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Marokko

Marokko mit dem Al Boraq: Mit 320 km/h von Casablanca bis Tanger

Marokko ist ein Land der Extreme. Jahrtausendealte Kultur auf der einen, Graffiti und Streetart auf der anderen Seite. Dazwischen liegen Souks, Tajine, Tee und jede Menge Fußball. Wer in diesem faszinierenden Land schnell vorankommen möchte, nimmt den neuen Schnellzug Al Boraq, der immer mehr Städte miteinander verbindet.

Platsch. Ein unvermutetes Geräusch, das nicht vom Zucker stammen kann, der in die kleine Teetasse plumpst. Aber irgendwie doch ähnlich. Mein Blick wandert zum Wasser. Ein Ausflugsboot schaukelt sanft auf dem Fluss Oum er-Rbia, bunt bemalt und mit gelangweiltem Kapitän, der auf sein Handy starrt. Dahinter treibt ein Fußball herrenlos im Fluss. Ich drehe den Kopf um 180 Grad. Oben an der Mauer sehe ich erst drei, vier, dann acht, neun, fünfzehn Köpfe, vornehmlich Teenager, die noch vor einer halben Minute das Afrika-Cup-Finale auf dem Asphalt des Städtchens Azemmour nachgespielt haben. Zumindest fast. Kurz darauf ertönt ein Stimmengewirr aus Arabisch und Französisch (das ich nicht oder nur rudimentär verstehe), aus breitem, vergnügtem Lachen (verstehe ich gut) und, man möge es mir verzeihen, schadenfrohem Gelächter (verstehe ich auch).

Ein blau gestrichenes Holzboot mit aufgemaltem Haifischmaul liegt auf ruhigem Wasser. Darin sitzen mehrere Jugendliche unter einem Sonnendach, am Heck steuert ein Mann den Außenborder.

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Weltsprache Fußball

Noch einmal eine halbe Minute später und ein Dutzend Fußballer versammeln sich an der Kaimauer und blicken dem Fußball sehnsüchtig hinterher, wie er langsam, aber doch unaufhaltsam Richtung Atlantik schwimmt. Ein Mutiger fragt den Kapitän, doch der winkt ab. Kein Geld, kein Fußballrettungsversuch. Die Diskussionen werden lauter, die Verzweiflung auch – und nebenbei der Fußball immer kleiner. Ein netter Tourist hat schließlich Erbarmen, gibt dem Kapitän 50 Dirham, also umgerechnet etwa fünf Euro, damit die bunt zusammengewürfelte Mannschaft ihr Spielgerät wieder aufsammeln kann. Jubelschreie, Ausgelassenheit.

Aber von Eile ist jetzt nicht mehr ganz so viel zu sehen bei den jungen Kickern. Im Gegenteil. Erst mal muss die Kunde zu der Handvoll Jungs geschrien werden, die immer noch oben an der Balustrade weilen, ehe sich dann zehn Spieler auf das Boot zwängen, um den Ball einzuholen. Doch der hat mittlerweile so viel Rechtsdrall bekommen, dass das Boot gar nicht mehr auslaufen müsste. Einer der Jüngsten macht sich auf, klettert über die Steine am Ufer, um den Ball wenig später in Sicherheit zu bringen. Der Kapitän allerdings ist jetzt unter Zugzwang, bezahlt ist bezahlt. Also nimmt er die Jungs mit hinaus auf den Fluss, wo sie dann nacheinander freudig ins Wasser springen. Wieder an Land, tropfnass und strahlend, geht das Spiel weiter. Als wäre nichts gewesen.

Foto: Andreas Dauerer

Al Boraq: Mit 320 Kilometern pro Stunde von Casablanca nach Tanger

Ein »Les billets s’il vous plaît« katapultiert mich ins Hier und Jetzt. Ich bin im Zug, oder besser: im Al Boraq, dem Highspeed-Zug und gleichzeitigen Verkehrsvorzeigeprojekt der marokkanischen Regierung. Pünktlich ist er auf die Minute. Und verdammt schnell. Mit bis zu 320 Kilometern die Stunde heizt er etwa von Casablanca nach Rabat und anschließend weiter in Richtung Tanger. Das Ganze in nur etwas mehr als zwei Stunden für knapp 350 Kilometer.

