Begrünte Fassaden: Warum Neubauten in Singapur Grün vorweisen müssen
Einer davon ist mein Hotel, das Oasia Downtown. Wie ein roter Zylinder schraubt sich das Bauwerk in die Höhe. Doch die Gitterfassade ist über und über von grünen Kletterpflanzen überwuchert, die das Gebäude gänzlich unter sich begraben scheinen zu wollen. Das ist nicht etwa das Werk von nachlässigen Hausmeistern, sondern so gewollt. Und zwar von ganz oben. Denn Singapur ist als Inselstaat besonders von der Klimakrise betroffen.

Foto: Konrad Bender
Nach dem »Singapore Green Plan 2030«, einem umfassenden Nachhaltigkeitsplan der Regierung, müssen Neubauten daher so viel Begrünung vorweisen, wie an Grundfläche versiegelt wird. Ob an der Fassade, auf Balkonen oder auf dem Dach. Im Fall des Oasia Downtown ist es mehr als das Zehnfache an Begrünung. Der Effekt ist beim Gang um das Gebäude spürbar, die Temperatur fühlt sich merklich kühler an.
Sky Garden im 51. Stock: Wo Kräuter über den Wolken wachsen
Was in Deutschland vermutlich auf direktem Weg einen Innovationspreis gewinnen würde, ist in Singapur nur der Anfang. Nur einen guten Kilometer Luftlinie vom Hotel entfernt, mitten im Financial District, liegt der Capita-Spring-Wolkenkratzer; mit 280 Metern das zweithöchste Gebäude der Stadt. Und ganz oben, auf der Dachterrasse, herrscht Justin über sein grünes Reich. Der junge Gärtner hegt und pflegt dort den höchsten Garten der Stadt, den trefflich benannten »Sky Garden«. Nachdem ich die 51 Stockwerke im Aufzug hochgerauscht bin, geht es zunächst durch die kleine Rooftop-Bar und dann nahtlos in die Urban Farm. In grüner Gärtnerklamotte und mit Patagonia-Sonnenhut (vorbildlich) gekleidet, gibt Justin einen herrlichen Kontrast zu den geschäftigen Casual-Chic-Besuchern der Bar ab.
Aber was wird hier eigentlich angebaut? »Der Garten ist in mehrere Bereiche aufgeteilt«, erklärt mir Justin. Und diese Bereiche sind hauptsächlich nach Regionen geordnet. So liegt etwa der mediterrane Abschnitt mit Rosmarin, Thymian und Basilikum auf der sonnenstarken Seite der Terrasse. Anderswo wachsen wunderschöne Blumen oder auch mal ein bescheidener Fenchel. Die Einteilung hat System, teilweise arbeiten Justin und sein Team auch mit Fruchtfolge. Also dem regelmäßigen Wechsel unterschiedlicher Pflanzen im selben Boden, um dessen Nährwerte nicht über die Maßen zu beanspruchen.

Foto: Tang Yan Song / Shutterstock
Die Gartenarbeit so weit oben ist aber nicht ohne Herausforderungen. »Auf dieser Höhe fliegen keine Vögel den Garten an. Insekten hingegen werden oft vom Wind hinaufgetragen«, berichtet der Gärtner. Und so kann sich schon mal eine Heuschrecke oder ein anderer Schädling in den 51. Stock verirren. Ohne die Hilfe von hungrigen Vögeln müssen diese dann aufwendig von Hand entfernt werden. Pestizide kommen nicht zum Einsatz. Und das ist auch gut so. Denn viele der Kräuter und Blüten werden unmittelbar in einem der beiden Restaurants im 51. Stockwerk weiterverarbeitet. Regionaler geht es kaum
City Sprouts: Eine Farm auf einem ehemaligen Schulgelände
Die Natur im »Sky Garden« ist also akkurat geplant und gepflegt, kein Grashalm tanzt aus der Reihe, ebenso wenig wie im Mandai Wildlife Reserve oder ganz generell in Singapur. Ganz Singapur? Nicht ganz! Ein kleines Naturprojekt inmitten des Stadtstaats gibt sich unbeugsam. Denn auf dem Gelände von »City Sprouts« im Stadtteil Tiong Bahru wachsen Büsche, Stauden, Kräuter und Bäume munter drauf los, in alle nur erdenklichen Richtungen. Ein System steckt trotzdem dahinter, nämlich die lokale Gemeinschaft des Viertels. »Fostering Communities Through Shared Discovery« prangt in verspielten Lettern auf dem grünen Shirt von Khor, der mich über das ehemalige Schulgelände führt. Wo früher Kinder lernten und spielten, stehen jetzt zu Lagerstätten umfunktionierte Container mit Gartenwerkzeugen und unzählige kleine Gewächshäuser, die die Hitze der tropischen Sonne einfangen.