Foto: La Dolce Vita Orient Express/Mr. Tripper
Europa

Orient Express: Drei Züge, ein Name, und welcher ist der echte?

Drei Luxuszüge tragen den Namen Orient Express, und doch ist keiner wie der andere. Einer ist nagelneu und feiert Italiens 60er Jahre. Einer rollt seit 1982 mit den echten historischen Waggons. Ein dritter kommt 2027. Dahinter streiten zwei Luxuskonzerne um eine simple Frage: Wem gehört die Legende auf Schienen?

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8:40

Wer heute ein Ticket für den Orient Express sucht, landet schnell im Wirrwarr. Mal heißt der Zug »La Dolce Vita«, mal »Venice Simplon-Orient-Express«, und 2027 kommt ein dritter dazu. Alle klingen nach großer Geschichte, keiner meint denselben Zug.

Der Name reicht zurück bis 1883, als der erste »Train Express d’Orient« aus Paris rollte. Seither steht er für Abendgarderobe im Speisewagen und für Agatha Christies berühmtesten Mordfall. Die Markenrechte am Zugnamen liegen bis heute bei der französischen Staatsbahn SNCF, und sie hat sie zweimal vergeben. So kommt es, dass drei Züge dieselbe Legende für sich beanspruchen, mit ganz unterschiedlichen Strecken, Epochen und Preisen.

»La Dolce Vita«: Kino auf Schienen

Der jüngste der drei Züge macht am wenigsten Aufhebens um Nostalgie. Hinter »La Dolce Vita Orient Express« stehen das italienische Unternehmen Arsenale und die Marke Orient Express, an der Accor die Hälfte hält. Die erste Fahrt führte am 4. April 2025 ins toskanische Montalcino.

Beim Einsteigen fällt der Blick auf Messing, Rauchglasspiegel und Decken aus Holzlamellen. Das Mailänder Dimorestudio gestaltete die Innenräume in Terrakotta, Violett und Salbeigrün, als Hommage an den Designer Gio Ponti, eine Ikone des italienischen Mid-Century-Stils. Das Vorbild ist Federico Fellinis Filmklassiker »La Dolce Vita« von 1960, der Inbegriff des süßen italienischen Lebensgefühls. Hier regiert das Italien der Wirtschaftswunderjahre, nicht das Art déco der Zwanziger.

Lackierung des La Dolce Vita Orient Express mit dem Orient-Express-Emblem an der Wagenseite

Foto: La Dolce Vita Orient Express/Mr. Tripper

Sechs Züge sind geplant, gestartet ist der erste im April 2025. Die Zahlen an Bord bleiben exklusiv: Pro Zug reisen maximal 62 Gäste, verteilt auf zwölf Deluxe-Kabinen und 18 Suiten. Als Basis dienten italienische Schnellzugwagen, die in Süditalien komplett entkernt und neu aufgebaut wurden. Abends wird die Lounge Bar zum Zentrum, bei Live-Musik und Cocktails. Für das Essen sorgt Drei-Sterne-Koch Heinz Beck, die Empfangslounge am römischen Bahnhof Roma Ostiense stammt von Hugo Toro, der auch das erste Orient-Express-Hotel in Rom gestaltet hat.

Lounge im La Dolce Vita Orient Express mit Nussbaumregalen und rotem Samtsofa im Stil der 60er Jahre

Foto: La Dolce Vita Orient Express/Mr. Tripper

Strecken: Acht Routen führen durch 14 italienische Regionen, alle mit Start in Rom. Kurze Fahrten über ein bis drei Tage gehen etwa nach Matera, über Siena nach Venedig oder an die ligurische Küste nach Portofino. Die fünftägige »Grand Tour« verbindet Venedig, Matera, Taormina und Palermo. Auf der Fahrt nach Sizilien rollt der ganze Zug auf eine Fähre und setzt über die Straße von Messina. Danach geht der Blick auf den Ätna, direkt vom Bett der eigenen Suite. Neu ab Herbst: eine Strecke von Rom nach Istanbul, erste Abfahrt am 22. Oktober 2026.

