Österreich

Unesco-Welterbe in Niederösterreich: Ein Karpfen in bester Gesellschaft

Fünf  Unesco-Welterbestätten hat Niederösterreich, dazu eine Kellertradition mit Schutzsiegel. Und einen Karpfen mit Ehrentitel. Ein Rundgang vom Barockstift bis zum Teichrand.

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Foto: TTstudio/Shutterstock.com

Im Oktober lassen die Teichwirte im Waldviertel das Wasser ab. In Heidenreichstein, am Klosterteich von Stift Geras und in der Erlebniswelt Gallien stehen dann Zuschauer am Ufer, während Männer in Wathosen die Netze durch den Schlamm ziehen. Ein Volksfest mit Fischgeruch. Und seit Mai 2025 eines mit Welterbe-Status, fast jedenfalls.

Zwei Wanderer stehen auf einer Aussichtsplattform hoch über der Wachau und blicken auf die Donau, umgeben von Weinterrassen und bewaldeten Hügeln.

Foto: Niederösterreich Werbung/Franziska Consolati

Adel mit Flossen

Die Auszeichnung kam von der Welternährungsorganisation FAO. Sie nahm die Waldviertler Karpfenteichwirtschaft in ihr Programm für landwirtschaftliches Welterbe auf, ein eigenes Register, mit dem die Unesco nichts zu tun hat. Den Karpfen dürfte die Unterscheidung wenig kümmern.

Über 2.200 Teiche zählt die Region, rund 150 Teichwirtinnen und Teichwirte halten sie in Schuss, mit einem Wissen, das rund 900 Jahre zurückreicht. Die FAO würdigte vor allem die nachhaltige Bewirtschaftung und die Artenvielfalt an den Ufern. Die Teichranger erklären das auf einer Führung in zwölf Stationen. Wer mehrere Tage bleiben will, bucht das Paket »Karpfen hautnah erleben«.

Fünf Fischer stehen im flachen Wasser eines Weinviertler Teichs und heben ein Fangnetz mit Karpfen aus dem Wasser, im Hintergrund herbstlich gefärbter Wald.

Foto: Weinviertel Tourismus/Studio Kerschbaum

Die Wachau: Unesco-Welterbe mit Eidechse

Neben dem Karpfen wirkt die Wachau wie eine alte Aristokratin. Seit 2000 trägt die Flusslandschaft zwischen Melk und Krems den Unesco-Titel: 40 Kilometer Donau, gesäumt von Marillengärten, Winzerdörfern und Weinterrassen, die so steil ansteigen, dass nur Handarbeit hilft. Trockensteinmauern halten sie, Stein auf Stein geschichtet, ohne Mörtel. Die gehaltvollsten Weine der Region heißen Smaragd, benannt nach der Smaragdeidechse, die sich zwischen den warmen Steinen sonnt.

Besucherinnen und Besucher schlendern bei einem Kellergassenfest im Weinviertel zwischen Presshäusern mit Steildächern, im Vordergrund Weinlaub.

Foto: Weinviertel Tourismus/Lisa Sedlatschek

Am westlichen Ende thront Stift Melk über dem Fluss. Umberto Eco schickte den Erzähler seines Romans »Der Name der Rose« als Adson von Melk ins Rennen. Donauabwärts folgt Dürnstein mit seinem blau-weißen Kirchturm und der Burgruine, in der Richard Löwenherz 1192 als Gefangener festsaß. Gegenüber von Krems thront Stift Göttweig so hoch über dem Tal, dass die Österreicher es ihr Montecassino nennen. Die Strecke lässt sich auf dem Donauradweg abfahren, mit dem Schiff oder einer hölzernen Zille befahren, oder in 14 Etappen auf dem Welterbesteig erwandern.

Weinviertel: Einkehr nach Gewohnheitsrecht

Nordöstlich der Wachau ducken sich die Presshäuser der Weinviertler Kellergassen in die Lösshänge. Früher kelterten und lagerten die Winzer dort ihren Wein, heute treffen sich Nachbarn und Freunde zur »Köllastund«, ohne Anlass und ohne Uhr.

Wer zufällig vorbeikommt, sitzt bei der »Köllapartie« mit am Tisch, so will es das alte Kellerrecht. Auf den Tisch kommt dazu die »Köllajausn« mit Brot, Speck und Aufstrichen aus eigener Herstellung. Seit 2022 steht die Weinviertler Kellerkultur im österreichischen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes. Die Gastfreundschaft war allerdings schon vorher da. Am geselligsten zeigt sie sich bei den Tagen der offenen Kellertür und in der Langen Nacht der Kellergassen.

Semmering: Eine Bahn, schneller als ihre Lokomotive

Als Carl Ritter von Ghega 1848 mit dem Bau der Semmeringbahn begann, gab es noch keine Lokomotive, die solche Steigungen schaffte. Die suchte man erst 1851 per Wettbewerb. Drei Jahre später rollte der Verkehr über 41 Kilometer, durch 15 Tunnel und über 16 Viadukte, bis auf 898 Meter Seehöhe. Seit 1998 steht die erste Hochgebirgsbahn der Welt auf der Unesco-Liste. Sie brachte Wiens Bürgertum und Adel in die Sommerfrische, deren Villen noch heute an den Hängen stehen. Der rund 20 Kilometer lange Bahnwanderweg führt zum 20-Schilling-Blick. Das Panorama mit dem Viadukt über die Kalte Rinne zierte einst die österreichische Banknote.

