Keine Dauerberieselung, kein Gedränge, kein Verkaufsdruck. Essaouira am Atlantik ist das ruhigere Marokko. Und damit für so manche Reisende genau deshalb das Schönere. Wir stellen dir die Highlights in Essaouira vor.
Marokko hat viele Gesichter, und die meisten davon sind laut. Essaouira nicht. Zwei Stunden westlich von Marrakesch ist es, als öffnet sich eine andere Welt, die zwar immer noch ans wuselige Marokko erinnert, das Nervensystem aber in entspannter Art und Weise schont. Die Atlantikstadt hat sich eine Eigenart bewahrt, die in Nordafrika zunehmend selten wird: Sie lässt einen in Ruhe.
Der Wind weht, das Meer ist nah und die Medina ist klein genug, um sie relaxt zu Fuß zu erkunden, aber dabei immer noch groß genug, um sich darin zu verlieren. Dabei ist Essaouira keine Entdeckung von gestern. Portugiesen, Berber, Juden und Franzosen haben hier ihre Spuren hinterlassen und wer aufmerksam durch die Gassen läuft, liest ihre Geschichten in den Fassaden und Ecken der Stadt. Wir versprechen, wer einmal da war, kommt meist mit dem Gefühl zurück, zu wenig Zeit gehabt zu haben.
Für wen ist Essaouira das richtige Reiseziel?
Wer Marokko wegen des Trubels liebt, wegen des Treibens auf dem Djemaa el-Fna in Marrakech oder den Irrwegen im Souk von Fés, der wird hier möglicherweise früh einschlafen. Denn Essaouira fordert nichts. Die Stadt hat kein Programm für ihre Besucher, keinen Pflichtbesuch, keine Warteschlange vor dem einen Highlight. Was sie hat, ist Atmosphäre. Und zwar von der Art, die sich nicht buchen und auch schlecht fotografieren lässt. Die aber nach der Rückkehr ziemlich präsent ist und bleibt. Essaouira ist eine Stadt für Menschen, die genug Zeit mitbringen, um nichts Bestimmtes zu tun. Die eine zweite Tasse Minztee bestellen. Die den Sonnenuntergang über dem Atlantik nicht fotografieren, sondern einfach anschauen.
Wie ist die Medina von Essaouira im Vergleich zu Marrakesch?
Im Vergleich zu den großen Medinas des Landesinneren ist Essaouira fast wie ein Wellness-Tempel mit Schweigekloster. Die Gassen sind eng, die Wände kalkweiß, die Türen blau gestrichen. Und die Händler warten tatsächlich, bis jemand stehenbleibt. Wer genauer hinschaut, entdeckt Werkstätten für Holzarbeiten aus Thujaholz, dessen charakteristischer Geruch sich durch ganze Straßenzüge zieht, dazu Keramik, Textilien und Schmuck, bei dem sich der zweite Blick wirklich immer lohnt. Ab und zu lassen sich die Handwerker direkt bei der Arbeit zusehen, was in Marrakesch leider schon längst zur inszenierten Attraktion geworden ist. In Essaouira fühlt es sich noch nach Alltag an. Die Galerien, die sich über die ganze Medina verteilen, erinnern daran, dass die Stadt seit Jahrzehnten Künstler anzieht und zwar aus Marokko und aus Europa, also aus beiden Welten gleichzeitig.
Was gibt es am Hafen von Essaouira zu essen?
Die Hafenkulisse ist keine Kulisse. Abends liegen die Boote, die morgens früh rausgefahren sind, wieder an der Mole und was drin war, landet kurz darauf auf dem Grill direkt daneben. Einfach frischen Fisch aussuchen, grillen lassen und essen. Das ist kein Konzept, das ist einfach, wie es hier schon lange funktioniert. Wer sich weiter in die Gassen traut, findet auf den Märkten frisch gepresstes Arganöl, Mandelmus und Gewürze, die nach Hause mitgenommen werden wollen. Und das marokkanische Frühstück in einem der kleinen Cafés mit Msemen, Honig, Oliven und einem starken Kaffee ist für viele Besucher das erste ernsthafte Argument, noch eine Nacht länger zu bleiben.
Was hat es mit dem Gnaoua-Festival in Essaouira auf sich?
