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Guide Michelin: Hier wird für die Sterne-Prüfung gezahlt

Vor hundert Jahren vergab Michelin den ersten Stern. Aus dem Werbeheft eines Reifenherstellers wurde die wichtigste Adresse der Weltküche, und heute bezahlen vielerorts Tourismusorganisationen dafür, dass ihre Region überhaupt geprüft wird. Michelin äußert sich auf Anfrage von reisen EXCLUSIV ausführlich zum Ablauf. Eine Bestandsaufnahme.

Im Oktober 2026 bekommt Australien seine ersten Michelin-Sterne. Vergeben werden sie in Adelaide, im Barossa Valley, in McLaren Vale und im Clare Valley. Melbourne geht leer aus, Sydney ebenfalls. Die beiden Städte mit der dichtesten Restaurantszene des Kontinents kommen im ersten australischen Guide nicht vor.

Der Grund dafür liegt nicht unbedingt auf dem Teller. Michelin wirbt seit 2016 um Australien und verhandelte zuletzt mit Tourism Australia über eine Partnerschaft im zweistelligen Millionenbereich über fünf Jahre. Die nationale Tourismusorganisation lehnte ab, mit einem Noch-nicht. Die South Australian Tourism Commission sagte hingegen zu, exklusiv, zu einer vertraulichen Summe. Tourism New Zealand zahlte parallel 6,3 Millionen neuseeländische Dollar für Auckland, Wellington, Christchurch und Queenstown.

Historische Ausgabe: Guide Michelin France von 1955, Sonderedition für den Touring Club de France. Foto: OKcamera / Shutterstock

Historische Ausgabe: Guide Michelin France von 1955, Sonderedition für den Touring Club de France. Foto: OKcamera/Shutterstock.com

Hundert Jahre zuvor sah das anders aus. Als die Brüder André und Édouard Michelin 1900 das erste Heft verteilten, fuhren in Frankreich keine 3.000 Autos. Karten, Werkstätten, Hotels, alles kostenlos, damit die wenigen Autofahrer überhaupt losfuhren und dabei Reifen verschlissen. Restaurants kamen 1920 dazu, der erste Stern 1926. Heute verteilt Michelin den Guide wieder kostenlos, seit die gedruckte Ausgabe 2021 in den meisten Märkten wegfiel. Bezahlt wird er inzwischen von denen, die er berühmt macht.

So entsteht die Weltkarte der Spitzenküche an immer mehr Stellen. Sie folgt dem Verlauf öffentlicher Marketingbudgets, und das ist weniger anrüchig, als es zunächst klingt.

Warum Destinationen für den Guide Michelin zahlen

Kulinarik gilt zur Zeit  als einer der zuverlässigsten Reiseanlässe. Gäste, die wegen des Essens kommen, bleiben länger und geben mehr Geld aus. Destinationen wissen das.

Der Guide Michelin kann die Welt wiederum nicht flächendeckend prüfen. Jede Inspektion kostet Geld, und der Guide war über Jahrzehnte hinweg ein Verlustgeschäft. Die Financial Times bezifferte das Minus 2011 auf 24 Millionen Dollar im Jahr. Aus beiden Interessen entstand das Partnerschaftsmodell.

Was Michelin dazu sagt

Auf Anfrage von reisen EXCLUSIV beschreibt Michelin das Modell so: Destinationspartner unterstützen Werbe-, Kommunikations- und Marketingaktivitäten, die der Sichtbarkeit der jeweiligen Auswahl dienen. Auf den Inspektionsprozess und die Auswahlentscheidungen hätten diese Partnerschaften zu keinem Zeitpunkt Einfluss. Geprüft werde anonym und unabhängig nach den geltenden Kriterien des Guides, der heute mehr als 60 Destinationen abdeckt.

Bibendum, das Michelin-Männchen und Maskottchen des französischen Reifenherstellers, vor blauem Himmel. Foto: alexanderon / Shutterstock

Bibendum, das Michelin-Männchen und Maskottchen des französischen Reifenherstellers, vor blauem Himmel. Foto: alexanderon/Shutterstock.com

Entscheidend ist die Reihenfolge. Nach Aussagen von Michelin lege der Guide zuerst eigenständig fest, wohin er expandieren wolle, und suche erst danach Partner für die Werbe- und Kommunikationsarbeit vor Ort. Wo die Inspektoren eine kulinarische Szene als nicht ausreichend ausgereift einschätzen, führe Michelin gar keine Gespräche, unabhängig von finanziellen Erwägungen.

