Zwischen Aufbruch und Verwerfung: Das andere Grönland
Der startet gerade, als wir am nächsten Tag in der kleinen Wartehalle des Flughafens auf unseren eigenen Helikopter warten. Wir möchten die Diskoinsel auf der anderen Seite der Bucht erkunden. Die ist vulkanischen Ursprungs mit Basaltküsten und vielen vorbeiziehenden Walen vor der Küste. Das Flugwetter ist perfekt. Aber der Abflug verzögert sich. Die Airline spendiert Kaffee und Plunderteilchen aus dem Kiosk. Dann werden wir wieder ins Hotel geschickt. Der Tankwagen sei kaputt, heißt es. Nur der Rettungshubschrauber werde notdürftig aufgetankt. Man werde sich melden.
Wir besuchen stattdessen das kleine Kunstmuseum, das einzige außerhalb der Hauptstadt. Im Flur zieht man die Schuhe aus und schlüpft in warme Pantoffel aus Seehundfell. Eine ganze Galerie ist den Ölgemälden von Emanuel A. Petersen (1894–1948) gewidmet. Der Däne erlebte Ilulissat in einer Zeit ohne Straßen, Stromleitungen und Sozialwohnungsblöcke. »Heute gibt es große soziale Verwerfungen«, erzählt der junge Mann an der Kasse. Jeder habe ein Handy und sei an die weite Welt angeschlossen. Vielversprechende Perspektiven und bezahlte Arbeit blieben vielen dagegen versperrt. Unter jungen Leuten komme es immer wieder zu Suiziden. Seine Freundin ist als Psychologin bei der Kommune angestellt.
Coolcation in Grönland: Warum die Besucherzahlen steigen
Aber es gibt auch eine Aufbruchsstimmung. Coolcation ist ein Trend im Tourismus. Das spürt man auch in Ilulissat. Nur ein paar Häuser weiter kümmert sich Asbjørn Dissing Bargsteen um die Tourismusentwicklung in der Großkommune Avannaata. Er ist damit zuständig für den ganzen Nordwesten der Insel. Auf einer Fläche größer als Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammen leben hier nicht einmal 11.000 Menschen. Asbjørn hat sein Büro im B 8, einem roten Holzhaus mit weiß gestrichenen Sprossenfenstern. »1990 konnte man im Winter noch mit Motorschlitten einfach über das Meereis zur Diskoinsel fahren«, erzählt er. Heute friere das Meer selbst hier nicht mehr zu.
Die Klimakrise sei stark zu spüren. Aber die Kommune profitiere auch davon. 40.000 Hotelgäste, darunter 3.500 Deutsche, kamen 2024 nach Ilulissat und dazu 14.000 Kreuzfahrttouristen. Die Zahl der Ausflugsanbieter für Touren zur Walbeobachtung, zum Eisfischen, für Hundeschlitten- und Snowmobiltouren sei in den letzten fünf Jahren von fünf auf 35 angewachsen. Wenn auch in Ilulissat Ende 2026 der neue Flughafen Direktflüge nach Europa möglich macht, wolle man mehr Touren ins Hinterland und zu den Außensiedlungen anbieten. Das Bauland auf der Halbinsel, die durch Berge abgeschirmt wird, sei begrenzt, aber zwei neue Hotels seien in Planung.

