London ist berühmt für seine roten Doppeldeckerbusse und Telefonzellen, den Big Ben und den Buckingham Palace. Das kennen Sie alles schon? Dann sollten Sie einen Blick in den Fettnäpfchenführer werfen – den neuesten Reiseknigge aus dem Conbook Verlag. Text: Romina Lammers

Der Titel »Fettnäpfchenführer London« klingt verheißungsvoll und ein bisschen angsteinflößend zugleich. Ist Englands Kultur denn so abweichend von der unseren, dass man sich in Gefahr wiegt, in Fettnäpfchen zu treten? Autor Michael Pohl findet das zwar nicht, dennoch schreibt er auf 310 Seiten auf, wie man ein wohlangepasster Tourist werden kann. Die essenzielle Frage, die er sich in diesem Werk stellt, lautet, ob denn Käufer von Reiseführern-von-der-Stange »das London der Londoner« überhaupt sehen würden. Aus diesem Grund versucht der Autor, das Bild Londons abseits der »ausgetretenen Touristenpfade« zu zeichnen. Schon im Inhaltsverzeichnis geht es unkonventionell zu; mit treffender Schlichtheit kategorisiert der Autor den Inhalt der Kapitel auf den Punkt: »London kauft ein« oder »London im Fluss«. Fertig, aus.

Prolog und Epilog informieren den Leser über Absichten des Autors, seine bedingungslose Liebe zur Stadt und umrahmen die Reise der fiktiven Person Fabian, die mit dem Leser nach London aufbricht. Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen Situation von Fabian, der in mehr und weniger absehbare Fettnäpfchen trifft. Es folgt ein Ratgeberteil, der erklärt, wie es anders geht. Wie es londoner geht. Dabei handelt es sich nicht um den Stil eines persönlichen Erfahrungsberichts, sondern um ein stilles Analysieren dessen, was die Stadt zwischen Arbeitstag und Tourismus ausmacht.

Vordrängeln geht gar nicht

Beispiel gefällig? Schlange stehen: Michael Pohl verpackt das britische Klischee mit alltagserprobtem Detailwissen und zieht Vergleiche mit Zitaten aus Deutschland-Reiseführern. So beschreibt er, dass im U-Bahn-Reglement der Stadt London das Vordrängeln strengstens untersagt ist.

Eine weitere interessante Anekdote teilt er dem Leser mit, als es um die britische Wetttradition geht. David Threlfall, einer der bekanntesten Wettgewinner, schloss 1964 die Wette mit dem Unternehmen William Hill ab, dass vor Beginn des Jahres 1970 ein Mensch den Mond betreten würde. Mit einer starken Wettquote von 1000:1 ging er ins Rennen und erntete Erfolg. Wie allseits bekannt, war es Neil Armstrong, der 1969 als erster Mensch auf dem Mond war. Auf den Verkehrsdschungel der Stadt geht er besonders ein. Mehrmals und detailreich, aber ohne Stadtkarte oder Liniennetzplänen. Dafür erklärt er mit umso mehr Stadterfahrung, welcher Flughafen ratsam ist, wie man das U-Bahn-Netz perfekt ausnutzt und wann ein Bus der bessere Transport ist. Trotzdem möchte man in London nicht ohne eigenen Stadtplan dastehen.

Und was machen die Londoner in ihrer Freizeit? Auch da weiß Pohl Bescheid: Ein Mittagspausen-Londoner isst im Prête-à-manger ein frisches Sandwich. Ein Metro-phober Einwohner fährt mit dem Rad an der Themse entlang, vom Victoria Parc bis zum Canary Wharf Pier. Ein musikaffiner Hauptstädter treibt sich oft im Stadtteil Camden rum. Waschechte Londoner Fußballfans fahren mindestens einmal die Woche ins Emirates Stadium. Und trinken danach Pints in The Gatehouse. Wer jetzt noch wissen will, was Londoner so tragen, was sie im Fernsehen schauen und warum man Eier bratende Bankangestellte auf den Straßen antreffen könnte, denen sei dieser Reiseknigge ans Herz gelegt.

Amüsante Tippfehler

Das Werk liest sich flüssig und unterhaltsam, ohne den informativen Charakter eines Reiseführers zu vernachlässigen. Dass Bilder fehlen, ist schade, eine Auswahl an außergewöhnlichen Aufnahmen hätte den Reiseführer sicherlich nicht uniformer gemacht. Leider sind im Buch einige Tippfehler im Lektorat übersehen worden, die teilweise amüsant wirken – so wird aus Vivienne Westwood »Vivienne Wetwood« -, teilweise den Lesefluss stören wie »Received Pronunctiation«, »ein späte Ladenschluss« oder »Zuerst glaubt ich noch«.

Fazit: Am Ende lernt man von diesem Reiseknigge, dass es weitaus interessantere Souvenirs aus London gibt, als man sich hätte vorstellen können. Wer das Buch in der Reisetasche hat, kann in jedem Fall origineller shoppen und einen Tee bei Fortnum & Mason oder Objekte der gelben Serie von Selfridges mitbringen. Diese Mitbringsel sind nicht so selbst erklärend und langweilig wie eine 08/15-Postkarte. Sie erlauben zudem mehr Antworten als ein abgewürgtes »Schön!« auf die obligatorische Frage der Daheimgebliebenen, wie es denn im Urlaub so gewesen sei.

Michael Pohl: Fettnäpfchenführer London: Eine Reiseknigge für das größte Dorf Englands, Conbook Verlag, 310 Seiten, gebunden, ISBN: 978-3-943176-73-5, € 9,95 (D).

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