»Wie putzig sind die denn«, entraunte es schon so manchem Besucher auf Helgoland. Der Grund: die Kegelrobben. Im Winter kommen sie zur Welt. Autor Franz Lerchenmüller war bei dem tierischen Spektakel auf der Nordsee-Insel dabei.

Die Heilige Familie liegt Frank Gutzke besonders am Herzen: »Das Kleine kam am Heiligabend zur Welt. Meistens halten die Mütter die Bullen nach der Geburt fern von den Babys. Hier aber wälzte sich der Alte aus dem Wasser und begrüßte sein Weibchen Nase an Nase – fast sah es aus, als küssten sie sich. Seitdem liegen sie hier in trauter Dreisamkeit herum.« Der wettergegerbte Wikinger, im richtigen Leben Rentner, hält nun schon seit über drei Wochen Wacht auf der Düne, der kleinen Sandinsel direkt vor Helgoland, auf der sich auch der winzige Flughafen befindet. Ab Dezember werfen die Kegelrobben auf Helgoland ihre Jungen, und Frank Gutzke und seine Kollegen vom Vogelschutzverein Jordsand achten darauf, dass sie nicht all zu sehr gestört werden.

Kegelrobbe auf Helgoland

Franz Lerchenmüller

Die Kegelrobben auf Helgoland galten lange Zeit als ausgerottet

Etwa ein Jahrhundert lang galten Kegelrobben an deutschen Küsten als ausgestorben. Sie hatten sich in den Nordatlantik, nach Norwegen und Schottland zurückgezogen. 1989 aber wurde die erste wieder in Helgoland gesichtet, das erste Junge wurde 1996 geboren. Seitdem wächst der Bestand kontinuierlich – anscheinend bietet die Deutsche Bucht wieder genügend Fisch. Etwa 120 Tiere, schätzen die Experten, tummeln sich derzeit rund um die Insel. 31 Geburten wurden im vergangenen Jahr gezählt. Zum Jahreswechsel 2007/2008 waren es 47.

Deutschlands größtes Raubtier sorgt vor der Kulisse von Deutschlands einziger Hochseeinsel für Deutschlands niedlichsten Nachwuchs – ein derart superlativ-trächtiges Ereignis wollen die Helgoländer natürlich auch touristisch vermarkten. Doch verträgt sich der Wunsch der Besucher, den Tieren möglichst nahe zu kommen, nur begrenzt mit deren Bedürfnis, ihre Kleinen ungestört großzuziehen. Damit die Gratwanderung gelingt, trotzen Gutzke und seine Kollegen täglich freiwillig kaltem Niesel und heftigen Böen.

Von Helgoland setzen die Besucher mit einer kleinen, heftig stampfenden Fähre zur Düne über. Dann stapfen sie los, querfeldein über die Sandstrände, die die 0,7 qkm große Insel von drei Seiten einrahmen. Sand sägt und schrabt und schmirgelt in weißen Schwaden über den platten Boden, und da liegen sie schon, vereinzelt in Kuhlen und halb zugeweht, wie vom Himmel gefallen: 60, 70 Zentimeter lange, regungslose dicke Maden in schmutzigweißem Kuschelfell. Der Wind beißt, und manchmal befürchtet man, sie seien erfroren – bis einen aus dem Sand doch wieder zwei schwarze, scheinbar hellwache Kulleraugen anblicken oder ein leises Heulen ertönt.

Ist Mama wirklich noch da?

Die Mutter daneben, eine hellgraue, fast zwei Meter lange Speckrolle, hebt ab und zu aufmerksam den spitzen Kopf. Und aus der Gischt am Meeressaum behält der stolze Papa, eine schwarzglänzende Walze von fünf, sechs Zentnern Lebensgewicht, sein Revier und die Dame seines Herzens aufmerksam im Blick. Herumliegen, schlafen, zuzzeln an Mutters Zitzen – junge Robben bersten nicht gerade vor Aktivität. Aber schließlich besteht ihre Hauptaufgabe darin, sich pro Tag ein Kilo Speck auf die Rippen zu saugen. Manchmal wiegen sie sich auf dem Rücken oder robben, auf die Vorderflossen gestützt, wie tolpatschige Bundeswehrrekruten ein Stück durch den Sand. Tasten aber doch immer mal wieder mit der Flosse hinüber: Ist Mama wirklich noch da?

Näher als 30 Meter sollten sich Beobachter den Tiern nicht nähern. Das ist ein Abstand, den nur die wenigsten einhalten. Verhält sich jemand gar zu penetrant, redet Gutzke schon mal Klartext: »Sie bleiben jetzt einfach mal stehen! Mit ihrem Hin- und Hergehampel machen sie die Tiere ganz hibbelig. Setzen Sie sich in den Sand und bleiben Sie ganz ruhig, so wie die Fotografen da hinten. Dann kommen die Robben vielleicht sogar auf Sie zu.«

Kegelrobben auf Helgoland

Franz Lerchenmüller

Allein oder mit den Seehundjägern?

Jeder Besucher kann auf eigene Faust losziehen und das sehr beschauliche Familienleben bei Robbens studieren. Oder auch mal miterleben, wie ein Bulle zügig das Wasser verlässt, sich erstaunlich schnell und offenbar zornig den Sandhügel hochschiebt, drohend das Maul aufreißt – und der kleinere Nebenbuhler, der herangeschlichen ist, als könnte er kein Wässerchen trüben und doch nichts anderes im Sinne hatte als seines Nächsten Weib, schleunigst das Feld räumt.

