Im Herbst rasten Millionen Zugvögel an der Nordseeküste Schleswig-Holsteins – und nicht wenige bleiben als Wintergäste. Die großen Schwärme bieten dann ein Naturschauspiel auf großer Bühne mit Gänsehautgarantie. Unterwegs mit Vogelexperten.

Apropos: Gänse, die kennt man ja. Aber es gibt auch viele andere gefiederte Gäste; da lohnt es sich, einen genaueren Blick hinzuwerfen. Denn wer kennt es schon das Odinshühnchen?

Letzterer ist ein ganz Niedlicher. Christel Grave vom Verein Jordsand hat ihn in der vergangenen Saison am Ufer des Rantumbecken auf Sylt entdeckt. Übrigens ihrer Meinung nach eines der besten Beobachtungsreviere an der ganzen Westküste. »Ich habe ihn im Gebüsch an der Landseite des Rantumbeckens entdeckt.« Das Wintergoldhähnchen lebt im hohen Norden und zieht im Winter an die Nordsee.

»Er ist der kleinste Vogel Europas«,

sagt sie, » … und er ist so süß mit seinem lustigen Clownsgesicht und dem goldgelben Scheitelschopf!« Grave betreut die nordfriesischen Schutzgebiete des Vereins Jordsand und ist häufig auf Sylt. Dort trifft man sie dann meist auf dem Damm, der das Rantum Becken umgibt. Fernglas um den Hals, das Spektiv in der Hand und immer auf der Suche nach einem gefiederten Star. Sie lässt Gäste gern durchs Glas schauen. Vielleicht sind’s Schneeammern, von Grönland mal eben nach Sylt gezogen. Im Rantumbecken kann man natürlich auch Enten- und Gänsearten beobachten, die aus Sibirien oder Skandinavien kommen. Im Winter gibt es hier allein zehn Entenarten! Langweilig wird es beim Vogelbeobachten auf Sylt sicher nicht. Das Nahrungsangebot ist dort gut. Wenn bei Hochwasser die Vögel, die sonst im Watt nach Nahrung suchen, sich nahe des Dammes oder im Becken aufhalten, wird die Dichte noch größer. Dass man im Sommer am besten Vögel beobachten kann, ist übrigens ein Trugschluss.

Zugvögel in Schleswig-Holstein

Gouvi/Shutterstock.com

Die Zeit des Vogelzuges ist die beste Zeit dafür – viele einheimische Arten sind noch da, manche Gäste sind aber schon eingetroffen. Das schafft diese faszinierende, überraschende Vielfalt.

Christel Grave sichtet auch in Hauke-Haien-Koog

Auch der Hauke-Haien-Koog ist ein idealer Platz zur Vogelbeobachtung – und ebenso künstlich geschaffen wie das Rantumbecken. Auch hier beobachtet Christel Grave. Sie reicht wieder das Fernglas: »Und das da vorn sind Nonnengänse.« Mit der schwarzen Haube und dem schwarzen Hals und dem schwarz-weiß gestreiften Gefieder sehen sie tatsächlich ein bisschen aus wie Nonnen. Und dahinten hat sie Silberreiher entdeckt. Silberreiher sind weiß, die anderen sind Graureiher. Besonders anmutige Tiere tauchen im Sichtfeld auf: Schwäne. Aber nicht die eine Sorte aus dem Stadtparkteich.

»Das ist ein Singschwan. Er hat einen wunderschönen, tiefen, trompetenhaften Gesang«,

erklärt sie. Auch an Enten gibt es am Hauke-Haien-Koog fast das volle Programm. Man kann um die Speicherbecken herumfahren – und sieht immer wieder neue Arten. Eine Bekassine ist zu hören und dann wieder ein Schwan.

Friedrichskoog – Immer für Überraschungen zu haben

In der vergangenen Saison entdeckte der Nationalpark-Ranger Michael Beverungen etwas sehr Rätselhaftes: Eine Gans, die der Experte nicht bestimmen konnte.

