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Massiver Felssturz in den Dolomiten: Wie sicher sind Wanderwege in den Alpen noch?

Ein massiver Felssturz in den Dolomiten hat am Sonntag gegen 15 Uhr die Ampezzaner Berge erschüttert. An der Nordseite der Tofana di Dentro, westlich von Cortina d’Ampezzo, lösten sich gewaltige Gesteinsmassen und stürzten Richtung Val Travenanzes. Auch an anderen Stellen in den Alpen kam es kürzlich zum Abbruch von Gestein. 

Eine dichte Staubwolke legte sich über die Flanke. Der Notarzthubschrauber aus Pieve di Cadore kam zunächst nicht an die Abbruchstelle heran. Am Ende ging es jedoch glimpflich aus. Das Geröll an der Nordseite der Tofana di Dentro blieb auf einem höher gelegenen Geländeband liegen und erreichte den Talboden nicht. Die Bergrettung Ampezzo fand keine Hinweise auf Verschüttete und stellte die Suchflüge mit Drohnen und Helikopter ein. Der Bürgermeister von Cortina ließ trotzdem Wege sperren, darunter den Weg 401 durch das Val Travenanzes und die Cengia Paolina.

Vier Abbrüche in zwei Wochen

Die Tofana reiht sich damit in eine auffällige Serie ein. Ende September brach an der Zugspitze auf der Tiroler Seite Gestein aus dem Grenzkamm. Die Staubwolke war kilometerweit zu sehen. Wege und Bergbahnen blieben unberührt; die Bergwacht hielt das Ausmaß dennoch für ungewöhnlich. Wenige Tage später lösten sich am Gross Ruchen im Kanton Uri rund 2.000 Kubikmeter Fels.

Holzstich-Illustration: Wanderweg in einem Dolomitental, verschüttet von frisch abgestürzten Felsblöcken. Links steht ein Wegpfahl, im Hintergrund die helle Abbruchstelle in der Felswand.

Illustration: KI-generiert/ChatGPT

Ebenfalls am Sonntag, 4. Oktober 2026, donnerte in Südtirol Geröll von der Weißseespitze in Langtaufers. Der Fels brach auf rund 3.300 Metern ab und ging auf die Aufstiegsroute über den Falggletscher nieder. Ein Alpinist stand zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Gipfel und stieg über eine andere Route ab. Die Einsatzkräfte rechnen dort mit weiteren Abbrüchen und raten, den Bereich großräumig zu meiden.

Warum der Fels gerade im Herbst bricht

Als Hauptfaktor gilt der Permafrost. In den Alpen beginnt er an Nordhängen schon auf etwa 2.400 Metern. Dort bleiben Fels und Schutt ganzjährig gefroren. Das Eis in Klüften und Spalten verhindert vor allem, dass Wasser in den Berg eindringt. Taut es, sickert Wasser in die Risse, baut Druck auf und lockert ganze Felspartien.

Dabei arbeitet der Berg mit Verzögerung. Laut Deutschem Alpenverein kann es mehrere Monate dauern, bis die Wärme eines Sommers ins Berginnere vordringt. Ein heißer Juli zeigt seine Folgen deshalb oft erst im Herbst, wenn auf den Hütten schon die Saison ausklingt. Die ersten Frostnächte und Starkregen verstärken den Effekt.

Holzstich-Illustration: Hochgebirgsgipfel, in dessen Felsspalten Eis schmilzt. Schmelzwasser rinnt durch die Klüfte, rechts lösen sich Felsblöcke und stürzen ab.

Illustration: KI-generiert/ChatGPT

Ob an der Tofana tatsächlich tauender Permafrost den Abbruch ausgelöst hat, müssen Geologen noch klären. Die Häufung passt allerdings ins Bild, vor dem Alpenvereine seit Jahren warnen.

Steinschlag und Felssturz: zwei verschiedene Gefahren

Steinschlag bedeutet einzelne Steine, und die fallen ständig. Dafür genügt schon der Wechsel von Frost und Tauwetter, der das Gestein wenige Dezimeter tief lockert. Bei einem Felssturz reicht die Lockerung mehrere Meter in den Berg. Er kommt seltener vor, bewegt aber Massen, gegen die kein Helm etwas ausrichtet. Für Wanderer ist Steinschlag das realistischere Risiko. Gegen ihn helfen Helm, Tempo und die richtige Tageszeit. Vor einem Felssturz schützt in erster Linie, gesperrte Wege zu respektieren.

Wie riskant sind normale Wanderwege?

Das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF stuft das Risiko auf Wanderwegen grundsätzlich als gering ein. Mit jedem Meter ins hochalpine, ausgesetzte Gelände steigt es jedoch. Unterhalb der Permafrostzone erwarten die Fachleute kaum Veränderungen.

Holzstich-Illustration: Wanderer mit Helm und Rucksack auf einem schmalen Felsband unter einer steilen Wand, von oben fallen einzelne Steine. Links ragen Gipfel im Morgenlicht aus einem Wolkenmeer.

