Foto: Ramon Sanchez Orense/Unsplash
Tansania

Wem gehört die Savanne? Die Maasai und der Preis der Safari

Serengeti, Ngorongoro, Tarangire: Nord-Tansania steht auf nahezu jeder Safari-Wunschliste. Die Maasai, auf deren Land viele Camps und Jagdkonzessionen liegen, verlieren dabei Weideflächen, Wasserstellen und Mitsprache. Eine neue Erhebung dokumentiert, wie sie den Tourismus erleben und was sie fordern.

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Viele Safari-Gäste begegnen den Maasai zum ersten Mal am Abend ihrer Ankunft. Eine Gruppe junger Männer in roten Shukas tanzt vor der Lodge, jemand filmt, danach gibt es Sundowner auf der Terrasse. Was die Gäste nicht sehen: Die Familien dieser Männer ziehen mit ihren Rindern jedes Jahr weitere Wege, weil Weideland an Schutzgebiete, Konzessionen und touristische Infrastruktur fällt.

Eine Maasai-Frau in orange-rot gestreiftem Tuch und Perlenschmuck schaut auf eine Ziegenherde, die zwei Hirten über staubigen roten Boden vor einer Bergkette treiben.

Foto: Remy Venturini

Die Maasai International Solidarity Alliance (MISA), ein Netzwerk aus Maasai-Vertretern, Kirchen und Menschenrechtsorganisationen, hat diese Entwicklung 2026 systematisch dokumentiert. Gemeinsam mit der Göttinger Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) sprach MISA mit mehr als 500 Menschen in vier Maasai-Distrikten im Norden Tansanias. Unter ihnen waren traditionelle Älteste, Frauen und Jugendliche. Das Ergebnis fällt eindeutig aus: Der Tourismus setzt das Land der Maasai zunehmend unter Druck. Weideflächen schrumpfen, der Zugang zu Wasser und anderen lebenswichtigen Ressourcen wird enger.

Die Jagd als Treiber

Am schärfsten kritisiert MISA die Trophäenjagd. Das Netzwerk sieht in ihr ein Tourismusmodell, das Landraub befördert und Menschenrechte verletzt. »Die Jagd auf Wildtiere gilt als größter Treiber von Landraub und wirft schwerwiegende ethische und ökologische Fragen auf«, sagt Laura Mahler, Referentin für Subsahara-Afrika bei der GfbV. Sie nimmt aber auch die Fotosafari nicht aus: »Auch Safari-Tourismus darf nicht dazu führen, dass die Maasai ihr Land und damit ihre Lebensgrundlage verlieren.«

Zwei Gnus und eine Gruppe Zebras grasen in hohem, trockenem Gras, dahinter zwei Schirmakazien und ein Termitenhügel unter blauem Himmel.

Foto: Ray Rui

Der Konflikt hat eine Vorgeschichte. Im Juni 2022 erklärte die tansanische Regierung in Loliondo rund 1.500 Quadratkilometer Weideland zum Wildschutzgebiet. Sicherheitskräfte räumten das Gebiet, Tausende Maasai flohen ins benachbarte Kenia. Die Fläche grenzt an ein Jagdrevier, das seit Jahrzehnten eine Firma aus den Vereinigten Arabischen Emiraten nutzt. Parallel siedelt die Regierung Maasai aus dem Ngorongoro-Schutzgebiet in das mehrere Hundert Kilometer entfernte Msomera um. Offiziell geschieht das freiwillig, Menschenrechtsorganisationen bezweifeln das.

Was die Maasai fordern

»Gemeinden sollten selbst entscheiden können, ob, wo und unter welchen Bedingungen auf ihren Gebieten Tourismus betrieben wird«, erklärt MISA. Aus den Gesprächen entsteht derzeit eine Maasai-Vision für nachhaltigen Tourismus. Die Kernforderungen stehen bereits fest. Tourismus soll die pastorale Lebensweise respektieren und kein weiteres Land kosten. Die Trophäenjagd soll vollständig enden, flankiert von Importverboten für Jagdtrophäen im In- und Ausland. Kein Projekt soll ohne die freie, vorherige und informierte Zustimmung der betroffenen Gemeinden starten, im Völkerrecht als FPIC-Prinzip verankert. Und langfristig wünschen sich die Maasai ein Modell, das den Gemeinden selbst gehört, von ihnen geführt wird und sie fair an den Einnahmen beteiligt.

Vier Maasai-Männer in karierten Shukas mit Hirtenstäben stehen nebeneinander in der Savanne und unterhalten sich.

Foto: Elliot Paris

Die GfbV unterstützt diese Forderungen. Die vollständige Maasai Tourism Vision soll in den kommenden Monaten erscheinen. Sie knüpft an die bereits veröffentlichte Conservation Vision an, in der die Maasai ihre Vorstellungen von Naturschutz auf eigenem Land formuliert haben.

