Robert Peroni, Profibergsteiger aus Südtirol, unternahm mit Anfang 40 eine Expedition nach Grönland. Wenige Jahre später zieht er um. Von Südtirol nach Grönland. Darüber und über sein Leben auf Grönland hat er ein Buch geschrieben: „Kälte, Wind und Freiheit”. Eine Rezension. Text: Frank Störbrauck

Grönland steht vor allem bei Entdeckern und Abenteuerlustigen hoch im Kurs. Die meisten Reisenden besuchen Grönland freilich nur für einen Tag, allenfalls für ein paar Tage. Sie schauen sich ein paar Inuit-Dörfer an, sind von der Landschaft und der Einsamkeit betört, kaufen einige Souvenirs – und sind anschließend wieder weg. Kontakt zu den Einheimischen und deren Kultur? Fehlanzeige. Wer aber genau darüber mehr erfahren möchte, über das Leben der Inuit, über den Alltag, über das Selbstverständnis dieser für viele von uns fremden Menschen, für den ist Robert Peronis Buch »Kälte, Wind und Freiheit« eine gute Wahl.

»Red House« setzt sich für nachhaltigen Tourismus ein

Robert Peroni, 1944 in Südtirol geboren, verdiente als Bergsteiger und Abenteurer seine Meriten, bevor er sein altes Leben hinter sich ließ und nach Grönland zog. Dort gründete er nach mehreren Besuchen das »Red House«: Schule, Herberge und Begegnungsstätte für Besucher und Einheimische, die sich für nachhaltigen Tourismus einsetzt. Er hat sich dem Erhalt der Inuit-Kultur verschrieben und kämpft gegen die zivilisatorischen Unzumutbarkeiten der westlichen Welt: Stress, ewige Erreichbarkeit, Luftverschmutzung, Selbstverwirklichung um jeden Preis, all diese Dinge.

Peroni nimmt die Leser in seinem Buch »Kälte, Wind und Freiheit« mit auf seine Reise nach Grönland. Er berichtet von seinen zahlreichen Besuchen, den Eigenarten der Inuit und seinen Umzug. »Hier mangelt es an so vielem, trotzdem habe ich niemals gedacht, ich könnte etwas verpassen, wenn ich hier lebe. Im Gegenteil: Grönland hat mich gerettet. Dieser Ort hat mich zur Ruhe gebracht.« Groß sind die Entbehrungen, die er in Kauf nehmen muss: Es gibt kein Kino, keinen Friseur und keine Restaurants, auch keine Straßen. Und so verwundert es nicht, dass er sich von Freunden immer wieder fragen lassen muss, wie er es dort überhaupt aushalte? Peroni gibt frank und frei zu: »Ein bisschen verrückt muss man schon sein, wenn man hier lebt.« Denn, so Peroni, man könne unmöglich in Grönland leben, wenn man sein Leben nicht grundlegend ändere, sonst werde die Situation irgendwann unerträglich.

Auf Grönland hat niemand die Idee, Besitzgrenzen zu ziehen

Dafür rückt das Zwischenmenschliche viel stärker in den Vordergrund. Man besucht sich, spielt Karten oder isst etwas zusammen. Man kann einfach so ins Haus des anderen gehen, die Türen sind nie abgeschlossen. Apropos Haus: Eigentum kennen die Inuit nicht. Wenn jemand ein Haus hat, dann ist das Land, auf dem es steht, keineswegs sein Eigentum: »Wenn ich ein wenig Gras vor meiner Tür anpflanze, so wie ich es aus Italien kenne, trampeln alle darüber weg.« Auf Grönland, so Peroni, sei so viel Platz, dass niemand auf die Idee käme, Besitzgrenzen für sich abzustecken.

Die Stärken des Buches liegen in den eindringlichen Alltagserzählungen Peronis, die Sprache ist einfach. Liebhaber von Sprachgirlanden dürften weniger auf ihre Kosten kommen. Ein paar Dutzend Bilder, zusammengefasst auf mehreren Folgeseiten, illustrieren den Alltag auf der Insel. Das Buch ist wie geschaffen für alle, die wissen möchten, wie es ist als Bewohner eines Industrielandes, plötzlich in Grönland aufzuschlagen. Politisch hält sich Peroni zurück, er redet lediglich dann Tacheles, wenn es darum geht, die Kultur der Inuit zu verteidigen. Und dazu ist er bereit, wie sein letzter Satz in dem Buch verdeutlicht: »Dieses Buch soll mein kleiner Beitrag dazu sein, dass nicht alles verloren geht.«

Kälte, Wind und Freiheit – Wie die Inuit mich den Sinn des Lebens lehrten von Robert Peroni, Mitautor: Francesco Casolo, 240 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, ISBN: 978-3-89029-452-0, € 22,99 [D], € 23,70 [A], sFr 32,90

 

YouTube aktivieren?

Auf dieser Seite gibt es mind. ein YouTube Video. Cookies für diese Website wurden abgelehnt. Dadurch können keine YouTube Videos mehr angezeigt werden, weil YouTube ohne Cookies und Tracking Mechanismen nicht funktioniert. Willst du YouTube dennoch freischalten?