Luftaufnahme eines Viadukts der Semmeringbahn, das sich in einer Schleife durch bewaldetes Bergland zieht, mit Tunnelportal am Fuß des Felsens.

Foto: Skabrak Daniel/Shutterstock.com

Baden bei Wien: Kur mit Kaiser und Komponist

Seit 2021 gehört Baden zu den Great Spa Towns of Europe, gemeinsam mit Karlsbad, Baden-Baden und Bath. Schon die Römer badeten in den Schwefelquellen, deren Geruch bis heute niemanden im Unklaren lässt, wo er sich befindet. Kaiser Franz verbrachte hier seine Sommer, und Beethoven schrieb in Baden große Teile seiner Neunten Symphonie. Kurpark, Kurhaus und der Villengürtel am Helenental erzählen von der Glanzzeit. Die Therme führt die Tradition fort, mit deutlich weniger Etikette.

Carnuntum: Rom an der Donau

Seit 2021 zählt auch der Donaulimes zum Welterbe, die alte Grenze des Römischen Reiches. In Carnuntum östlich von Wien lebten einst rund 50.000 Menschen. Heute stehen dort das Heidentor und ein rekonstruiertes Stadtviertel, in dem sich römischer Alltag erstaunlich wohnlich ausnimmt.

Dürrenstein-Lassingtal: Hier räumt niemand auf

2017 erklärte die Unesco das Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal im Mostviertel, zusammen mit dem Nationalpark Kalkalpen, zum ersten Weltnaturerbe Österreichs. Im Zentrum liegt der Rothwald, der größte zusammenhängende Urwaldrest des Alpenbogens. Umgestürzte Buchen bleiben liegen, wo sie fallen, und vermodern in Ruhe zu neuem Waldboden. Das Haus der Wildnis in Lunz am See erklärt, warum diese Unordnung so wertvoll ist. In die Kernzone führen Exkursionen nur nach Anmeldung.

Den Eulenweg mit seinen Wissensstationen schaffen auch Familien, per Fuß oder Fahrrad. Wer höher hinaus will, übernachtet auf der Ybbstalerhütte, dem Ausgangspunkt des Luchs Trails mit 13 Etappen.

Zwei Wanderer mit Rucksäcken gehen auf dem Luchs Trail durch bewaldetes Gelände, im Hintergrund eine Felswand des Dürrenstein-Gebiets.

Foto: Niederösterreich Werbung/Max Mauthner

Die Termine fürs Abfischen im Oktober und die Führungen der Teichranger stehen unter www.waldviertel.at/waldviertler-karpfenteichwirtschaft.

Häufige Fragen

Wie viele UNESCO-Welterbestätten hat Niederösterreich?
Fünf: die Wachau, die Semmeringbahn, Baden bei Wien als Teil der »Great Spa Towns of Europe«, das Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal und den Donaulimes mit Carnuntum. Dazu kommen Einträge im österreichischen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes wie die Weinviertler Kellerkultur.
Ist die Waldviertler Karpfenteichwirtschaft UNESCO-Welterbe?
Nein, die Welternährungsorganisation FAO nahm sie im Mai 2025 in ihr Programm für landwirtschaftliches Welterbe auf. Mit der UNESCO-Liste hat diese Auszeichnung nichts zu tun.
Wann kann man beim Abfischen im Waldviertel zuschauen?
Im Oktober, wenn die Teichwirte die Teiche ablassen. Abfischfeste gibt es unter anderem in Heidenreichstein, am Klosterteich von Stift Geras und in der Erlebniswelt Gallien.
Seit wann ist die Wachau UNESCO-Welterbe?
Seit dem Jahr 2000. Ausgezeichnet ist die Kulturlandschaft auf rund 40 Flusskilometern zwischen Melk und Krems.
Was macht die Semmeringbahn besonders?
Sie gilt als erste Hochgebirgsbahn der Welt und steht seit 1998 auf der UNESCO-Welterbeliste. Auf 41 Kilometern führt sie durch 15 Tunnel und über 16 Viadukte.
Was ist eine »Köllapartie«?
Eine gesellige Runde im Presshaus einer Weinviertler Kellergasse, zu der nach altem Kellerrecht auch spontan Vorbeikommende willkommen sind. Dazu gehört die »Köllajausn« mit hausgemachten, regionalen Speisen.
Wo liegt Österreichs erstes Weltnaturerbe?
Im Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal im Mostviertel, das die UNESCO 2017 gemeinsam mit dem Nationalpark Kalkalpen auszeichnete. Dort wächst der größte zusammenhängende Urwaldrest des Alpenbogens.
Jasmin Faust
Jasmins Herz muss viel aushalten, denn sie verliebt sich in (fast) jedes Land auf der Welt und würde am liebsten für immer dort bleiben. Die Schönheit des Reisens findet sie überall. Ob in den Bergen und Seen der Alpen, in den Städten Mexikos oder der Wüste Jordaniens. Hauptsache Natur, Kultur und ein bisschen Abenteuer.