Die Straße windet sich durch Wälder, deren Äste durch die Last des Schnees so tief hängen, dass sie gefühlt jeden Moment brechen könnten. Das Thermometer zeigt minus 35 Grad. Der Motor brummt, aus meinem Kopfhörer tönt »Conga« von Gloria Estefan. Die Musik-Bild-Schere könnte nicht größer sein. Die Gefühlssituation in mir ist von Glück geprägt. Die malerische Landschaft in ihrer stillen Perfektion lässt mein Herz hüpfen. Wenn es nur nicht so unsagbar kalt wäre, dass ich mir künstliche Wärme anhand von Thermopads in die Handschuhe schieben muss. Als die Pads in ihrer vollen Kraft meine Hände wärmen, taucht die Mount Engadine Lodge auf – eine hölzerne Zuflucht in der wohl schönsten Schneelandschaft, die ich je gesehen habe.

Foto: Mount Engadine Lodge
Eingecheckt in der Mount Engadine Lodge
Die Lodge liegt in einem Hochtal, das wie vergessen wirkt – ein Ort, an dem die Welt kleiner wird und die Natur größer. Das Haus selbst gehört zu jenen, die leisen Luxus atmen, ohne es zeigen zu müssen. Drinnen riecht es nach Holz und Kaffee, das Licht fällt weich über breite Fensterrahmen. Wer hinausschaut, sieht nichts als Weiß und Weite – ein Panorama, das einem kurz den Atem raubt.
Die Zimmer sind urig und behaglich, mit massiven Balken, warmen Stoffen und dieser Art von Geborgenheit, die nach draußen zieht, statt drinnen zu halten. Zum Abendessen gibt es Wildlachs, außen kross, innen saftig, dazu ein Glas kanadischer Chardonnay. Zum Schluss steht ein Stück Pie auf dem Teller – warm, buttrig, genau richtig. Schmeckt hier besser als anderswo, vielleicht weil draußen die Welt aus Eis besteht. Nur das Feuer im Kamin hält noch ein leises Gespräch am Laufen.
Am Kamin spricht mich die Dame von der Rezeption an – roter Wollpulli, warmes Lächeln, wache Augen. »Sind Sie abenteuerlustig?«, fragt sie. Ich antworte aus reiner Höflichkeit und ohne groß nachzudenken: »Na klar!« Eine Aussage, die Konsequenzen haben wird.
Glamping bei Temperaturen jenseits des Gefrierpunktes
Denn statt in einem holzverkleideten Lodgezimmer mit dicker Bettdecke und wohltemperierter Gemütlichkeit lande ich in einem Glampingzelt. Wir erinnern uns: minus 35 Grad. Ich kann mein Glück kaum fassen – achtung, Ironie!

Foto: CTC Destination Canada
Das Zelt liegt traumhaft, keine Frage. Auf einem Ponton direkt am Hang, das Tal zu Füßen, der Himmel so klar, dass die Sterne aussehen, als hätte man sie speziell für mich angeknipst. Drinnen: ein Kingsize-Bett, ein eigenes Bad, sogar ein Holzöfchen, das tapfer gegen die Kälte kämpft. Nur eben Plane statt Wand. Ich trage drei Lagen Hosen, drei Lagen Pullover, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Aus Decken und Kissen baue ich mir eine Art Burg: Mein persönliches Iglu gegen den Frost. Nachts zur Toilette zu gehen, ist ein Abenteuer für sich. Jeder Schritt knirscht, die Luft sticht, und die größte Sorge gilt nicht dem Weg, sondern der Klobrille. Ich schwöre, sie fühlt sich so an, als könnte man an ihr easy festfrieren. Und zwar in Sekunden.
Ob das Abenteuer ist? Absolut. Ob ich das brauche? Definitiv nicht jeden Tag. Aber für eine Geschichte wie diese – perfekt. Schließlich schläft es sich inmitten unberührter Natur nie schlecht, selbst wenn man vor lauter Zittern vergisst, wie schön es draußen ist.
Auf zur Schneeschuhwanderung
Am nächsten Tag wartet ein erstes Mal auf mich: Schneeschuhwandern. Ich hatte ja noch die alten Modelle aus den Trapper-Filmen im Kopf – diese riesigen, aus Holz geflochtenen Dinger, die aussehen, als hätte jemand Tennisschläger zweckentfremdet. Stattdessen liegen hier futuristische Hartplastikversionen bereit, die mich eher an Marsmission als an Wildnis erinnern. Ich brauche gute fünf Minuten, um überhaupt zu verstehen, wie ich sie an die Schuhe bekomme. Auf einem vereisten Weg, versteht sich. Nach dem dritten Versuch bin ich schon aus der Puste, noch bevor ich den ersten Schritt getan habe.
Minus 37 Grad. Dazu weht eine Brise, die im Gesicht nicht kitzelt, sondern sticht. Cathy, mein Guide, reicht mir Vaseline. »Fürs Gesicht«, sagt sie. Ich lasse das für alle, die ihre Morgenroutine in Ehren halten, einfach mal so stehen.