Interessanter aber ist ein Rundgang mit einem der beiden offiziellen »Seehundjäger« Dieter Siemens und Rolf Bledel. Eingesetzt wurden sie von der Regierung Schleswig-Holsteins, zu dem Helgoland gehört. Zwar müssen sie auch schon mal eine schwer verletzte oder kranke Robbe erschießen, verstehen sich aber vor allem als Heger der Tiere. Nass und zottig liegt ein Junges, das erst vor zwei Stunden geboren wurde, neben seiner Mutter, ein Stück Nabelschnur noch am Bauch. »Geburten verlaufen wie bei Menschen ganz unterschiedlich«, erklärt Siemens. »Manchmal dauern die Wehen lange. Einmal aber haben wir miterelebt, wie während der Geburt ein Flugzeug über der Mutter runterging: Plopp – vor Schreck war das Junge da!«

Und was gibt’s sonst noch auf Helgoland zu entdecken?

Mit etwas Glück sind Touristen sogar dabei, wenn Siemens oder Bledel sich einen der kleinen »Wonneproppen«, wie ein Fernsehreporter die Kleinen passend taufte, an der dreieckigen Hinterflosse greift und ihm mit einer Zange eine grüne Identifikationsmarke antackert, ohne sich weiter um das Gezappel zu kümmern.

Zwei drei Stunden – mehr Zeit auf einmal verbringen nur wenige Besucher bei den Robben. Schließlich gilt es, auch Helgoland zu erkunden, dieses Unikum von einer Insel mit seinen alten Molen, dem Aufzug zwischen den Stadtteilen Unter- und Oberland und den schiefergedeckten Häusern aus den 50er Jahren in Reihen parallel um Meer. Um Leuchttum, Kirchturm und Telekomturm heult und faucht der Wind. In den längst wieder grün bewachsenen Bombenkratern drängen sich die Heidschnucken aneinander, und in den Geschäften der Fußgängerzönchen stapeln sich Parfümflakons, Zigarettenstangen und Whiskybuddeln. Auch wochenlang abgeschnitten könnten die Insulaner eine Sause nach der andern feiern. Und dank Tausender von zollfreien Schweizer Uhren wüssten sie immer, wie langsam die Zeit vergeht.

Häuser auf Helgoland

Franz Lerchenmüller

Zerbombt, teils in die Luft gejagt, eingeebnet, wieder aufgeschüttet und hochgezogen – einem Teil der wechselvollen Vergangenheit des roten Sandsteinbrockens kommt man bei einer Bunkerführung auf die Spur. Wie eine wurmstichige Planke hatte die Wehrmacht die Insel durchlöchert. 13,8 km Gänge zogen sich durch den Fels. Alle militärischen Anlagen wurden nach dem zweiten Weltkrieg gesprengt. Erhalten und zu besichtigen sind noch 370 Meter des zivilen Bunkers, in dem 4000 Menschen Schutz suchten und fanden.

Zum letzten Mal zu den Robben

An die Geschichte der Hummerfischerei wiederum erinnern Museum und Aquarium. Hummer, einst das Markenzeichen Helgolands, sind selten geworden um die Insel, auch wenn das Alfred-Wegener-Institut sich um seine Wiederansiedlung bemüht. Ersatzweise propagieren die Helgoländer als neue Spezialität »Knieper«, die Scheren des im Überfluss vorhandenen Taschenkrebses. Kulinarisch freilich ist dies kein Ersatz: Das faserige Fleisch erinnert geschmacklich am ehesten an ausgekochten Zellstoff – die Soßen dazu müssen es richten.

Ein, zwei Mal heißt es natürlich, das Hochplateau auf dem drei Kilometer langen Klippenweg zu umrunden – je stürmischer das Wetter dabei, desto besser: Bei Stärke zehn schaufelt der Wind Leute vor sich her und gibt den Kormoranen am Lummenfelsen und den Möwen bei der Langen Anna Gelegenheit zu ein paar tollen Luftnummern. Wer jetzt hier umherstapft, meint jede Minute, als Fliegender Robert abzuheben – „»Robert welk flech«, wie er im Helgoländer Struwelpeter heißt. Ganz neu entdeckt er die Disziplin des 45-Grad-Winkel-Gehens und nickt den Vorüberfliegenden eilig zu, voller Respekt, was für rauhe Kerle und toughe Bräute doch heute unterwegs sind.

Landschaft auf Helgoland

Franz Lerchenmüller

Der letzte Besuch aber gilt noch einmal den Robben. Frank Gutzke wacht heute in der Nähe zweier Jungtiere. Sie sind schon ergraut und verlieren gerade die letzten Büschel des flauschigen Babyfells. Rund vier Wochen zählen die beiden, und bald ist Schluss mit lustig und der Gratisabfüllung an Mutters Brust. Jeden Morgen kann es soweit sein, dass sie sich auf den Weg machen hinunter zur See.

Das Vagabundenleben ruft, mit Ausflügen nach Schottland und Norwegen, und ein neues, ungebundenes Dasein als Selbstversorger: Anderswo schmecken Hering und Sandaal auch, und wenn mal eine Seezunge dabei ist, umso besser! »In fünf, sechs Jahren«, sagt Gutzke, »wenn sie sich die Hörner abgestoßen haben, kommen sie wieder zurück nach Helgoland und gründen hier ihre eigene Familie.« Es muss ja nicht immer eine Heilige sein.

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