Bei einer Kreuzfahrt in die Westkaribik auf einem amerikanischen Schiff wird es bestimmt nie langweilig. Neben Burgern, Bingo und Black Jack bekommt man nämlich auch traumhafte Küsten serviert. Da kann doch eigentlich nichts schiefgehen. Oder? Das Tagebuch eines Kreuzfahrers. Text: Markus Grenz

Tag 1 Dass in Amerika alles mindestens zwei Num­mern größer ist, habe ich bereits auf der Hinfahrt zum Kreuzfahrthafen durch Miami feststellen können. Der ist zufälligerweise auch noch einer der größten der Welt. Das Schiff »Norwegian Epic« aber, das für die nächsten sieben Tage mein Zuhause sein wird, setzt dem Eindruck noch ein Krönchen auf. Oder besser: eine »Imperial State Crown«. 19 Decks hoch, 330 Meter lang und 40 Meter breit, schaukelt der Stahlkoloss vor sich hin. 4.100 Passagiere und 1.700 Crewmitglieder bevölkern den Giganten. Das ist kein Schiff, sondern eine schwimmende Stadt. »Wie wird das nur werden?«, frage ich mich. Natürlich unterhaltsam, denn das Entertainmentprogramm aus Las Vegas ist schon gebucht. Der erste Abend gehört einem krächzenden Rod Stewart, einem zuckenden Michael Jackson und einer Britney Spears, die sogar singen kann.

Tag 2 Um die knapp 3.000 Kilometer zwischen Miami und dem ersten Stopp, die mexikanischen Costa Maya auf der Yucatánhalbinsel, hinter sich zu bringen, braucht unser Schiff mehr als einen Tag. Zeit genug, um ausgiebig karibische Seeluft auf dem Balkon zu schnuppern und den Ausblick auf den Atlantik zu genießen. Angenehm gekühlt vom sanften Wind, beobachte ich die blütenweißen Schäfchen, die eines nach dem anderen über meinen Kopf hinwegschweben. So lasse ich mir eine Kreuzfahrt gefallen.

Ein gänzlich anderer Rhythmus herrscht allerdings auf dem Freilufthauptdeck. Eine Rastaband setzt – wie könnte es anders sein – Bob Marley ein Denkmal. Auf der Tanzfläche schwingt ein Senior in Bermudas den Krückstock, während neben ihm eine dürre Blondine die Figur verbiegt. Eine Mutter zieht ihren zornigen Sohn hinter sich her, der gerade mit seiner Rotznase für einen neuen Belag auf seiner Pizza vom Rund-um-die-Uhr-Buffet sorgt. Auf diesem Schiff wird jede Altersgruppe bedient. Ich suche Ruhe im abgetrennten »Courtyard«-Komplex mit eigenem Swimmingpool, Bar und Sonnendeck. Eine Kabine hier kann man für einen Zuschlag buchen, und so viel sei verraten: Diese Investition hat ihre positiven Seiten. Keine Beats und keine Bengel stören beim Atlantikluft-Schnuppern.

Tag 3 Beim Aufwachen fällt mein Blick auf eine Reihe Sonnenschirme, die landestypisch ihre Basthütchen in Reih und Glied zur Schau stellen. Wir sind an der Costa Maya. Knapp drei Stunden später stehe ich vor dem Nachlass der Hochkultur. Rund 50 Meter in die Höhe kann man diese »Hauswand« auf Stufen erklimmen. Hier waren einmal die Konkubinen der Mayaoberschicht untergebracht. An der Schräge haben die Baumeister eine Art Terrasse mit Strohdach ins Bauwerk eingefügt. Ein Balkon zum Sonnenbaden für die holde Weiblichkeit? Fremdenführer Manuel weiß, womit er die Passagiere vom Gringoschiff unterhält. »Die Anlage war das Beverly Hills von Chacchoben«, berichtet er. Schlecht haben es die Schönen und die Reichen hier nicht gehabt. Zwei der charakteristischen Pyramiden mit der abgeflachten Spitze sowie die ähnlich gebaute, aber viel niedrigere Unterbringung der Liebes­dienerinnen sind von der ehemaligen Pracht übrig geblieben und sorgfältig in den 1990er-Jahren vom Urwald befreit worden. Als Charles Lindbergh 1926 die ersten Aufnahmen aus der Luft von der Anlage machte, war hier noch alles grün. Heute ist Chacchoben ein schöner Appetizer für die Maya­kultur in Yucatán.

