Raimund Joos ist Buchautor und passionierter Pilger. Da liegt es natürlich auf der Hand, dass er sein Geld mit Reisebüchern übers Pilgern verdient. Was macht den besonderen Zauber des Pilgerns aus? Wo pilgert es sich am schönsten? Und wer pilgert überhaupt durch die Länder? Zeit für ein Gespräch. Interview: Frank Störbrauck

Herr Joos, was fasziniert Sie eigentlich am Pilgern?

Das gute alte »analoge Leben«. Das Face-to-Face mit den Pilgerfreunden und Pilgerfreundinnen. Man ist wieder zurück auf dem Boden der Realität angekommen und erlebt, wie wunderbar es ist, jeden Tag Sonne, Natur und Spanien pur aus erster Hand zu erleben.

Der Pilgerweg zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela gilt als die Königsdisziplin, als der Klassiker unter allen Pilgerwegen. Zu Recht?

Die Bezeichnung »Klassiker« gefällt mir besser. »Königsdisziplin« erinnert mich etwas an Leistungssport und das hat meines Erachtens eigentlich nichts mit der Idee des Pilgerns zu tun. Auch wenn der neueste Verkaufsschlager der geschäftstüchtigen katholischen Kirche von Santiago detaillierte, in Latein verfasste Leistungszeugnisse für Pilger sind.

Füße von Pilgern am Startpunkt in Bilbao

Soloviov Vadym/Shutterstock.com

Es führen mehrere Wege zum Grab. Welcher ist Ihr Liebster?

Die Frage ist so grausam wie die, welches seiner Kinder ein Vater am meisten liebt. Jeder Weg hat seinen Reiz. Der Caminho Portugués ist durch seine liebliche und gastfreundliche portugiesische Kultur bei den Deutschen inzwischen genauso beliebt wie der Camino Francés, welcher ja durch Hape Kerkeling so bekannt wurde. Hart, aber wunderschön ist der Küstenweg in Nordspanien. Die Vía de la Plata ab Sevilla in Südspanien hält ihre Liebhaber durch ihre Weite, Einsamkeit und Naturbelassenheit in Bann.

Wie oft sind die schon in Ihrem Leben gepilgert? Und wie lang gehen Ihre Touren normalerweise?

Oh – ich habe irgendwann bei ca. 20.000 Kilometern aufgehört, das zusammenzurechnen. Normalerweise bin ich zehn bis 30 Tage unterwegs. Je nachdem, ob ich eine Reisegruppe führe oder meine Bücher update.

Wie dürfen wir uns die Aktualisierungen vorstellen? Laufen Sie den Weg komplett ab, inspizieren die Weiden, sind nach auf der Suche nach bisher unentdeckten Blumenfeldern und checken die Gasthäuser auf der Strecke?

So sah das vor allem in den ersten meiner nunmehr 13 Berufsjahre aus. Leider ist in meinem Berufsalltag, in dem ich jährlich inzwischen ca. 4.000 Kilometer Wege und wohl über 1.000 Herbergen, Restaurants, Museen usw. aktualisiere, nicht mehr viel Platz für Pilgerromantik. Da beneide ich immer meine Leser, die mir in ihren Änderungsvorschlägen auch begeistert von meiner alten Jugendliebe, dem »richtigen« Pilgerleben, berichten. Nein – ich recherchiere heute zwangsläufig gut die Hälfte der Zeit im Internet und am Telefon. Die nicht wenigen neuen Wegvarianten und Herbergen begehe und besuche ich aber natürlich immer noch vor Ort.

Welche Pilgertour machen Sie am liebsten? Und warum?

Wenn ich eine nette Reisgruppe führe, liebe ich das und schäme mich fast, dafür auch noch ein Honorar zu berechnen. Bei meinen Updates für meine Reisebücher bin ich am liebsten auf der Vía de la Plata ab Sevilla unterwegs. Unberührte Natur und wenig Infrastruktur – was wenig Recherchearbeit für mich bedeutet.

Raimund Joos

Max Maximov MM/Shutterstock.com/privat (rechts)

Haben Sie eine Lieblingspilgerunterkunft in Spanien?

Auch diese Frage ist wieder gemein! Die liebste Unterkunft ist mir immer noch die, welche ich z. B. nach einem Wolkenbruch am dringendsten brauche. Und dann fallen mir da noch ein Bungalow auf einem Campingplatz am Meer nahe von Porto und die Pension in Santiago ein, in der ich mich nach getaner Arbeit immer auf das Bett fallen lasse.

