Ganz schön windig: Chicago trägt den Beinamen »Windy City«, allerdings nicht nur wegen des Windes – auch wenn sie im 19. Jahrhundert als Luftkurort galt –, sondern weil ihre Einwohner zu dieser Zeit wahre Windhunde waren und Korruption Alltag war. In Illinois gibt es aber noch mehr zu entdecken. Zeit für eine kleine Rundreise durch Illinois. Text: Andreas Dauerer

Chicago trägt oben und unten dick auf

»The thicker, the more Chicago«, sagen die Bewohner der drittgrößten Stadt Amerikas über ihr typischstes Gericht. Wer hier die Deep Dish Pizza probiert, merkt schnell, dass es keine Italiener gewesen sein können, die das hier erfunden haben. Eine Art heißer, fetttriefender Pizzakuchen steht plötzlich dampfend auf dem Tisch. Der Boden zentimeterdick, die Ränder überbordend. Der Belag besteht aus jeder Menge Käse, Tomaten und Wurst. Weil man schon mal 45 Minuten warten muss, bis man die Pizza bekommt, bestellt man sie in der Regel vor. Gegessen ist sie dann erstaunlich schnell, was nicht zuletzt daran liegt, dass man sie fast immer in der Gruppe isst, aber natürlich auch, weil sie einfach schmeckt. Aber nach drei Portionen ist dann auch mal Schluss.

Warum ich das erzähle? Weil man diese Pizza tunlichst nicht verzehren sollte, ehe man in den frei schwebenden Glaskasten exakt 412 Meter über dem Boden am einstigen höchsten Gebäude der Welt, dem Sears Tower, hinaustritt. Denn ein Besuch des Willis Turms, wie er heute heißt, ist ein Muss. Selbst ohne Ausflug in den Glaskubus erhält man fantastische Blicke über die Skyline Chicagos und, wer unbedingt will, eben auch nach unten. Glitzernd liegt der Lake Michigan da, zahlreiche Hochhäuser und Wolkenkratzer blinken ringsherum, an deren Konjunktur ausgerechnet eine Feuerkatastrophe im Jahre 1871 schuld war. Erst so konnten sich Stararchitekten auf den brach liegenden Flächen austoben. Sogar den sprichwörtlichen Wind der »Wind-City« scheint man zu sehen.

Bootstour auf dem Chicago Rivers, Bus nach Obamaville

Auch unten trägt Chicago weiter dick auf. Ganz klein wird man auf einer Bootstour entlang des Chicago Rivers zwischen all den Glas- und Betonklötzen, die links und rechts abwechselnd mal klobig und mal elegant vorbeiziehen.

Rundreise durch Illinois: Ein Boot mit Touristen fährt auf dem Chicago Rviers.

jessicakirsh/shutterstock.com

Gar ehrfürchtig könnte man erstarren, wenn man den Bus Richtung Hyde Park nimmt, zu jenem bunten Viertel also, das inzwischen besser bekannt ist als Obamaville.

Guide Frederick Douglas Nixon weiß, wo sich Michelle und Barack zum ersten Mal geküsst haben, als sie noch nicht im Weißen Haus waren, wo ihr Lieblingsitaliener ist und wo das Haus steht, das sie sich für viel Geld gekauft haben. Allzu nah kommt man aber nicht heran. »Hochsicherheitszone«, sagt Frederick und zuckt mit den Achseln. Ganze Straßenzüge sind hier bewacht und abgesperrt. »Wenn die Obamas zu Besuch sind, dann klettern Secret-Service-Leute auch schon mal auf Bäume.« Schade, dass sie es heute nicht tun.

Pontiac hat sich perfekt auf die Route-66-Klientel eingestellt

Alles beginnt bei Al Bundy. Nun ja, fast. Denn es sind nur zwei Blocks von der berühmten Buckingham Fountain, die im Vorspann der Serie »Eine schrecklich nette Familie« zu sehen ist, zum Startpunkt der Mutter aller Straßen in Chicago. An der Ecke Adams Street und Michigan Avenue steht das Schild, das den Beginn der Route 66 offiziell markiert. Das 12000 Einwohner zählende Städtchen Pontiac liegt zwischen Chicago und Springfield an ebenjener Straße und hat sich exklusiv auf ihre Route-66-Klientel eingestellt. Wer eine Rundreise durch Illinois macht, sollte hier vorbeikommen.

