Chicago war schon immer eine Stadt der Einwanderer. Deutsche, Italiener, Polen, Griechen, Osteuropäer, Afroamerikaner aus den Südstaaten und später Menschen aus Puerto Rico und Mexiko brachten ihre Rezepte und Essgewohnheiten mit. Manche passten sie an das Leben in ihrer neuen Heimat an, andere kombinierten Zutaten verschiedener Kulturen. So entstanden Gerichte, die heute untrennbar mit Chicago verbunden sind.
Eine kulinarische Entdeckungsreise führt deshalb weit über die berühmte Deep Dish Pizza hinaus. Manche Spezialitäten erzählen von armen Einwandererfamilien, andere von einer Weltausstellung, einem puerto-ricanischen Restaurant oder einem Experiment, bei dem süßes und salziges Popcorn zusammengeschüttet wurde.
1. Italian Beef: Dry, wet oder dipped?
Kaum ein Gericht ist so eng mit Chicago verbunden wie das Italian Beef. Seine Geschichte reicht bis in die italienische Einwanderergemeinschaft des frühen 20. Jahrhunderts zurück. Damals suchten Familien nach einer Möglichkeit, mit vergleichsweise wenig Fleisch viele Menschen satt zu bekommen. Das Rindfleisch wurde deshalb langsam gegart, sehr dünn geschnitten und zusammen mit dem würzigen Fleischsaft auf Brot serviert. Besonders bei Hochzeiten und größeren Familienfeiern italienischer Einwanderer soll das Gericht beliebt gewesen sein.
Zu den Familien, die das Italian Beef bekannt machten, gehörte die von Anthony Ferreri. 1938 eröffnete sie einen kleinen Sandwich-Shop an der Ecke Harrison und Laflin Street. Das ursprüngliche Geschäft musste später der Stadterneuerung weichen. 1964 zog Al’s an die Taylor Street in Little Italy. Dort befindet sich bis heute Al’s #1 Italian Beef, inzwischen eine Institution der Chicagoer Imbisskultur.
Am Prinzip hat sich wenig geändert: Dünn geschnittenes Rindfleisch kommt auf ein längliches Brötchen und wird mit süßer Paprika oder scharfer Giardiniera belegt. Die Mischung aus eingelegtem Gemüse und Chili gehört für viele Chicagoer unbedingt dazu. Dann folgt die entscheidende Frage: dry, wet oder dipped? Bei »dry« bleibt das Brot weitgehend trocken. »Wet« bedeutet, dass etwas Jus darübergegeben wird. Bei »dipped« wird das komplette Sandwich in den würzigen Fleischsaft getaucht.
Neben Al’s gehört Johnnie’s Beef in Elmwood Park zu den bekanntesten Adressen. Eine weitere Station dürfte vor allem Serienfans bekannt vorkommen: Mr. Beef in River North diente als Inspiration und Drehort für die Erfolgsserie »The Bear«.

Foto: Choose Chicago
2. Chicago-Style Hot Dog: einmal durch den Garten
Auch beim Chicago Hot Dog steckt die Stadtgeschichte zwischen zwei Brötchenhälften. Eine reine Rindfleischwurst kommt in ein gedämpftes Mohnbrötchen und wird mit gelbem Senf, leuchtend grünem Relish, weißen Zwiebeln, Tomaten, einer Dillgurke, Sport Peppers und Selleriesalz belegt. Wegen der vielen pflanzlichen Zutaten sprechen Chicagoer gerne davon, der Hot Dog sei »dragged through the garden«, also einmal durch den Garten gezogen worden.
Die Zusammenstellung ist keineswegs zufällig. Viele Zutaten spiegeln die verschiedenen Einwanderungsgruppen Chicagos wider. Wurst und Senf haben deutsche beziehungsweise österreichische Wurzeln, Mohnbrötchen und Gurke verweisen auf Osteuropa, Tomaten und Zwiebeln unter anderem auf italienische und griechische Einflüsse. Die heutige Form entwickelte sich vor allem während der Weltwirtschaftskrise, als Hot Dogs mit reichlich Gemüse zu einer günstigen und sättigenden Mahlzeit wurden. Eine Zutat fehlt allerdings: Ketchup. Der gilt auf einem klassischen Chicago Dog traditionell als Tabu.
Probieren lässt sich der Klassiker beispielsweise bei The Wieners Circle in Lincoln Park oder Superdawg im Nordwesten der Stadt. Letzteres ist ein nostalgisches Drive-in und bereits wegen seiner riesigen Hot-Dog-Figuren auf dem Dach einen Abstecher wert.

