Eins vorweg: Dies ist kein Reise-Fail im eigentlichen Sinne. Ich wurde nicht von Tieren angegriffen und meinem Verdauungstrakt ging es durchweg gut. Nur der Kopf ließ mich im Nachgang meiner kleinen Geschichte heute ein wenig leiden. Das kommt halt davon, wenn man der Landessprache nicht mächtig ist. Und ein wirklicher Fail ist es am Ende schon deshalb nicht, weil ich mich unsterblich in das Land verliebt habe, um das es in dieser Geschichte geht.
Welches Land das ist? Mexiko. Laut, manchmal staubig, wuselig. Aber eben auch wunderschön, bunt und voller Musik. Ich war vor einigen Jahren dort, weil ich mir in den Kopf gesetzt hatte, einmal den Día de los Muertos zu erleben. Vorher reiste ich ein paar Wochen durch das Land. Und was soll ich sagen? Je mehr ich sah, um so mehr Herzklopfen bekam ich. Schockverliebt auf den ersten, zweiten und hundertsten Blick. Ich reiste komplett ohne Spanischkenntnisse, was ich zugegebenermaßen ein mini-mini-mini-bisschen unterschätzt hatte. Ich dachte, durch die Nähe zu den USA würde ich auf genug Menschen treffen, mit denen ich mich auf Englisch verständigen könnte. Nun ja. Es ging, aber Hände, Füße und Fantasie waren schon vonnöten.
Mexico City: Kultur auf meine Art
Startpunkt meiner Reise war Mexico City. Wie viele, die zum ersten Mal nach Mexiko reisen, hatte ich einige negative Schlagzeilen in Bezug auf Kriminalität im Kopf und war ein wenig besorgt um meine Sicherheit. Erst recht in einer so riesigen Stadt. In meinem Fall war das völlig unbegründet. Meine komplette Reiseroute war sehr sicher, die Hauptstadt eingeschlossen. Ich ließ mich durch die bunten Viertel und Straßen der Stadt treiben und staunte permanent über ihre schiere Größe.
Auch Kultur stand auf dem Plan. Davon gibt es in Mexico City reichlich. Ich aber channelte meinen inneren Teenager und beschloss, ich muss zum Lucha Libre. Überraschender Turn, ich weiß. Aber würde ich hier nun über meinen Besuch im Frida Kahlo-Haus schreiben, wäre vermutlich kein Reise-Fail entstanden. Zurück zu mir als 16-Jährige. Da hatte ich nämlich mal eine sehr intensive Phase in der Welt des amerikanischen Wrestlings. Wrestlemania und so. Klar, dass ich mir dann auch die ursprüngliche Variante der Showkämpfe, Lucha Libre, in Mexiko anschauen wollte. Auch ohne Wrestling-Hintergrund kennt mittlerweile wohl fast jeder die bunten Masken und spektakulären Sprünge der Luchadores. Die Arena México, Austragungsort der meisten Kämpfe, ist auch gar nicht mal so klein. Sie umfasst über 16.500 Zuschauer und war an meinem Abend fast ausverkauft.
Hatte ich eine Ahnung, wer da kämpft? Nein. Ich war lange aus dem Wrestling-Game raus und im mexikanischen auch nie so richtig drin. Habe ich verstanden, was sich die Kämpfer zuriefen, wie sie sich gegenseitig provozierten? Nein, natürlich nicht. Wer jetzt sagt, dass das gar nicht nötig ist, um zwei bunt maskierten Männern beim Draufhauen zuzusehen … jein. Hinter jedem Kampf steckt eine Geschichte, mit Técnicos (den Guten) und Rudos (den Bösen). Die Kämpfe sind Teil einer großen Inszenierung. Hat mich das gestört? Nein. Ich fand alles trotzdem total spannend und jubelte einfach hier und da mit. Mein Jubel richtete sich natürlich ohne Sprachkenntnisse rein nach ästhetischen Kriterien. Also eher so in Richtung schönste Maske.
Die Sache mit dem »Sí«
In rudimentärem Spanisch bestellte ich mir zwischendurch bei einem der fliegenden Händler ein Bier. Er goss mir gleich zwei Flaschen in einen großen Pappbecher. Und ich schaute irritiert zu. Zu Hause trinke ich meist nicht mal zwei Flaschen im Monat. Aber nun war’s halt im Pappbecher, also trank ich es aus. Etwa 30 Minuten später stand er wieder neben mir und sprach mich an. Ich verstand kein Wort (natürlich aufgrund der Lautstärke in der Arena), wollte aber höflich sein und sagte »Sí«. Er lächelte und füllte nach, wieder zwei Flaschen. Ja, ich weiß. Ich hätte es wissen können. Zu meiner Verteidigung: Ich war abgelenkt. Und nach den zwei Flaschen mexikanischem Bier auch schon etwas angeschickert. Als er das nächste Mal vorbeikam, ahnte ich schon die Frage. Diesmal sagte ich »No, gracias« (ja, kann ich auch). Er schien enttäuscht. Vermutlich hatte er in mir die beste Kundin des Abends gesehen. Also eine, die nichts versteht, zu viel Trinkgeld gibt und im Laufe der Zeit die Kontrolle verliert und willenlos nachtankt. Aber ich sag‘ wie’s ist: Vier Flaschen Bier reichen für mich schon völlig für erhöhten Harndrang und auffallend entspannte Gesichtszüge. Und harmlose Entgleisungen.
Irgendwann zwischen Flasche zwei und vier kippte etwas. Um mich herum jubelten die Menschen, und ich jubelte einfach mit. Verstanden habe ich weiterhin nichts. Fremd gefühlt habe ich mich keine Sekunde. An diesem Abend war es um mich geschehen: Mexiko hatte mich, mitsamt des Pappbechers.
Die neu entflammte Begeisterung für das Land lag am nächsten Morgen allerdings erstmal ein wenig im Nebel. Die vier Flaschen Bier hämmerten mit jedem Sonnenstrahl an meine Schädeldecke. Ich vertrage halt auch nix. Beim Frühstück sah mich eine fremde Frau ein wenig mitleidig an. Dann fragte sie:»¿Cruda?«. Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutete, aber sie zeigte auf den Kopf und machte eine Trinkbewegung. Mein »Sí« kam diesmal aus jeder Faser meines Körpers.»¿Cruda?« ist übrigens das mexikanische Wort für Kater. Nur falls das mal wer braucht.
Mein Fazit: Wer kaum Alkohol trinkt, sollte in der Arena México die Fragen der Bierhändler verstehen. Zumindest beim zweiten Mal. Aber ich hab’s geschafft. Verliebt habe ich mich an diesem Abend trotzdem, und zwar dauerhaft. In ein ganzes Land.