Was das für Safari-Reisende bedeutet

Wer eine Safari in Nord-Tansania plant, trifft mit der Wahl von Veranstalter und Camp eine Entscheidung, die über das eigene Reiseerlebnis hinausreicht. Seriöse Anbieter beantworten Fragen dazu ohne Ausweichen: Auf wessen Land steht das Camp? Existiert ein Pachtvertrag mit der Gemeinde, und wer hat ihn ausgehandelt? Fließt ein fester Anteil der Einnahmen an die Dorfgemeinschaft? Arbeiten Maasai als Guides und im Management oder ausschließlich als Folklore-Programm am Lagerfeuer?

Das benachbarte Kenia zeigt, dass andere Modelle funktionieren können. In den Conservancies rund um die Maasai Mara verpachten Maasai-Familien ihr Land direkt an Camp-Betreiber und erhalten dafür regelmäßige Zahlungen. Auch dieses Modell hat Schwächen, doch es macht die Landbesitzer zu Vertragspartnern. Genau diese Rolle fordern die Maasai jetzt auch in Tansania ein.


Transparenzhinweis: Dieser Beitrag stützt sich auf eine Pressemitteilung der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und der Maasai International Solidarity Alliance (MISA) sowie auf eigene Recherchen zur Vorgeschichte in Loliondo und Ngorongoro. Die Redaktion hat versucht, eine Stellungnahme der tansanischen Seite einzuholen. Tansania unterhält in Deutschland keine Tourismusvertretung, und die Botschaft in Berlin war für uns nicht erreichbar. Die tansanische Regierung hat in der Vergangenheit bestritten, Maasai gegen ihren Willen umzusiedeln.

Mehr Informationen zum Thema bietet die Website der Gesellschaft für bedrohte Völker.

Häufige Fragen

Masai oder Maasai, was ist richtig?
Beide Schreibweisen sind verbreitet, die Maasai selbst und die meisten Organisationen verwenden inzwischen »Maasai« mit Doppel-a. Die Form leitet sich von ihrer Sprache Maa ab.
Wie viele Maasai gibt es?
In Kenia zählte die Volkszählung 2019 rund 1,2 Millionen Maasai. Tansania erfasst ethnische Zugehörigkeit nicht im Zensus, Schätzungen gehen dort von mehreren Hunderttausend aus.
Welche Rolle spielen Rinder bei den Maasai?
Rinder sind Nahrungsquelle, Vermögen und soziale Währung zugleich, etwa beim Brautpreis. Die Größe der Herde bestimmt traditionell das Ansehen einer Familie.
Was essen die Maasai traditionell?
Die klassische Ernährung basiert auf Milch, Fleisch und bei besonderen Anlässen auf Blut, das den Rindern ohne Schlachtung entnommen wird. Heute gehören auch Maisbrei, Reis und Tee mit viel Milch und Zucker zum Alltag.
Warum tragen die Maasai rote Tücher?
Rot gilt bei den Maasai als Farbe der Stärke und des Mutes und soll auf Distanz Raubtiere beeindrucken. Die karierten und gestreiften Shukas selbst setzten sich erst im 20. Jahrhundert durch, vorher trugen die Maasai Leder.
Was ist eine Enkang?
Eine Enkang ist das Gehöft einer Maasai-Großfamilie, umgeben von einem Zaun aus Dornengestrüpp, der nachts das Vieh schützt. Die niedrigen Häuser darin bauen die Frauen aus Holzstangen, Lehm und Kuhdung.
Woran glauben die Maasai?
Die traditionelle Religion kennt einen Gott namens Enkai, der zwei Gesichter hat, ein gütiges und ein zorniges. Viele Maasai sind heute zugleich Christen und verbinden beide Traditionen.
Leben die Maasai heute noch traditionell?
Viele Familien halten an Viehzucht und Altersklassen fest und nutzen zugleich Smartphones, mobiles Bezahlen und staatliche Schulen. Ein wachsender Teil der jungen Generation arbeitet in Städten, im Tourismus oder im Naturschutz.
Darf man Maasai fotografieren?
Porträts gehören erst nach ausdrücklicher Zustimmung aufs Bild, viele Maasai erwarten dafür eine kleine Bezahlung. Guides vor Ort wissen, wie das in der jeweiligen Gemeinde gehandhabt wird.
Jennifer Latuperisa-Andresen
Je kälter, karger und einsamer es um sie herum wird, desto höher schlägt Jennys Herz. Wer braucht schon Palmen im Urlaub, wenn man auch Eisberge haben kann? Deshalb verbringt die Chefredakteurin aus dem Ruhrpott ihre Sommer auch gerne mal in der Arktis bei den Eisbären. Sie sagt: Das ewige Eis kann zur Sucht werden.