Ich bekomme von dem Landgang aber eher Hunger auf Nightlife und schaue mir – zurück auf meinem Schiff – einmal das Programm an, das die Amüsier-Manager für heute anbieten. Mitklatschen beim Piano-Duell, Cocktail in der Lounge, die »Blue Man Group« oder Tanzen im »Bliss-Club« ? Ich wähle den Dancefloor und bin überrascht, wie viele Passagiere zwischen 25 und 45 Jahren sich zu den Beats aus Miami auf der Tanzfläche winden. Einer von ihnen ist Dave aus Chicago. »Na klar, die haben hier halb Las Vegas aufs Schiff gepackt und das zieht auch eine Menge jüngerer Leute an«, erklärt er mir. Sage und schreibe 25 Kreuzfahrten hat er in seinen 40 Lebensjahren bereits absolviert und fortan ist der Cruiseship-Dauergast für mich der »Cruisador«. Begeistert ist er von den Singlekabinen des Schiffs: Zum ersten Mal muss der allein Reisende nicht den doppelten Preis berappen. »Wer sich hier langweilt, ist selber schuld«, sagt mein Kreuzfahrer, bevor er mit seiner russischen Eroberung noch eine Runde zappeln geht. Die Dame spricht zwar nur ein paar Worte Englisch, die werden aber sicher ausreichen. Völkerverständigung de Epic.

Tag 4 »Wo bleiben eigentlich die Piraten?«, habe ich mich schon mehr als einmal gefragt. Schließlich bin ich doch in der Karibik, aber einem Captain Sparrow bin ich auf meinem schwimmenden Fantasialand noch nicht begegnet. Auf der honduranischen Insel Roatan sollte ich nicht enttäuscht werden. Die größte der »Islas de la Bahía« wäre mit ihrem tropisch bewachsenen Bergrücken und wunderschönen Sandstränden jedenfalls eine Pirateninsel, wie sie ein Walt Disney nicht besser hätte erfinden können. Auf meiner Fahrt in einem kleinen Ausflüglerboot entlang der Küste sehe ich sie dann auch: 27 Meter lang, schaukelt die »Black Pearl« vor der Palmenkulisse auf dem türkisen Wasser. Von der schwarzen Farbe sticht der goldene Schriftzug am Heck der Perle kontrastreich ab. Natürlich ist dies nicht mehr das Original des Freibeuters Henry Morgan, das vor knapp 350 Jahren hier gebaut wurde. Und auch Sparrows gleichnamiges Schiff aus der Traumfabrik segelt in seichteren Gewässern. Mein Exemplar wurde für Touristen gezimmert, um die schönen Seiten der Karibik vom Wasser aus zu erleben.

Vom Land aus erkundet, gehört Roatan sicherlich zu den allerschönsten. Über die gewundene Hauptstraße fahren wir auf einer Berg- und Talbahn an einem Gemälde aus den unterschiedlichsten Grüntönen vorbei. Wie hingekleckst breiten sich hier und da bunte Bungalows aus. Längst lebt die Bevölkerung nicht mehr von der Piraterie, jedenfalls nicht im wörtlichen Sinn. Touristen bringen die Dollars auf die Insel, und wenn man dem ersten Eindruck trauen darf, gar nicht so wenige. In der Nähe liegt eines der weltgrößten Korallenriffe, das »Belize Barrier Reef«, und sorgt zusammen mit weiteren und den blütenweißen Stränden für volle Betten und Kassen. Armut, wie man sie so oft in der Karibik antrifft, wird man auf Roatan nicht so schnell finden. Aber immerhin fast ein Piratenschiff.

