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Singapur

Grünes Singapur: Wie der dichtest besiedelte Stadtstaat zum Naturvorbild wird

Jedes Jahr aufs Neue nimmt Redakteur Konrad sich vor, den heimischen Balkon endlich einmal auf Vordermann zu bringen – um diesen Vorsatz dann doch wieder zu brechen. Dieses Jahr könnte es aber was werden. Inspiration dafür hat er in Singapur gefunden, einer durch und durch grünen Stadt.

»Whoosch!« macht es über meinem Kopf, als der rote Ibis mit Tempo über mir hinwegzieht. Ich drücke den Auslöser meiner Kamera – und bin enttäuscht, dass das Bild erneut unscharf ist. Ein guter Naturfotograf wird aus mir in diesem Leben wohl nicht mehr werden. Macht aber nichts, dann wende ich mich eben den im Wasser stehenden und damit für meine Kamera ruhigeren Tieren zu, die im Bird Paradise zu sehen sind.

Zwei Scharlachsichler fliegen durch eine große Freiflugvoliere in Singapur, dahinter Betonstützen und die Netzkonstruktion des Daches.

Foto: Konrad Bender

Bird Paradise: 3.500 Tiere mitten im Regenwald der Insel

Mehr als 3.500 Tiere leben auf dem gut 17 Hektar großen Gelände des Vogelparks, eingeteilt in unterschiedliche Lebensräume. Im Bereich »Hong Leong Foundation Crimson Wetlands« sind vorrangig Vögel aus den Regenwäldern Südamerikas untergebracht, 16 verschiedene Arten. Darunter auch die roten Ibisse, die unter dem auf den ersten Blick kaum sichtbaren Netz ihre Runden drehen. Der Übergang nach außen ist für das Auge fließend, denn der Vogelpark ist als Teil des Mandai Wildlife Reserve umgeben von dichtem, grünem Wald. Die gesamte Anlage liegt in einem der größten noch erhaltenen Regenwaldgebiete der Insel.

Aber Moment mal! Ist Singapur nicht dafür bekannt, der nach Monaco am dichtesten besiedelte Staat der Erde zu sein? Mehr als sechs Millionen Menschen leben auf der Insel, nicht größer als Rügen, an der Spitze der Malaiischen Halbinsel. Kann es da überhaupt noch ein Fleckchen Land geben, das nicht komplett bebaut ist? Zwar habe ich auf der Fahrt vom Flughafen bis zu meinem Hotel nicht wenig grünen Bewuchs am Strand gesehen. Doch vor allem fielen mir die unzähligen Hochhäuser und Wohnblocks ins Auge, die das Stadtbild prägen. Bei genauerem Hinsehen stachen zwischen den weißen und grauen Gebäuden aber immer wieder auch markante, grüne Flecken hervor.

Foto: Konrad Bender

Begrünte Fassaden: Warum Neubauten in Singapur Grün vorweisen müssen

Einer davon ist mein Hotel, das Oasia Downtown. Wie ein roter Zylinder schraubt sich das Bauwerk in die Höhe. Doch die Gitterfassade ist über und über von grünen Kletterpflanzen überwuchert, die das Gebäude gänzlich unter sich begraben scheinen zu wollen. Das ist nicht etwa das Werk von nachlässigen Hausmeistern, sondern so gewollt. Und zwar von ganz oben. Denn Singapur ist als Inselstaat besonders von der Klimakrise betroffen.

Der Turm des Oasia Hotel Downtown bei Nacht. Die rot-orangefarbene Gitterfassade ist dicht mit Kletterpflanzen bewachsen, links und rechts rahmen Bäume das Bild.

Foto: Konrad Bender

Nach dem »Singapore Green Plan 2030«, einem umfassenden Nachhaltigkeitsplan der Regierung, müssen Neubauten daher so viel Begrünung vorweisen, wie an Grundfläche versiegelt wird. Ob an der Fassade, auf Balkonen oder auf dem Dach. Im Fall des Oasia Downtown ist es mehr als das Zehnfache an Begrünung. Der Effekt ist beim Gang um das Gebäude spürbar, die Temperatur fühlt sich merklich kühler an.

Sky Garden im 51. Stock: Wo Kräuter über den Wolken wachsen

Was in Deutschland vermutlich auf direktem Weg einen Innovationspreis gewinnen würde, ist in Singapur nur der Anfang. Nur einen guten Kilometer Luftlinie vom Hotel entfernt, mitten im Financial District, liegt der Capita-Spring-Wolkenkratzer; mit 280 Metern das zweithöchste Gebäude der Stadt. Und ganz oben, auf der Dachterrasse, herrscht Justin über sein grünes Reich. Der junge Gärtner hegt und pflegt dort den höchsten Garten der Stadt, den trefflich benannten »Sky Garden«. Nachdem ich die 51 Stockwerke im Aufzug hochgerauscht bin, geht es zunächst durch die kleine Rooftop-Bar und dann nahtlos in die Urban Farm. In grüner Gärtnerklamotte und mit Patagonia-Sonnenhut (vorbildlich) gekleidet, gibt Justin einen herrlichen Kontrast zu den geschäftigen Casual-Chic-Besuchern der Bar ab.