Foto: Kathleen Hinkel 2026
3. Jibarito: Puerto Rico trifft Chicago
Eine der jüngeren kulinarischen Erfindungen der Stadt entstand erst 1996. Der aus Puerto Rico stammende Juan C. Figueroa hatte in einer puerto-ricanischen Zeitung von einem Sandwich gelesen, bei dem Kochbananen anstelle von Brot verwendet wurden. In seinem Restaurant Borinquen im Chicagoer Viertel Humboldt Park entwickelte er daraus den Jibarito.
Dabei ersetzen frittierte und flachgedrückte grüne Kochbananen die Brotscheiben. Dazwischen kommen traditionell Steak oder anderes Fleisch, Käse, Salat, Tomaten und eine kräftige Knoblauchnote. Die Kombination wurde schnell populär und verbreitete sich von Humboldt Park aus in der ganzen Stadt und später weit darüber hinaus.
Am spannendsten ist der Jibarito trotzdem dort, wo seine Geschichte begann. Humboldt Park bildet bis heute eines der Zentren der puerto-ricanischen Community Chicagos. Entlang des Paseo Boricua prägen Restaurants, Geschäfte, Wandbilder und zwei gewaltige puerto-ricanische Flaggen das Straßenbild. Zu den bekannten Adressen für Jibaritos gehören La Bruquena und Papa’s Cache Sabroso.
So wird aus dem Restaurantbesuch gleich eine kleine kulinarische Entdeckungstour durch eines der spannendsten Einwandererviertel Chicagos.

Foto: Choose Chicago
4. Deep Dish und Tavern Style: Chicago kann zwei Sorten Pizza
Keine Spezialität wird international so stark mit Chicago verbunden wie die Deep Dish Pizza. Sie sieht fast wie ein herzhafter Kuchen aus: Der hohe Rand umschließt reichlich Käse und weitere Zutaten, darüber kommt eine kräftige Tomatensauce.
Als Geburtsort gilt die 1943 eröffnete Pizzeria Uno in Downtown Chicago. Wer genau die Deep Dish erfunden hat, darüber wird allerdings bis heute diskutiert. Fest steht, dass sich der Stil von hier aus zu einem kulinarischen Wahrzeichen der Stadt entwickelte.
Neben Uno zählen Lou Malnati’s und Giordano’s zu den bekanntesten Namen. Für eine Deep Dish sollte allerdings etwas Zeit eingeplant werden. Die mächtige Pizza muss deutlich länger backen als eine klassische dünne Pizza.
Wer Chicagoer nach ihrer Lieblingspizza fragt, bekommt jedoch keineswegs automatisch Deep Dish als Antwort. Im Alltag spielt eine zweite Variante eine mindestens ebenso wichtige Rolle: Tavern Style. Dabei handelt es sich um eine dünne, knusprige Pizza, die nicht in dreieckige Stücke, sondern in kleine Quadrate geschnitten wird. Besonders auf der South und West Side gehört sie seit Generationen zur Nachbarschaftskultur.
Wer die Pizza-Kultur Chicagos wirklich kennenlernen möchte, sollte deshalb beide Varianten probieren. Deep Dish ist das berühmte Aushängeschild, Tavern Style für viele Einheimische die Pizza des Alltags.

Foto: Kathleen Hinkel 2026
5. Maxwell Street Polish: Fast Food mit Einwanderungsgeschichte
Ein weiterer Klassiker führt zu einem der geschichtsträchtigsten Orte der Stadt. Die Maxwell Street war über Jahrzehnte ein riesiger Straßenmarkt und Ankunftsort für Einwanderer aus unterschiedlichsten Teilen der Welt. Aus dieser Umgebung stammt die Maxwell Street Polish.
Dabei landet eine kräftige, knoblauchbetonte Wurst aus Rind- und Schweinefleisch im Brötchen und wird mit gegrillten Zwiebeln, gelbem Senf und häufig Sport Peppers serviert. Jimmy Stefanovic, ein Einwanderer aus Mazedonien, übernahm 1939 einen Hot-Dog-Stand an der Ecke Maxwell und Halsted Street. Daraus wurde Jim’s Original, das die Maxwell Street Polish berühmt machte. Ob sie dort tatsächlich erfunden wurde, lässt sich nicht zweifelsfrei belegen.
Die Geschichte der Spezialität ist zugleich die Geschichte eines verschwundenen Chicago. Der Bau von Schnellstraßen und die Erweiterung der University of Illinois Chicago veränderten das frühere Maxwell-Street-Viertel grundlegend. Der historische Markt wurde 1994 geschlossen, später jedoch wiederbelebt. Seit 2024 findet der Maxwell Street Market wieder an seinem historischen Standort an Maxwell und Halsted statt.

