Im Fränkischen Seenland in Bayern hat Freiherr Robert von Süsskind einen kinoreifen Landschaftspark geschaffen. Der Parkomane zieht mit seiner Begeisterung für Pflanzen die Besucher in seinen Bann. Daniela David hat den »grünen Baron« in seinem Gartenreich besucht.

Irgendwie ist der Mann verrückt. Wer ihn nicht kennt, ist beim ersten Kennenlernen erstmal verdattert, fast benommen. Er spricht schneller, als Unkraut wächst. Dazu hat er Augen, die so transparent und hellblau sind, dass dagegen der legendäre bayerische weiß-blaue Sommerhimmel wie eine dunkle Gewitterwolke wirkt. Wer? Freiherr Robert von Süsskind, genannt der »grüne Baron«. Warum grün? Weil er in den letzten Jahren auf seinem Anwesen Schloss Dennenlohe in Mittelfranken in Bayern einen Landschaftspark kreiert hat, der seines gleichen sucht.

Der »grüne Fürst«, also ein paar Adelsklassen höher als Baron, so wird in Deutschland der berühmte Hermann Fürst von Pückler genannt. Ein exzentrischer Adliger, der den Orient bereiste. Im 19. Jahrhundert gestaltete Pückler in Deutschland einige außergewöhnliche Parks im englischen Stil, wie Branitz und Bad Muskau, die noch immer bestehen.

Mit dem »grünen Fürsten« aus dem vorletzten Jahrhundert hat der »grüne Baron« aus Franken den unbändigen Antrieb zum grünen Gestalten gemeinsam. Tatsächlich gibt es aber auch eine lokale Verbindung. Aber dazu später mehr.

Schloss Dennenlohe liegt sehr abgeschieden

Also, die Ankunft. Abends, nach sehr langer Fahrt dann endlich Ankommen in einem eigentlich unspektakulären Dorf in Franken. Unterschwaningen liegt völlig abgelegen in der fränkischen Pampa. Doch da taucht plötzlich ein Weiher auf, ein Gutshof und dann Schloss Dennenlohe – in kompaktem symmetrischen Barock. Irgendwie überraschend, dieses herrschaftliche Gebäude in dem so kleinem Ort.

Schloss Dennenlohe

Daniela David

»Möchten Sie vor dem Abendessen schon mal kurz einen Blick in den Garten werfen?«, fragt Robert von Süsskind zur Begrüßung. Und schon geht es los: ein rasender Parcours durch die Süsskind’sche Gartenwelt, gefühlt wie ein Galopp durch eine Traumlandschaft im Abendlicht. Eine Szenerie »wie im Film«, denke ich und just blitzen Kinobilder durch den Kopf. Los geht es mit einem Labyrinth und einem Irrgarten aus Thuja, sie liegen sich gegenüber und haben jeweils ein Wasserbecken als Mittelpunkt. Der britische Regisseur Peter Greenaway, der mit dem »Kontrakt des Zeichners« einen der Gartenfilme schlechthin schuf, hätte seine Freude an dieser geheimnisvollen Spielerei mit der Natur gehabt.

»Der Irrgarten hat viele Fehlwege, während das Labyrinth ein durchgehender Weg ist«, erklärt der Baron rasch im Vorbeigehen. Sich verirren, sich verlieren, sich wiederfinden – damit spielte man galant in der großen Zeit der Gartenkunst im Barock.

Vom Acker zur blühenden Landschaft

Doch Dennenlohe präsentiert keinen Barockgarten wie im 17. Jahrhundert, sondern einen Landschaftspark des 21. Jahrhunderts – mit vielen verschiedenen Einzelbereichen. Sie spiegeln die teils verrückten Ideen des Gartenmachers wider. Da sind zum Beispiel vier riesige Hinkelsteine auf einer Mini-Halbinsel in einem kleinen Teich, die »Ochsensuhle«, stehend so aufgestellt, dass sie eine Parkbank umrahmen. Stonehenge à la Dennenlohe.

