Der Besuch der Königsstadt Marrakesch gleicht einem orientalischen Märchen, bei dem die Grenzen zwischen Realität und Traumwelt verschwimmen. Text: Karolina Golab

Kapitel 1 – Das Labyrinth

Während der Mittagshitze sind die Stimmen Marrakeschs noch gedämpft, und in den Souks bewegen sich die Fußgänger ganz gemächlich. Die Teppichverkäufer und Polsterer trinken einen marokkanischen Pfefferminztee, aber zu einem Verkaufsgespräch sind sie allzeit bereit. Doch sobald sich die Sonne neigt und die eng zusammenstehenden Riads und Koranschulen einen wohltuenden Schatten spenden, werden die Stimmen lauter, die Farben der Babouches und Gewänder kontrastreicher und der Duft orientalischer Gewürzmischungen vermengt sich mit der staubigen Luft. Ich habe mich in der Medina treiben lassen und mein Ziel, den Platz der Gehängten, aus den Augen verloren. Es heißt, alle Straßen münden auf diesem Platz.  »Qu’est-ce que vous cherchez, Madame?« »La place.« Ein einäugiger Mann weist mir den Weg zum Jamaa-el-Fna, den hier alle Touristen suchen. Einen Lohn für seine fünf-, sechs- oder Wie-viel-auch-immer-köpfige-Familie, wie es sonst gang und gäbe ist, verlangt er nicht.

Calin Stan/Shutterstock.com

Trotzdem gleicht mein Spaziergang einem Irrlauf. Doch selbst wenn es so etwas wie eine Straßenkarte der Altstadt gäbe, würde sie mir wenig nützen. Denn nur wenige der sich wie das arabische Alphabet windenden Gassen sind beschildert, und der einzige verlässliche Wegweiser – das hoch aufragende Minarett der Kotoubia-Moschee – ist erst zu sehen, wenn man bereits sein Ziel vor Augen hat. Und so quetsche ich mich weiter durch die engen Gassen, zwischen Eselskarren und hupenden Mopeds hindurch. Ich kann nicht anders, als dem Chaos eine gewisse Poesie abzugewinnen und das sanfte Abendlicht zu bewundern, das »die rote Stadt« noch röter färbt.

Kapitel 2 – Gaukler und Gucci

Marrakesch steckt voller Gegensätze: Während die Medina noch wie ein orientalisches Abenteuer anmutet, in dem Schlangenbeschwörer, selbst ernannte Knochenärzte und Dressuräffchen die Bühne beherrschen, tummeln sich in der Neustadt lokale und internationale Stars in XXL-Sonnenbrillen und Gucci-Pumps.

In der Medina windet sich das größte Souklabyrinth Marokkos, in der Neustadt säumen groß gewachsene Palmen und Eukalyptusbäume zweispurige Prachtboulevards. Hier die mobilen Garküchen, die gekochte Lammköpfe und Tagine-Eintöpfe anbieten und wo Köche um die Gunst des Gastes feilschen. Dort betritt der Besucher ein glamouröses Neustadtlokal über einen flauschigen roten Teppich. Hier die Holzschnitzer, Lampenschmiede, Teppichknüpfer; dort Zara, Lacoste und Yves Saint Laurent. Hier der Ruf des Muezzin, dort das Konzert von Khaled. Das Spiel ließe sich immer weiter fort spinnen, denn Marrakesch ist beides: modern und archaisch, pulsierend und andächtig. Mit Ratio kommt man hier selten weiter, eher mit einer ordentlichen Portion Intuition, mit der man die Sinnlichkeit der Stadt erahnen kann.

Kapitel 3 – Mein Name ist Yela

Sesam öffne dich! Wie wohl es tut, nach einem aufreibenden Tag an einen ruhigen und farbreduzierten Ort zurückzukehren.

»Ana Yela« ist eine solche Oase.

Das Riadhotel, ein 300 Jahre altes Stadtpalais, steht im Kontrast zu der quirligen Medina und ist doch ein Teil von ihr. Eine Fata Morgana, wie es sie nur hier, im nördlichen Teil der Altstadt, geben kann, in einer engen Gasse, in der Kinder Fußball spielen, nicht ahnend, welches kleine Elysium sich hinter der dunklen Holztür verbirgt. Wer das Innen-Außen-Prinzip der marokkanischen Architektur kennt, weiß, dass man an der Außenmauer nicht beurteilen kann, ob Armut oder Reichtum sich hinter den Mauern verbergen. So verrät weder eine Hausnummer, noch ein Namensschild des Riads »Ana Yela« seine Existenz.

Ana Yela

Beim ersten Mal findet der Gast den Weg nur mit Begleitung des Hoteleigen­tümers, beim zweiten Mal mithilfe des Hotelchauffeurs und beim dritten Mal selbstständig.

