Die Gesamtzahlen fallen dagegen erfreulicher aus. 2025 verzeichnete die Schweiz mit 98 Todesfällen im klassischen Bergsport den niedrigsten Wert seit zehn Jahren, bei einem Zehnjahresschnitt von 119. Die Rettungsdienste holten knapp 4.000 Personen aus dem Gebirge, elf Prozent mehr als im Durchschnitt der Vorjahre. Auffällig dabei: Der Anteil unverletzt geborgener Menschen stieg von 29 Prozent im Jahr 2020 auf 38 Prozent. Die meisten von ihnen steckten fest, statt sich zu verletzen.
Weltkarte der Spaltengebiete
Wo überall Gletscherspalten liegen
Spalten entstehen auf jedem Gletscher, der sich bewegt, und das tut jeder Gletscher. Für Reisende zerfällt die Landkarte trotzdem in klar unterscheidbare Zonen.
Alpen
Betroffen ist alles vom Firnbecken der Viertausender bis hinunter zu den Zungen, die heute oft schon bei 2.000 Metern enden. Die Klassiker führen mitten durch Spaltengebiete: Vallée Blanche über Chamonix, der Aufstieg zum Breithorn über Zermatt, die Übergänge im Berner Oberland, der Großvenediger, die Pasterze unterhalb des Großglockners. Das Mer de Glace bei Chamonix zeigt den Rückzug am deutlichsten. Wer heute vom Bahnhof Montenvers zum Eis will, steigt rund hundert Höhenmeter über Treppen ab. Vor hundert Jahren begann das Eis fast auf Höhe der Station.
Norwegen
Der Jostedalsbreen ist der größte Festlandgletscher Europas. Geführte Touren laufen über den Nigardsbreen, den Austdalsbreen, den Tunsbergdalsbreen und den Flatbreen. Andere Zungen wie der Bøyabreen gelten inzwischen als zu instabil und stehen für Begehungen nicht mehr zur Verfügung. Die norwegischen Tourismusstellen warnen ausdrücklich vor Eisabbrüchen, Spalten, Steinschlag und plötzlichen Fluten aus aufgestautem Schmelzwasser.
Island
Der Vatnajökull, der Sólheimajökull und der Falljökull gehören zu den meistbesuchten Gletschern Europas. Fast alle Touren dorthin dauern wenige Stunden und starten von der Ringstraße. Genau diese Niederschwelligkeit erzeugt das Risiko, weil Gäste ohne alpine Vorerfahrung auf ein aktives Eisfeld treten.
Grönland
Der Eisrand bei Kangerlussuaq mit dem Russell-Gletscher liefert die spektakulärsten Bilder und die härtesten Bedingungen. Hier bewegt sich der Rand eines Eisschilds, dessen Abflusskanäle im Sommer meterbreite Schächte öffnen.
Nordamerika
Am Athabasca-Gletscher im Columbia Icefield transportieren Spezialfahrzeuge Tagesgäste auf präparierte Flächen. Parks Canada formuliert die Warnung für alle anderen Bereiche unmissverständlich: Menschen seien in verborgene Spalten gestürzt und dabei ums Leben gekommen, deshalb dürfe niemand die Absperrungen überschreiten. In Alaska zählen der Matanuska, der Mendenhall und die Gletscher der Kenai-Halbinsel zum Standardprogramm.
Neuseeland
Franz Josef und Fox Glacier auf der Südinsel gelten als die am schnellsten fließenden kommerziell geführten Gletscher der Welt. Der Zugang zu Fuß aus dem Tal existiert nicht mehr, Gäste fliegen per Hubschrauber auf die höheren Bereiche. Ein Guide betreut dort maximal elf Personen.
Patagonien
Am Perito Moreno führen Anbieter täglich Gruppen mit Steigeisen über die flacheren Randbereiche, in mehreren Schwierigkeitsstufen vom kurzen Minitrekking bis zur Ganztagesrunde. Der Gletscher gehört zu den wenigen weltweit, deren Masse lange stabil blieb.
Hochgebirge weltweit
Himalaya, Karakorum, Anden, Kaukasus, Alaska Range und die Vulkangletscher Ostafrikas tragen dieselben Strukturen, meist ohne jede Infrastruktur im Hintergrund. Antarktis und Arktis liefern die Extremform: Spaltenfelder von der Größe deutscher Landkreise.

Karte: KI generiert/ChatGPT
Was der Klimawandel verändert
Die Antwort auf die Frage nach dem Risiko fällt eindeutig aus. Sie fällt allerdings anders aus, als viele vermuten. Die Gletscher schrumpfen messbar. Alpengletscher verlieren im Schnitt einen halben bis einen Meter pro Jahr. Die Schweizer Messreihe GLAMOS registrierte 2025 einen Verlust von drei Prozent des gesamten Eisvolumens, den viertgrößten seit Beginn der Messungen. Seit 2015 ist ein Viertel des Schweizer Eisvolumens verschwunden, seit 1970 haben über tausend Schweizer Gletscher aufgehört zu existieren. Seit 1900 schrumpfen die Alpengletscher rund die Hälfte ihres Volumens ein.
Der Rückgang des Eises bringt allerdings vor allem eines mit sich: weniger Schnee darüber. Der Deutsche Alpenverein benennt den Zusammenhang direkt: Gletscherschmelze und geringere Schneebedeckung nach dem Winter führen zu erhöhter Spaltensturzgefahr. Zusätzlich werden die Gletscher blanker und steiler, was die Absturzgefahr auf glatter Oberfläche vergrössert.