Foto: Martin Wein
Neue Hotels in Ilulissat: Glaskuben mit Blick auf den Fjord
Das neueste Hotel steht seit 2021 mitten im Zentrum. Ein elliptischer Bau mit bodentiefen Fenstern und Metallfassade. Finanziert hat ihn eine grönländische Familie. Als erste im Land wirbt sie unter der Marke Best Western mit internationalem Standard. Von der Dachterrasse im siebten Stock schaut man über den ganzen Ort und die umliegende Natur. »Die ist unser Pfund«, findet Arnarissoq Møller, die junge Managerin. Im Restaurant auf der Dachetage lässt sie Kabeljau, Heilbutt und Kaltwassergarnelen servieren, die morgens im Hafen angelandet werden. Es gibt auch Burger von Moschusochsen und zum Dessert Panna Cotta mit arktischen Beeren.
Ihr ganzes Leben hat Arnarissoq auf Grönland verbracht. Ein Leben noch weiter südlich kann sie sich nicht vorstellen. »Meine Kinder wachsen als stolze Grönländer auf und werden unsere Insel in die Zukunft führen«, sagt sie mit einem fröhlichen Lachen. In ihrer Freizeit spielt Arnarissoq Basketball in der großen Sporthalle. Oder sie zeigt ihren Kindern die Natur. Ihr Tipp für Ausflüge? Da gebe es eine schöne Bank oben am Eisfjord, sagt sie.
Mit dem Hundeschlitten auf den gefrorenen Fjord
Das Wetter bleibt gut. Der Tankwagen bleibt kaputt. Auch ein Flug in die pittoreske Stadt Uummannaq auf einer winzigen Insel mit einem robbenherzförmigen Berg scheitert an den Umständen. Dafür nehmen uns Laila Sandgreen und ihr Mann Hans am Sonntag mit an den inneren Eisfjord. Laila arbeitet als Lehrerin an der Schule. Hans und ihr Sohn fischen traditionell Heilbutt mit Langleinen. Am Morgen treffen wir das Paar am Ortsausgang. Mit Schneemobilen knattern wir anschließend einen steilen Pass hinauf und über einen gefrorenen See nach Norden. Nach 20 Kilometern ist da nur noch wilde arktische Natur.
Auf dem festgefrorenen Fjord warten die Schlittenhunde. Als wir ankommen, reißen sie aufgeregt an ihren Ketten, heulen um die Wette und rennen im Kreis. »Sie brauchen viel Bewegung und viel Futter«, lacht Laila. Die Familie hat auch eine Sommerhütte hier draußen. Aber mit dem Schlittengespann fahren wir stattdessen zum Angeln raus auf den Fjord. Mit hellem Schleifen gleiten die Schlitten über das verschneite Eis. Sonst ist nichts mehr zu hören. 2.000 Kilometer Luftlinie trennen uns vom Nordpol.

Foto: Martin Wein
Ein Hotel direkt am Fjord
Als wir abends zurück in der Stadt auf dem Weg zum Abendessen im Pub Naleraq sind, der sich zu später Stunde am Wochenende regelmäßig in eine Konzertbühne für Grönland-Pop verwandelt, kündigt sich ein Sturm an. Der Himmel verfinstert sich, und Schneetreiben trübt die Sicht. So lernen wir weitere Hotels kennen. Das große Hotel Arctic von Air Greenland am Stadtrand hat erst vor kurzem Zimmer aus Glas aus Finnland verschiffen lassen. »Wir mussten Teile eines Hügels wegsprengen, um sie direkt an den Fjord zu stellen«, erzählt Hotelmanager Ulrik Sørentsen.
Das Glasdach ist genauso beheizt wie der Boden, damit die Gäste der exklusiven Unterkünfte nachts den Blick in den Nordhimmel nicht verpassen. Die Jagd nach Polarlichtern bekommt auch in Grönland zunehmend mehr Aufmerksamkeit. Allerdings hat man die Glaskuben nach Norden weg von den Lichtern der Stadt ausgerichtet. Ilulissat liegt aber bereits nördlich des Polarlicht-Ovals. Die Lichter zeigen sich hier deshalb meistens im Süden.

Foto: Martin Wein
Nordlichter über dem Eisfjord: Ein Schauspiel nur für uns
Nachdem wir sie schon von der Hotelterrasse aus gesehen haben, schlägt eines Abends die Polarlicht-App Alarm. Der Sonnenwind elektrisch geladener Teilchen ist stark, und erst in der zweiten Nachthälfte sollen wieder Wolken aufziehen. Dick eingepackt stapfen wir los zum Eisfjord. Im Tal der Hunde ist es zunächst stockfinster in der mondlosen Nacht. Aber dann ziehen grüne Bögen über den Himmel. Als wir meine Lieblingsbank erreichen, dreht der Sonnenwind richtig auf. Vorhänge aus violetten, blauen und roten Streifen senken sich über den Eisbergen. Dazu wabern grüne Wirbel und Schleier über den Sternenhimmel. Die Diskobucht macht ihrem Namen wahrhaft Ehre – ein exklusives Schauspiel nur für uns.
Ein bisschen unheimlich ist es auch. Die Inuit hielten die magischen Lichter für die rastlosen Seelen Verstorbener. Zwischen den Eisbergen blitzen in weiter Ferne Suchscheinwerfer auf. Dort locken Fischerboote mit starken Lampen den Kabeljau an die Oberfläche. Als es auf Mitternacht zugeht, bellt in der Ferne ein Polarfuchs mit kehliger Stimme sein Abendlied. Ein Sturm zieht auf und bringt neuen Schnee nach Ilulissat. Meine Lieblingsbank schreckt das nicht, aber wir machen uns lieber auf den Rückweg und freuen uns auf heißen Tee.
Weitere Informationen zu einer Reise in die Region um Ilulissat gibt es unter www.north-greenland.com.

Foto: Martin Wein