Illustration: KI-generiert/ChatGPT

Heikel wird es also auf Höhenwegen, Klettersteigen und Übergängen unter steilen Wänden. Österreichs alpine Vereine betonen, dass langjährige Erfahrungswerte an Aussagekraft verlieren. Eine Route, die vor zehn Jahren harmlos war, kann heute unter einer bröckelnden Flanke verlaufen. Die Vereine halten rund 50.000 Kilometer Wege instand, größtenteils ehrenamtlich. Nicht jede Veränderung landet sofort in Karten und Apps.

Vor der Tour: die aktuelle Lage kennen

Die wichtigste Information liefert der Ort selbst. Tourismusbüros und Gemeinden veröffentlichen Sperrungen, in Italien per Verordnung des Bürgermeisters. Hüttenwirte kennen den Zustand ihrer Zustiege meist am besten, ein Anruf am Vortag lohnt sich. Tourenbeschreibungen aus Büchern oder älteren Blogbeiträgen bilden den aktuellen Zustand oft nicht mehr ab.

Die Tageszeit entscheidet mit. Am berüchtigten Grand Couloir am Mont Blanc rauscht im Sommer im Schnitt alle 37 Minuten Steinschlag über die Aufstiegsroute, die meisten Steine fallen am späten Nachmittag. Wer früh startet, quert gefährdete Passagen, solange die Sonne den Fels noch nicht aufgewärmt hat. Für Risikogebiete empfiehlt der Deutsche Alpenverein auch Wanderern einen Helm.



Unterwegs: Warnzeichen lesen

Frischer Steinschlag hinterlässt Spuren. Auffällig helles Gestein, große Blöcke auf dem Weg oder frische Einschlagkrater deuten darauf hin, dass weiteres Material folgen kann. Experten des Alpenvereins raten in diesem Fall zur Umkehr oder zu einem großen Bogen.

Holzstich-Illustration: Rettungshubschrauber vor einer Dolomitenwand, an der ein Felssturz mit Gesteinsbrocken und dichter Staubwolke niedergeht.

Illustration: KI-generiert/ChatGPT

In exponierten Passagen gilt: zügig weitergehen, keine Pause unter Wänden oder in Rinnen. Nach Starkregen und während der Schneeschmelze meiden erfahrene Bergsteiger steile Flanken ganz. In Geröllfeldern lohnt der Blick nach oben, denn auch Gämsen treten Steine los.

Wenn es doch kracht

Ein lauter Ruf »Stein!« warnt alle Wanderer weiter unten. Wer selbst im Gefahrenbereich steht, sucht Schutz eng an der Wand oder hinter einem Felsblock und schützt den Kopf mit dem Rucksack. Wegrennen in der Falllinie bringt nichts, Steine springen schneller und unberechenbar. Im Notfall gilt europaweit die 112.

Und Cortina?

Für Gäste in Cortina d’Ampezzo ändert der Abbruch wenig. Die Sperrungen betreffen Wege im abgelegenen Val Travenanzes auf der Rückseite der Tofana. Wer im Herbst rund um die Tofane unterwegs sein will, fragt vorab im Tourismusbüro nach aktuellen Umleitungen. Für Touren über Eis empfiehlt sich zusätzlich ein Blick in unseren Beitrag zu Gletscherspalten.

Häufige Fragen

Gilt eine Wegsperrung in Italien auch für erfahrene Bergsteiger?
Ja. Eine Sperrung per Verordnung des Bürgermeisters gilt für alle, Verstöße können ein Bußgeld nach sich ziehen.
Gibt es eigene Notrufnummern für die Bergrettung?
In Österreich erreicht die 140 direkt die Bergrettung, in der Schweiz die 1414 die Rega.
Kann man Felsstürze vorhersagen?
Nur an überwachten Flanken wie dem Hochvogel im Allgäu, wo Messgeräte jede Bewegung im Fels registrieren. Die meisten Abbrüche treffen Wanderer ohne Vorwarnung.
Wie lange bleiben Wege nach einem Felssturz gesperrt?
Das entscheiden Geologen nach der Begutachtung, es kann Tage oder Jahre dauern. Die Silvretta-Hochalpenstraße etwa bleibt nach Felsstürzen im Sommer 2024 voraussichtlich bis 2030 gesperrt.
Wer zahlt eine Bergung per Hubschrauber?
Das hängt vom Land und vom Einsatz ab. Mitgliedschaften im Alpenverein decken Bergungskosten in der Regel ab, bei Reiseversicherungen lohnt ein Blick ins Kleingedruckte
Jennifer Latuperisa-Andresen
Je kälter, karger und einsamer es um sie herum wird, desto höher schlägt Jennys Herz. Wer braucht schon Palmen im Urlaub, wenn man auch Eisberge haben kann? Deshalb verbringt die Chefredakteurin aus dem Ruhrpott ihre Sommer auch gerne mal in der Arktis bei den Eisbären. Sie sagt: Das ewige Eis kann zur Sucht werden.