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Risiko Gletscherspalten: Was Reisende unbedingt beachten müssen

Aus der Ferne wirkt ein Gletscher wie eine geschlossene weiße Fläche. Aus der Nähe zeigt er Risse, die dreißig Meter tief hinunterreichen und im Sommer hinter dünnen Schneedecken verschwinden. Spaltenstürze wie zuletzt am Sulzenauferner in den Stubaier Alpen gehen oft glimpflich aus. Der Klimawandel verschiebt allerdings bislang geltende Regeln – und erfordert mehr Flexibilität bei Veranstaltern und Reisenden. 

Foto: Deborah Diem/Unsplash

Ein Gletscher steht nur scheinbar still. Er fließt talwärts, an manchen Stellen wenige Zentimeter am Tag, an steilen Zungen deutlich mehr. Dabei verhält sich das Eis in zwei Tiefen völlig verschieden. Ab etwa 30 Metern Tiefe drückt das Gewicht der Auflast so stark, dass Eis plastisch fließt und Verformungen mitmacht, ohne zu brechen. Darüber liegt die spröde Zone. Sie reißt, sobald Zerrkräfte die Scherfestigkeit des Eises überschreiten.

Genau deshalb enden Gletscherspalten in der Regel bei rund 30 Metern. Tiefer schließt der Druck das Eis wieder. Diese Zahl beruhigt allerdings weniger, als sie klingt: Wer stürzt, klemmt meist schon nach wenigen Metern im sich verengenden Keil fest.

Silhouette einer Person am Ausgang einer Eishöhle, darüber die blau geschliffene Decke aus Gletschereis

Foto: Valdemaras D./Unsplash

Wo genau ein Gletscher reißt, verrät sein Untergrund. An Geländeknicken beschleunigt das Eis und bekommt Querspalten. Am Rand bremst die Reibung am Fels und erzeugt schräg verlaufende Randspalten. Hinter Engstellen darf sich das Eis wieder ausbreiten, dort öffnen sich Längsspalten. Am Übergang vom Firn zur steilen Felsflanke klafft der Bergschrund. Und wo mehrere Spaltensysteme einander kreuzen, zerfällt der Gletscher zum Eisbruch mit haushohen Türmen, den Séracs, die ohne Vorwarnung kippen.

Die Spalte selbst ist selten das Problem

Ein offener Riss im Blankeis kostet Zeit und Umwege, mehr nicht. Gefährlich wird die Spalte, die niemand sieht. Frischer Schnee legt sich über die Öffnung und bildet eine Brücke. Diese Brücke trägt am frühen Morgen, wenn Frost sie verkittet. Im Lauf des Tages weicht die Sonne sie auf. Nachmittags liegt die Gefahr eines Spaltensturzes daher deutlich höher als in den ersten Stunden nach Sonnenaufgang.

Neuschnee auf einer alten Decke bleibt unabhängig von der Temperatur instabil, weil er die vorhandenen Öffnungen kaschiert und dabei selbst nichts trägt.

Aufgerissene Gletscherspalte mit türkis leuchtendem Eis, dahinter queren Seilschaften das weite Firnfeld

Foto: Alessio Soggetti/Unsplash

Wer einbricht, trifft auf mehrere Probleme gleichzeitig. Die Spalte läuft nach unten keilförmig zu und klemmt Beine, Becken oder Brustkorb ein. Eingeklemmte Körper kühlen im Eisspalt rasant aus, weil das Eis Wärme direkt abzieht. Dazu kommt die Zeit. Selbst bei perfekter Alarmierung vergehen zwischen Notruf und Bergung Stunden, in schwierigem Gelände, längere Zeitperioden. Der Fall im Stubaital hat 17 Mitglieder der Bergrettung Neustift, 20 Feuerwehrleute, einen Alpinpolizisten und zwei Hubschrauber, in Bewegung gebracht. Weil die 250 bis 300 Kilogramm schwere Felsplatte über dem Unterschenkel des Verletzten erst mit Flaschenzug und hydraulischem Rettungsgerät angehoben werden musste.

Loses Gestein zählt zur zweiten Gefahrenschicht. Auf blankem Eis liegt Schutt, der bei jedem Gländerutsch mitgeführt wird. Die dritte Schicht liefert das Schmelzwasser. Es gibt im Sommer senkrechte Schächte, sogenannte Gletschermühlen, und Bäsche, die in Spalten stürzen und dann deren Ränder unterhöhlen. Eishöhlen, die im Winter stabil stehen, verlieren im Sommer ihre Tragfähigkeit. Am Breiðamerkurjökull in Island stürzte im August 2024 eine Eishöhle während einer Tour mit 23 Teilnehmenden ein und tötete einen amerikanischen Gast.