Foto: La Dolce Vita Orient Express · Foto: La Dolce Vita Orient Express/Mr. Tripper

Preise: Kurze Fahrten beginnen bei rund 3.500 Euro pro Person, die »Grand Tour« bei etwa 16.000 Euro, die Fahrt nach Istanbul bei rund 20.000 Euro.

Venice Simplon-Orient-Express: die echten alten Wagen

Ganz anders der Gegenspieler. Hier ist nichts nachgebaut. Wer einsteigt, betritt echte historische Waggons, restauriert und seit 1982 im Dienst des »Venice Simplon-Orient-Express«.

Zusammengetragen hat sie der amerikanische Reeder James Sherwood. 1976 kaufte er das Hotel Cipriani in Venedig und suchte nach einer stilvollen Art, seine Gäste dorthin zu bringen. Ein Jahr später, als der alte Orient-Express seine letzte Fahrt machte, ersteigerte er in Monaco zwei ausrangierte Waggons. Aus der Idee wurde eine Obsession: Über Jahre spürte Sherwood weitere Originalwagen in ganz Europa auf, manche verkommen auf Abstellgleisen, andere zu Restaurants umgebaut. Fünf Jahre und rund 30 Millionen Dollar später rollte 1982 ein kompletter Zug wieder an, viele Wagen stammten aus den 20er und 30er Jahren.

Der Venice Simplon-Orient-Express mit dunkelblauen Wagen der Compagnie Internationale des Wagons-Lits auf der Fahrt durch ein Alpental

Foto: Belmond/David Noton

Drinnen dominieren dunkles Holz, Messing und feine Holzeinlegearbeiten. Jede Kabine trägt die Handschrift der Werkstatt, die sie einst ausstattete, und die Patina ist echt. Ein Steward kümmert sich um die Kabine, abends spielt im Barwagen ein Pianist. Wer will, kommt in Abendgarderobe zum Dinner. Für das Essen sorgt Jean Imbert. Genau hier trennt sich der Zug vom italienischen Neuling: »La Dolce Vita« feiert das Kino der 60er, der Belmond die Epoche selbst.

Barwagen des Venice Simplon-Orient-Express mit blauen Samtsesseln und Art-déco-Interieur

Fot: Belmond/Ludovic Balay

Nicht umsonst hängt an diesem Zug der Mythos von Agatha Christie. Einer der Waggons, Schlafwagen 3309, saß im Winter 1929 zehn Tage lang im Schnee fest, kurz vor Istanbul. Genau dieses Ereignis inspirierte »Mord im Orient-Express«. Der Wagen fährt bis heute mit, kein Nachbau, sondern das Original.

Strecken: Die klassische Route verbindet Paris und Venedig, mit Abfahrt um 16 Uhr und Ankunft am Folgetag gegen 17.30 Uhr. Dazu kommen Fahrten nach Wien, Prag, Florenz, Rom und Amsterdam. Die legendäre Strecke Paris–Istanbul fährt der Zug nur ein- bis zweimal im Jahr als mehrtägige Reise mit Hotelübernachtungen. Gäste aus London stiegen früher am Bahnhof Victoria in den British Pullman, fuhren bis Folkestone und setzten per Bus nach Calais über. Diese Zubringerstrecke hat Belmond nach 41 Jahren im März 2024 aufgegeben, wegen der Grenzkontrollen nach dem Brexit. Seither beginnt die Fahrt in Paris, aus London führt der Weg per Eurostar ab St Pancras. Das Unternehmen bezeichnete den Schritt als vorübergehend, im dritten Jahr fährt der Zug weiterhin nur ab Paris. Für 2026 wagte Belmond etwas Neues: Erstmals rollte der Zug von Paris an die Amalfiküste, mit Kulturstopp in Pompeji und zwei Nächten im hauseigenen Hotel Caruso über dem Meer. Die Premiere am 4. Mai war ausverkauft, 2027 kehrt die Strecke zurück.