Demnach kann sich eine Region nicht in den Guide einkaufen. Sie kann bezahlen, damit eine Prüfung stattfindet, für die Michelin sie ohnehin qualifiziert hat.

Die Preisliste, soweit sie öffentlich ist

Visit California zahlte 2019 rund 600.000 Dollar und wurde zur ersten zahlenden US-Destination. Sechs texanische Organisationen brachten gemeinsam 2,7 Millionen Dollar über drei Jahre auf, für Austin, Dallas, Houston und San Antonio. Meet Boston zahlte über eine Million Dollar für drei Jahre, finanziert aus Hotelabgaben in Boston und Cambridge.

In Florida legten der Bundesstaat und die Organisationen von Miami, Orlando und Tampa bis zu 1,5 Millionen Dollar zusammen. Visit St. Pete-Clearwater kam 2025 für 90.000 Dollar im Jahr dazu, bezahlt aus der örtlichen Bettensteuer.

Lachs-Ceviche mit Leche de Tigre, fein angerichtet. Foto: Artem Arshanitsa / Shutterstock

Lachs-Ceviche mit Leche de Tigre, fein angerichtet. Foto: Artem Arshanitsa/Shutterstock.com

Die Korea Tourism Organization ließ sich die Aufnahme 2016 rund 3,2 Milliarden Won kosten, über eine Million Dollar. Thailand vereinbarte 2017 einen Vertrag über 144 Millionen Baht für fünf Jahre, der zunächst ausschließlich Bangkok abdeckte, und verlängerte ihn später auf insgesamt acht Jahre. Restaurants berichteten von Umsatzsteigerungen um 30 bis 40 Prozent. Israels Tourismusministerium bot 2023 rund 1,5 Millionen Euro.

Für ein Tourismusbüro sind das überschaubare Positionen. 90.000 Dollar im Jahr kosten weniger als eine mittlere Kampagne in einem einzigen Auslandsmarkt, und die Michelin-Website zählt über 60 Millionen Besucher im Jahr. Was am Ende davon ankommt, ist eine andere Frage.

Wohin reisen die Inspekteure?

Kritik am Modell entzündet sich an der Frage, welche Gebiete innerhalb einer Ausgabe überhaupt geprüft werden. In Florida kamen zunächst ausschließlich Restaurants aus Miami, Orlando und Tampa für eine Auszeichnung infrage. Die erste Auswahl 2022 brachte ein Zwei-Sterne-Haus, vierzehn Ein-Stern-Häuser und 29 Bib Gourmands. In Colorado galten ab 2023 nur Denver, Boulder, Aspen, Vail, Beaver Creek und Snowmass Village als prüfbar, alles Städte und Skiorte mit eigenem Marketingetat. Der Bundesstaat zahlte in drei Jahren 135.000 Dollar an Anreizen und stellte für 2026 weitere 100.000 Dollar bereit. Seit diesem Jahr ist ganz Colorado prüfbar.

Genussmoment im Restaurant: ein Glas Rotwein und ein frischer Salat. Ist das eine Inspekteurin?Foto: Branislav Nenin / Shutterstock

Genussmoment im Restaurant: ein Glas Rotwein und ein frischer Salat. Ist das eine Inspekteurin?Foto: Branislav Nenin/Shutterstock.com

Michelin widerspricht der naheliegenden Lesart dieser Fälle ausdrücklich. Es sei unzutreffend, dass ausschließlich Partnerdestinationen für eine Inspektion infrage kamen. Der geografische Umfang jeder Auswahl werde allein von den Inspektionsteams festgelegt, auf Basis ihrer Gebietskenntnis und der kulinarischen Reife. In neuen Märkten beginne der Guide regelmäßig in großen urbanen Zentren, wo die Bevölkerungsdichte höher und das Angebot stärker entwickelt sei, und weite die Abdeckung danach schrittweise aus. Denselben Weg sei man in der Türkei und in Polen gegangen.

Der Streit um die Landkarte

Damit stehen zwei Erklärungen für dasselbe Bild nebeneinander. Michelin sagt, die Inspektoren hätten Miami, Tampa und Orlando nach kulinarischen Maßstäben ausgewählt und die Partner erst danach gesucht. Beobachten lässt sich, dass die geprüften Gebiete in den US-Ausgaben bisher mit den zahlenden Gebieten übereinstimmten. Wer zuerst da war, die Entscheidung oder das Geld, lässt sich von außen nicht auflösen.