Was die Statistik zeigt

Die Schweizer Bergnotfallstatistik liefert die brauchbarsten Zahlen im Alpenraum, weil sie Spaltenstürze gesondert erfasst. Im Rekordsommer 2022 stürzten 70 Personen in Spalten, gegenüber einem Zehnjahresschnitt von 38. Sechs Menschen starben dabei, im Mittel der Vorjahre lag dieser Wert unter zwei. Der Schweizer Alpen-Club führte den Ausschlag direkt auf die Schneelage zurück: Nach einem extrem schneearmen Winter und einer frühen Schneeschmelze lagen Spalten offen, die in normalen Jahren sicher zugedeckt bleiben.

Foto: Helmut Liebelt / Unsplash · Foto: Sonali / Unsplash

Die Gesamtzahlen fallen dagegen erfreulicher aus. 2025 verzeichnete die Schweiz mit 98 Todesfällen im klassischen Bergsport den niedrigsten Wert seit zehn Jahren, bei einem Zehnjahresschnitt von 119. Die Rettungsdienste holten knapp 4.000 Personen aus dem Gebirge, elf Prozent mehr als im Durchschnitt der Vorjahre. Auffällig dabei: Der Anteil unverletzt geborgener Menschen stieg von 29 Prozent im Jahr 2020 auf 38 Prozent. Die meisten von ihnen steckten fest, statt sich zu verletzen.

 

Weltkarte der Spaltengebiete

Wo überall Gletscherspalten liegen

Spalten entstehen auf jedem Gletscher, der sich bewegt, und das tut jeder Gletscher. Für Reisende zerfällt die Landkarte trotzdem in klar unterscheidbare Zonen.

Alpen

Betroffen ist alles vom Firnbecken der Viertausender bis hinunter zu den Zungen, die heute oft schon bei 2.000 Metern enden. Die Klassiker führen mitten durch Spaltengebiete: Vallée Blanche über Chamonix, der Aufstieg zum Breithorn über Zermatt, die Übergänge im Berner Oberland, der Großvenediger, die Pasterze unterhalb des Großglockners. Das Mer de Glace bei Chamonix zeigt den Rückzug am deutlichsten. Wer heute vom Bahnhof Montenvers zum Eis will, steigt rund hundert Höhenmeter über Treppen ab. Vor hundert Jahren begann das Eis fast auf Höhe der Station.

Norwegen

Der Jostedalsbreen ist der größte Festlandgletscher Europas. Geführte Touren laufen über den Nigardsbreen, den Austdalsbreen, den Tunsbergdalsbreen und den Flatbreen. Andere Zungen wie der Bøyabreen gelten inzwischen als zu instabil und stehen für Begehungen nicht mehr zur Verfügung. Die norwegischen Tourismusstellen warnen ausdrücklich vor Eisabbrüchen, Spalten, Steinschlag und plötzlichen Fluten aus aufgestautem Schmelzwasser.

Island

Der Vatnajökull, der Sólheimajökull und der Falljökull gehören zu den meistbesuchten Gletschern Europas. Fast alle Touren dorthin dauern wenige Stunden und starten von der Ringstraße. Genau diese Niederschwelligkeit erzeugt das Risiko, weil Gäste ohne alpine Vorerfahrung auf ein aktives Eisfeld treten.

Grönland

Der Eisrand bei Kangerlussuaq mit dem Russell-Gletscher liefert die spektakulärsten Bilder und die härtesten Bedingungen. Hier bewegt sich der Rand eines Eisschilds, dessen Abflusskanäle im Sommer meterbreite Schächte öffnen.

Nordamerika

Am Athabasca-Gletscher im Columbia Icefield transportieren Spezialfahrzeuge Tagesgäste auf präparierte Flächen. Parks Canada formuliert die Warnung für alle anderen Bereiche unmissverständlich: Menschen seien in verborgene Spalten gestürzt und dabei ums Leben gekommen, deshalb dürfe niemand die Absperrungen überschreiten. In Alaska zählen der Matanuska, der Mendenhall und die Gletscher der Kenai-Halbinsel zum Standardprogramm.

Neuseeland

Franz Josef und Fox Glacier auf der Südinsel gelten als die am schnellsten fließenden kommerziell geführten Gletscher der Welt. Der Zugang zu Fuß aus dem Tal existiert nicht mehr, Gäste fliegen per Hubschrauber auf die höheren Bereiche. Ein Guide betreut dort maximal elf Personen.