Preise: Für Paris–Venedig liegen die Richtpreise je nach Kabinenkategorie zwischen rund 4.500 Euro für die Historic Cabin und gut 10.000 Euro für die Grand Suite, jeweils pro Person bei Doppelbelegung. Wer es genau wissen will, braucht ein konkretes Datum: Belmond zeigt die Beträge erst im Buchungskalender und standardmäßig in US-Dollar, weil sie sich nach Verfügbarkeit richten. Die Fahrt an die Amalfiküste startet bei 9.900 Euro.

Der geliehene Name

herwoods Imperium wuchs über den Zug hinaus. Er gründete eine Luxushotelkette, die passenderweise »Orient-Express Hotels« hieß. Doch der Name war geliehen: Die Rechte am Begriff Orient Express lagen bei der französischen Staatsbahn SNCF. Als die eigene Pläne damit entwickelte, musste die Kette weichen und benannte sich 2014 in Belmond um. 2019 kaufte der Luxuskonzern LVMH das Unternehmen. Der Zug behielt seinen sperrigen Lizenznamen, »Venice Simplon-Orient-Express«, in genau dieser Vierwortform.

2017 stieg Accor bei der Orient Express SAS ein und hält seither die Hälfte, die andere Hälfte gehört weiter der SNCF. Seit 2023 vergibt die Bahn den Markennamen damit an zwei Seiten. Und seit 2024 arbeiten Accor und LVMH bei der Marke sogar zusammen, in einer strategischen Partnerschaft. Der alte Streit um den Namen ist also längst ein Geschäftsmodell geworden.

Foto: Belmond/ Alice Mesguich · Foto: Belmond/Coco Capitán

»L’Orient Express«: der Erbe kommt spät

Den größten Anspruch auf den Namen erhebt ein Zug, der noch gar nicht fährt. Accor bringt 2027 den legendären Orient-Express zurück, mit echten Originalwagen aus den 20er und 30er Jahren.

Dass es diese Wagen überhaupt noch gibt, grenzt an ein Wunder. Lange galten sie als verschollen. Erst 2015 tauchten sie wieder auf, durch einen glücklichen Zufall: Der Historiker Arthur Mettetal recherchierte für die französische Bahn, als ihm im Hintergrund eines YouTube-Videos ein abgestellter Zug auffiel. Am mitternachtsblauen Lack erkannte er den Orient-Express, das Bahnhofsschild verriet den Ort. Die vergessenen Waggons standen in Malaszewicze, an der Grenze zwischen Polen und Belarus, Reste des früheren Nostalgie-Istanbul-Orient-Express.

Accor ließ 17 dieser Wagen restaurieren. Den Innenraum gestaltet der Architekt Maxime d’Angeac, mit originalen Lalique-Lampen, dunklem Palisanderholz und Marmor.

Rendering des Barwagens im L'Orient Express mit grünen Samtsesseln, geschwungenen Deckenschirmen und Palisandervertäfelung, Blick auf eine Wüstenlandschaft im Abendlicht

Foto: Orient Express

Strecke: Geplant ist die klassische Verbindung von Paris nach Istanbul, über München, Verona, Venedig und Budapest.

Preise: Noch nicht veröffentlicht.

Damit hat der Zug, was den anderen fehlt: den blanken Namen und echte historische Wagen zugleich. Die eine Seite hält die Marke, die andere fuhr jahrzehntelang mit den Originalen. Bei »L’Orient Express« kommt beides zusammen.

Rendering einer Suite im L'Orient Express mit Palisandervertäfelung, violettem Sofa und rundem Spiegel im Art-déco-Stil, Fenster mit Blick in grüne Hügel

Foto: Orient Express

Wem gehört die Legende?