Welche Fehler begehen Ihrer Beobachtung nach unerfahrene Pilger am häufigsten?

Zu viel belastendes Gepäck auf dem Rücken und vor allem auch im alltagsgeplagten Kopf. Zu wenig Zeit und Gelassenheit, dass letztlich doch alles gut wird, wenn man nur darauf vertraut.

Früher sind die Menschen gepilgert, weil sie um Vergebung ihrer Sünden baten oder weil sie hofften, von ihren Krankheiten befreit zu werden. Was ist von diesen Motiven heute noch übriggeblieben?

 Ha – das mit der Vergebung der Sünden ist heute auch gar nicht mal sooo falsch. Allerdings sind das heute eher vorhergegangene Kaloriensünden oder der Raubbau an der eigenen seelischen Gesundheit durch Berufs- oder Beziehungsstress. Die Seele krankt und sucht sich instinktiv den Ort ihrer Heilung. Das Suchen und Finden geschieht da ganz ohne Hokuspokus aus sich selbst heraus.

Pilger machen Rast am Pass nahe der spanisch-französischen Grenze

Raimund Joos

Was schätzen Sie, wie viele Pilger, die zum ersten Mal unterwegs sind, kehren später wieder auf den Pilgerweg zurück? Anders gefragt: einmal Pilger, immer Pilger?

Ja, ich schätze mal, ca. zwei Drittel werden rückfällig. Wen es wirklich richtig erwischt hat, den ändert dieses Erlebnis grundlegend und der bleibt Pilger – auch wenn sich das dann sehr verschieden zeigen kann.

Nun ist Ihr »Kleiner Pilgersprachführer« bereits in 4. Auflage erschienen. Warum um Himmels Willen brauchen Pilger einen eigenen Sprachführer?

Na! Warum verschwenden Sie Ihre Zeit überhaupt damit, Ihrer Nachbarin „Guten Tag“ zu sagen – es geht auch ohne? Pilgern bedeutet auch, sich in einer freundlichen Weise der Galstkultur zu öffnen, und der Sprachführer möchte darüber hinaus einen kleinen – auch humoristischen Einblick – in die Welt der Spanier und die etwas freakige Kultur des Pilgerns geben.

Hapert die Kommunikation unter den Pilgern denn häufig an mangelnden Sprachkenntnissen?

Nein – ganz im Gegenteil, da versteht man sich meist ohne Worte. Aber es ist schon auch ein netter Aha-Effekt, wenn man auf Spanisch Komplimente für das gute Essen machen und seinen erschlafften Pilgerfreunden in deren Muttersprache Mut zusprechen kann.

Pilger auf dem Camino del Norte

Raimund Joos

Apropos erschlafft: Was ist das beste Rezept gegen Blasen an den Füßen?

Das muss jeder – genauso wie seine Wanderschuhe – selbst ausprobieren. Ich rate, die Schuhe eine Nummer größer zu kaufen, gute Wandersocken zu tragen und die beiden kleinsten Zehen auf jeder Seite prophylaktisch mit Rollenpflaster abzukleben. Man kann es auch mit Hirschtalg oder Ähnlichem probieren.

Wohin pilgern Sie als Nächstes?

Zu einer kleinen bescheidenen Franziskuskapelle, die nur fünf Kilometer von meiner Wohnung entfernt an einem schönen Waldrand liegt. Oder mit unseren beiden kleinen Hunden zu der Blumenwiese, wo sie, wenn sie endlich von der Leine gelassen sind, immer wie wahnsinnig losrennen und ihre freudigen Kreise ziehen. Verstehen Sie, was ich damit sagen will? Pilgern steckt in allem und jedem drin – und hat auch keinen Anfang und kein Ende. Das ist letztlich in keiner Sprache in Worte zu fassen!

Raimund Joos stellt in seinem »Kleinen Pilgersprachführer« neben allen wichtigen Sätzen für den Pilgeralltag auch viel Humorvolles und die wichtigsten Wörter für die Verständigung mit Pilgern anderer Nationen (z. B. Englisch, Niederländisch, Französisch) dar. Das Buch ist im Conrad Stein Verlag erschienen und kostet 7,90 Euro.

 

 

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