» Mit schwarzem Gefieder, hellen Wangen, kurzem Schnabel und orangeroten Füßen sah sie aus wie eine Mischung aus Nonnen- und Bläss- oder Zwerggans.«

Konnte das sein? Eine unbekannte Art im Vorland nahe Friedrichskoog, Dithmarschen? Zu entdecken gibt es beim Vogelkiek immer etwas; aber so was? Beverungen schickte ein Foto an seinen Rangerkollegen Martin Kühn. Und der Vogelexperte bestätigte, dass eine Nonnengans bei diesem Paarungsergebnis sicher eine Rolle gespielt hat. Und der andere Teil? Bleibt rätselhaft. Sicher aber Zwerg- oder Bläßgans. Wer da was mit wem hatte, das bleibt ein Geheimnis dunkler Dithmarscher Nächte. Überraschungen bei »Gänsesafaris« also auch für Experten. Für Urlauber dürfte eine solche Expedition in die einsamen Vorländer an der Elbmündung immer ein Erlebnis sein. Der Tourismusservice Friedrichskoog führt Urlauber im Rahmen einer Safari auf die Spur der Nonnengänse.

»Außerdem können wir hier auch die seltene Zwerggans und die schöne Rothalsgans sichten«,

sagt Astrid Loges, »sogar einzelne Polarmöwen verirren sich manchmal hierher«” Nonnengänse leben an der Küste des Eismeeres und erreichen Schleswig-Holstein in ihren langen Band- und V-Formationen je nach Wetterlage ab Ende September. »Unsere Gänsesafari führt Sie zu verschiedenen Futterplätzen im Vorland, an denen Naturliebhaber bis zu Zehntausend Gänse vom Deich aus mit Ferngläsern und Spektiven beobachten können.« Hier können sich die Gäste auch selbst als Vogelzähler versuchen und mit einer Zähluhr die Größe des Schwarms ermitteln. Die Ranger erklären, wie das geht.

Helogoland als Treffpunkt unzähliger Vogelarten

»Helgoland ist der Ort in Europa mit der größten Anzahl an Vogelarten! Aktuell 433 Arten haben Vogelbeobachter bisher notiert. Wer an wenigen Tagen möglichst viele Arten sehen möchte, sollte im Oktober kommen«, sagt Jochen Dierschke, Technischer Leiter der Inselstation des Instituts für Vogelforschung »Vogelwarte Helgoland« und selbst leidenschaftlicher Vogelbeobachter.

»Dann nämlich, im Oktober, gipfelt der Herbstzug und es können über 100 Vogelarten an einem Tag beobachtet werden«,

sagt er, »die kleine Insel ist ein wichtiger Trittstein für die lange Reise von der Arktis bis nach Afrika – sie liegt in einem Hauptzuggebiet.« Und zwar für Zugvögel auf dem Flug über die Nordsee zur Zwischenlandung, zum »Auftanken« und bei schlechtem Wetter als Notlandeplatz. Die Arten, die Dierschke aufzählt, sind andere als an der Westküste. Rot- und Singdrossel aus den skandinavischen Wäldern sind es, die in den Gebüschen auf Helgoland rasten.

 

Singdrossel aus Skandinvien

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Wiesenpieper, Braunkehlchen und Steinschmätzer nutzen dagegen die Helgoländer Wiesen auf dem Zwischenstopp. »Unter den häufigen Durchzüglern lassen sich immer wieder auch in Deutschland sehr selten auftretende Arten finden, die auf dem Zug in eine falsche Richtung geflogen sind. Dies können Goldhähnchen-Laubsänger und Spornpieper aus Sibirien sein – das Salz in der Suppe für viele Vogelbeobachter.« Vogelbeobachter kommen im Herbst in ebensolchen Scharen nach Helgoland wie die Vögel selbst, vor allem zu den Helgoländer Vogeltagen im Oktober. Da findet auch das alljährliche »Birdrace« statt. Zählen um die Wette. Vogelexperte Dierschke macht auch mit. »Wenn die Sonne aufgeht, wimmelt es in den Büschen, gleichzeitig ziehen Vögel über einen rüber oder weit draußen auf See – man weiß gar nicht, wo man zuerst hingucken soll.« Wichtiger Faktor für das Beobachter-Glück ist das Wetter:

»Eine besonders hohe Anzahl an Arten und Individuen gibt es, wenn in den Aufbruchsgebieten der Zugvögel gutes Wetter ist und die Vögel über der Nordsee in schlechtes Wetter geraten«,

erklärt er, »bei einersolchen Wetterlagen fallen nachts oft viele Tausend Vögel auf der Insel zur Rast ein.« Den Vogelzug kann am besten vom Mittelland aus erleben, während die Rastvögel sich im Herbst gerne an den Stränden von Insel und Düne aufhalten. An guten Zugtagen kann man aber überall auf der Insel Vögel beobachten.

Was ist nun aus dem Odinshühnchen geworden?

Stampede im Speicherkoog – in wildem Galopp rast eine Herde urtümlicher Pferde über die weiten Flächen des Naturschutzgebietes »Wöhrdener Loch«. Von der schmalen Straße in dieser einsamen Gegend zwischen Meldorf und der Nordsee geht der Blick auf wilde Weiden, auf Teiche und Röhrichte. Was aussieht wie eine ursprüngliche Landschaft, ist in Wirklichkeit eine künstlich geschaffene Welt. Vor gut 40 Jahren wogten hier noch die Nordseewellen, dann wurden Watt und Salzwiesen eingedeicht. Der Speicherkoog entstand. Die Konik-Pferde beweiden zusammen mit Schafen und Rindern die für den Naturschutz wertvollen Wiesen und tragen damit auch zum Vogelschutz bei.

Konik-Pferde auf Spiekerrog

pxl.store/Shuttersock.com

Die Freiwilligendienstler von der Nabu-Station »Wattwurm« haben einige Tipps für das Naturerlebnis Vogelzug im Herbst. »Ich empfehle einen Besuch am NSG Wöhrdener Loch«, sagt BfDlerin Jule Heinz-Fischer,

»das fast 500 Hektar große Gebiet ist mit seinen Salz- und Süßwiesen sowie den Wasserflächen ein ideales Rastgebiet für eine große Bandbreite an ziehenden Vögeln, zum Beispiel Goldregenpfeifer und Alpenstrandläufer.«

Mit dem fortschreitenden Wandel von Salz- zu Süßwasservegetation wandelte sich auch der Vogelbestand von reinen Küstenvögeln hin zu Wiesenbrütern wie zum Beispiel Feldlerche, Kiebitz und Uferschnepfe. An den Wasserflächen lassen sich nahezu alle europäischen Entenarten aber auch der Große Brachvogel oder die Pfuhlschnepfe beobachten. Außerdem hat sie noch einen Tipp für Naturfreunde, die speziell ziehende und rastende Singvögel beobachten – und hören – möchten: »Dann besuchen Sie das Naturschutzgebiet Kronenloch. In den Randbereichen ziehen die Sanddornbüsche mit ihren reifen Beeren im Herbst die aus dem Norden stammenden Rot- und Wacholderdrosseln magisch an.« Ach, übrigens: »Auf einer Schafweide unter dem Deich zwischen dem Wöhrdener Loch und dem Kronenloch gibt es ein Flachgewässer namens Odinsloch«, verrät Jule. Und dort rastet – Nomen est Omen – das eingangs erwähnte Odinshühnchen! Weitere Informationen zu der Region unter www.echt-dithmarschen.de.

Infos. Weitere Tipps und Anregungen für einen erlebnisreichen Herbsturlaub am Unesco Weltnaturerbe Wattenmeer unter www.nordseetourismus.de

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