Neufundland und Labrador gehört zu meinen Lieblingsplätzen auf dieser Erde. Seit Jahren habe ich einen stillen Plan B: Falls ich irgendwann auswandere, dann dorthin, an diese Küste aus Fels, an der im Frühsommer Eisberge so selbstverständlich an den Häfen vorbeitreiben wie bei uns die Rheinschiffe. Aber jetzt, jetzt überlege ich es mir noch einmal. Schuld daran trägt Netflix. Genauer gesagt eine Kreatur, die in der Bucht eines kleinen Fischerdorfs lauert und in der Serie »Below« Fischer, Wanderer und Urlauber in die Tiefe zieht.
Mit meiner Neufundland-Liebe stehe ich offenbar nicht allein da. In seiner ersten Woche sammelte »Below« 17 Millionen Aufrufe, landete in 53 Ländern auf Platz eins und in 90 Ländern in den Top Ten. Keine kanadische Netflix-Produktion ist je stärker gestartet.
Worum geht es in »Below«?
Die sechsteilige Miniserie beginnt 1986 mit einem Bild, das mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht. Eine Familie zieht ihr Holzhaus mit dem Boot über das Wasser, von der winzigen Insel Little Pot Rock hinüber nach Snook’s Arm. Unterwegs sinkt das Haus, der Vater sitzt darin fest, und der neunjährige Calvin muss das Seil kappen, um den Rest der Familie zu retten.

Foto: 2026 Netflix, Inc.
Vierzig Jahre später lebt Calvin Penney, gespielt von Josh Hartnett, noch immer in Snook’s Arm. Der Kabeljau macht sich rar, also verdient Calvin sein Geld mit Eis aus dem Atlantik. Dann schiebt sich ein gewaltiger Eisberg in die Bucht, eine portugiesische Fischercrew bleibt verschwunden, und Calvin ahnt einen Zusammenhang mit dem Tod seines Vaters. An seiner Seite ermittelt die Meeresforscherin Fonda Howander, gespielt von Mackenzie Davis. Und über allem schwebt eine Abstimmung: Nehmen die Bewohner das Geld der Regierung und verlassen ihre Häuser für immer?
Erfunden hat die Serie Jesse McKeown, der zuvor für »The Umbrella Academy« schrieb. Seine Frau stammt aus Neufundland, die beiden leben zeitweise dort. Als Co-Executive-Producer holte er Perry Chafe ins Boot, den in Neufundland jeder durch die Krimiserie »Republic of Doyle« kennt. Man merkt der Serie an, dass Leute dahinterstehen, die diese Küste lieben.
Wo spielt »Below« und wo hat Netflix gedreht?
Snook’s Arm, der Schauplatz der Serie, ist eine fiktive Fischergemeinde. Gedreht hat Netflix im Sommer und Herbst 2025, 75 Tage lang, und zwar ausschließlich vor Ort. Auf Greenscreen verzichtete die Produktion selbst bei den Szenen auf See, die Crew drehte auf dem echten Atlantik.
Das Dorf Snook’s Arm entstand vor allem in Brigus South, einem winzigen Fischerort an der Southern Shore der Avalon-Halbinsel. Weitere Szenen drehte das Team in Pouch Cove und in Bay Bulls, wo sonst die Boote zu Walen und Papageitauchern ablegen. Linda’s Bar, in der sich das halbe Dorf trifft, gibt es tatsächlich: Sie ist eine echte Kneipe in Harbour Main an der Conception Bay.

Salmon Cove in der Conception Bay North. | Foto: Barrett & MacKay Photo
St. John’s diente als Produktionsbasis. Fondas Labor steht im Ocean Sciences Centre der Memorial University, und die Figur hat ein reales Vorbild: die Meeresbiologin Annie Mercier, die dort forscht und das Team in Sachen Kopffüßer beriet. Die schönsten Bilder liefert allerdings Twillingate in der Notre Dame Bay im Norden der Insel. Wer im Frühsommer dort auf den Klippen steht, versteht sofort, warum Netflix für die Eisberg-Szenen hierherkam.

Twillingate ist eine der schönsten Ecken der Welt. | Foto: Newfoundland and Labrador Tourism
Eisberg-Fischer: Gibt es die wirklich?
Ja, und das ist für mich die schönste Entdeckung der ganzen Serie. Die Iceberg Harvester von Neufundland heißen vor Ort auch Iceberg Cowboys. Der bekannteste ist Kapitän Ed Kean, Seemann in achter Generation. Jedes Jahr im späten Frühling, wenn die Eisberge aus Grönland durch die sogenannte Iceberg Alley nach Süden treiben, fahren er und seine Crew hinaus. Sie suchen Bruchstücke in der passenden Größe, ziehen sie mit Netzen und Kran an Bord und zerkleinern sie. Das Zeitfenster bleibt kurz, denn das Salzwasser frisst die Eisberge Stunde um Stunde an. Gefährlich ist die Arbeit obendrein: Ein Eisberg kann jederzeit kippen und reißt dann alles mit, was ihm zu nahe kommt.