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6. Brownie: Eine süße Erfindung für die Weltausstellung
Eine der bekanntesten kulinarischen Geschichten Chicagos führt ins Palmer House. Das traditionsreiche Hotel beansprucht für sich, den Schokoladen-Brownie bereits 1893 erfunden zu haben. Anlass war die World’s Columbian Exposition, die damalige Weltausstellung in Chicago. Der Überlieferung des Hotels zufolge bat Bertha Palmer, Ehefrau des Hotelunternehmers Potter Palmer und eine der einflussreichsten Frauen der Stadt, den Konditor des Hauses um ein Dessert, das sich problemlos in einer Lunchbox transportieren ließ.
So soll ein kompaktes Schokoladengebäck mit Walnüssen und Aprikosenglasur entstanden sein. Ganz zweifelsfrei lässt sich diese Entstehungsgeschichte allerdings nicht belegen. Zeitgenössische Belege für den Palmer-House-Brownie von 1893 fehlen. Der Begriff »Brownie« taucht 1896 in Fannie Farmers »Boston Cooking-School Cook Book« auf, dort allerdings für ein Gebäck mit Melasse und ohne Schokolade. Eindeutige gedruckte Rezepte für Schokoladen-Brownies folgten erst um die Jahrhundertwende und in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts.
Für Chicago-Reisende macht das die Geschichte kaum weniger reizvoll. Mehr als 130 Jahre nach der Weltausstellung serviert das Palmer House seine historische Variante noch immer. »Bertha’s Famous Brownie« wird weiterhin mit Walnüssen und der charakteristischen Aprikosenglasur zubereitet. Damit lässt sich zumindest eine der ältesten Brownie-Traditionen der USA noch heute an dem Ort probieren, an dem sie der Überlieferung nach begann.

Foto: Choose Chicago
7. Garrett Mix: Kunden hatten die Idee
Manchmal entsteht ein kulinarischer Klassiker nicht in der Küche, sondern durch die Gäste. Garrett Popcorn eröffnete 1949 in Chicago und bereitete sein Popcorn in kleinen Chargen nach eigenen Rezepturen zu. Bis heute kommen dafür traditionelle Kupferkessel zum Einsatz.
In den 1970er-Jahren begannen Kunden, zwei der beliebtesten Sorten miteinander zu kombinieren: das süße CaramelCrisp und das würzige CheeseCorn. Sie kauften beide Sorten und mischten sie selbst. Garrett griff die Idee auf und nahm die süß-salzige Kombination 1977 offiziell ins Sortiment. Daraus entstand der Garrett Mix, der heute zu den bekanntesten kulinarischen Spezialitäten Chicagos zählt.
Das Prinzip klingt zunächst gewöhnungsbedürftig: Ein Bissen schmeckt süß und karamellig, der nächste intensiv nach Käse. Gerade dieser Kontrast macht den Reiz aus. Die Kombination wurde so populär, dass ähnliche Mischungen aus Käse- und Karamellpopcorn inzwischen häufig mit Chicago in Verbindung gebracht werden.
Garrett besitzt heute mehrere Filialen in der Stadt. Eine Tüte lässt sich deshalb leicht bei einem Bummel durch Downtown mitnehmen und eignet sich zudem als kulinarisches Souvenir. Und anders als Italian Beef oder Deep Dish Pizza übersteht der Chicago-Klassiker sogar die Heimreise.

Foto: Choose Chicago
Mehr Informationen über die Sehenswürdigkeiten, Attraktionen und vieles mehr von Chicago gibt es auf der Website Choose Chicago.


