Foto: Broad Peak, 8.051 Meter hoch, der zwölfthöchste Berg der Welt. I Hussain Warraich/Shutterstock.com
Pakistan

Neben dem K2: Das ist der vergessene Riese, an dem Nims Purja starb

Er ist der zwölfthöchste Berg der Erde, gut 8.050 Meter hoch, und doch kennt ihn kaum jemand außerhalb der Bergsteigerszene. Der Broad Peak steht im Schatten seines berühmten Nachbarn K2, im entlegensten Winkel des pakistanischen Karakorum. Ende Juli 2026 machte eine Lawine ihn schlagartig weltbekannt: Sie riss eine zehnköpfige Expedition um die Bergsteiger-Ikone Nirmal Purja in den Tod. Was für ein Berg ist das, wer besteigt ihn, und was können Reisende in dieser extremen Landschaft überhaupt erleben?

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9:01

Es geschah nicht am Gipfel. Sondern auf dem Treck. Am Donnerstag, dem 30. Juli 2026, bewegte sich die von Nirmal »Nims« Purjal geführte Gruppe auf der Normalroute zwischen Lager II und Lager III, auf etwa 6.600 Metern Höhe. Dann löste sich der Hang. Kurz darauf brach die Kommunikation ab.

Alle zehn Mitglieder der Expedition starben. Neben Nims verloren sechs weitere nepalesische Bergsteiger ihr Leben: Pur Bahadur Gurung, Nima Sherpa, Kili Pemba Sherpa, Nawang Thindu Sherpa und Gyalu Sherpa, viele von ihnen erfahrene Höhenbergsteiger und Guides. Mit ihnen starben die Omanerin Nadhira Al Harthy, die erste Frau ihres Landes auf dem Mount Everest, die US-Amerikanerin Mallory Geis, der Pakistaner Sohail Sakhi und der Chinese Wang Zhong. Sie kamen aus fünf Nationen und teilten dieselbe Leidenschaft für die höchsten Berge der Welt.

Die Bergung arbeitete gegen Wetter, Höhe und Gelände. Anfang August waren sieben Leichen geborgen, drei Opfer blieben zunächst vermisst. Eine belastbare offizielle Ursachenanalyse liegt bislang nicht vor.

Ein Riese im Schatten des K2

Warum kennt kaum jemand den Broad Peak, obwohl er zu den vierzehn Achttausendern der Welt gehört? Die Antwort steht wenige Kilometer entfernt. Der K2, zweithöchster Berg der Erde und mythischer »Berg der Berge«, überstrahlt alles in seiner Umgebung. Wer in das asiatische Hochgebirge Karakorum reist, kommt wegen des K2, und der Broad Peak wird zur Kulisse.

Luftaufnahme von K2, Broad Peak, Gasherbrum I und II, dem Baltoro-Gletscher, Concordia und dem K2-Basislager

Luftaufnahme von K2, Broad Peak, Gasherbrum I und II, dem Baltoro-Gletscher, Concordia und dem K2-Basislager. I Foto: Explore n Expedition/Shutterstock.com

Dazu kommt der Name selbst. »Broad Peak« verweist nüchtern auf den breiten, langgezogenen Gipfelkamm mit mehreren Erhebungen, ein Kontrast zur ikonischen Pyramide des K2. Ein Berg, der weder durch eine dramatische Silhouette noch durch eine einzelne legendäre Katastrophe im kollektiven Gedächtnis verankert ist, bleibt selbst als Achttausender ein Geheimtipp. Hinzu kommt die Lage: Der Karakorum an der Grenze zwischen Pakistan und China gehört zu den abgelegensten Hochgebirgen überhaupt, weit schwerer erreichbar als das gut erschlossene Everest-Gebiet in Nepal.

Wie viele Menschen standen bisher auf dem Gipfel?

Wenige, gemessen an anderen Achttausendern. Seit der Erstbesteigung 1957 haben schätzungsweise gut 400 Bergsteiger den echten Gipfel erreicht, in guten Sommern kommen 30 bis über 50 Erfolge pro Saison dazu. Zum Vergleich: Auf dem Mount Everest stehen in einer einzigen guten Woche mehr Menschen als auf dem Broad Peak in seiner gesamten Geschichte.

Schematische Infografik zur geografischen Lage von Broad Peak im Karakorum: Broad Peak (8.047 m) im Zentrum, K2 nordwestlich rund 8 km entfernt, Masherbrum und Laila Peak südwestlich, Chogolisa südlich sowie Gasherbrum V und Baltoro Kangri südsüdöstlich. Darstellung nicht maßstabsgetreu.

Höhenangaben und Luftlinien nach Gipfelkoordinaten; Darstellung schematisch, nicht maßstabsgetreu. Illustration: KI-generiert.