Dem Schaffner im schwarz-grünen Kostüm scheint die Schnelligkeit seines Zugs aber gerade ziemlich egal zu sein. Er möchte meine Fahrkarte sehen, die ich etwas schlaftrunken aus der Hosentasche krame. »Merci, bon voyage«, garniert mit einem fröhlichen Lächeln, schon ist er auch wieder weg. Und ich für einen kurzen Moment allein mit der Landschaft, die heute grau am Fenster vorbeirast, weil über dem Atlantik ein ordentliches Tief den Regen ans Fenster peitscht.

Ein Hochgeschwindigkeitszug Al Boraq der ONCF steht am Bahnsteig in Casablanca, die Front in Silber mit rosafarbenem und grünem Farbband.

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Ausbau bis zur WM 2030: Wohin der Schnellzug künftig fahren soll

Als bahngeplagter Tourist aus Deutschland ist so eine Zugreise in Marokko aber doch ziemlich spannend. Also, dass es nicht nur schnell gehen kann, sondern auch pünktlich. Wer könnte das besser skizzieren als Ahmed Bouhaltit, technischer Direktor der staatlichen Eisenbahngesellschaft ONCF, den ich im Zug zum Gespräch treffe. Rundes Gesicht, Brille, feiner Anzug und ungemein blitzende Augen, gerade wenn er über seinen Al Boraq spricht.

Wenig später weiß ich, was ich schon längst ahnte: Das marokkanische Schnellzugprojekt ist ein voller Erfolg – und das Streckennetz, insbesondere im Hinblick auf die nahende Fußball-WM 2030, im totalen Ausbau. Künftig soll die Schnellstrecke bis zum Flughafen Casablanca ausgebaut werden, damit der Zug auch da die 320 Kilometer pro Stunde ausreizen kann und nebenher werden weitere Strecken erschlossen. Bis nach Marrakesch im Süden und Fès im Landesinneren wird unter anderem geplant. Für die Marokkaner eröffnen sich so ganz andere Möglichkeiten, gerade im Pendelverkehr. Und für Touristen ist es eine willkommene wie zeitsparende Alternative zu Auto oder Flug.

Azemmour: Eine Kleinstadt, in der Schnelligkeit kontraproduktiv wäre

Für die Fußballjungs im kleinen Ort Azemmour wird das Thema Schnelligkeit vorerst keine allzu große Rolle spielen. Zum einen schon allein wegen der Nachbarschaft zur Hafenstadt El Jadida mit ihrer alles überstrahlenden portugiesischen Zitadelle und der Nähe zu Casablanca, wo man ohnehin in den Al Boraq steigen kann. Zum anderen, da darf ich ganz ehrlich sein, weil Schnelligkeit in Azemmour gänzlich kontraproduktiv wäre – gerade für mich als gemeinen Marokko-Reisenden, der hier so wunderbar zur Ruhe kommen kann. Es gibt keine Sehenswürdigkeiten im klassischen Sinn. Sondern eine reizvolle kleine Stadt am Fluss, die einen ungewohnt spröden Charme versprüht.

Auf einer bröckelnden Lehmmauer ist ein Frauenporträt mit großer Afrofrisur und goldenen Ohrringen gesprüht. Darüber ragen eine Palme und die Spitze eines weißen Minaretts hervor.

Foto: Andreas Dauerer

Die Medina wirkt so ursprünglich, rau, fast aus der Zeit gefallen. Marode Mauern, stille Gassen, dafür immer wieder riesige Graffiti, weil einmal im Jahr ein Streetart-Festival stattfindet, das bunte Spuren hinterlässt. Wer sich treiben lässt, wird belohnt. Zumindest ist das bei mir der Fall. Entlang unzähliger blau getünchter Wände und kleiner Eingänge mit den markanten eisernen Türklopfern lande ich schließlich direkt am Fluss im L’Oum Errebia, einem kleinen Restaurant mit angeschlossenem Hotel. Einen Augenblick später stehen Wein und Nüsse auf dem Tisch und kurz darauf auch die Lamm-Tajine mit Pflaumen. Ein Gedicht.

