Sie sind wirklich verrückt, die Gärtner in Irland, wunderbar verrückt. Diagnose: Pflanzensucht. Gegen ihre Leidenschaft für den Garten ist kein Kraut gewachsen. Da hilft nur gemeinsames Schwelgen in der grünen Passion. Also, auf zu einer Reise in kreative Gartenreiche im Südosten Irlands. Vorsicht: Gartensucht ist ansteckend! Text: Daniela David

»Ich mag Rot, Orange und Violett«, sagt June Blake. Und so hat sie ihre Staudenbeete nach Farben angelegt, wie manch einer seine Garderobe. In June Blake’s Garden tut sich ein Meer von Blüten auf, bei ihr muss es einfach immer blühen! »Blüten sind für mich viel wichtiger als Blätter«, meint die passionierte Gärtnerin, die ihre Pflanzen selbst aus Samen zieht.

Irlands Gärten: June Blake

Daniela David

Die burschikose Irin trägt praktische Gartenkleidung kombiniert mit auffälligem Silberschmuck, den sie selbst gefertigt hat. Das Design ist von Pflanzen inspiriert. Denn vor ihrem Gärtnerleben arbeitete June als Silberschmiedin. Doch dann verwandelte sie die familieneigene Schaffarm in ein Gartenparadies inklusive auffälligem Wasserbecken. Der gesamte Garten liegt harmonisch eingebettet in den Wicklow Mountains.

Mildes Klima, reichlich Sonne

Ach, Irland kann so lieblich sein, vor allem in dieser sanft hügeligen Berglandschaft der Grafschaft Wicklow. Der »Garten Irlands«, wie die Wicklower Gegend genannt wird, ist von Dublin aus in einer halben Autostunde zu erreichen. Im Südosten der irischen Insel ist das Klima mild und somit pflanzenfreundlich. Und Sonne gibt’s auch reichlich.

Auf 12.000 Quadratmetern sprießen bei June Gewächse aus der ganzen Welt. Bambus wiegt sich im Wind neben monstergroßen Granitblöcken, die urzeitliche Akzente in die Pflanzenflut setzen. Dann hatte June die verrückte Idee, mitten in den Staudenbeeten ein Zimmer aus Holz zu bauen, das nach oben zum Himmel geöffnet ist. »Da genieße ich meinen Garten mit den Ohren.« Ein »Hörgarten« sozugsagen. Eine neue Kategorie von Garten ist geboren.

June ist pflanzensüchtig, ganz klar. Das muss in der Familie liegen, denn ihr jüngerer Bruder ist ebenfalls dieser grünen Sucht erlegen. In Hunting Brook Gardens ganz in der Nähe lebt der 46-Jährige diese Pflanzenleidenschaft aus.

Irlands Gärten: Hunting Brook Gardens

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Von seinem leicht erhöht stehenden Holzhaus blickt Jimi Blake auf üppigste Pflanzenpracht. »Das ist eine der größten Pflanzensammlungen Irlands«, erläutert der gelernte Gärtner im Blumenhemd.

»Ich suche immer neue Pflanzen, kaufe online und tausche auch«, sagt Jimi. »Das ist es, was mich interessiert!«

Pflanzen und noch mehr Pflanzen – das ist sein Leben, zweifellos.

Inspirationen fand er auf Reisen

Auf Gartenreisen weltweit lässt sich der Pflanzensammler inspirieren. Das erinnert an die Pflanzenjäger im 19. Jahrhundert, die stets auf der Suche nach neuem seltenen Grün waren. Jimi hat etwas Rastloses an sich. Immer wieder wechselt er die Bepflanzung in den Beeten. Gerade hat er eine neue Rabatte im derzeit angesagten prärieartigen Stil angelegt. Bei ihm gibt es dazu exotische Kakteen, umrankt von Blumen und Gräsern. Da und dort leuchtet seine Lieblingsfarbe violett hervor. Immer wieder taucht sie im Garten auf.

