Das Geräusch kündigt sich schon von weitem an. Ein dumpfes, rhythmisches Dröhnen, das durch die Gassen von Rinchnach rollt und in der Magengrube ankommt, bevor die Ohren es einordnen können. Dann biegen sie um die Ecke: Dutzende Männer, jeder mit einer mächtigen Kuhglocke vor dem Körper, die sie im Gleichschritt schwingen. »Riegeln« heißt das im Bayerischen Wald.
Am Vorabend von Martini (also dem Martinstag) ziehen die Wolfauslasser durch mehrere Orte der Region, begleitet vom Knallen der Goaßlschnalzer und ihrer langen Peitschen. Einst verabschiedete der Brauch das Vieh von den Waldweiden und sollte die Wölfe vertreiben. Heute steht er im Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes Bayerns, und das Publikum drängt sich bis in die Hauseingänge.

Foto: Reinhold Erti
Der Brauch erzählt viel über die Region: Hier bestimmte über Jahrhunderte der Wald, wie die Menschen lebten, was sie arbeiteten und wovor sie sich fürchteten.
Wo der Bayerische Wald liegt
Der Bayerische Wald erstreckt sich im Osten Bayerns über rund hundert Kilometer entlang der tschechischen Grenze. Im Nordwesten beginnt er etwa auf Höhe von Cham, im Südosten reicht er bis in die Gegend um Passau, wo Deutschland, Tschechien und Österreich aufeinandertreffen. Die Donau bildet seine südwestliche Kante, und genau von dort steigt das Gelände in mehreren Stufen zum Grenzkamm auf. Politisch verteilt sich die Region vor allem auf Niederbayern und einen Teil der Oberpfalz. Nördlich schließt der Oberpfälzer Wald an, jenseits der Grenze setzt sich das Gebirge als Böhmerwald fort, auf Tschechisch Šumava.
Zusammen bilden Bayerischer Wald und Šumava das größte zusammenhängende Waldgebirge Mitteleuropas. Der Große Arber markiert mit 1.456 Metern den höchsten Punkt, dazu kommen Rachel, Lusen, Dreisessel und Dutzende weitere Gipfel um die Tausend-Meter-Marke. Aus München dauert die Anfahrt mit dem Auto gut zwei Stunden, aus Regensburg deutlich weniger. Auch mit der Bahn kommen Reisende gut an: Die Waldbahn fährt von Plattling bis Bayerisch Eisenstein direkt an der Grenze, und viele Gastgeber geben ihren Gästen die GUTi-Karte aus, mit der Busse und Bahnen in der Region kostenlos sind.

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Warum gerade der Bayerische Wald
Im Vergleich zu den Alpen spielt der Bayerische Wald in einer anderen Liga, und genau das macht seinen Reiz aus. Die Gipfel verlangen Kondition, aber keine Klettersteigerfahrung. Die Wege führen durch den Wald statt über Geröllfelder, und selbst an sonnigen Oktoberwochenenden finden sich Pfade, auf denen stundenlang niemand zu sehen ist.
Dazu besitzt die Region etwas, das in Deutschland selten ist: echte Wildnis. 1970 entstand hier der erste Nationalpark des Landes, und sein Leitsatz »Natur Natur sein lassen« gilt bis heute. Als der Borkenkäfer in den Hochlagen ganze Fichtenbestände zum Absterben brachte, ließ die Parkverwaltung die toten Stämme stehen. Zwischen den silbrigen Stangen wächst inzwischen ein junger, dichter Wald, den niemand gepflanzt hat. Luchse streifen wieder durch die Grenzwälder, und im Tierfreigelände bei Neuschönau lassen sich Luchs, Wolf und Braunbär in weitläufigen Gehegen beobachten. Gleich nebenan windet sich der Baumwipfelpfad durch die Kronen und endet in einem eiförmigen Holzturm, von dessen Spitze der Blick über den Nationalpark reicht.

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Der Herbst als beste Reisezeit
Im Herbst spielt der Bayerische Wald zwei Trümpfe gleichzeitig aus. Der erste hängt in den Bäumen: Buchen und Bergahorn färben sich in Ocker, Rost und Gold, während die Fichten ihr dunkles Grün behalten, und aus diesem Kontrast entsteht ein Farbenspiel, das von Woche zu Woche wechselt. Der zweite liegt in der Luft. Bei Hochdrucklagen sammelt sich kalte Luft in der Donauebene und füllt sie mit Nebel, während die Gipfel darüber in klarer Sonne stehen. An solchen Tagen tauchen am südlichen Horizont die Alpen auf, als gezackte Linie über einem weißen Meer, weit über hundert Kilometer entfernt und trotzdem gestochen scharf.
Den dramatischsten Gipfel dafür bietet der Lusen. Der Aufstieg beginnt im bunten Bergwald, dann bleiben die Bäume zurück, und die Kuppe besteht nur noch aus übereinandergetürmtem Granit, grau und von Flechten gesprenkelt. Das letzte Stück erfordert Balance von Block zu Block, oben weitet sich der Blick über das Grenzgebirge bis tief nach Böhmen. Ruhiger geht es am Großen Osser zu, dessen Doppelgipfel direkt auf dem Grenzkamm zu Tschechien sitzt. Im Osserschutzhaus darunter kommen deftige und köstliche Knödel auf den Tisch, und wer am Fenster sitzt, schaut beim Essen gleich in zwei Länder. Wer lieber schwebt als steigt, nimmt am Großen Arber die Gondel und läuft nur das letzte Stück zum Gipfel.

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Für lange Wanderungen ist der Goldsteig die erste Adresse. Der Fernwanderweg zieht sich über rund 660 Kilometer durch den Oberpfälzer und den Bayerischen Wald und lässt sich problemlos in Tagesetappen aufteilen. Radfahrer folgen der Trans Bayerwald, einer 700 Kilometer langen Mountainbikeroute, die ruhige Talabschnitte entlang von Regen und Ilz mit anspruchsvollen Abfahrten kombiniert. Im Herbst kommen der Geruch von feuchtem Laub und das Rascheln, wenn die Reifen durch die ersten gefallenen Blätter pflügen, dazu.
Glas aus dem Wald
Wo so viel Holz wächst, entstand früh eine Industrie, die viel Brennstoff verschlang. Holz für die Öfen, Quarzsand und Pottasche aus der Asche lieferten über Jahrhunderte die Grundlage für die Glasherstellung, und die Glasmacher gehörten zu den wichtigsten Arbeitgebern der Region. Zwiesel trägt den Beinamen Glasstadt noch heute zu Recht, und entlang der Glasstraße öffnen Hütten und Manufakturen ihre Werkstätten. Dort formen Glasbläser am glühenden Hafen Kelche und Karaffen, drehen, blasen, schneiden, und das Ergebnis landet später auf Tafeln in ganz Europa. Wie karg das Leben der Waldbauern dagegen war, zeigen die Freilichtmuseen der Region mit ihren Höfen aus dunklem Holz und niedrigen Stuben.
Neu am Almberg
Die jüngste Attraktion des Bayerischen Waldes hängt an einer Schiene zwischen den Baumkronen. Am Almberg bei Mitterdorf hat eine Flyline eröffnet, laut Tourismusverband Ostbayern die längste der Welt. Auf knapp 2.000 Metern gleiten Fahrgäste nahezu lautlos durch den Wald, nah genug an den Stämmen, um im Herbst das bunte Laub fast zu streifen.
Weitere Informationen zur Region bietet www.bayerischer-wald.de.