Nur etwa jeder dritte Bergsteiger, der einen Gipfelversuch startet, steht am Ende wirklich oben. Alle anderen müssen vorher umkehren, weil Wetter, Erschöpfung, Höhenkrankheit oder Lawinengefahr sie stoppen. Gut ausgerüstete kommerzielle Expeditionen mit Sauerstoff, fixen Seilen und erfahrenen Bergführern erreichen den Gipfel deutlich häufiger, mehr als jeder Zweite. Rund 20 bis 25 Menschen sind am Berg gestorben. Der Broad Peak ist also kein Berg für die Massen, sondern ein Ziel für erfahrene Höhenbergsteiger.

So schwer begehbar wie der K2

Nein, der Broad Peak gilt als deutlich weniger extrem als der K2, und dieser Unterschied ist gewaltig. Der K2 zählt zu den gefährlichsten Bergen der Welt: berüchtigt für das »Bottleneck«, eine Engstelle unter überhängenden Eistürmen, die selbst Spitzenkönnern nichts verzeiht. Seine Gipfelquote liegt bei rund 20 Prozent, historisch kam auf wenige erfolgreiche Besteigungen ein Todesfall.

Pakistan Broad Peak climbing expedition Zeltlager im Schnee

Typisches Zeltlager bei der Besteigung des Broad Peak. I Foto: Paul Boslooper/Shutterstock.com

Der Broad Peak dagegen bietet eine technisch moderatere Normalroute und höhere Erfolgsquoten. Das macht ihn jedoch nicht harmlos. Die wichtige alpine Einordnung lautet: Wer den Broad Peak einen »leichten Achttausender« nennt, unterschätzt ihn. Und das ist gefährlich. Todeszone, Spaltenzonen, plötzliche Wetterstürze, eine lange und kräftezehrende Gipfeletappe und objektive Lawinengefahr bleiben real. Das Unglück von 2026 hat genau das auf brutale Weise gezeigt.

Was normale Urlauber dort erleben können

Den Gipfel besteigen können nur wenige spezialisierte Alpinisten mit monatelanger Vorbereitung. Für alle anderen liegt der Reiz im Tal. Und das ist wirklich eine Reise wert.  Das Karakorum gilt unter Trekkern als eine der spektakulärsten Bergwelten der Erde. Das zentrale Ziel heißt Concordia, ein Zusammenfluss gewaltiger Gletscher, den Bergsteiger den »Thronsaal der Berggötter« nennen.

Gletscherspalten sowie Schnee- und Eisformationen

Gletscherspalten sowie Schnee- und Eisformationen. I Foto: Piotr Snigorski/shuttrestock.com

Von hier aus reihen sich gleich vier Achttausender und Dutzende messerscharfe Granittürme aneinander: K2, Broad Peak, die beiden Gasherbrums, dazu die berühmten Trango Towers und der Masherbrum. Wer über den Baltoro-Gletscher nach Concordia und weiter zum K2-Basislager wandert, erlebt Hochgebirge in seiner ursprünglichsten Form, ohne Seilbahnen, Hütten oder Handynetz.

Trekking für Anfänger? Nur mit Einschränkungen

Hier lautet die klare Antwort: Der Weg zum K2-Basislager ist nicht mit dem Trek zum Everest Base Camp vergleichbar. Der Everest-Trek in Nepal ist gut ausgebaut, führt von Teehaus zu Teehaus und gilt als anspruchsvoll, aber grundsätzlich anfängertauglich. Der K2-Basislager-Trek dagegen dauert rund 14 bis 18 Tage, führt tagelang über den spaltenreichen Baltoro-Gletscher bis auf etwa 5.150 Meter und verlangt Zelt-Camps, Höhenerfahrung und sehr gute Kondition. Fachanbieter stufen ihn als anstrengend bis extrem ein und setzen frühere Höhentrekking-Erfahrung voraus. Für Einsteiger ist er nicht gedacht.

Idyllische Fairy Meadows am Basislager des Nanga Parbat, Pakistan. Im Hintergrund erhebt sich der majestätische Nanga Parbat, der neunthöchste Berg der Welt, dessen schneebedeckter Gipfel im Sonnenlicht glänzt.

Fairy Meadows am Basislager des Nanga Parbat, Pakistan. I Foto: Ibn e Iqbal/Shutterstock.com

Wer den Karakorum als Anfänger erleben will, hat trotzdem Optionen, nur eben nicht am Fuß des Broad Peak. Deutlich zugänglicher sind etwa die Fairy Meadows am Nanga Parbat, die grünen Täler von Hunza rund um Karimabad oder Tagestouren ab der Bergstadt Skardu, dem Tor zum Karakorum. Diese Ziele bieten Hochgebirgspanorama ohne Gletscherexpedition und eignen sich für ambitionierte, aber unerfahrene Wanderer.