Patagonien

Am Perito Moreno führen Anbieter täglich Gruppen mit Steigeisen über die flacheren Randbereiche, in mehreren Schwierigkeitsstufen vom kurzen Minitrekking bis zur Ganztagesrunde. Der Gletscher gehört zu den wenigen weltweit, deren Masse lange stabil blieb.

Hochgebirge weltweit

Himalaya, Karakorum, Anden, Kaukasus, Alaska Range und die Vulkangletscher Ostafrikas tragen dieselben Strukturen, meist ohne jede Infrastruktur im Hintergrund. Antarktis und Arktis liefern die Extremform: Spaltenfelder von der Größe deutscher Landkreise.

Geltscherspalten Weltkarte

Karte: KI generiert/ChatGPT

Was der Klimawandel verändert

Die Antwort auf die Frage nach dem Risiko fällt eindeutig aus. Sie fällt allerdings anders aus, als viele vermuten. Die Gletscher schrumpfen messbar. Alpengletscher verlieren im Schnitt einen halben bis einen Meter pro Jahr. Die Schweizer Messreihe GLAMOS registrierte 2025 einen Verlust von drei Prozent des gesamten Eisvolumens, den viertgrößten seit Beginn der Messungen. Seit 2015 ist ein Viertel des Schweizer Eisvolumens verschwunden, seit 1970 haben über tausend Schweizer Gletscher aufgehört zu existieren. Seit 1900 schrumpfen die Alpengletscher rund die Hälfte ihres Volumens ein.

Der Rückgang des Eises bringt allerdings vor allem eines mit sich: weniger Schnee darüber. Der Deutsche Alpenverein benennt den Zusammenhang direkt: Gletscherschmelze und geringere Schneebedeckung nach dem Winter führen zu erhöhter Spaltensturzgefahr. Zusätzlich werden die Gletscher blanker und steiler, was die Absturzgefahr auf glatter Oberfläche vergrössert.

Einzelner Wanderer in roter Jacke steht in einer schmalen Eisspalte, dahinter ein nebelverhangener Regenwaldhang

Foto: Jackman Chiu/Unsplash

Der zweite Effekt liegt im Fels. In den Alpen bedeckt Permafrost eine größere Fläche als das Eis. Er hält Blöcke, Steine, Kies und Sand zusammen. Taut er auf, lösen sich Steinschläge, Fels- und Bergstürze in allen Größenordnungen, und die kommen bevorzugt dort herunter, wo Routen über Gletscher zu Graten und Hütten führen.

Der dritte Effekt betrifft die Planung. Verlässliche Saisonfenster verlieren ihre Gültigkeit. Der Alpenverein fasst das in einem Satz zusammen, der für Reisende wie für Bergsteiger gilt: Wenn es gestern gut war, muss es das morgen nicht mehr unbedingt sein. Touren, die früher von Juli bis September funktionierten, verlagern sich in den Frühsommer oder in den Herbst. Zwischen den Fenstern liegen Wochen, in denen dieselbe Route unvertretbar wird.

Für Reisen heißt das konkret: Der Gletscher als Ziel verschwindet nicht, er verlangt nur mehr Aktualität. Buchungen mit einem Jahr Vorlauf treffen auf Verhältnisse, die zum Buchungszeitpunkt niemand kennt. Seriöse Anbieter sagen Touren deshalb kurzfristig ab oder verlegen sie. Diese Flexibilität gilt als Qualitätsmerkmal eines Veranstalters.

Regeln für geführte Gletschertouren

Der überwiegende Teil der Gäste betritt Gletscher im Rahmen einer gebuchten Tour. Dafür gelten überschaubare Grundsätze. Ein Gletscher ohne Führung und ohne Seil ist kein Wanderziel. Diese Regel kennt keine Ausnahme für kurze Strecken, für vermeintlich flache Bereiche oder für gut sichtbare Trittspuren im Schnee. Absperrungen an touristisch erschlossenen Gletschern markieren exakt die Grenze zwischen kontrolliertem und unkontrolliertem Gelände.

Zerklüftete Gletscherzunge mit dunklen Aschebändern, rechts am Rand eine einzelne Person als Größenvergleich

Foto: Sonali/Unsplash

Seriöse Anbieter stellen die komplette Ausrüstung: Steigeisen, Gurt, Helm, wetterfeste Jacke und Überhose, feste Schuhe, Stöcke. Wer diese Liste nicht ausdrücklich nennt, arbeitet vermutlich am unteren Ende des Marktes. Die Betreuungsdichte gehört ebenfalls in die Buchungsunterlagen. Elf Gäste pro Guide markieren am oberen Rand des Vertretbaren, was internationale Anbieter fahren.