Dann: Drei mal Klopfen, und die dunkelbraune Holztür geht auf. Ich muss mich ducken, dann zwischen dem weißen Vorhang hindurchgehen, der den kleinen Vorraum vom Patio trennt. Und beng! Der zweistöckige Patio trifft direkt ins Herz. Wie angenehm ruhig das Wasser im Brunnen vor sich hin plätschert. Ein dezenter Duft von Rosen und Lilien liegt in der Luft. In Sekundenschnelle ist der Staub der Straße vergessen und das Geruchsmosaik des Souks aus Koriander, Safran und Arganöl verflogen. Mit den weichen Babouches – den typisch marrokanischen Pantoffeln –, die jeder der maximal zehn Gäste des Hauses als Willkommensgeschenk bekommt, schwebe ich fortan ein paar Zentimeter über dem Boden. No shoes, no news. Dafür habe ich alle Zeit der Welt – zum Verweilen. Vom fliegenden Teppich, einem breiten Diwan ganz oben auf der Terrasse des Riads, sieht die Medina ganz friedlich aus. Eine handvoll Minarette ist zu sehen und Tausende von Satellitenschüsseln … Irgendwo in der Ferne ist das schneebedeckte Atlasgebirge zu erkennen. Ein lauwarmes Lüftchen spielt mit den kleinen Flammen der unzähligen Kerzen. Die Ruhe wird kurz durch den Ruf des Muezzin durchbrochen. Gänsehaut. Augen zu. Der fliegende Teppich scheint loszuschweben.

Kapitel 4 – Der fliegende Teppich

Der Geschichtenerzähler nahm einen Schluck honigsüßen, marokkanischen Minztee, machte es sich auf dem weißen Lederpouf bequem und sprach: »Es war einmal eine wunderschöne Prinzessin namens Yela. Sie lebte in einem Palast, den sie über alles liebte. Jede Nacht, wenn die Familie und alle Bediensteten schliefen, schlich sie sich auf die Dachterrasse, legte sich auf den roten Teppich und schaute zum Sternenmeer hinauf. Eines Nachts kletterte ein Nachbarsjunge hinauf und vertraute ihr ein Geheimnis an …«  Die Gäste hörten gebannt zu, und niemand wagte, den frisch zubereiteten Couscous zu probieren, der auf großen Silbertabletts mit Houmous, Kichererbsen und dem in Zitronensauce zubereiteten Hühnerschenkel in der Mitte des Divans serviert wurde. Der Erzähler gestikulierte, und ab und zu trommelten die Berber los um einen spannenden Moment zu betonen.  Jeder kann sich denken, wie die Geschichte weitergeht: Eine schöne Prinzessin, ein Nachbarsjunge, ein fliegender Teppich, ein Kuss. Was bleibt, ist dieses Boutique-Riadhotel, das die perfekte Kulisse für diese Liebesgeschichte sein könnte.

Märchenhafte Stimmung im wunderschönen Riadhotel Ana Yela

Karolina Golab

Kapitel 5 – Monsieur Kolb

Der Geschichtenerzähler hat keine vom Safran gefärbten Zähne, und die Hände seiner bildschönen Frau, die an Yela erinnert, sind nicht mit Henna geschmückt. Bernd und Andrea Kolb haben diesen Ort der Inspiration eröffnet, dem die Liebeserzählung der Yela zugrunde liegt und in den sie ihre ganze Hingabe gesteckt haben. Die drei Zimmer und zwei Suiten des Riads sind nicht einfach nur charmante Räume, sondern die Kapitel aus dem Leben der Yela. Schlüssel gibt es hier nicht, denn die »Kapitel« sind lediglich durch weiße Vorhänge vom Patio getrennt. Heller Stein, weißes Satin, silberne Kalligrafieinschriften an den Wänden und kugelrunde Hängelampen schmücken die liebevoll eingerichteten Zimmer. Jedes Waschbecken ist kunstvoll in Metall gehauen, jede Steinwanne ein Unikat. Hier kann der Gast auf weit mehr als perfekte Dienstleistung und elegante Zimmer hoffen. Er wird gleich in eine andere Welt entführt. »Bei uns sind die Zimmer umsonst, bezahlt wird die Erfahrung«, und natürlich hat Bernd Kolb den Satz im übertragenen Sinne gemeint, aber man begreift sofort, was er mit Erfahrung meint: Ana Yela ist der Ort, den man im überfrachteten Marrakesch zum Atmen braucht. Nirgendwo ist das Nichtstun schöner, und dennoch lernt man hier die Metropole von ihrer besten Seite kennen. Für mich gilt: Wenn Marrakesch, dann Ana Yela.

 

Hotel. Ana Yela. 28 Derb Zerwal, Zaouira Abassia, 40000 Marrakech Medina, Morocco,Tel.: +212 (0) 524386969, www.anayela.com

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