Wild, weit und wunderbar – das ist der Sylter Osten. Wandern im wilden Osten macht Appetit – beste Voraussetzungen, sich treiben und verführen zu lassen.

Sabine Clahsen wohnt am Ende der Insel und ist hier viel unterwegs. Sie sammelt Blüten und pflückt Beeren. Holunder und Heidebeere, Hagebutte und sogar den auf Sylt seltenen Sanddorn. »Alles, was Sie sich vorstellen können«, sagt sie und lacht. Und daraus kocht sie köstliche Gelees und Marmeladen. Unterwegs vom Mai bis Oktober füllt sie Korb um Korb, Eimer um Eimer. In ihrer eigens eingerichteten Marmeladen-Küche (das Gesundheitsamt kontrolliert) experimentiert sie und zaubert »Sylter Rote Grütze« oder eine Marmelade mit Himbeere und Rosenblüte.

»Wir Frauen aus Morsum sind extrem kreativ! Wenn ich draußen unterwegs bin, fällt mir jeden Tag etwas Neues ein«,

sagt sie und stellt ein paar Gläser in das weiße Schränkchen am Litjmuasem 22. Der Kunde nimmt sich ein Glas und wirft das Geld in die »Honesty Box«. Dreißig Sorten sind es über das Jahr verteilt. Und wer echtes Glück hat, bekommt sogar ein Glas mit echter Sylter Sanddorn-Marmelade.

Kulinarische Schatzkiste

Ein paar Schritte weiter in Morsum liegt Hansens Hofladen. Silvia Brüggemann, Lebensgefährtin von Bauer Andreas Hansen, betreibt diese kulinarische Schatzkiste auf dem Hansenhof. Batterien von Gläsern und Flaschen, Marmeladen und Hochprozentiges, Landmettwurst nach Familien-Rezept und Schinken vom Galloway-Rind. Eigentlich produziert der Hansenhof Eier, die eignen sich als Verpflegung für den Rucksack nicht so gut wie der Rest. Aber für den »Hühnerbaron« – einen Eierlikör nach Geheimrezeptur – ist noch Platz.

Gleich nebenan hat Christel Peters ihre kleine Manufaktur. Vor vier Jahren kam sie aus Nordrhein-Westfalen auf die Insel und handwerkt Nudeln – Radiatori und Reginette. Ohne Farb- und Aromastoffe. Dafür zum Beispiel mit Curry oder Chili. Und Motiv-Nudeln: In Form der Insel – ein überraschendes Mitbringsel aus Morsum.

Der Wanderrucksack füllt sich mit Verpflegung

Marmelade und Wurst, Obst aus dem Bauernladen ist im Rucksack. Brot fehlt noch. Jürgen Ingwersen backt in Morsum ein im wahren Wortsinn ausgezeichnetes Brot. In der Backstube am Terpstig duftet es nach Brot, Tee und frischgebackenem Kuchen. Und nach Vanille, das kommt von den »Friesenkeksen«. Auch die backt Bäcker- und Konditormeister Ingwersen nach Familienrezept selbst. Die Kekse verschwinden zusammen mit einem Brot im Rucksack. Auf keinen Fall die Einkehr in Ingwersens Obstgarten verpassen: Diese Bauerngärten gehören im Osten Sylts dazu wie Marsch und Morsum-Kliff:

»In unserem Obstgarten ernten wir auch historische Apfel- und Birnensorten«,

sagt Jürgen Ingwersen, »die wir für unseren Kuchen und unsere Konfitüren verwenden!« Agathe von Klanxbüll lebt hier zum Beispiel, eine alte Apfelsorte, die so aromatisch, so saftig süßlich-sauer schmeckt, wie die Äpfel früher in Opas Garten. Saison für frisches Obst ist von Mai bis Oktober, von Erdbeere bis Hagebutte; immer lecker und immer frisch. Sommerlicht strömt durch das satte Grün der Apfelbäume, die Wärme lässt das Obst am Spalier duften, Schmetterlinge tanzen durch den Sommertag.

Eine Entscheidung muss her!

Unten herum oder oben? Auf dem Deich also oder vorbei am Archsum Kliff nach Keitum? Es ist Nachmittag geworden und eine Einkehr in Nordfriesland heißt auch, Tee zu trinken. Eine kräftige schwarze Mischung, das täte jetzt gut und typisch wäre es auch.

»Die Niederländische Ostindien-Kompanie brachte 1610 erstmals eine Ladung Grün-Tee in die Niederlande, von dort kam der Tee nach Deutschland«,

sagt Franziska Zaeske, »Schwarz-Tee etablierte sich erst Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland.« Franziska Zaeske ist Tee-Trinkerin aus Leidenschaft und hat diese zu ihrem Beruf gemacht. Zusammen mit ihrem Mann führt sie das Hotel »Kontorhaus Keitum«. Und unten in der Probierstube warten hundert Sorten Tee. Franziska Zaeske und die Mitarbeiterinnen geben Tee-Seminare, führen kompetent und kurzweilig durch die Welt des Tees. Schmecken tut es sowieso klasse und ein Stück selbstgemachten Kuchen gibt es auch.

Salzwiesen sorgen für Würze

Kurz vor Keitum grasen Galloway-Rinder auf den weiten Weiden. Sönke Andersen steht am Zaun, ruft die Tiere. Robust, kompakt, schwarz und zotteliges Fell. Die Rinder sind ursprünglich in Schottland heimisch und Andersens haben vor knapp dreißig Jahren welche nach Sylt geholt. »Weil sie hervorragend hier her passen«, sagt Sönke Andersen, »die Tiere weiden das ganze Jahr über draußen auf den Salzwiesen. Das Gras ist sehr nährstoffreich, diese Art der Haltung gibt auch ein exzellentes Fleisch.«

»Galloway – das ist der Trüffel unter den Fleischsorten!«

Als Andersens, von Haus aus Landwirte, damals mit den Galloways anfingen, wussten sie, dass es eine vorteilhafte, sinnvolle Tierhaltung ist. Die Rinder brauchen kaum einen Arzt und pflegen das typisch Sylter Biotop: die Salzwiese. Es ist Landwirtschaft im wahren Wortsinn. »Das ganze Ökosystem soll doch leben«, sagt Sönke Andersen. Was sie damals wohl nicht ahnten, ist dieser Bezug: »Auch das Bauerntum hat uns damals zum Tourismus verholfen. Urlaubsqualität kommt auch aus bodenständigen Ideen!« Sagt derjenige, der damit auch ein echt klasse Fleisch herstellt. Sohn Theide, Metzgermeister und Koch, zerlegt nebenan die Stücke und bereitet sie fürs Restaurant vor. Fleisch nach alter Väter Sitte: die Leute stehen an der Kühltheke Schlange, der Champagner-Kühlschrank summt.

»… dabei ist es doch nur eine ganz normale Arbeit, die wir machen!«

Sagt leise ein Sönke Andersen und geht wieder hinaus zu seinen Tieren. In Keitum betreiben Andersens das Restaurant »Kleine Küchenkate«. Drinnen heimelig, draußen ein schöner Gastgarten. Durch die Obstbäume tanzen letzte Hummeln, der Abend kriecht ganz langsam über das weite Marschland. Auf dem Tisch steht ein Filet vom Weideochsen. Die Flut ist aufgelaufen, mit ihr kühle Abendfrische und der Duft nach dem Meer. Irgendwo im Osten von Sylt. Wo es weit ist, wild und wunderbar. Und so gut schmeckt.