Frühe Startzeiten gehören zur Sicherheitstechnik. Vormittags trägt der gefrorene Schnee, nachmittags gibt er nach. Ein Helm gehört überall dorthin, wo Eis oder Steine fallen können, also praktisch auf jeden Gletscher mit Felsflanken darüber. Eishöhlen bilden einen Sonderfall. Ihre stabile Saison liegt im Winter, in der Regel von November bis März. Sommerangebote verlangen eine kritische Prüfung, weil warmes Schmelzwasser die Decken von innen abträgt.

Für Hochtouren gelten strengere Maßstäbe

Wer selbstständig auf Gletschern unterwegs sein will, braucht eine Ausbildung mit praktischer Übung im Gelände. Der Vollständigkeit halber die Eckwerte, die der Alpenverein für Seilschaften nennt.

Vier bis sechs Personen sind die ideale Größe. Zu zweit hält eine Seilschaft einen Spaltensturz nur unter guten Bedingungen. Die Abstände richten sich nach der Gruppengröße: 15 bis 20 Meter bei zwei Personen, 12 bis 14 Meter bei drei Personen. Zweierseilschaften legen zusätzlich zwei bis drei Bremsknoten in etwa 50-Zentimeter-Abstand, rund drei Meter vom jeweiligen Ende entfernt.

Vier Eiswanderer in blauen Jacken balancieren über einen Grat zwischen zwei tiefen Gletscherspalten

Foto: Jackman Chiu/Unsplash

Ein Seil mit mindestens 50 Metern Länge ermöglicht die gängigen Bergetechniken. Jede Person trägt zwei Steigklemmen, davon eine mit Umlenkrolle, Reepschnüre in zwei Längen, Eisschrauben und Karabiner. Achterknoten mit Karabiner ersetzen dabei den Bulinknoten, der sich im nassen Zustand festzieht. Sobald das Gelände so steil wird, dass ein Ausrutscher nicht mehr abzufangen ist, endet die laufende Seilschaft und beginnt die Sicherung am Standplatz.

Der entscheidende Punkt bleibt die Übung. Flaschenzug und lose Rolle funktionieren unter Stress nur, wenn die Handgriffe sitzen. Alpenverein und Bergschulen bieten dafür Kurse an, die an einem Wochenende die Grundlagen legen.

Häufige Fragen

Wie tief sind Gletscherspalten?
Sie reichen in der Regel bis etwa 30 Meter hinunter. Darunter fließt das Eis unter dem eigenen Druck plastisch und bleibt weitgehend spaltenfrei.
Wann ist die Gefahr am größten?
Am Nachmittag, wenn die Sonne die Schneebrücken über den Spalten aufgeweicht hat. Frühe Startzeiten senken das Risiko deutlich.
Darf man einen Gletscher allein betreten?
Nein. Ohne Seilschaft, Ausbildung und Ausrüstung ist jeder Gletscher lebensgefährlich, auch auf kurzen und flach wirkenden Abschnitten.
Steigt die Gefahr durch den Klimawandel?
Ja. Weniger Winterschnee bedeutet dünnere und seltenere Schneebrücken, gleichzeitig werden Gletscher blanker und steiler. Der Deutsche Alpenverein spricht ausdrücklich von erhöhter Spaltensturzgefahr.
Welche Reiseziele führen über Spaltengebiete?
Alpen, Jostedalsbreen in Norwegen, Vatnajökull und Svínafellsjökull in Island, der Eisrand Grönlands, Alaska und die kanadischen Rockies, Franz Josef und Fox Glacier in Neuseeland sowie der Perito Moreno in Patagonien.
Was kostet eine geführte Gletschertour?
Kurze Einsteigertouren in Island oder Norwegen liegen im unteren dreistelligen Bereich, Heli-Hikes in Neuseeland und Ganztagestouren in Patagonien deutlich darüber.
Jennifer Latuperisa-Andresen
Je kälter, karger und einsamer es um sie herum wird, desto höher schlägt Jennys Herz. Wer braucht schon Palmen im Urlaub, wenn man auch Eisberge haben kann? Deshalb verbringt die Chefredakteurin aus dem Ruhrpott ihre Sommer auch gerne mal in der Arktis bei den Eisbären. Sie sagt: Das ewige Eis kann zur Sucht werden.