschieden gefüllte Klöße, gebackene Brötchen, in deren Inneren sich gegrillte Schweinestückchen verstecken, und eine süße Kürbissupe mit Sago warten darauf, nach und nach verspeist zu werden.

30 verschiedene Dim Sums stehen auf der Karte, und alles kommt frisch auf den Tisch, was die nicht kürzer werdende Warteschlange draußen besser erklärt. Je frischer die Küche, desto mehr Anerkennung von den Hongkong-Chinesen. Ein bisschen Anstehen verstärkt da nur den Appetit. Experimentierfreudige haben hier übrigens eine sehr gute Gelegenheit, die berühmten Hühnerfüße zu kosten. Zwar dienen die nicht mal als Sättigungsbeilage, denn so viel Essbares ist da wirklich nicht dran. Doch selbst wenn das Wenige auch noch schrecklich normal nach Hühnchen schmeckt, kann man anschließend behaupten, man hätte mal ein etwas exotischeres Gericht probiert.

Mikrokosmos Wet-Market

»Wo kaufen die Leute eigentlich ihre Nahrungsmittel ein?«, will ich von Wing, unserer Stadtführerin, wissen. »Da musst du auf einen der Wet Markets gehen«, so ihre Antwort. Natürlich entscheidet sie sich für den Markt in SoHo, also jenem Viertel südlich der Hollywood Road drüben auf Hongkong Island. Abends gleicht die Gegend um Shelley, Elgin und Staunton Street einem internationalen Laufsteg hiesiger und internationaler Hipster.

Mojo Baron

Tagsüber kann man sich die Szenerie aber mittels der weltlängsten überdachten Rolltreppe ganz entspannt anschauen. So kann ich meinen schweren Magen auf den Mid-Levels Escalator etwas ausruhen – und komme trotzdem vorwärts. Mein Interesse gilt aber vor allem der Gage Street und dem Markt. Es ist ein buntes Gewusel, und während ich noch vom Rolltreppenvorsprung versuche, ein paar Gerüche aufzuschnappen, finde ich mich schon auf der Straße unten inmitten einer einzigen Verkaufsorgie. Weil die Chinesen es wirklich frisch mögen, wuselt hier auch auf den Verkaufstheken einiges vor sich hin. Großtiere kommen natürlich schon geschlachtet hierher, was man unschwer an den vielfältigen Fleischstücken erkennen kann, die hier nachmittags unter asiatischer Sonne schon etwas mitgenommen aussehen.

Aber gerade Meeresbewohner leben noch, und endlich fügt sich auch das Puzzleteil für mich zusammen, warum sie hier »Wet Markets« genannt werden. Fische in allen Größen und Farben, Krabben, Muscheln – alles lebt. Und mittendrin stehen die Verkäuferinnen und wollen auch mir ein bisschen was aufschwatzen. Ich kann aber nur lächeln, ohne meine Blicke von den lebenden Auslagen zu nehmen. Und der Mikrokosmos Markt riecht: intensiv, frisch, süßlich und herb, manchmal auch abgestanden und für meine europäische Nase nicht ganz so wohltuend. Doch glücklicherweise stehen an jeder Straßenecke Garküchen, die ihre Speisen anbieten. Vorzugsweise kommen Nudelsuppe mit Wonton oder Fischbällchen, aber auch verschiedenste Fleisch- und Gemüsegerichte in kleinen Schalen auf den mit Plastik bespannten Tisch. Authentischer als in den Miniküchen der vielen Märkte kann man nicht essen.

Tempelerfahrung

Ganz andere Gerüche steigen mir aber im Man-Mo-Tempel in die Nase, der nur einen Steinwurf vom Wet Market in SoHo entfernt liegt. Jenseits der schweren Holztüren umwabert mich ein süßlich-trockener Weihrauchduft von unzähligen Räucherspiralen an der Decke, an deren Enden kleine Gebetszettelchen baumeln. Der Tempel gehört zu den ältesten Hongkongs und ist den Göttern Man und Mo geweiht – einer für die Literaten, der andere für Kriege zuständig.