Seine beiden Hunde folgen Jimi in den Woodland-Teil, dem geheimnisvollen Waldgarten mit Farnen und seltenen Rhododendren. Die schmalen Wege sind gesäumt von unzähligen lilafarbenen Fingerhüten. Hoch aufgereckt erscheinen sie neugierig, ganz als würden sie die Besucher erwarten und von den Waldfeen Grüße bestellen wollen. In einer lichten Senke steht eine komplett mit Moos überwachsene Tafel aus Holz. Es ist angerichtet – mit Wasserkrug und Bechern. Die Waldgeister haben sich dort wohl eben noch gestärkt.

Irlands Gärten: Jimi Blake

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Herrschaftliche Gartenpracht darf der Reisende dagegen in Powerscourt Gardens, ebenfalls im County Wicklow, erwarten. Dieser irische Paradegarten wurde vor kurzem vom Magazin »National Geographic« auf Platz drei der zehn Top-Gärten weltweit gewählt. In der historischen Gartenanlage aus dem 18. Jahrhundert klicken die Fotoapparate beim spektakulären Anblick des formalen italienischen Gartens mit hoher Wasserfontäne im Tritonsee und den beiden Pegasus-Skulpturen. Dahinter präsentiert sich der Berg Sugar Loaf in der Landschaft. Ganz klar: In diesem Garten geht es um Pracht, Macht und Sichtachsen.

Seltene Zedern und Tulpenbäume

»Als Kind war das mein Spielplatz«, sagt der Obergärtner Alex Slazenger und deutet auf den Japanischen Garten. »Damals haben wir gerne Touristen geärgert.« Der 33-Jährige mit der coolen Sonnenbrille hat in 2017 die Chefharke des 19 Hektar umfassenden Anwesens übernommen. Alex ist Spross der Eigentümerfamilie und sein Cousin – als 11. Count of Powerscourt – das Familienoberhaupt. Solch ein Adelstitel hört sich wie ein Relikt aus einer anderen Zeit an. Aber der weitläufige Garten von Powerscourt passt noch heute dazu.

Powerscourt Gardens

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Als Head Gardener kümmert sich Alex mit sechs weiteren Gärtnern um die seltenen Zedern und Tulpenbäume, um den Rosengarten mit 70 verschiedenen Sorten und die 120 Meter lange doppelte Staudenrabatte. »Die längste in Irland«, meint Alex stolz. Powerscourt Gardens will einzigartig sein. Ziemlich verrückt ist jedenfalls der Haustierfriedhof. Da liegen nicht nur Hunde und Ponys begraben, sondern sogar auch eine Kuh.

Zum riesigen Anwesen von Powerscourt könnte der Gegensatz nicht größer sein als zum kleinen feinen Patthana Garden. Wie ein geheimer Garten versteckt er sich in einem Dorf im County Wicklow. »Patthana bedeutet Achtsamkeit, im Moment präsent sein«, erklärt der gärtnernde Eigentümer TJ Maher. Seine lebhaften Augen leuchten. Für ihn ist sein Garten ein spiritueller Ort. Da passt die hinterm Busch versteckte Buddha-Figur und auch der Weihrauch in der Luft. Dieser für irische Verhältnisse winzige Privatgarten strahlt Ruhe und kreative Energie aus.

Der Hinterhof gleich einem Pflanzen-Refugium

So hat der Künstler den Hinterhof seines Hauses in ein blühendes Paradies verwandelt, das die Besucher entzückt. Mit Bedacht und Sorgfalt wählt der Maler jede einzelne Pflanze aus, als würde er ein Gemälde komponieren. »Ich nehme nur Pflanzen, die mir wirklich gefallen«, meint TJ, »und die bienenfreundlich sind.«

TJ Maher, Patthana Garden

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TJ führt langsam durch den Hausgarten, der in verschiedene Gartenräume aufgeteilt ist, die sich erst nach und nach entdecken lassen. Er schwärmt von den Pflanzen:

»Auch gelbe Blumen mag ich, weiß gar nicht, warum gelb in Gärten so unpopulär ist.« Wie aus Dankbarkeit blüht sein gelbes Staudenbeet besonders intensiv.