Rabat: Hassan-Turm, Mausoleum und ein Bau von Zaha Hadid

»La prochaine destination: Rabat-Ville«, säuselt es durch den Lautsprecher. Ankunft in der Hauptstadt. Rabat verbindet politische Bedeutung mit einer, zu meiner Überraschung, großen Portion Lässigkeit. Zu den markantesten Sehenswürdigkeiten zählt der Hassan-Turm, von dem König Mohammed V. dereinst das erste Freitagsgebet nach der verkündeten Unabhängigkeit abhielt. Ein imposantes, wenn auch unvollendetes Monument aus dem 12. Jahrhundert, flankiert von einem Feld aus steinernen Säulen. Direkt daneben liegt das Mausoleum von Mohammed V., ein architektonisches Meisterwerk mit filigranen Verzierungen und an jedem der vier Eingänge eine bunt gewandete Wache. Archaisch sieht das aus, aber auch ziemlich toll. Von hier oben hat man auch einen guten Blick hinüber auf das Große Theater, eines der letzten Bauwerke der preisgekrönten Architektin Zaha Hadid.

Das Grand Théâtre in Rabat am Ufer des Bouregreg in der Abenddämmerung. Der geschwungene weiße Baukörper liegt hinter Rasenflächen und einem Parkplatz, dahinter das Stadtbild von Salé.

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Ganz anders dazu präsentiert sich die Kasbah des Oudaïas: ein fast mediterranes Ensemble aus weiß-blauen Häusern, engen Gassen und spektakulären Ausblicken auf den Atlantik. Neben Touristen verfolgen einen auch Katzen auf Schritt und Tritt. Da sie ihre Bewohner in der Vergangenheit vor Feuer und Erdbeben gewarnt haben, hat jeder Riad mindestens zwei Tiere im Haushalt. Die Medina wiederum ist überschaubar, was für Besucher den Vorteil hat, dass alles entspannter und weniger aufdringlich ist. Wie selbstverständlich flaniert man durch die kleinen Gassen, vorbei an Schafsköpfen, gerupften Hühnern und allerlei Fisch, aber auch Gewürzen, Süßigkeiten und jeder Menge Textilien, sodass man auch selbst einmal in die Dschellaba, den traditionellen marokkanischen Kapuzenmantel aus Schurwolle, schlüpfen kann.

Foto: Andreas Dauerer

Tanger: Von hier ist Europa am Horizont zu sehen

Irgendwie muss ich der Zugmonotonie doch ein wenig Tribut gezollt haben, aber als der Boraq spürbar langsamer wird, schlage ich die Augen auf. Ein Blick auf das Display verrät: »Arrivée à Tanger: 12:55«. Letzte Station also, Tanger. Die ehemalige spanische Enklave entpuppt sich trotz des Nieselregens als extrem lebendige Stadt. Die Bars und Restaurants sind voll. Kein Wunder, versammeln sich doch hier auch jede Menge Tagesausflügler, die mit Schnellbooten aus Gibraltar herüberkommen.

Von vielen Punkten der Stadt aus sieht man Europa am Horizont – ein Blick, der Tanger seit jeher geprägt hat. Der Petit und der Grand Socco bilden das pulsierende Tor zwischen alter und neuer Stadt. Es scheint fast so, als wäre Tanger ein Kleinod aus weiß getünchten Häusern vor einem blauen Meer, das ständig in Bewegung ist. Ein Ort des Ankommens und gleichzeitig des Wegfahrens.

Die weiß getünchte Altstadt von Tanger in Marokko, von einer Anhöhe aufgenommen, im Hintergrund das Meer.

