Torschluss und Zirkus, Nationalismus und Provokation: Die tägliche Grenzschließung bei Amritsar in Nordindien ist ein Spektakel für sich. Text: Jochen Müssig

Der Einpeitscher trägt Tarnanzug, Springerstiefel und eine schusssichere Weste. Statt einer Waffe hält er ein Mikrophon in der Hand und heizt ein, wie der Trommler vor einem großen Fußballspiel oder ein Leadsänger beim Rockkonzert. »Hindustan!«, schreit er ins Mikro, hier im Stadion an der Attari-Wagah-Grenze. »Zindabadh«, grölt die Menge zurück. Das heißt: »Indien! – lang lebe es!«

Soldat in Indien, Mikrofon

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Die Menge, das sind rund 13.000 Zuschauer in einem halbrunden Stadion, das nur für diesen Grenzzirkus gebaut wurde. 13.000 Leute, darunter auch eine Handvoll Touristen, strömen jeden Tag gegen 17 Uhr in dieses Stadion. Sie suchen Gemeinschaftsgefühl, pflegen ihren Nationalstolz und – sie wollen dabei auch ihren Spaß haben. Viele haben sich indische Flaggen auf die Wangen gemalt, Fahnen werden geschwenkt, ähnlich wie bei uns beim Fußball-Länderspiel.

Leere bei den Pakistanern, Spektakel bei den Indern

Man mag es kaum glauben, aber in diesem Stadion verläuft tatsächlich die Grenze zwischen Indien und Pakistan. Die Attari-Wagah-Grenze ist von sieben bis 17 Uhr geöffnet. Sie liegt an der Grand Trunk Road zwischen Amritsar im indischen Teil der Region Punjab und Lahore im pakistanischen Teil von Punjab. Es ist der einzige Grenzübergang in den genannten Bundesstaaten zwischen Indien und Pakistan. Auf der indischen Seite heißt der Grenzort Attari, auf der pakistanischen Seite Wagah.

Zeremonie an der Attari-Wagah-Grenze

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Dieser Tage wird die Show 60 Jahre alt, erscheint aber jung wie nie – zumindest auf der indischen Seite. Das andere Halbrund des Stadions liegt auf pakistanischem Boden. Die Ränge dort sind gähnend leer. Nur ein paar Hundert Pakistani haben sich eingefunden, fein säuberlich nach Männlein und Weiblein getrennt, und während es im indischen Rund brodelt, herrscht auf der pakistanischen Seite Friedhofstimmung. So als hätte ihre Cricket-Nationalmannschaft gerade mit 92 Runs gegen Indien verloren. Cricket ist Nationalsport in beiden Ländern und das Ergebnis käme etwa einem 0:6 im Fußball gleich …

Es geht den Politikern vor allem um Macht

Dabei wurde die Zeremonie einst eingeführt, um zu verbinden, denn seit der Teilung 1947 sind beide Atommächte Erzfeinde. »Seit 1959, also seit 60 Jahren, findet dieses Spektakel statt, jeden Abend, selbst als Indien und Pakistan andernorts so manchen Grenzkonflikt sogar bewaffnet austrugen!«, erklärt Mudita Joshi vom Indien-Veranstalter »Mocca Travels«.

»Die Leute haben nichts gegeneinander. Es sind alles Punjabi. Die Inder besuchen die Pakistani, die Pakistani besuchen die Inder.«

Und jeder Befragte bestätigt: Der Konflikt zwischen Indien und Pakistan ist schon lange kein religiöser mehr. Es sind die Politiker, die ihn schüren und es geht nur um Macht. »Hindustan!«, schreit der Einpeitscher wieder ins Mikro, als wolle er den letzten Satz unterstreichen. »Zindabadh«, grölt die Menge abermals zurück. Immer und immer wieder, unterbrochen nur von einem »Vandhe Matharm« – »Respekt fürs Mutterland«. Dann beginnt der Einpeitscher mit der eigentlichen Show und lässt zwei hübsche, geschminkte Soldatinnen los.

Militärparade an der Attari-Wagah-Grenze

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Im Stechschritt geht’s Richtung Pakistan, von wo synchron zwei pakistanische Soldatinnen gen Indien marschieren. Alles ist einstudiert, und die Choreografie lässt die vier Frauen genau an der Grenzlinie Halt machen. Ihre grimmigen Blicke werden über Großleinwand übertragen. »Hindustan!« – »Zindabadh«, immer wieder. Die nächste Staffel – indische Soldaten in brauner, die Pakistani in schwarzer Paradeuniform – marschieren aufeinander los.

Stechschritt und Eilmarsch

Im Stechschritt mit umgehängten Maschinengewehren. Die Fußspitzen weit über Kopfhöhe und dem Fächer, der wie ein Hahnenkamm als Kopfschmuck dient. Da gehört hartes Training dazu, so etwas zu können! Es wirkt, als ob Marionetten einen Sandkastenkrieg inszenieren. Die Menge kreischt! Die Indische wohlgemerkt; aus Pakistan ist nicht zu vernehmen. Einer der indischen Soldaten zwirbelt ostentativ vor seinem Kollegen aus Pakistan seinen getrimmten Bart und man ahnt es schon: »Hindustan!« – »Zindabadh« tönt es aus 13.000 Kehlen, noch inbrünstiger, heißblütiger.

Soldaten an der Attari-Wagah-Grenze

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Was für die meisten Touristen geradezu albern wirkt, sehen die Inder ganz anders: Einige stehen auf und salutieren. Auf der Grenzstraße geht es nun knapp 30 Minuten hin und her: Stechschritt und Eilmarsch, Aufstampfen und Umdrehen, High-Kicks und der Einpeitscher hält nur noch die Hand hinter sein Ohr. Die 13.000 wissen sofort, was zu tun ist: »Hindustan!« – »Zindabadh«, viermal, fünfmal, zehnmal; das Volk ist kaum noch zu bändigen. Hindustan wird zu Absurdistan …

Im Alltag haben die Soldaten der Grenzzeremonie ganz normale Pflichten, werden fürs Training der Choreografie allerdings freigestellt. Ausgewählt werden stets die besten der Kompanie. In der Regel haben sie in Amritsar etwa zwei Jahre Dienst, ehe sie an einen anderen Ort versetzt werden.

Der Schluss ist geradezu staatstragend. Es wird ruhig im Halbrund. Die Flaggen werden eingeholt, Zentimeter für Zentimeter und exakt gleich. Dann wird das Tor geschlossen, bleibt zu bis zum Sonnenaufgang. Und um 17 Uhr heißt es dann wieder: »Hindustan!« – »Zindabadh«, wie jeden Abend seit 60 Jahren …

Infos und Tipps für eine Reise zur Attari-Wagah-Grenze

Der Eintritt ist frei. Ausländer haben eigene Eingänge und reservierte Plätze. Der Reisepass muss vorgezeigt werden. Spezialveranstalter wie Mocca Travels arrangieren maßgeschneiderte Indien-Reisen und solche Ausflüge.

Eine günstige Flugverbindung bietet KLM via Amsterdam in rund acht Stunden nach Delhi; von dort weiter nach Amritsar, zum Beispiel mit Air India. Übernachtungstipp: Taj Swarna. Beste Reisezeit: Oktober bis April (Trockenzeit).

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