Währenddessen serviert sein Freund Simon kühle Drinks mit Blüten-Eiswürfel und heißen Tee in antiken Tassen mit Blumenmuster. Es ist offensichtlich: Die beiden sind blumensüchtig.

Doch nicht nur Blumen, die Gärtner Irlands lieben vor allem auch Bäume. Manche Gärtner sind regelrecht baumverrückt. Und wer sogenannte Champion Trees in seinem Garten aufzuweisen hat, darf sich – gärtnerisch – schon etwas einbilden. Diese höchsten, dicksten, ältesten und seltensten Bäume des Landes sind in einem nationalen Verzeichnis gelistet.

Alexander Durdin-Robertson kann in seinem Huntington Castle Garden im County Carlow ganze zehn Stück zählen. Auf der Führung über eine Rinderweide bleibt der Schlosserbe vor einem etwa 30 Meter hohen Hickory Baum stehen, der 1860 gepflanzt wurde.

Eiben im Huntington Castle Garden

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»Das ist ein Walnussbaumgewächs, das dichte Holz wird für Werkzeuge, wie Äxte, verwendet«, erklärt der Ire, der übrigens auch Weihnachtsbäume für den deutschen Markt züchtet.

Auch wenn Alexander kein Botaniker ist, der Baumliebhaber kann stundenlang über seine Champions sprechen. Alles was er von Pflanzen weiß, hat er sich durch Beobachtung selbst beigebracht oder von seinem Vater gelernt. Mit seinem früheren Job hat seine Gartenleidenschaft so gar nichts zu tun. Da war er Soldat. Im Irak, in Afghanistan. Oder ist sein Garten ein Reflex darauf?

Viele Gärten stecken voller Anekdoten

Wie in einem romantischen Südstaaten-Traum fühlt man sich beim 120 Meter langen »Yew-Walk«, wenn man unter den ewig langen Ästen der 500 Jahre alten Eibenhecke spaziert. »Manche Gäste kommen allein für diesen „Eiben-Tunnel“ von weit her«, meint der 39jährige Schlossherr in Jeans. »Er ist einer der besten der Welt.« Tja, auch Besucher scheinen längt von der Baumsucht angesteckt zu sein.

In Huntington Castle galt so mancher Vorfahre als etwas eigen, wie etwa Alexanders Großtante Olivia. Die meinte, dass die Weltreligionen zu wenig frauenfreundlich seien und gründete 1976 flugs eine eigene Religionsgemeinschaft. Im Keller des Schlosses aus dem 17. Jahrhundert ist ihr »Tempel der Göttin« zu besuchen, der im Styling irgendwie an einen Dritte-Welt-Laden aus den 1970ern erinnert.

Im Anblick dieser Devotionaliensammlung wundert es auch nicht, dass es im Schloss spukt. Der Schlossgeist soll regelmäßig Staub wischen. Irische Schlösser und Gärten haben eben einen Sinn für spleenige Kuriositäten.

Die Schlossruine im Woodstock Garden & Arboretum in County Kilkenny ist von Pflanzen völlig zu gewuchert. Sie wirkt wie eine Filmkulisse. »Das prächtige Herrenhaus wurde während der irischen Unabhängigkeitsunruhen 1922 niedergebrannt«, erzählt John Delaney, der Head Gardener. Und seit 1990 brennt der Obergärtner für den Garten von Woodstock.

Woodstock Garden Arboretum

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Gärten stecken voller Geschichte und Geschichten. Der Gemeinde ist es gelungen, diesen außergewöhnlichen Park, der zu den »Great Gardens of Ireland« zählt, zu erhalten. Einmalig sind die Jahrhunderte alten Bäume. Majestätisch ist der Anblick der seltenen Riesen, die durch wohl überlegte Positionierung gut zur Geltung kommen.