Tag 5 Den Tag auf dem Wasser nutze ich für den Abstieg in die »Unterwelt«, eine Las-Vegas-Spielhölle mit Ausmaßen, die auch Dante das Fürchten gelehrt hätten. Schon beim Verlassen des Aufzugs empfängt mich eine Wand aus Klingeln, Klackern und Computerstimmen. Von den endlosen Reihen der einarmigen Banditen lassen sich die Kreuzfahrer in jeder Altersgruppe mit Vergnügen ausnehmen. Walzen mit farbigen Symbolen drehen sich hundertfach, überall leuchten bunte Dioden, angetrieben von den Vierteldollarmünzen, mit denen meine Mitreisenden die Automaten unermüdlich füttern. An den Roulette­tischen ziehen die Spieler nervös an ihren Zigaretten. Eine reife Dame in Abendgarderobe schiebt einen Stapel bunter Chips über das grüne Tuch, während ihr Nebenmann vor sich hin schnauft. Elegant verteilt ein Croupier die Black-Jack-Karten an die Pointeure. Mein neuer Freund Dave ist ebenfalls der Magie des Spiels erlegen und hat sich eine neue Braut gesucht, diesmal eine mechanische. Fiebernd sitzt er vor der »Da Vinci Mystery Machine« und blickt einer hämisch grinsenden Mona Lisa in ihr Antlitz, während er unablässig Münzen in die Blechliese steckt. »Auf so einer Kreuzfahrt findet jeder, was er sucht«, sagt er mir. Urlaub auf Amerikanisch.

Tag 6 Die Insel Cozumel ist die größte bewohnte Mexikos und das Ziel des dritten Landausflugs, bevor wir den letzten Tag auf dem Atlantik zurück nach Miami schippern. Jacques Cousteau machte die vorgelagerten Korallenriffe in seinen Unterwasserdokus in den 1960er-Jahren bekannt. Kein Wunder, dass hier die meisten Besucher, wie wir auch, ihre Zeit mit Taucherbrille und Sauerstoffflasche oder Schnorchel verbringen. Beim Eintauchen in das glasklare Wasser merkt man sofort, wie etwas gleichzeitig warm und kühl sein kann. Ein bisschen Puste brauche ich schon, bis ich die vom Strand im ökologischen Park »Punta Sur« knapp einen Kilometer entfernten Unterwasserlandschaften erreiche. Dort herrscht Hochbetrieb und ich gerate mitten in einen Schwarm von glotzäugigen, silbrig schimmernden Barschen und erstarre. Einen aufgescheuchten Schwarm schuppiger, schlüpfriger Körper an meinem muss ich nicht haben. Die träge dahingleitenden Riffbewohner lassen sich von mir aber nicht stören und ziehen über eine Pflanzenwelt, die sich, wie von einer Brise bewegt, sanft vor- und zurückneigt. Die Zeit scheint langsamer abzulaufen und um mich herum schimmert es gelb, lila und hellblau. Schon wieder eine andere Welt, denke ich mir, aber erheblich leiser. Wenn ich nicht den Schnorchel im Mund hätte, würde ich jetzt bei der Erinnerung an mein gestriges Erlebnis in der »Unterwelt« breit grinsen. Ich werde an die Worte meines »Cruisadors« erinnert. Ja, auf so einer Kreuzfahrt findet tatsächlich jeder, was er sucht. Oder?

Anreise. Von Düsseldorf und Frankfurt a. M. kann man täglich mit British Airways über London nach Miami fliegen.

Kreuzfahrt. Das amerikanische Kreuzfahrtunternehmen Norwegian Cruise Line (NCL) bietet verschiedene Kreuzfahrtpakete in die Süd-, West- und Ostkaribik an. Eine Sechs-Nächte-Tour in die Westkaribik von/nach Miami kostet ab 379 € (Preis April 2011 bis April 2012). Informationen unter Tel.: 0611 3 60 70.

Lektüre zum Schmunzeln. David Foster Wallace. »Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich«, Wilhelm Goldmann Verlag. Taschenbuchausgabe Januar 2006. 192 Seiten. 6,95 €.

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