Aber was wird hier eigentlich angebaut? »Der Garten ist in mehrere Bereiche aufgeteilt«, erklärt mir Justin. Und diese Bereiche sind hauptsächlich nach Regionen geordnet. So liegt etwa der mediterrane Abschnitt mit Rosmarin, Thymian und Basilikum auf der sonnenstarken Seite der Terrasse. Anderswo wachsen wunderschöne Blumen oder auch mal ein bescheidener Fenchel. Die Einteilung hat System, teilweise arbeiten Justin und sein Team auch mit Fruchtfolge. Also dem regelmäßigen Wechsel unterschiedlicher Pflanzen im selben Boden, um dessen Nährwerte nicht über die Maßen zu beanspruchen.

Blick von oben auf einen bepflanzten Dachgarten zwischen den geschwungenen Fassaden eines Hochhauses in Singapur. Schmale Wege führen durch terrassierte Beete mit Bananenstauden und Papayabäumen, dahinter Hafen und Skyline.

Foto: Tang Yan Song / Shutterstock

Die Gartenarbeit so weit oben ist aber nicht ohne Herausforderungen. »Auf dieser Höhe fliegen keine Vögel den Garten an. Insekten hingegen werden oft vom Wind hinaufgetragen«, berichtet der Gärtner. Und so kann sich schon mal eine Heuschrecke oder ein anderer Schädling in den 51. Stock verirren. Ohne die Hilfe von hungrigen Vögeln müssen diese dann aufwendig von Hand entfernt werden. Pestizide kommen nicht zum Einsatz. Und das ist auch gut so. Denn viele der Kräuter und Blüten werden unmittelbar in einem der beiden Restaurants im 51. Stockwerk weiterverarbeitet. Regionaler geht es kaum

City Sprouts: Eine Farm auf einem ehemaligen Schulgelände

Die Natur im »Sky Garden« ist also akkurat geplant und gepflegt, kein Grashalm tanzt aus der Reihe, ebenso wenig wie im Mandai Wildlife Reserve oder ganz generell in Singapur. Ganz Singapur? Nicht ganz! Ein kleines Naturprojekt inmitten des Stadtstaats gibt sich unbeugsam. Denn auf dem Gelände von »City Sprouts« im Stadtteil Tiong Bahru wachsen Büsche, Stauden, Kräuter und Bäume munter drauf los, in alle nur erdenklichen Richtungen. Ein System steckt trotzdem dahinter, nämlich die lokale Gemeinschaft des Viertels. »Fostering Communities Through Shared Discovery« prangt in verspielten Lettern auf dem grünen Shirt von Khor, der mich über das ehemalige Schulgelände führt. Wo früher Kinder lernten und spielten, stehen jetzt zu Lagerstätten umfunktionierte Container mit Gartenwerkzeugen und unzählige kleine Gewächshäuser, die die Hitze der tropischen Sonne einfangen.

Foto: Konrad Bender

»Wir wollen die Menschen in Singapur wieder mit der Natur verbinden«, erklärt mir Khor. »Insbesondere mit dem Anbau von Lebensmitteln.« Vor dem Eingang in den wahrhaftigen Irrgarten zwischen den Gewächshäusern entdecke ich ein großes Reisfeld, ganz traditionell. In einem Gewächshaus gleich daneben wachsen Pflanzensprösslinge aus langen, übereinandergestapelten Kunststoffrohren. Auch wenn es ungewöhnlich aussehen mag: Die Pflanzen gedeihen prächtig. »Durch den augenscheinlichen Gegensatz lernen Kinder, dass für klassische Landwirtschaft in Singapur schlicht die Fläche fehlt. Gleichzeitig vermitteln wir, dass der Anbau von Nutzpflanzen nicht immer nur die Arbeit auf dem Feld ist. Sondern eben auch Ingenieursarbeit«, sagt Khor.