Die Antwort ist geteilt: Accor führt den Namen, Belmond hat die alten Wagen, und beide berufen sich auf dieselbe Vergangenheit.

Für die Wahl zählt am Ende etwas anderes. Wer Italien und italienisches Design sucht, bucht »La Dolce Vita«. Wer in einem Wagen sitzen will, in dem schon in den Zwanzigern gespeist wurde, nimmt den Venice Simplon-Orient-Express. Und wer beides will, wartet auf 2027.

Accor baut die Marke unterdessen über die Schiene hinaus aus, mit Hotels in Rom und Venedig und mit der Segelyacht Orient Express Corinthian.

Häufige Fragen

Wie viele Orient-Express-Züge gibt es?
Drei Luxuszüge tragen den Namen. Der »Venice Simplon-Orient-Express« von Belmond fährt seit 1982 mit original restaurierten Wagen aus den 20er und 30er Jahren durch Europa. Der »La Dolce Vita Orient Express« rollt seit April 2025 durch Italien, neu gebaut im Stil der 60er Jahre. Für 2027 plant Accor mit »L'Orient Express« einen dritten Zug, ebenfalls mit historischen Originalwagen, auf der klassischen Strecke von Paris nach Istanbul.
Wem gehört der Name Orient Express?
Die Markenrechte liegen bei der französischen Staatsbahn SNCF. Accor hält seit 2017 die Hälfte an der Orient Express SAS, Belmond führt den Zugnamen »Venice Simplon-Orient-Express« als Lizenz.
Welcher Orient Express hat die echten historischen Wagen?
Der Venice Simplon-Orient-Express von Belmond. Seine Wagen stammen aus den 20er und 30er Jahren, darunter Schlafwagen 3309, der 1929 im Schnee feststeckte und Agatha Christie zu »Mord im Orient-Express« inspirierte.
Welche Strecke fährt der Orient Express heute?
Der Belmond-Zug verbindet Paris mit Venedig, dazu kommen Fahrten nach Wien, Prag, Florenz, Rom und Amsterdam. Die Strecke Paris–Istanbul fährt er nur ein- bis zweimal im Jahr. Der La Dolce Vita bleibt in Italien, mit acht Routen ab Rom durch 14 Regionen.
Was kostet eine Fahrt im Orient Express?
Beim Venice Simplon-Orient-Express beginnt die Nacht von Paris nach Venedig bei rund 4.500 Euro pro Person, Grand Suites kosten gut 10.000 Euro. Beim La Dolce Vita starten kurze Fahrten bei etwa 3.000 Euro, die fünftägige Grand Tour bei rund 16.000 Euro.
Fährt der Orient Express noch von London?
Nein. Die Zubringerstrecke von London Victoria nach Folkestone hat Belmond im März 2024 nach 41 Jahren aufgegeben, wegen der Grenzkontrollen nach dem Brexit. Die Fahrt beginnt seither in Paris, erreichbar per Eurostar ab St Pancras.
Wann fährt der neue Orient Express nach Istanbul?
Accor plant den Start von »L'Orient Express« für 2027, mit 17 restaurierten Originalwagen auf der Strecke Paris–Istanbul. Der La Dolce Vita bedient die Route bereits ab Oktober 2026.
Gibt es den Orient Express aus dem Agatha-Christie-Roman noch?
Der Zug aus dem Roman von 1934 fährt nicht mehr, der Schlafwagen mit der Nummer 3309 aber schon: Er gehört bis heute zum Venice Simplon-Orient-Express.
Ulrike Herder
Ulrike probiert gerne alles aus und liebt den guten Mix. Ob exotisches Essen, heilende Rituale, treibende Megastädte oder einsame Landschaften. So möchte sie ein Land gerne auf die Weise der Einheimischen erleben. Am liebsten stillt sie ihre Neugier in Asien, in Flip-Flops. Tragen die Einheimischen ja schließlich auch.