Wie sehr die Landkarte von der Prüfung abhängt, zeigt die Rangliste selbst. Frankreich führt mit 654 Sternerestaurants, gefolgt von Italien mit 382 und Japan mit 359. Deutschland liegt mit 338 Häusern auf Rang vier, Österreich seit der Rückkehr des Guides bei 100. Unter den Städten steht Tokio mit 159 Sternerestaurants vorn, danach Paris mit 122 und Kyoto mit 97. Japan stellt drei der fünf stärksten Städte weltweit.

Die Liste misst allerdings nicht, wo am besten gekocht wird. Sie misst, wo Michelin prüft. Osaka steht vor New York, Kyoto vor London, und Melbourne kommt überhaupt nicht vor.

Der australische Fall stellt die Reihenfolge auf die Probe. Michelin wirbt seit zehn Jahren um das Land und hält die dortige Szene erkennbar für reif. Wohin Michelin wollte, stand also früh fest. Wohin Michelin kam, entschied sich später.

Die Landkarte der Sterne

Wo der Guide Michelin die meisten Sterne vergibt

Rund 3.890 Sternerestaurants in 49 Ländern führt der Guide im Jahrgang 2026. Die Rangliste zeigt, wo geprüft wird.

Nach Ländern

1 Frankreich 31 × drei Sterne 654
2 Italien 15 × drei Sterne 382
3 Japan 20 × drei Sterne 359
4 Deutschland 12 × drei Sterne 338
5 Spanien 16 × drei Sterne 299
6 USA 16 × drei Sterne 275
7 Großbritannien 198
8 China ohne Hongkong 138
9 Schweiz 133
10 Belgien 125
12 Österreich seit der Rückkehr 2025 100

Nach Städten

1 Tokio 159
2 Paris 122
3 Kyoto 97
4 London 84
5 Osaka 81
6 Hongkong 77
7 New York 62
8 Taipeh 47
9 Shanghai 47
10 Seoul 41

Angegeben ist die Zahl der Restaurants mit mindestens einem Stern im Jahrgang 2026. Die Liste zeigt, wo der Guide Michelin prüft, und nicht, wo weltweit am besten gekocht wird: In Ländern und Regionen ohne Guide-Ausgabe vergibt Michelin keine Sterne.

Österreich: neun Organisationen, drei Jahre Laufzeit

Im Januar 2025 erschien wieder eine eigene Österreich-Auswahl, die erste seit 2009. Auf Anfrage von reisen EXCLUSIV bestätigt die Österreich Werbung die Finanzierung durch sich selbst und acht Landestourismusorganisationen: Niederösterreich Werbung, Oberösterreich Tourismus, Burgenland Tourismus, Kärnten Werbung, Steiermark Tourismus, SalzburgerLand Tourismus, Tirol Werbung und Vorarlberg Tourismus. Einzelne kommerzielle Vertragsdetails kommuniziere man wie bei vergleichbaren Kooperationen nicht öffentlich, das gelte auch für Höhe und Aufteilung der Beiträge.

Die Konstruktion hat einen politischen Grund. Der Tourismusausschuss des Parlaments stimmte 2023 einstimmig für die Rückkehr des Guides. Eine Direktfinanzierung durch den Bund wäre nach Darstellung der zuständigen Staatssekretärin unzulässig gewesen, um zwischen den Ländern keinen finanziellen Wettbewerb zu stiften. Neun eigenständige Organisationen tragen das Projekt deshalb gemeinsam. Wien blieb außen vor, weil die Stadt und Salzburg auch nach 2009 im Guide Main Cities Europe geführt wurden.

Auch fine dining geht in Tirol.

Foto: Tirol Werbung I Heinzlmeier, Bert

Der interessanteste Teil der Auskunft betrifft die Laufzeit. Der Vertrag gilt drei Jahre, mit zwei Optionen auf Verlängerung um je ein weiteres Jahr. Die österreichische Auswahl ist damit befristet. Einen Sternehimmel mit Vertragsende hat die europäische Gastronomie selten erlebt.

Wo Michelin selbst bezahlt

In Frankreich, Italien, Spanien und Japan finanziert Michelin die Inspektionen vollständig selbst und trägt den Guide als globales Markeninstrument über digitale Werbung, Sponsoring und App-Erlöse. Diese vier Länder sind auch die einzigen mit weiterhin gedruckter Ausgabe. Die frühen US-Guides entstanden ebenfalls ohne Destinationsgeld. New York, Chicago und Washington liefen, bevor Kalifornien 2019 als erster zahlender Bundesstaat einstieg.