Rundreise durch Illinois: ein Stopp in Pontiac

Steve Lagreca/Shutterstock.com

Dem Mythos nach Freiheit und Staub kann man gleich in vier Museen nachspüren, oder besser gesagt, man muss. Allein 22 kunstvoll und kitschig verzierte Häuserfassaden, die sich mit dem Leben und Leiden auf und neben der Straße zwischen Chicago und Santa Monica widmen, erinnern daran, wo man sich gerade wirklich befindet. Augenscheinlich im selbst erkorenen Epizentrum der Route 66.

Und dann ist da ja auch noch Robert T. Russell, pensionierter Unternehmer und seit knapp vier Jahren Bürgermeister. Er kümmert sich um alles und jeden, vor allem aber um seine ausländischen Gäste. Viel hat er beim mittäglichen Cheesburger in Lydia’s Cup zu erzählen. Wo er herkommt, Ottawa, wie lange er schon hier lebt, seit 1979, und was die Route 66 eben so wertvoll für seine Stadt macht, so ziemlich alles.

Zum Essen kommt er dabei nicht. Nach dem ersten Bissen springt er schon wieder auf, um spazierende Touristen mit Handschlag zu begrüßen: »Hey, I am Mayor Bob, where are you from?« Kurz danach folgen ein perfekt intoniertes »Konnichi wa« und ein beinahe obligatorisches Foto. Typisch sei Pontiac für die Route 66, sagt der Bürgermeister noch. Chicago sei nun mal viel zu groß, und hier könne man in beinahe familiärer Atmosphäre die ursprüngliche Kultur genießen. Die Straße und die Gastfreundschaft sind in jedem Falle schon mal da.

Schön nicht, aber geschichtsschwanger: Springfield

Bei einer Rundreise durch Illinois gehört sie dazu. Obwohl, richtig schön ist sie nicht, die Hauptstadt von Illinois. Dafür aber ungemein geschichtsträchtig. Das liegt vor allem an einem gewissen Abraham Lincoln, der Springfield zunächst zu seiner Heimat machte, um später einer der berühmtesten und angesehensten Präsidenten der Geschichte der USA zu werden. Schließlich bewahrte er die Staaten vor einem vollständigen Zerfall während der Sezessionskriege und machte sich stark für die Abschaffung der Sklaverei. Im modernen Presidential Museum kann man sein Leben und Schaffen noch einmal genauestens unter die Lupe nehmen. Beeindruckend ist vor allem die mediale Bandbreite, die hier gezeigt wird. Ein Kino, ein Theater mit Spezialeffekten und echten Schauspielern und ein Rundgang, der die Geschichte Lincolns ganz plastisch zum Leben erweckt.

Größter Fan des 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten ist übrigens Ex-Präsident Obama. Dass er ins Präsidentschaftsrennen gehen werde, verkündete Barack Obama vor dem Old State Capitol.

Old State Capitol in Springfield, Illinois

RRuntsch/Shutterstock.com

Eben dort, wo einst Lincoln als Abgeordneter seinen Dienst tat. Abseits der großen Politik ist Springfield ziemlich gewöhnlich. Route-66-Nostalgiker statten Bill Shae und seiner alten Tankstelle einen Besuch ab, die vollgestopft ist mit jedweden nur erdenklichen Memorabilia der berühmten Straße. Geschichten aus seinem Munde gibt’s dann frei Haus.

Unbedingt probieren: den Horseshoe

Keinesfalls sollte man aber den legendären Horseshoe verpassen, ein kulinarisches Highlight aus Springfields Küchen. Der Name ist etwas irreführend und doch gerechtfertigt. Irreführend, weil man auf dem Teller Folgendes serviert bekommt: zwei Toastscheiben, ein Stück Hamburger Patty und darüber so viele Pommes frites, dass man nichts mehr außer dem Tellerrand sieht. Anschließend wird das Ganze mit einer dicken Käsesoße übergossen, die so ziemlich alles enthält, was nur in irgendeiner Form Fett als Geschmacksträger hat. Das hat auf den ersten Blick wirklich wenig mit einem Hufeisen zu tun. Wer sich allerdings bis zum Toast tapfer durchgegessen hat, der könnte alsbald meinen, ein Hufeisen verschluckt zu haben.

Anreise. United Airlines bedient Chicago dreimal täglich mit zwei Flügen ab Frankfurt a. M. und einem Flug ab München. Direktflüge ab € 650. www.united.com

Unterkunft. The Peninsula Chicago, 108 E Superior St, Chicago, IL 60611. 5-Sterne-Boutiquehotel im Herzen der Stadt, DZ pro Nacht ab umgerechnet ca. € 500. www.peninsula.com

Info. Allgemeine Infos zu Chicago und zu einer Rundreise durch Illinois erhält man beim Fremdenverkehrsamt unter: www.discoverillinois.de

Weitere Informationen gibt es in unserem Reiseführer Illinois.

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