Wo Kinder und Senioren gemeinsam gärtnern und kochen

Doch nicht nur Kinder besuchen die Farm mitten in der Stadt. Zum Konzept gehört auch, die verschiedenen Generationen Singapurs zusammenzuführen. Als ein soziales Unternehmen, das von der Stadt finanziell unterstützt wird, ist »City Sprouts« der Gemeinschaft verpflichtet. Die Bewohner des nahe gelegenen Altenheims sind daher ebenso oft vor Ort wie die kleinen Besucher – gerne auch gemeinsam. Die Kinder können sich an der Gartenarbeit versuchen, die Älteren bringen ihre traditionellen Rezepte mit, die dann gemeinsam zubereitet und gegessen werden. Hochbeete sorgen zudem dafür, dass sich auch Menschen im Rollstuhl unkompliziert am Gartenbau beteiligen können. So haben sich die »City Sprouts« bereits in fünf Vierteln zu sozialen Zentren etabliert. Die Idee des Programms ist aber noch größer. »Wenn wir den Kindern aus der Stadt die Liebe zur Natur beibringen, dann schützen sie später genau diese Natur«, hofft Khor.

Unterwegs auf dem Southern Ridges Forest Walk, die mehr als zehn Kilometer durch Singapur führen

Unterwegs auf dem Southern Ridges Forest Walk, die mehr als zehn Kilometer durch Singapur führen I Foto: Singapore Tourism Board

Das ist noch nicht das Ende der grünen Fahnenstange. Ob die imposanten »Gardens by the Bay«, die futuristischen Supertrees am Meer, die begrünten Fassaden im Stadtzentrum oder die riesige Orchideensammlung im botanischen Garten – an allen Ecken und Enden überrascht mich Singapur mit seiner Pflanzenvielfalt, die ich hier so nicht erwartet hätte. Da wäre es doch gelacht, wenn ich meinen heimischen Balkon in diesem Jahr nicht auch ein bisschen begrünen kann. Es muss ja nicht gleich ein Reisfeld sein.

Mehr Informationen zur Reise nach Singapur

  • Singapore Airlines fliegt teils mehrfach täglich direkt von München und Frankfurt bis Singapur, www.singaporeair.com
  • Das Oasia Downtown ist nicht nur architektonisch beeindruckend, sondern auch idealer Ausgangspunkt für Ausflüge ins nahe gelegene Chinatown. Im 21. Stockwerk lockt die Club Lounge mit großer Terrasse und fantastischem Ausblick, auf dem Dach wartet ein Outdoor-Swimmingpool. Ab etwa 160 Euro, www.oasiahotels.com
  • Im METT Singapore zeigt sich Singapur von seiner besonders grünen Seite. Das Luxushotel ist in einer alten britischen Militärakademie untergebracht und liegt prominent mitten im Fort Canning Park, der höchsten natürlichen Erhebung auf der Insel. Ab etwa 250 Euro, www.metthotelsandresorts.com; Hier spricht Konrad über das Hotel in unserem Podcast »Hotel der Woche«.
  • Das Mandai Wildlife Reserve im Norden der Stadt besteht aus fünf Bereichen, darunter das Bird Paradise und der Zoo. Tickets gibt es für jeden Einzelbereich ab etwa 32 Euro oder als Kombiticket für alle Bereiche ab 165 Euro. www.mandai.com
  • Der »Sky Garden« im Capita-Spring-Gebäude ist kostenfrei zugänglich, Besucher müssen allerdings einen Slot vorab buchen. Gelegentlich ist der Bereich aufgrund privater Events nicht zugänglich. www.1-arden.sg

Häufige Fragen

Wann ist die beste Reisezeit für Singapur?
Februar bis April und Juli bis September sind am angenehmsten. Es ist dann trockener, weniger schwül und es finden viele Feste statt.
Warum ist Singapur so grün?
Seit den 1960er-Jahren verfolgt Singapur das Konzept „Garden City", später „City in a Garden". Premier Lee Kuan Yew wollte Lebensqualität steigern und Investoren anziehen.
Wie wird die Begrünung in Singapur umgesetzt?
Gesetze schreiben Grünflächen bei Neubauten vor, Fassaden und Dächer müssen begrünt werden. Bis 2030 sollen eine Million neue Bäume gepflanzt werden.
Welche Vorteile hat das viele Grün in Singapur?
Es kühlt die Stadt, filtert Luftschadstoffe, reduziert Stress und spart Energie bei Klimaanlagen. Gleichzeitig wird Singapur als nachhaltiger Standort attraktiver.
Konrad Bender
Konrad hat Geschichte studiert, das Mittelalter, um genau zu sein. Logisch, dass es ihm die geschichtsträchtigen Orte Europas besonders angetan haben. Egal ob in den historischen Städten Deutschlands, einsam im Norden Norwegens oder wandernd in den Vogesen – überall findet Konrad eine Story, die es zu erzählen lohnt. Hauptsache, nicht am Strand liegen – das ist so gar nicht Konrads Ding.