Am Ufer des Tay ragt ein Gebäude ins Wasser, das aus der Ferne an eine Steilküste erinnert und aus der Nähe an einen Schiffsrumpf. Seit 2018 zieht V&A Dundee Besucher in eine Stadt, die lange kaum jemand auf dem Reisezettel hatte.
Für Modefans lohnt sich der Weg in den Nordosten Schottlands gleich zweimal: erst für 125 Jahre Laufstegspektakel, dann für vier Jahrzehnte Westwood-Schmuck. Und das Haus selbst ist die Reise ebenfalls wert.

Foto: Jennifer Latuperisa-Andresen
Eine Klippe aus Beton
Kengo Kuma reiste vor dem Entwurf an den Bauplatz, wie bei jedem seiner Projekte. Ein Kollege legte ihm ein Foto der Klippen im Nordosten Schottlands vor. Kuma sah darin eine Landschaft, die Erde und Wasser in einem langen Gespräch geformt hatten.
Aus diesem Bild entstand die künstliche Klippe am Tay. 2.429 Betonfertigteile umlaufen die geschwungenen Außenwände in horizontalen Linien, jedes bis zu vier Meter lang und bis zu zwei Tonnen schwer. Weil Größe und Position der Paneele variieren, wandern die Schattenmuster mit dem Sonnenstand. Bei schottischem Himmel heißt das: Die Fassade sieht selten zweimal am Tag gleich aus.

Terrasse des Museums | Foto: Jennifer Latuperisa-Andresen
Ein Bogen zum Fluss
Im Erdgeschoss besteht das Museum aus zwei getrennten Baukörpern. Sie verdrehen sich nach oben und wachsen im Galeriegeschoss zusammen; Kuma vergleicht die Form mit zwei auf den Kopf gestellten Pyramiden. Zwischen ihnen öffnet sich ein Durchgang, der die Innenstadt wieder mit dem Fluss verbindet und den Blick auf den Tay rahmt. Der Bogen zitiert den Royal Arch, den Dundee 1844 für Queen Victoria und Prinz Albert errichtete. Die Stadt riss ihn für den Bau der Tay Road Bridge in den 1960er-Jahren ab.
Gebaut ins Wasser
Das Museum steht dort, wo früher das Earl Grey Dock lag. Für den Bau schütteten die Arbeiter einen temporären Damm aus 12.500 Tonnen Gestein auf und gewannen ein Stück Flussbett zurück. Als der Damm 2017 verschwand, stand eine Ecke des Museums im Wasser.

Foto: Hufton + Crow
An der Flussseite schiebt sich der »Bug« fast 20 Meter über das Fundament hinaus; eine Erinnerung an die Werften, die Dundee einst reich machten. Rund 80 Millionen Pfund kostete das Projekt, es ist Kumas erstes Gebäude in Großbritannien. Gleich nebenan liegt die RRS Discovery vor Anker. Mit dem in Dundee gebauten Schiff fuhren Scott und Shackleton Anfang des 20. Jahrhunderts in die Antarktis.
Drinnen: Eiche, Fossilien und Muschelschalen
Nach dem kühlen Beton draußen wirkt die Haupthalle wie ein warmes Wohnzimmer, und genau das wollte Kuma: ein Wohnzimmer für die Stadt. Gestufte Wände tragen Paneele aus Eichenfurnier, durchbrochen von schmalen Schlitzfenstern mit Flussblick.
Der Boden aus dunklem, irischem Kalkstein zeigt bei genauem Hinsehen Fossilien von Meerestieren und Pflanzen, Millionen Jahre alt. Im Café und am Shoptresen glänzt weißer Beton mit beigemischten Muschelschalen. Das Material erinnert an die bedrohte Flussperlmuschel des Tay, poliert schimmert es in Weiß, Grau und Blau.

The Oak Room | Foto: Hufton + Crow
Mackintosh im Obergeschoss
Ein gläserner Aufzug fährt hinauf zu den Galerien. Dort zeigen die Scottish Design Galleries dauerhaft und ohne Eintritt, was Schottland gestaltet hat, vom Textil bis zum Videospiel. Charles Rennie Mackintosh (1868–1928) prägte als Architekt und Designer den Glasgow Style, Schottlands eigene Antwort auf Jugendstil und Art nouveau, und gilt bis heute als bekanntester Gestalter des Landes. Den Oak Room entwarf er 1907 für die Teesalons von Catherine Cranston in Glasgow, nach dem Abbau in den 1970er-Jahren lagerte der Raum in rund 700 Einzelteilen fast 50 Jahre im Depot, bevor Restauratoren ihn für V&A Dundee wieder zusammensetzten.