Foto: 2026 Netflix, Inc.
Das Schmelzwasser stammt aus Gletschereis, das sich vor über 10.000 Jahren gebildet hat, und enthält kaum Mineralien. Abnehmer sind ein Wodkahersteller, eine Brauerei in St. John’s, Abfüller von Flaschenwasser und eine Kosmetikmarke. Wie wertvoll das Eis ist, zeigte 2019 ein Kriminalfall, der selbst in Neufundland für Kopfschütteln sorgte: Unbekannte zapften in Port Union einen Tank von Iceberg Vodka leer und verschwanden mit rund 30.000 Litern Eisbergwasser. Der Firmenchef verglich die Ernte mit einer Weinlese, schließlich gibt es pro Jahr nur eine Chance.
Die ernste Seite: Umsiedlung und Kabeljauverbot
Hinter dem Monster-Spektakel erzählt »Below« von zwei Wunden, die Neufundland bis heute prägen. Das Haus, das in der ersten Szene über das Wasser schwimmt, entspringt keiner Drehbuchfantasie. Zwischen 1954 und 1975 räumte die Regierung rund 300 abgelegene Gemeinden, fast 30.000 Menschen mussten umziehen. Weil Holz kostbar war, nahmen viele Familien ihre Häuser einfach mit und zogen sie per Boot in den neuen Hafen. Umsiedlungen gibt es bis heute, inzwischen nur noch auf Antrag der Bewohner selbst. Auf Little Bay Islands stimmten 2019 alle 95 Wahlberechtigten für den Abschied, zum Jahresende war die Insel verlassen. Nur ein Ehepaar blieb.

Foto: 2026 Netflix, Inc.
Die zweite Wunde trägt ein Datum. Am 2. Juli 1992 verhängte Ottawa ein Fangverbot für den Nördlichen Kabeljau, dessen Bestand um 99 Prozent eingebrochen war. Über Nacht verloren Zehntausende ihre Arbeit, ganze Fischerdörfer leerten sich. Geplant war das Moratorium für zwei Jahre, es hielt 32. Erlaubt blieb nur ein kleiner Freizeitfang im Sommer, und so habe ich selbst in Petty Harbour schon Kabeljau aus dem Wasser gezogen, in dem Hafen, aus dem auch »Below«-Autor Perry Chafe stammt. Erst im Juni 2024 öffnete die Regierung die kommerzielle Fischerei wieder, mit einer Quote, die nur einen Bruchteil der früheren Mengen erlaubt. Viele Wissenschaftler halten auch das noch für verfrüht.
In Neufundland diskutieren die Leute gerade leidenschaftlich darüber, ob die Serie ihre Insel richtig trifft, bis hin zu Josh Hartnetts Akzent. Viele lesen »Below« als Liebeserklärung an ihre Provinz. Ich auch. Die kleinen Details, die liebevollen Schrulligkeiten, selbst die Musik ist so typisch für Neufundland.
Fogo Island und das Fogo Island Inn
In »Below« verschwinden die Fischer vor Fogo Island, und ausgerechnet diese Insel gehört für mich zu den malerischsten Orten Kanadas. Die größte vorgelagerte Insel Neufundlands trägt einen portugiesischen Namen, »fogo« bedeutet Feuer, und sie hat eine Geschichte, die perfekt zur Serie passt. Als in den 1960er-Jahren die Umsiedlung drohte, wehrten sich die Fogo Islander. Mit Filmen des National Film Board, später als »Fogo Process« berühmt geworden, trugen die Fischer ihre Sorgen direkt zu den Ministern, gründeten eine Kooperative und blieben.

Sicher eines der schönsten Hotels Kanadas ist das Fogo Island Inn. | Foto: Destination Canada
Zita Cobb wuchs hier auf, als Fogo Islanderin in achter Generation. Ihr Vater war Fischer, sie selbst machte Karriere in der Glasfaserbranche und kam als wohlhabende Frau zurück. 2004 gründete sie mit ihren Brüdern die gemeinnützige Stiftung Shorefast, deren größtes Projekt 2013 eröffnete: das Fogo Island Inn in Joe Batt’s Arm. Ich habe dort selbst gewohnt, und wer einmal angekommen ist, versteht, warum dieses Haus Reisende aus aller Welt auf eine Insel vor einer Insel lockt.

Foto: 2026 Netflix, Inc.
Der Architekt Todd Saunders, geboren im nahen Gander und zu Hause in Norwegen, stellte das Haus auf Stelzen direkt an den Fels, als hätte jemand eine der traditionellen Fischerhütten ins Monumentale übersetzt. Alle 29 Suiten blicken durch raumhohe Fenster auf den Nordatlantik. Die Möbel bauen Tischler von der Insel, die Quilts auf den Betten nähen Frauen aus den Fischerfamilien. Überschüsse fließen zurück in die Gemeinschaft, und ein »wirtschaftliches Nährwertetikett« weist offen aus, wohin das Geld eines Aufenthalts geht. Wie sich ein Aufenthalt im Fogo Island Inn anfühlt, habe ich in meinem Bericht über das Haus aufgeschrieben.

Foto: Fogo Island Inn
Ein paar Kilometer weiter ragt der Brimstone Head aus dem Meer. Die Flat Earth Society erklärte ihn einst zu einer der vier Ecken der Welt. Wer dort oben steht, mit Wind aus allen Richtungen und nichts als Atlantik bis zum Horizont, glaubt das für einen Moment. Und mein Auswanderungsplan? Der steht noch. Nur Eisberge schaue ich mir künftig lieber von den Klippen in Twillingate an als aus einem kleinen Boot.

Foto: 2026 Netflix, Inc.


