Schon bevor ich das Almanac betrete, bin ich ein wenig beeindruckt. Allein die Lage des Hotels! Direkt vor der Tür zieht der berühmte Wiener Ring seine perfekte Schleife um die Stadt, diese große Wiener Geste aus Stein und Geschichte. Oper, Parks, Museen – all das befindet sich in unmittelbarer Nähe des Hotels. Zwar wird niemand behaupten, dass der Eingang selbst viel hermacht. Doch wenn man die erste, recht unscheinbare Tür am Parkring hinter sich gelassen hat, weitet sich der Blick auf ein offenbar sehr fein inszeniertes Palais. Ein Palais, richtig gelesen. Ehrlich gesagt hatte ich mich schon gefragt, ob ich der Richtige für solch ein Etablissement bin. Ist so ein schicker Palast nicht ein wenig zu steif und mondän für einen Typen, der nicht mal eine Krawatte im Schrank verwahrt?

Foto: Almanac Palais Vienna
Zwei historische Palais, neu zusammengesetzt
Die Lobby ist hell, pur, nichts Plüschiges, nichts, das sich anbiedert. Glatte Flächen, klare Linien, ein Geruch nach Kaffee, Vanille, dazu etwas Metallisches, eine nicht zu übersehende Skulptur in der Mitte des Raums. Trotzdem kein Ort, der nach Aufmerksamkeit schreit – eher einer, der sie diskret voraussetzt. Das Hotel repräsentiert in Stein gemeißelte Geschichte: In Wahrheit handelt es sich dabei um gleich zwei »Paläste« am Parkring 14 und 16, dem Palais Henckel von Donnersmarck (richtig, die Familie des Hollywoodregisseurs) und dem Palais Leitenberger. Beide erbaut im 19. Jahrhundert, vor einigen Jahren von neuen Besitzern entkernt, mit Stil und Gegenwart aufgeladen und gemeinsam neu zusammengesetzt.

Foto: Almanac Palais Vienna
Entstanden ist ein zugegeben leicht labyrinthisch anmutendes Juwel moderner Gastlichkeit (beim Versuch, von meinem Zimmer ins Gym zu kommen, musste ich zwar nur ein Stockwerk, aber zwei unterschiedliche Aufzüge nutzen …). Hinter dem Konzept steht die Wiener Familie Haselbacher, die bereits in Barcelona und Prag Almanac-Häuser betreibt und weitere Hotels in Europa plant (Funfact: Herbert Haselbacher ist in Wien vor allem durch seine frühere Karriere als Basketballprofi bekannt). Die beiden hochherrschaftlichen Palais in Wien wurden stilistisch entstaubt. Das Ergebnis: klare, von überflüssigem Zierrat befreite Räume, klarer Fokus auf Funktion. »Lean Luxury« nennt man das wohl, Reduktion auf wenig, aber effektives Design. 31 Zimmer und 80 Suiten. Manche Suiten verfügen über eine eigene Sauna, eine davon ist stolze 200 Quadratmeter groß.
Wu-Tang Clan und nationale VIPs: Wer im Almanac gern absteigt
Wie man hört, wissen auch diverse Prominente aus aller Welt den Schutz der Privatsphäre zu schätzen, den das Almanac auf allen Ebenen bietet. Über Namen spricht man hier (natürlich) nicht, aber dass etwa der Wu-Tang Clan aus New York kein großes Geheimnis daraus macht, wo er in Wien absteigt, können wir als Referenz anbieten. Dazu passt, dass ich auf dem Weg durch das Hotel gleich mal auf die Security-Leute eines nationalen VIPs treffe, eines Stammgasts des Hauses.

Foto: Tony Gigov / Almanac Palais Vienna
Ich schlendere durch die Beletage des Almanac, auch hier hohe Räume, große Fenster: Geschichte ohne Pathos. Früher wurde hier repräsentiert, Hof gehalten, wenn man so will. Heute ist die Beletage eine exklusive Bühne für Hochzeiten, Empfänge und Veranstaltungen aller Art. Das ist so gewollt: Die Beletage hat die Verwandlung in die zeitgenössische Moderne verweigert und verfügt über eine Grandezza, die nicht wegkuratiert wurde. Man bewegt sich hier automatisch ein wenig langsamer, spricht leiser, als hätte dieser Raum ein Gedächtnis. »Die Geschichte ist da«, sagt Frank Spielmeyer, der Direktor des Hotels, »aber sie bestimmt nicht den Ton.« Damit meint er zwar konkret gerade die Beletage des Almanac, liefert aber gleichzeitig auch ein Statement, das für sein gesamtes Haus gelten könnte.
Restaurant Donnersmarkt: Lange Tafel, viel Gemüse und Wiener Patisserie
Auch kulinarisch überzeugt das Almanac mit bodenständiger Exzellenz: Das hauseigene Restaurant trägt den Namen Donnersmarkt, eine Wortspiel-Reminiszenz an die früheren Besitzer von Donnersmarck. Es verzichtet ebenso wie die Zimmer des Hotels auf theatralische Gesten und lenkt den Blick auf wenige, aber spektakuläre Highlights. Die lange Tafel etwa, die zur Geselligkeit beitragen soll, indem sie Hotelgäste beim Essen zwangsläufig miteinander ins Gespräch bringt. Ein Schwerpunkt der Küche liegt auf vegetarischen oder sogar veganen Speisen, Nachhaltigkeit auf allen Ebenen ist für das Almanac eine Selbstverständlichkeit. Wobei kulinarische Raffinesse durchaus gewünscht ist: Die Desserts etwa werden von einer Patissière mit Wiener Ausbildung und internationalem Schliff zubereitet.
Noch ein Bonus: Der Service! Das Personal gibt sich unaufgeregt freundlich, aufmerksam, aber ohne jede Form von Aufdringlichkeit. Niemand fragt zu viel, niemand erklärt zu lange. Dienstleistung ist hier keine antrainierte Pose, sondern selbstverständliche Grundhaltung. Man wird gesehen, aber nicht beobachtet – ein Unterschied, den ich selten so klar wahrgenommen habe.
Café Elias: New Yorker Coolness mitten in Wien
Ein paar Schritte nur vom Restaurant Donnersmarkt entfernt öffnet sich der hauseigene Elias Coffee Shop zur Straße hin. An den Tischen auf dem Bürgersteig sitzen junge Menschen im Freien, augenscheinlich nicht nur Hotelgäste. Sie lehnen sich zurück und schauen so selbstbewusst in die Stadt hinein, als gehöre sie ihnen. Das Café Elias hat etwas lässig New-Yorkisches. Weiß gekachelte Wände zum Beispiel wie einst bei Dean & DeLuca in den Coffeeshops der Starck-Hotels – diese Mischung aus urbaner Selbstverständlichkeit und gediegener Coolness. Drinnen Espresso, draußen Gesprächsfetzen, dazwischen eine Leichtigkeit, die dem restlichen Haus noch ein wenig vorauseilt.