Nicolas Hoizey

Vor allem wegen Ersterem kommen die Leute hier in den Tempel, und so ist es normal, dass Männer in Anzügen und Aktenkoffern noch kurz für geschäftliche Belange die Götter um Rat fragen. Dabei wedeln sie rhythmisch mit dicken Bündeln aus glimmenden Stäbchen. Nicht etwa, um ihren Gebeten Nachdruck zu verleihen, sondern der Rauch soll ihr Anliegen nach oben zu den Göttern transportieren, wie Wing erklärt. Weil sie sich jedoch fast in einen tranceähnlichen Zustand hineinwedeln, sollte man als unbeteiligter Besucher den Betenden in jedem Fall ihren Raum lassen, um nicht direkte Bekanntschaft mit den Stäbchen machen zu müssen.

Smoking und Fliege

Wenn die Sonne untergegangen ist, verändert nicht nur die Stadt ihr Gesicht, auch die Menschen scheinen sich extra noch ein wenig mehr herausgeputzt zu haben. Die Männer im Anzug, die vorher noch beim Mittagessen stundenlang in der Schlange warteten oder mit Räucherstäbchen die Götter bezirzten, wirken jetzt noch feiner. Und ich auch. Für ein exklusives Galadinner im 100. Stock des International Commerce Centres habe ich Jeans und T-Shirt gegen Smoking, Hemd und Fliege getauscht. Aber ich falle selbst dann nicht einmal auf, als wir nach dem Dinner mit unglaublicher Aussicht auf den Viktoria Harbour wieder auf Hongkongs Straßen stehen und einen Absacker in einer der angesagten Bars im Amüsierviertel Lan Kwai Fong nehmen.

Zwar sind Männer in Fliege nicht in der Überzahl, aber das wundert hier wirklich niemanden. Vielleicht liegt’s aber auch am Alkoholkonsum der Expats, die hier zahlreich vertreten sind und ganz reichlich aus den dickwandigen Cocktailgläsern schlürfen. Doch neben dem gut gemixten Gin Tonic und dem feierwilligen Volk auf der Straße gibt es dann noch einen unerwarteten Lichtblick: So vehement sie ihren Dienst beim Geldziehen am Automat bis dato verweigert hat, mit dem kleinen Kartenleser der Bar versteht sich meine Kreditkarte auf Anhieb bestens. Und da sage noch einer, es hätte nicht am feinen Zwirn gelegen.

Anreise. Von Frankfurt a. M. fliegen etwa die Lufthansa (www.lufthansa.de) oder auch Cathay Pacific (www.cathaypacific.com) nonstop nach Hongkong.

Unterkunft. Hotel Icon im quirligen Stadtteil Kowloon mit Blick auf den Viktoria Harbour. DZ ab € 280. www.hotel-icon.com

Essen. Die leckersten Dim Sums gibt’s bei Tim Ho Wan. Einen Tisch sollte man aber in jedem Fall einige Tage im Voraus reservieren. 9-11 Fuk Wing Street, Sham Shui Po. Tel.: +852 2788 1226.
Klassisch gehobene kantonesische Küche gibt’s im Island Tang. Die Ente sollte man unbedingt probieren. Shop 222 in The Galleria, 9 Queens Road Central. Tel.: +852 2526 8798. www.islandtang.com

Ausflüge. Wanderwillige sollten auf Lamma Island fahren und in eines der zahlreichen Fischrestaurants gehen. Bequemer geht’s auf Lantau zu. Mit der Seilbahn eine halbe Stunde Richtung Ngong Ping, um dort den weltgrößten sitzenden Buddha zu besuchen.

Kultur. Wo vor dem Krieg Kinofilme über die Leinwand flimmerten, werden jetzt im Yau Ma Tei Theatre kantonesische Opern aufgeführt. 6 Waterloo Road, Kowloon. Tel.: +852 2264 8108. www.lcsd.gov.hk/ymtt

Infos. Wissenswertes über Hongkong bekommt man beim Fremdenverkehrsamt, Tel.: 069 959 12 90, www.discoverhongkong.com

 

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