Für Deutschland gibt Michelin auf Anfrage an, keine Partnerschaft mit der Deutschen Zentrale für Tourismus zu unterhalten. Partner im Land gibt es dennoch. Frankfurt ist seit mehreren Jahren Host-Partner und richtet die deutsche Verleihungszeremonie aus. Die Prüfung der rund 341 deutschen Sternehäuser läuft damit außerhalb des Destinationsmodells, während die Bühne für ihre Auszeichnung von einer Stadt gesponsert wird.

Was die Sterne unverändert wert sind

Die Prüfung in den einzelnen Restaurants hat das Geschäftsmodell nicht berührt. Inspektoren sind fest angestellt, sie essen anonym und mehrfach über zwölf Monate hinweg und zahlen ihre Rechnungen aus der Kasse des Guides.

Bewertet wird nach fünf Kriterien: Produktqualität, Beherrschung von Aromen und Garverfahren, Handschrift des Küchenchefs, Preis-Leistung und Konstanz zwischen den Besuchen. Einrichtung, Gedeck und Service zählen für den Stern nicht, dafür stehen die Bestecksymbole.

Nach Angaben von Guides-Direktor Gwendal Poullennec dauert es bis zu zwei Jahre, bis die Inspektoren zu einer gemeinsamen Entscheidung über eine Länderauswahl kommen. Ein Restaurant kann sich nicht einkaufen, es kann lediglich um eine Prüfung bitten. Eine Zahlung garantiert keiner Destination eine Mindestzahl an Sternen und schützt kein Haus vor dem Verlust. Ein Bundesstaat kann zahlen und leer ausgehen.

Philippe Mille, Meilleur Ouvrier de France und Küchenchef des Zwei-Sterne-Restaurants Le Parc in der Domaine Les Crayères in Reims. Foto: Leonard Zhukovsky / Shutterstock

Philippe Mille, Meilleur Ouvrier de France und Küchenchef des Zwei-Sterne-Restaurants Le Parc in der Domaine Les Crayères in Reims. Foto: Leonard Zhukovsky/Shutterstock.com

Was Reisende davon haben

Die Website des Guide Michelin bleibt das verlässlichste Instrument, um in einer fremden Stadt gut zu essen. Was er zeigt, sind geprüfte Gebiete.

Wo ein Sternehimmel scheinbar aus dem Nichts auftaucht, in einem US-Bundesstaat, einer asiatischen Metropole oder einem Alpenland, steht am Anfang meist eine Region, die von der eigenen Küche überzeugt genug war, die Prüfung mitzutragen. Das spricht eher für sie. Und wo im Guide nichts steht, sagt das über die Küche einer Region weniger, als es aussieht. Melbourne kocht auch ohne Stern.

Häufige Fragen

Bezahlen Destinationen für Michelin-Sterne?
Nein. Tourismusorganisationen finanzieren Werbe- und Kommunikationsarbeit rund um eine Guide-Ausgabe. Über Sterne entscheiden allein die Inspektoren.
Welche Länder finanziert Michelin selbst?
Frankreich, Italien, Spanien und Japan. Dort trägt Michelin die Inspektionen vollständig, und nur dort erscheint der Guide weiterhin gedruckt.
Zahlt Deutschland für den Guide Michelin?
Eine Partnerschaft mit der Deutschen Zentrale für Tourismus besteht nach Michelin-Angaben nicht. Frankfurt ist allerdings Host-Partner der deutschen Verleihungszeremonie.
Was kostet eine Michelin-Partnerschaft?
Die öffentlich bekannten Summen reichen von 90.000 Dollar im Jahr für eine einzelne US-Region bis zu 6,3 Millionen neuseeländischen Dollar für vier Städte.
Wie lange läuft die Österreich-Ausgabe?
Der Vertrag gilt drei Jahre, mit zwei Optionen auf Verlängerung um je ein weiteres Jahr.
Jennifer Latuperisa-Andresen
Je kälter, karger und einsamer es um sie herum wird, desto höher schlägt Jennys Herz. Wer braucht schon Palmen im Urlaub, wenn man auch Eisberge haben kann? Deshalb verbringt die Chefredakteurin aus dem Ruhrpott ihre Sommer auch gerne mal in der Arktis bei den Eisbären. Sie sagt: Das ewige Eis kann zur Sucht werden.