Die viertgrößte Insel der Philippinen trägt zwei Namen und zwei Charaktere. Negros Occidental bedeckt den Nordwesten, Negros Oriental den Südosten. Seit 2024 bilden beide Provinzen zusammen mit dem Nachbareiland Siquijor die eigenständige Negros Island Region.
Negros Occidental: Wo der Zucker wächst
Auf fruchtbarem Lavaboden unterhalb des Vulkans Kanlaon gedeiht Zuckerrohr von höchster Qualität. Ihm verdankt Negros den Beinamen »Zuckerinsel«. Aus der Ernte gewinnen die Brennereien besonders hochwertige Melasse und destillieren daraus Rum. Philippinischen Rum gibt es also tatsächlich, und zwar richtig guten. Dass diese Tatsache längst über Rumkreise hinausreicht, hat auch mit »Papa Isio« zu tun.

Foto: Gerald Nowak
Der Kanlaon bleibt dabei ein unruhiger Nachbar. Der 2.435 Meter hohe Vulkan stößt seit 2024 immer wieder Asche aus. Die philippinische Erdbebenwarte PHIVOLCS hält die Warnstufe 2 aufrecht und sperrt eine Zone von vier Kilometern rund um den Krater. Gipfelwanderungen entfallen deshalb bis auf Weiteres. Bacolod, die Provinzhauptstadt, liegt rund 30 Kilometer entfernt und funktioniert im Alltag völlig normal.
Papa Isio: Vom Feldarbeiter zum Nationalhelden
Dionisio Magbuelas kam 1846 in Himamaylan zur Welt, ein einfacher Arbeiter auf den Zuckerrohrfeldern. Als Babaylan, als traditioneller Heiler und spiritueller Führer, sammelte er 1896 die Landarbeiter gegen die spanische Kolonialherrschaft. Nach dem Abzug Spaniens setzte er den Kampf ab 1899 gegen die amerikanische Besatzung fort. Fast ein Jahrzehnt hielt er sich in den Wäldern des Kanlaon und ging als »Löwe von Kanlaon« in die Überlieferung ein. 1907 ergab er sich, 1911 starb er im Bilibid-Gefängnis von Manila. Bis heute genießt Papa Isio auf den Philippinen Heldenstatus.
2012 kam ein Rum auf den Markt, der seinen Namen trägt, und bestreitet seinen Eroberungszug um die Welt seither erfolgreich. »Don Papa« beweist, dass asiatische Sorten jenen aus der Neuen Welt in nichts nachstehen. 2023 kaufte der britische Getränkekonzern Diageo die Marke für bis zu 260 Millionen Euro, eine Summe, die für ein philippinisches Spirituosenlabel Maßstäbe setzt.
Papa Isio wäre es vermutlich gleichgültig gewesen, dass etwas Hochprozentiges seinen Namen trägt. Gefallen hätte ihm wohl, was danach kam. Nach dem Taifun Haiyan von 2013 floss ein Euro jeder verkauften Flasche in den Wiederaufbau zerstörter Häuser, heute unterstützt die Marke Aufforstung und Gemeinschaftsprojekte in der Region, die sie »Sugarlandia« nennt. So sorgt Papa Isio auf Umwegen bis heute für ein wenig Gerechtigkeit.
Unterwasser-Schwärmerei im Süden
Den Südosten der Insel nennt man Negros Oriental. Die Flanken der fernen Gebirgssilhouetten fallen dort in sanften Bögen zum Meer hinab. Südlich von Dumaguete City entwickelte sich der Tourismus früh, denn die Unterwasserwelt zählt zu den vielfältigsten Südostasiens.