Robert von Süsskind

Daniela David

Schon geht es einen Hügel hinauf. Der Hausherr schreitet flott voran. »Den Schlossgarten nahe am Haus, unseren Privatgarten, gab es schon lange«, sagt Süsskind und zeigt auf das Gelände, »doch unser 25 Hektar großer Landschaftspark war bis vor wenigen Jahren noch Acker«. Schnell geht es den kleinen Berg wieder hinunter. »Ein Ochsenacker!«, betont der Parkgestalter noch. »Der Lehmboden ist so schwer hier, dass den selbst die Ackergäule nicht schafften, da mussten die kräftigen Ochsen ran.«

Seit 1990 gräbt, schaufelt, baggert Süsskind auf diesem schweren Boden. Er verwandelte den platten Acker in eine gestaltete Landschaft. Dafür legte er künstlich Hügel an, als Aussichtspunkt oder um Räume zu schaffen. So bei den »Wellengärten«, die sich an wellenartig geformte Hügel schmiegen.

Und da passt es, dass etwas weiter eine meterlange »Welle« aus Holz in der Wiese liegt. Sieht aus wie ein Landart-Kunstobjekt und wird in der Familie »der Lindwurm« genannt. »Da haben wir einen ausrangierten Messestand umgearbeitet«, heißt es. Ideen scheinen dem Gartenenthusiasten nie auszugehen.

500 Rhododendron-Sorten blühen um die Wette

Am Anfang gab es keinen fixen Plan, sondern alles entwickelte sich nach und nach, so wie die Ideen kamen. Begonnen hat der Franke mit dem Rhododendronpark, für den Schloss Dennenlohe bekannt ist. »Wir haben inzwischen 500 Rhododendron- und Azaleensorten«, zählt Süsskind auf. Rot, rosa, violett leuchten ihre Blüten.

Dann ist der asiatische Teil der Dennenloher Parkwelt erreicht, der exotischen Flair verströmt. Ein Fußpfad führt am Rande des Schlossweihers über mehrere Mini-Eilande. Seltene Pflanzen säumen den unebenen, verschlungenen Weg über die Moor-, Birken-, Theater-, Magnolien- und Tempelinseln. Da geht es über Stege, Holz-, Stein- und Metallbrücken.

Rote Brücke im Schloss Dennenlohe von Baron Robert von Süsskind

Daniela David

Die eine schwimmt, die andere schwingt. Die Hängebrücke mündet in einem dichten Bambuswald. Tief drinnen weilt ein großer Buddha, ganz als hätte er auf einen gewartet. Wow! Was für ein Effekt. Magie? Kino? Oder Wirklichkeit?

Robert von Süsskind eilt weiter durch sein Gartenreich. Da und dort wirft er kurz Pflanzennamen in die Abendluft. »Das ist eine schwarzblühende Königkerze, hier wächst eine seltene Chrysanthemen-Aster, dort Akanthus.« Auch mit den lateinischen Namen kennt er sich aus. Denn der 62-jährige Adlige hat eine Gärtnerlehre absolviert. Nachdem er in Sankt Gallen Wirtschaft studierte, zunächst als Makler und Eventmanager sein Geld verdiente, dann mit dem Park anfing, entschied er sich im Alter von 35 Jahren dazu, noch eine Lehre zu machen. »Ich war der älteste Lehrling von allen.«

In Bhutan einen Tempel in Auftrag gegeben

Großartiger Höhepunkt im Park ist der Bhutanberg. Erhaben thront auf dem Hügel ein originaler Tempel aus Bhutan. Das kleine Land im Himalaya zwischen Indien und China hat weltweit Schlagzeilen gemacht, als es das Glück der Bürger zum Staatsziel erkor.