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Ibn Battūta: Der Weltreisende, der 24 Jahre unterwegs war

Ein Sohn der Stadt, dem das besonders gut gelungen ist, war Ibn Battūta. Ein Rechtsgelehrter Anfang 20, der sich im 14. Jahrhundert aufmachte, um andere Länder und ihre Menschen zu erkunden, zu verstehen, kennenzulernen. In Abwesenheit heutiger Reisemöglichkeiten musste er sich jedoch auf seine Beine, Esel, Pferde und mitunter auch Schiffsfahrten beschränken. Nach 24 Jahren kam er von seiner ersten Reise zurück, die ihn entlang der nordafrikanischen Küste, unter anderem durch Persien und die arabische Halbinsel, bis hinunter ins heutige Kenia und Tansania geführt hatte. Im zweiten Anlauf reiste er sogar bis nach Indonesien und China, diesmal jedoch lediglich zwölf Jahre. Das gleichnamige Museum widmet sich Battutas Wirken, das man dort multimedial und sehr gut aufbereitet noch einmal nachgezeichnet hat.

Statue des Gelehrten Ibn Battuta in Tanger

Foto: Andreas Dauerer

Am Ende der Reise ist es vielleicht genau das, was man sich vor Augen halten sollte. Wegfahren, um anzukommen, andere Kulturen erfahren und Menschen einfach zuhören wollen. Damit wäre vielem schon gedient, in ganz vielerlei Hinsicht. Für diese Erkenntnis allein müsste ich freilich nicht nach Marokko fliegen. Doch jede Reise bildet und hallt nach. Hier vor allem mit leckerer Tajine und einem Hochgeschwindigkeitszug, der auch noch pünktlich ans Ziel gelangt. Das ist doch mal was.

Mehr Informationen zur Reise nach Marokko

  • Allgemeine Infos über Marokko gibt’s wie gewohnt beim Fremdenverkehrsamt unter www.visitmorocco.com/de
  • Nach Casablanca etwa unterhalten die Lufthansa oder die Royal Air Maroc tägliche Verbindungen von Frankfurt aus. Viermal die Woche fliegt Royal Air Maroc auch von München nach Casablanca. Alternativ kann man mit Air France/KLM via Paris bzw. Amsterdam nach Casablanca kommen.
  • Alle Informationen zum Zugverkehr im Allgemeinen und dem Al Boraq im Speziellen gibt es bei der staatlichen Eisenbahngesellschaft unter www.oncf-voyages.ma
  • Übernachten kann man in El Jadida etwa im weitläufigen Magazan Beach & Golf Resort. Den Ocean View Patio Room gibt es ab etwa 450 Euro inklusive Frühstück. Mehr unter www.mazaganbeachresort.com
  • In Rabat ist das moderne Fairmont La Marina Rabat-Salé samt Rooftop-Pool unweit des Flusses eine feine Adresse. In der Junior-Suite ab etwa 450 Euro inklusive Frühstück. Mehr unter www.fairmont.com/de.
  • Und unseren Marokko-Geheimtipp verraten wir hier.

Häufige Fragen

Wann ist die beste Reisezeit für Marokko?
Frühling (März bis Mai) und Herbst (September bis November) sind ideal. Im Sommer wird es im Landesinneren sehr heiß, an der Küste ist Juni bis September gut für Badeurlaub.
Braucht man für Marokko ein Visum?
Deutsche benötigen für touristische Aufenthalte bis 90 Tage kein Visum. Der Reisepass muss bei Einreise noch mindestens sechs Monate gültig sein.
Ist Marokko sicher für Touristen?
Ja, Marokko gilt als eines der sichersten Länder Nordafrikas. Kleine Betrugsversuche und Taschendiebstahl in Medinas sind die Hauptrisiken, Gewalt gegen Touristen selten.
Was sollte man in Marokko beachten?
Kleidung bedeckt Schultern und Knie, besonders außerhalb der Resorts. Preise auf Märkten immer handeln, Taxis mit Taxameter nutzen oder Preis vorher vereinbaren.