Foto: Gerald Nowak
Chris Heim erkannte das lange vor allen anderen. Den rastlosen Schweizer mit den tausend Ideen darf man getrost als Pionier des philippinischen Tauchtourismus bezeichnen. Seine »Sea Explorers« bestehen seit 1989 und umfassen heute mehrere Resorts und Tauchbasen in den Visayas. Das Pura Vida Beach and Dive Resort liegt an einem schönen Strand mit Blick auf die vorgelagerte Insel Apo und scheint Chris besonders am Herzen zu liegen.
Gleich neben der Gartenanlage hat er mit den Vida Homes ein Konzept für exklusives und sehr privates Wohnen geschaffen und erreicht damit auch anspruchsvolle Gäste jenseits der Tauchszene. Wie ein flinkes Wiesel hüpft Chris herum, und was er in die Tat umsetzt, krönt seine positive Energie mit Erfolg.
Ein Paradies für Makrofotografen
Die küstennahen Tauchspots zwischen Dumaguete und Dauin bestehen fast ausnahmslos aus flachen Sandplätzen mit Weichkorallenbesatz. Muck Diving heißt diese Disziplin, und kaum ein Ort der Welt beherrscht sie besser. Auf dem vulkanisch dunklen Boden mit seinen goldenen Sprenkeln machen sich die seltenen und durchweg bunten Critter besonders gut, wie Taucher die kleinen Lebewesen am Grund nennen. Anglerfische gibt es in jeder Größe und Erscheinungsform. Dazu gesellen sich seltene Krebstierchen wie Tiger-, Harlekin- oder gestreifte Hummelgarnelen, dazu Geisterpfeifenfische, Kraken und Nacktschnecken in absurder Farbpalette. Für Makrofotografen ist das das Paradies.

Foto: Gerald Nowak
Apo Island: Schildkröten über terrassierten Hängen
Mehrmals wöchentlich starten Ausfahrten hinüber nach Apo Island, eine halbe Bootsstunde vor der Küste. In diesem Marineschutzgebiet zeigt sich die Visayas-See von einer ganz anderen Seite. Hier wachsen überwiegend Hartkorallen und riesige Schwämme auf den terrassierten Hängen. Sie bieten Heimat und Futterplatz für eine große Zahl ortstreuer Schildkröten, Seeschlangen und Fischschwärme. Die Dorfgemeinschaft von Apo verwaltet ihr Riff seit den 1980er Jahren selbst, ein Modell, das als eines der ersten seiner Art in Asien gilt und bis heute als Vorbild dient. Zusammen mit den dicht bewachsenen Steilwänden der Insel Siquijor bildet Apo die perfekte Ergänzung zu den Makroplätzen von Negros.
Chris und Karl sind mit Herzblut dabei
Nebenbei findet Chris noch Zeit, uns seine Herzensprojekte zu zeigen. Die kleine Dorfschule in den Bergen, die er unterstützt, liegt ein Universum entfernt vom komfortablen Tauchresort unten am Meer. Ihm und seiner philippinischen Frau liegt daran, etwas zurückzugeben, damit auch Kinder aus ärmsten Verhältnissen eine Chance auf Bildung bekommen. Gerne fährt er mit verwöhnten Gastkindern hier hinauf. Meist können die sich gar nicht vorstellen, was es bedeutet, jeden Tag barfuß eine Stunde zum Unterricht zu laufen.
Aber Chris wäre nicht Chris, wenn er nicht eine weitere Überraschung parat hätte. Wir fahren mit ihm zum Südzipfel der Insel. In einer mexikanisch anmutenden Hacienda mit Blick über die malerische Tambobo Bay lebt und arbeitet der Künstler Karl Aguila. Seine Möbel und Skulpturen haben internationale Anerkennung gefunden. Gerade verantwortet er das Interior Design von Chris‘ neuen Vida Homes.

Foto: Gerald Nowak
Karl schafft einen ungewöhnlichen Stil- und Materialmix und sucht mitunter lange nach geeigneten Hölzern. Deshalb verarbeitet er gerne auch alte Materialien. Antike Türen, Metalle und Porzellanstücke ordnet er gekonnt einem völlig neuen Zweck zu und funktioniert sie zu Tischen oder Wandschmuck um.
Als wir mit Karl und Chris gemeinsam einen »Don Papa« genießen, um auf ihr Projekt anzustoßen, habe ich das Gefühl, dass sich ein Kreis schließt. Hier sitzen gerade wirklich außergewöhnliche Persönlichkeiten zusammen. Drei Männer, drei Welten. Eine Insel.
Tauchreisen nach Negros sind zum Beispiel über die Webseite von Beluga Reisen buchbar.