Spielende Hunde vor einem Tempel

Daniela David

»Eigentlich wollte ich den Bhutan-Tempel von der Expo 2000 in Hannover kaufen, doch Richard Gere war schneller als ich und schnappte ihn mir weg«, erzählt der Himalaya-Fan. »Da habe ich eben direkt in Bhutan einen Tempel in Auftrag gegeben.«

Geht es noch verrückter? Einen Tempel aus dem einst letzten buddhistischen Königreich im Himalaya in die fränkische Landschaft im tiefsten Bayern zu verpflanzen? Die bunten buddhistischen Gebetsfahnen wehen vor dem Tempel im Wind. Analog zum oscarprämierten Kinofilm »Der letzte Kaiser von China« von Bernardo Bertolucci entsteht eine Atmosphäre, als sollte gleich »Der letzte König von Bhutan« gedreht werden …

Plötzlich reitet Frau Baronin auf einem spanischen Andalusier heran

Zeit zum Sundowner mit Blick auf die weite Garten-, Park- und Waldlandschaft. Es eröffnet sich eine Prärieebene voller Lupinen, mit Frühlings- und Sommerwiesen, einem Wollgrastümpel und einem Hang mit Kakteen und Agaven.

Sundowner im Park von Schloss Dennenlohe

Daniela David

Im Kino kommt beim Anblick einer amerikanischen Prärie eigentlich immer jemand angaloppiert. Und tatsächlich – wie im Film – reitet Frau Baronin auf einem spanischen Andalusier heran. Sabine von Süsskind. Der Baron nennt seine Frau jedoch Fanny.

Ohne Sabine, alias Fanny, geht auf Dennenlohe gar nichts. Während der Baron als Nobel-Gärtner in Gummistiefeln eigenhändig mäht, säht und pflanzt, kümmert sie sich um das Marketing und die Veranstaltungen, wie die Gartenmesse oder die Sommerkonzerte und Shakespeare-Stücke im privaten Schlosspark.

Auch die alljährliche Verleihung des »Deutschen und Europäischen Gartenbuchpreises« gehört dazu. Die Jury tagt im Schloss. Mit den eingereichten Gartenbüchern wurde im Gutshof eine »Internationale Gartenbibliothek«  eingerichtet.

»Der Umgang mit Pflanzen erdet die Patienten«

Zugleich ist Sabine von Süsskind von der heilenden Kraft des Gartens überzeugt. »Allein schon die Farbe Grün wirkt auf die Gesundheit des Menschen positiv«, erklärt die ausgebildete Gartentherapeutin. »Und der Umgang mit Pflanzen erdet die Patienten.«

Sabine von Süsskind

Daniela David

Selbst der reguläre Besucher, der einfach nur durch den Park flaniert, verspürt eine wohlige Wirkung. Ein Gefühl, wie wenn man das Kino verlässt nach einer großen Liebesgeschichte oder einem Abenteuerfilm, gedreht in fernen Ländern.

Der grüne Baron hat 1000 Ideen. Aha-Effekte gehören dazu. So hat er auf einem mit Rosen gesäumten Hügel ein eigenes Häuschen für eine Camera Obscura bauen lassen. Im dunklen Raum projiziert die drehbare Kamera die umliegende Landschaft auf ein Bild im Inneren. Ein Hauch von Vor-Stummfilmzeit umweht den Gast.

Natürlich gab es auch immer wieder Rückschläge. »Der letzte Winter war lang und spät noch sehr kalt und da sind uns einige von den 120 neuen Birnbäumen eingegangen«, berichtet Süsskind, hält sich damit aber nicht lange auf und spricht schon wieder von der Zukunft. Langfristig plant er ein Arboretum. Vielleicht die Location für einen neuen »Dschungelbuch«-Film?