Foto: Jackman Chiu/Unsplash
Der zweite Effekt liegt im Fels. In den Alpen bedeckt Permafrost eine größere Fläche als das Eis. Er hält Blöcke, Steine, Kies und Sand zusammen. Taut er auf, lösen sich Steinschläge, Fels- und Bergstürze in allen Größenordnungen, und die kommen bevorzugt dort herunter, wo Routen über Gletscher zu Graten und Hütten führen.
Der dritte Effekt betrifft die Planung. Verlässliche Saisonfenster verlieren ihre Gültigkeit. Der Alpenverein fasst das in einem Satz zusammen, der für Reisende wie für Bergsteiger gilt: Wenn es gestern gut war, muss es das morgen nicht mehr unbedingt sein. Touren, die früher von Juli bis September funktionierten, verlagern sich in den Frühsommer oder in den Herbst. Zwischen den Fenstern liegen Wochen, in denen dieselbe Route unvertretbar wird.
Für Reisen heißt das konkret: Der Gletscher als Ziel verschwindet nicht, er verlangt nur mehr Aktualität. Buchungen mit einem Jahr Vorlauf treffen auf Verhältnisse, die zum Buchungszeitpunkt niemand kennt. Seriöse Anbieter sagen Touren deshalb kurzfristig ab oder verlegen sie. Diese Flexibilität gilt als Qualitätsmerkmal eines Veranstalters.
Regeln für geführte Gletschertouren
Der überwiegende Teil der Gäste betritt Gletscher im Rahmen einer gebuchten Tour. Dafür gelten überschaubare Grundsätze. Ein Gletscher ohne Führung und ohne Seil ist kein Wanderziel. Diese Regel kennt keine Ausnahme für kurze Strecken, für vermeintlich flache Bereiche oder für gut sichtbare Trittspuren im Schnee. Absperrungen an touristisch erschlossenen Gletschern markieren exakt die Grenze zwischen kontrolliertem und unkontrolliertem Gelände.

Foto: Sonali/Unsplash
Seriöse Anbieter stellen die komplette Ausrüstung: Steigeisen, Gurt, Helm, wetterfeste Jacke und Überhose, feste Schuhe, Stöcke. Wer diese Liste nicht ausdrücklich nennt, arbeitet vermutlich am unteren Ende des Marktes. Die Betreuungsdichte gehört ebenfalls in die Buchungsunterlagen. Elf Gäste pro Guide markieren am oberen Rand des Vertretbaren, was internationale Anbieter fahren.
Frühe Startzeiten gehören zur Sicherheitstechnik. Vormittags trägt der gefrorene Schnee, nachmittags gibt er nach. Ein Helm gehört überall dorthin, wo Eis oder Steine fallen können, also praktisch auf jeden Gletscher mit Felsflanken darüber. Eishöhlen bilden einen Sonderfall. Ihre stabile Saison liegt im Winter, in der Regel von November bis März. Sommerangebote verlangen eine kritische Prüfung, weil warmes Schmelzwasser die Decken von innen abträgt.
Für Hochtouren gelten strengere Maßstäbe
Wer selbstständig auf Gletschern unterwegs sein will, braucht eine Ausbildung mit praktischer Übung im Gelände. Der Vollständigkeit halber die Eckwerte, die der Alpenverein für Seilschaften nennt.
Vier bis sechs Personen sind die ideale Größe. Zu zweit hält eine Seilschaft einen Spaltensturz nur unter guten Bedingungen. Die Abstände richten sich nach der Gruppengröße: 15 bis 20 Meter bei zwei Personen, 12 bis 14 Meter bei drei Personen. Zweierseilschaften legen zusätzlich zwei bis drei Bremsknoten in etwa 50-Zentimeter-Abstand, rund drei Meter vom jeweiligen Ende entfernt.

Foto: Jackman Chiu/Unsplash
Ein Seil mit mindestens 50 Metern Länge ermöglicht die gängigen Bergetechniken. Jede Person trägt zwei Steigklemmen, davon eine mit Umlenkrolle, Reepschnüre in zwei Längen, Eisschrauben und Karabiner. Achterknoten mit Karabiner ersetzen dabei den Bulinknoten, der sich im nassen Zustand festzieht. Sobald das Gelände so steil wird, dass ein Ausrutscher nicht mehr abzufangen ist, endet die laufende Seilschaft und beginnt die Sicherung am Standplatz.
Der entscheidende Punkt bleibt die Übung. Flaschenzug und lose Rolle funktionieren unter Stress nur, wenn die Handgriffe sitzen. Alpenverein und Bergschulen bieten dafür Kurse an, die an einem Wochenende die Grundlagen legen.