Die Urzeitgewächse wirken wir stachelige Weihnachtsbäume

Da staunt man über die sehr seltene farnblättrige Buche aus Chile, deren Blätter tatsächlich wie eingerollte Farnwedel erscheinen. Oder die Monterey Pinie, die in Irland sogar größer gewachsen ist als in ihrer kalifornischen Heimat. Und wo gibt es so etwas, einen Halbkreis aus sehr hohen Araukarien aus viktorianischer Zeit? »Damals herrschte eine wahre Araukarien-Manie«, sagt John und führt gleich weiter zur „Monkey Puzzle Avenue“, einer Allee aus 31 Paaren der immergrünen Araukarien. Diese Urzeitgewächse sehen aus wie stachelige Weihnachtsbäume für Riesen.

Die Romantiker zieht es magisch in den Rosengarten. In einem Laubengang flanieren sie unter Wolken duftender Rosenblüten. Sie wandern weiter in den Mauergarten, den »Walled Garden«, mitten durch das einhundert Meter lange Staudenbeet, einer farbigen Pracht unterschiedlichster Blüten. Dann nehmen sie den Tee in einem runden viktorianischen Gewächshaus ein. Natürlich aus Glas, um den Blick nicht vom Garten abwenden zu müssen. Gärtnerleben und Gartenerleben in Irland kann so schön sein.

Tipps zum Urlaub in Irlands Gärten

Anreise. Aer Lingus bietet viele Flüge von verschiedenen deutschen Flughäfen an.

Reisezeit. Irlands Gärten sind vom Frühjahr bis Herbst geöffnet. Ganz wichtig ist es, sich nach den genauen Öffnungszeiten zu erkundigen.

Unterkunft. June Blake hat auf ihrem Gartengelände einen ehemaligen Stall in zwei architekturpreisgekrönte Ferienwohnungen umgewandelt. Nobel und stilvoll in historischen Zimmern aus dem 18. Jahrhundert weilt man im Hotel Killashee in Naas, County Kildare.

Sehenswürdigkeiten.  Neben den Gärten zählen noch die mittelalterliche Klosteranlage Glendalough und der Nationalpark in Wicklow zu den besonderen Sehenswürdigkeiten.

Persönlicher Tipp. Das irische Klima kennt alle Wetter, von Sommerhitze bis Regenfall. Seien sie mit ihrer Garderobe darauf vorbereitet.

Irlands Gärten: eine Übersicht

Adressen. June Blake’s Garden in Tinode, Blessington, County Wicklow:Im Garden gibt es auch ein Café.
Hunting Brook Gardens in Lamb Hill, Blessington, County Wicklow:
Powerscourt Gardens in Enniskerry, County Wicklow. Im Schlossgebäude befinden sich neben einem größeren Café auch mehrere Läden mit irischen Produkten, darunter Lebensmittel, Wollsachen und Kleidung von Avoca.
Patthana Garden in Kiltegan, County Wicklow.
Huntington Castle Gardens in Clonegal, County Carlow. Das Schloss mit dem Tempel im Keller kann mit einer Führung besichtigt werden. In einem Nebengebäude gibt es einen Tearoom mit kleinem Laden.
Woodstock Gardens & Arboretum in Inistioge, County Kilkenny. Der Garten verfügt über ein kleines Café in einem viktorianischen Gewächshaus.

Weitere interessante Gärten. Lafcadio Hearn Japanese Gardens im County Waterford:  Dieser Garten erzählt die verrückte Lebensgeschichte des irischen Japankenners Patrick Lafcadio Hearn. Die Gemeinde Waterford hat mit großem Engagement ein verwahrlostes Gelände in einen asiatisch anmutenden Garten verwandelt.
Kilfane Glen and Waterfall Gardens im County Kilkenny. Am Wasserfall des urwaldartigen Gartens herrscht irisches Wochenendfeeling. Coolcarrigan House & Gardens im County Kildare. In diesem großen Garten wirkt ein pflanzenbesessener Gärtner, der wie wild Bäume sammelt.

Weitere Infos über Irland gibt es hier.

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