Für diesen Waldgarten im nahegelegenen Eichwald hat Süsskind schon mal Sichtachsen geschlagen. Sichtachsen – ein grundlegendes Element auch in allen Parkanlagen des Gartenkünstlers Fürst Pückler. Der konnte seine gigantischen Parkträume nur dank des Geldes seiner Frau Lucie – ebenfalls gartenbegeistert – umsetzen. Und Lucie wiederum lebte vor ihrer Ehe mit Pückler viele Jahre auf Schloss Dennenlohe.

Zu guter Letzt: der Pfau im Privatgarten

Erst nachdem Lucie das barocke Gebäudeensemble aus dem 18. Jahrhundert verlassen hatte, kaufte 1825 ein Vorfahr des grünen Barons das Anwesen. Der hatte es als Bankier in Augsburg zu einem riesigen Vermögen gebracht. »Seitdem ist es in unserem Besitz«, erläutert Freiherr von Süsskind, »nun schon in achter Generation«.

Schnell bückt er sich und hebt ein Papierfitzelchen auf. Den Park in Ordnung zu halten, ist ein beständiges Wollen in ihm. Drei seiner sechs Hunde flitzen an ihm vorbei. Süsskind liebt Hunde, vor allem Erdale Terrier. Sie begleiten ihn und seine Frau überall mit hin, selbst auf Reisen.

Durch das runde und feuerrote, typisch chinesische Mondtor geht es in den Privatgarten des Schlosses. Der Pfau des Anwesens schreit und schlägt ein Rad. »Auch wenn sein Schreien manchmal nervt, besonders um fünf Uhr morgens«, meint Süsskind, »ein Pfau gehört für mich einfach zu einem Schlossgarten dazu«.

Pfau im Privatgarten von Schloss Dennenlohe

Daniela David

Sogleich rauscht er weiter zum »Persischen Garten«. Wasser plätschert über eine Steintreppe und fließt in Kanälen um eine mehrere Meter hohe Pflanzenspirale herum, die wie der babylonische Turm aussieht. Orient trifft Schlossgarten.

Zuletzt geht es noch eine alte, eingewachsene, steile Treppe zum Schloss hinauf. Und flugs verschwindet der Baron. »Ich bringe noch rasch die Gänse in den Stall«, sagt’s, biegt um die Ecke und lockt ein Gänsepaar auf Französisch mit »Allez! Allez!«. Laut schnatternd folgen ihm die beiden wie einem Vater in den Stall.

Zum Schuhe-Wechseln blieb für die rasende Gartentour ja keine Zeit. Und so erinnern sich auch die Abendschühchen an den unvergesslich klebenden Lehmboden vom Landschaftspark Schloss Dennenlohe. Der Obergärtner des Hauses erscheint zum Dinner im Speisesalon im Jacket mit Krawatte.

Informationen, Reisezeit und Sehenswertes in der Umgebung

Infos. Schloss Dennenlohe, 91743 Dennenlohe, info@dennenlohe.de. Die Führungen im Park macht Robert von Süsskind persönlich. Reservierung erforderlich. Der Park ist als Botanischer Garten anerkannt. Weitere Informationen hier.

Lage. Schloss Dennenlohe befindet sich im Dorf Unterschwaningen in Mittelfranken in Bayern, südwestlich von Nürnberg und nordwestlich von München.

Reisezeit. Der Park ist von Anfang April bis Anfang November geöffnet. Essen und trinken können Besucher auf dem Gelände im »Orangerie Café im Park« oder im »Marstall Wirtshaus im Gutshof«.

Sehenswertes. Im fränkischen Umland gibt es einige Residenzen mit besonderen Gärten: Schloss Ansbach mit barockem Hofgarten, die ehemalige Residenz des Deutschen Ordens Schloss Ellingen mit Landschaftspark, die Willibaldsburg mit Bastionsgarten in Eichstätt als Nachbildung des »Hortus Eystettensis«, des berühmten botanischen Gartens eines Fürstbischofs aus dem 16. Jahrhundert.

Mehr Geschichten von unserer Autorin Daniela David gibt es hier.

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