Foto: Julie Howden
Catwalk: 125 Jahre Inszenierung
Mit »Catwalk: The Art of the Fashion Show« holt V&A Dundee die Modenschau selbst ins Museum. Das Haus hat die Ausstellung gemeinsam mit dem Vitra Design Museum in Weil am Rhein produziert. Mehr als 350 Objekte erzählen die Geschichte von den Pariser Salons um 1900 bis zu den globalen Spektakeln von heute. In der Mitte des Raums verläuft ein erhöhter Laufsteg. Darauf stehen Originallooks von Martin Margiela, Viktor & Rolf, John Galliano und Raf Simons für Dior, Karl Lagerfeld für Chanel, Alexander McQueen und der schottischen Designerin Pam Hogg.

Foto: Grant Anderson/www.grantanderson.me
Puppen, Roboter und Supermodels
Zu den stillen Höhepunkten gehören 70 Zentimeter große Puppen in Balenciaga-Couture, zum ersten Mal in Großbritannien zu sehen. Sie stammen aus dem Théâtre de la Mode von 1945. 40 Pariser Modehäuser zeigten damals eine Modenschau im Miniaturformat im Louvre und brachten die französische Modeindustrie nach dem Krieg wieder in Gang.

Sofie Parikka installiert die Balenciaga-Puppen aus dem Théâtre de la Mode. | Foto: Grant Anderson
Seltene Filmaufnahmen zeigen eine frühe Chanel-Schau, bei der Models eine verspiegelte Wendeltreppe in Cocos Pariser Stadthaus hinabsteigen. Wenige Säle weiter singen Cindy Crawford, Naomi Campbell, Linda Evangelista und Christy Turlington 1991 bei Versace George Michaels »Freedom«. In McQueens legendärer Show No. 13 besprühen zwei Industrieroboter live ein Kleid. Viktor & Rolf stecken ein Model in neun Lagen Kleidung, Balenciaga schickt die Simpsons über den Laufsteg.
Schottland auf dem Laufsteg
Dundee erzählt dabei auch eine schottische Modegeschichte. Christian Dior zeigte 1955 Schauen in Glasgow und Gleneagles, 2024 kehrte Dior unter Maria Grazia Chiuri für die Cruise Collection nach Drummond Castle in Perthshire zurück.

Karl Lagerfelds »Rocket«-Show für Chanel, Herbst/Winter 2017/18 im Grand Palais | Foto: Helmut Fricke/DACS/VG Bild-Kunst Bonn, 2026
Aus dem Chanel-Archiv kommt das Architekturmodell des Linlithgow Palace, Kulisse der Métiers-d’Art-Schau 2012/2013. Dazu zeigt das Museum Laufsteglooks von Christopher Kane, Charles Jeffrey und Nicholas Daley.
Hinter den Kulissen
Fotos von Robert Fairer zeigen die Hektik vor McQueen- und Galliano-Shows. Daneben liegen die Arbeitskoffer von Make-up-Artistin Val Garland und die Perücken, die Hairstylist Sam McKnight für Vivienne Westwood gebaut hat.

Backstage at Alexander McQueen Spring/Summer 2010 | Foto: Robert Fairer Archive
Wer selbst eine Schau entwerfen will, probiert es an der Station »Catwalk in a Box«. Ein digitaler Spiegel legt Make-up-Looks aus verschiedenen Jahrzehnten aufs eigene Gesicht. Die Ausstellung läuft bis zum 17. Januar 2027.
Vivienne Westwood & Jewellery ab März 2027
Am 26. März 2027 eröffnet V&A Dundee die nächste große Modeausstellung, und sie knüpft direkt an Catwalk an. »Vivienne Westwood & Jewellery« feiert in Dundee ihr britisches Debüt.

Vivienne Westwood | Foto: Jo Metson Scott
Das Westwood-Team kuratiert die Schau selbst und zeigt Archiv- und Laufstegschmuck aus vier Jahrzehnten erstmals als geschlossene Sammlung. Schmuck gehörte für Westwood von Anfang an zum Look, er gab dem Körper Ausdruck und den Entwürfen Bedeutung. Die Ausstellung stellt ihn neben Kleider, Laufstegaufnahmen, Collagen und Videos.
Tartan und Ehrendoktor
Für Dundee kommen Archivlooks dazu, die Westwoods Liebe zu schottischen Textilien zeigen. Die Verbindung ist alt: 2008 verlieh die University of Dundee der Designerin die Ehrendoktorwürde. Ihr Ehemann und Kreativdirektor Andreas Kronthaler entwarf nach seiner Ankunft in London als eine seiner ersten Arbeiten einen eigenen Tartan, den MacAndreas. Wer »Catwalk« verpasst, bekommt mit »Westwood« also eine zweite Gelegenheit, Mode am Tay zu sehen.
Mehr Informationen
Catwalk: The Art of the Fashion Show
Dieser Link führt auf die Ausstellungsseite von V&A Dundee mit Ticketbuchung.
Vivienne Westwood & Jewellery
Dieser Link führt auf die Ausstellungsseite von V&A Dundee.