Essaouira hat eine Musikgeschichte, die über Jimi-Hendrix-Postkarten hinausgeht, auch wenn die immer noch an vielen Ecken verkauft werden. Die Gnaoua-Musik hat ihre Wurzeln in westafrikanischen Traditionen, klingt fast schon spirituell, auf jeden Fall rhythmisch, erinnert manchmal ein bisschen an Trance und gehört zur Stadt wie der ständig pustende Wind vom Atlantik. Das Gnaoua & World Music Festival (hier geht es zur Website), das jährlich im Sommer stattfindet, verwandelt die Stadt für einige Tage in einen der ungewöhnlichsten Konzertsäle der Welt, mit offenen Bühnen, feiernden Menschen auf den Plätzen der Stadt, und Musik bis in den Morgen. Und wenn das Festival vorbei ist, hört die Musik hier nicht auf. In den Gassen, Cafés und in den Innenhöfen der Riads ist sie das ganze Jahr über zu hören.
Welche Outdoor-Aktivitäten gibt es in Essaouira?
Kitesurfer wissen das schon länger: Der Atlantikwind, der hier fast permanent bläst, macht die Bucht südlich der Stadt zu einem der bekanntesten Spots Afrikas. Aber auch wer kein Brett unter den Füßen braucht, um das Leben zu spüren, kommt hier auf seine Kosten. Auf den alten Stadtmauern, die die Medina umschließen, lässt sich wunderbar spazieren und dabei auf das offene Meer schauen. Klingt einfach, aber das ist wirklich eine dieser simplen Erfahrungen, die sich überraschend schwer vergessen lassen. Oder einfach mit dem Rad an der Küste in den Sonnenuntergang radeln. Essaouira macht schnell klar, warum manche Reisenden aus dem Urlaub mit konkreten Umzugsplänen zurückkehren.
Weitere Infos für deine Reise nach Essaouira in Marokko
FAQ – Essaouira
Wann ist die beste Reisezeit für Essaouira?
Frühling und Herbst sind die angenehmsten Jahreszeiten, mit Temperaturen zwischen 18 und 24 Grad, wenig Regen und einem überschaubaren Besucherandrang. Im Sommer kühlt der Atlantikwind die Stadt angenehm herunter, was Essaouira zu einer beliebten Flucht aus dem heißen Landesinneren macht. Im Winter kann es rau werden, die Stadt gehört dann aber fast nur den Einheimischen.
Wie kommt man von Marrakesch nach Essaouira?
Die einfachste Verbindung ist der Supratours-Bus, der mehrmals täglich fährt und knapp drei Stunden braucht. Wer flexibler sein möchte, nimmt ein Großraumtaxi oder mietet ein Auto. Die Strecke über den Tizi n’Test ist landschaftlich lohnend. Ein Tagesausflug ist möglich, aber knapp bemessen.
Ist Essaouira für Familien mit Kindern geeignet?
Ja, und zwar ungewöhnlich gut. Die überschaubare Medina ist weniger überwältigend als Marrakesch oder Fès, der Strand ist weitläufig und flach, und das Tempo der Stadt lässt auch mit Kindern genug Luft zum Atmen. Reiten am Strand, Drachensteigen im Wind, Fisch aussuchen am Hafen – vieles davon funktioniert auch mit kleinen Begleitern gut.
Welche Unterkunft empfiehlt sich in Essaouira?
Ein Riad in der Medina ist die naheliegende Wahl. Viele davon wurden in den letzten Jahren sorgfältig restauriert, haben wunderschöne Innenhöfe, Dachterrassen und eine Ruhe, die von außen kaum zu ahnen ist. Wer lieber Meerblick als Medina-Atmosphäre möchte, findet auch außerhalb der Stadtmauern gute Optionen. Buchungen im Voraus lohnen sich, besonders rund um das Gnaoua-Festival im Sommer.
Warum heißt Essaouira auch »Die Stadt der Winde«?
Der Alizé, ein beständiger Nordostpassat, weht hier an durchschnittlich 300 Tagen im Jahr – Kitesurfer lieben ihn, Orson Welles verfluchte ihn während der Dreharbeiten zu seinem »Othello« 1952. Die Macher von Game of Thrones sahen das pragmatischer: Sie nutzten die Stadtmauern und Gassen der Medina als Kulisse für Astapor, die Stadt der Unbefleckten. Wer die Folgen kennt, schaut beim Spaziergang durch Essaouira unweigerlich zweimal hin.