Die richtige Reisesaison

Der Karakorum kennt praktisch nur ein Zeitfenster. Sowohl für Gipfelversuche als auch für Treks gilt der Hochsommer, grob Juni bis September, mit dem stabilsten Wetter im Juli und August. Der Monsun, der Nepal im Sommer lahmlegt, bleibt hier weitgehend außen vor, weshalb der Karakorum ausgerechnet in der Everest-Nebensaison seine beste Phase hat. Außerhalb dieses Fensters machen Kälte, Schnee und Lawinengefahr die hohen Lagen unzugänglich. Für die tiefer gelegenen Täler wie Hunza verlängert sich die Saison etwas ins Frühjahr und in den Herbst hinein.

Foto von Nirmal Purja, genannt Nims, Bergsteiger der am Broad Peak 2026 starb.

Nirmal Purja, genannt »Nims«, war ein herausragender Alpinist. | Foto: Iamthanes/Wikipedia

Wer Nims Purja war

Der Verlust wiegt schwer, weil Nirmal Purja weit mehr war als nur ein prominenter Name. Der nepalesisch-britische Höhenbergsteiger und ehemalige Angehörige einer britischen Spezialeinheit wurde 2019 mit dem »Project Possible« weltberühmt: Er bestieg alle 14 Achttausender in sechs Monaten und sechs Tagen und unterbot den bis dahin gültigen Rekord von fast acht Jahren dramatisch. 2021 gehörte er zum nepalesischen Team, das den K2 als erstes Team im Winter bezwang. Die Netflix-Dokumentation »14 Peaks: Nothing Is Impossible« trug seine Geschichte zu einem Millionenpublikum.

Sein Stil blieb umstritten, mit schneller Logistik, zusätzlichem Sauerstoff und kommerziellen Strukturen. Doch seine Wirkung reicht tiefer: Purja rückte nepalesische Bergsteiger ins Zentrum einer globalen Erzählung, aus der sie zuvor als unsichtbare Helfer westlicher Expeditionen herausgeschrieben worden waren. Das war ein sehr wichtiger Schritt für die Kultur der Sherpa.

Der Broad Peak bleibt ein Berg mit einem beinahe harmlos klingenden Namen. Doch seit dem Sommer 2026 erinnert sein breiter Gipfelkamm nicht nur an alpinen Pioniergeist, sondern auch daran, wie schmal die Grenze zwischen weltweiter Bewunderung und endgültigem Verlust im Karakorum sein kann.

Häufige Fragen

Wie hoch ist der Broad Peak?
Rund 8.050 Meter. In einzelnen Meldungen finden sich 8.047 oder 8.051 Meter, weil die Messmethoden leicht abweichen.
Wo liegt der Berg?
Im Karakorum, direkt an der Grenze zwischen Pakistan und China. Auf pakistanischer Seite gehört er zur Region Gilgit-Baltistan.
Welchen Rang hat er unter den höchsten Bergen?
Er ist der zwölfthöchste Berg der Erde und nach dem K2 und dem Gasherbrum I der dritthöchste Gipfel im Karakorum.
Woher kommt der Name?
»Broad Peak« bedeutet »breiter Gipfel« und verweist auf den langgezogenen Gipfelkamm mit mehreren Erhebungen, ganz anders als die spitze Pyramide des K2.
Wer bestieg ihn zuerst?
Am 9. Juni 1957 die vier Österreicher Hermann Buhl, Kurt Diemberger, Marcus Schmuck und Fritz Wintersteller, und das ohne zusätzlichen Sauerstoff.
Wie viele Menschen haben den Gipfel erreicht?
Seit 1957 schätzungsweise gut 400 Bergsteiger, in guten Sommern kommen 30 bis über 50 pro Saison dazu. Rund 20 bis 25 Menschen sind am Berg gestorben.
Ist der Broad Peak so schwer wie der K2?
Nein. Er gilt als technisch moderater und weniger tödlich als der K2, bleibt aber ein ernster Achttausender mit Todeszone, Lawinengefahr und langer Gipfeletappe.
Kann man dorthin als normaler Urlauber wandern?
Zum Gipfel nicht, das bleibt erfahrenen Alpinisten vorbehalten. Ins Tal führt der Trek über den Baltoro-Gletscher nach Concordia und zum K2-Basislager, 14 bis 18 Tage lang und anspruchsvoll bis extrem, also nichts für Anfänger. Einsteiger weichen besser auf Fairy Meadows, Hunza oder Skardu aus.
Wann ist die beste Reisezeit?
Der Hochsommer, grob Juni bis September, mit dem stabilsten Wetter im Juli und August.
Jennifer Latuperisa-Andresen
Je kälter, karger und einsamer es um sie herum wird, desto höher schlägt Jennys Herz. Wer braucht schon Palmen im Urlaub, wenn man auch Eisberge haben kann? Deshalb verbringt die Chefredakteurin aus dem Ruhrpott ihre Sommer auch gerne mal in der Arktis bei den Eisbären. Sie sagt: Das ewige Eis kann zur Sucht werden.