Viele Safari-Gäste begegnen den Maasai zum ersten Mal am Abend ihrer Ankunft. Eine Gruppe junger Männer in roten Shukas tanzt vor der Lodge, jemand filmt, danach gibt es Sundowner auf der Terrasse. Was die Gäste nicht sehen: Die Familien dieser Männer ziehen mit ihren Rindern jedes Jahr weitere Wege, weil Weideland an Schutzgebiete, Konzessionen und touristische Infrastruktur fällt.

Foto: Remy Venturini
Die Maasai International Solidarity Alliance (MISA), ein Netzwerk aus Maasai-Vertretern, Kirchen und Menschenrechtsorganisationen, hat diese Entwicklung 2026 systematisch dokumentiert. Gemeinsam mit der Göttinger Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) sprach MISA mit mehr als 500 Menschen in vier Maasai-Distrikten im Norden Tansanias. Unter ihnen waren traditionelle Älteste, Frauen und Jugendliche. Das Ergebnis fällt eindeutig aus: Der Tourismus setzt das Land der Maasai zunehmend unter Druck. Weideflächen schrumpfen, der Zugang zu Wasser und anderen lebenswichtigen Ressourcen wird enger.
Die Jagd als Treiber
Am schärfsten kritisiert MISA die Trophäenjagd. Das Netzwerk sieht in ihr ein Tourismusmodell, das Landraub befördert und Menschenrechte verletzt. »Die Jagd auf Wildtiere gilt als größter Treiber von Landraub und wirft schwerwiegende ethische und ökologische Fragen auf«, sagt Laura Mahler, Referentin für Subsahara-Afrika bei der GfbV. Sie nimmt aber auch die Fotosafari nicht aus: »Auch Safari-Tourismus darf nicht dazu führen, dass die Maasai ihr Land und damit ihre Lebensgrundlage verlieren.«

Foto: Ray Rui
Der Konflikt hat eine Vorgeschichte. Im Juni 2022 erklärte die tansanische Regierung in Loliondo rund 1.500 Quadratkilometer Weideland zum Wildschutzgebiet. Sicherheitskräfte räumten das Gebiet, Tausende Maasai flohen ins benachbarte Kenia. Die Fläche grenzt an ein Jagdrevier, das seit Jahrzehnten eine Firma aus den Vereinigten Arabischen Emiraten nutzt. Parallel siedelt die Regierung Maasai aus dem Ngorongoro-Schutzgebiet in das mehrere Hundert Kilometer entfernte Msomera um. Offiziell geschieht das freiwillig, Menschenrechtsorganisationen bezweifeln das.
Was die Maasai fordern
»Gemeinden sollten selbst entscheiden können, ob, wo und unter welchen Bedingungen auf ihren Gebieten Tourismus betrieben wird«, erklärt MISA. Aus den Gesprächen entsteht derzeit eine Maasai-Vision für nachhaltigen Tourismus. Die Kernforderungen stehen bereits fest. Tourismus soll die pastorale Lebensweise respektieren und kein weiteres Land kosten. Die Trophäenjagd soll vollständig enden, flankiert von Importverboten für Jagdtrophäen im In- und Ausland. Kein Projekt soll ohne die freie, vorherige und informierte Zustimmung der betroffenen Gemeinden starten, im Völkerrecht als FPIC-Prinzip verankert. Und langfristig wünschen sich die Maasai ein Modell, das den Gemeinden selbst gehört, von ihnen geführt wird und sie fair an den Einnahmen beteiligt.

Foto: Elliot Paris
Die GfbV unterstützt diese Forderungen. Die vollständige Maasai Tourism Vision soll in den kommenden Monaten erscheinen. Sie knüpft an die bereits veröffentlichte Conservation Vision an, in der die Maasai ihre Vorstellungen von Naturschutz auf eigenem Land formuliert haben.
Was das für Safari-Reisende bedeutet
Wer eine Safari in Nord-Tansania plant, trifft mit der Wahl von Veranstalter und Camp eine Entscheidung, die über das eigene Reiseerlebnis hinausreicht. Seriöse Anbieter beantworten Fragen dazu ohne Ausweichen: Auf wessen Land steht das Camp? Existiert ein Pachtvertrag mit der Gemeinde, und wer hat ihn ausgehandelt? Fließt ein fester Anteil der Einnahmen an die Dorfgemeinschaft? Arbeiten Maasai als Guides und im Management oder ausschließlich als Folklore-Programm am Lagerfeuer?
Das benachbarte Kenia zeigt, dass andere Modelle funktionieren können. In den Conservancies rund um die Maasai Mara verpachten Maasai-Familien ihr Land direkt an Camp-Betreiber und erhalten dafür regelmäßige Zahlungen. Auch dieses Modell hat Schwächen, doch es macht die Landbesitzer zu Vertragspartnern. Genau diese Rolle fordern die Maasai jetzt auch in Tansania ein.
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag stützt sich auf eine Pressemitteilung der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und der Maasai International Solidarity Alliance (MISA) sowie auf eigene Recherchen zur Vorgeschichte in Loliondo und Ngorongoro. Die Redaktion hat versucht, eine Stellungnahme der tansanischen Seite einzuholen. Tansania unterhält in Deutschland keine Tourismusvertretung, und die Botschaft in Berlin war für uns nicht erreichbar. Die tansanische Regierung hat in der Vergangenheit bestritten, Maasai gegen ihren Willen umzusiedeln.
Mehr Informationen zum Thema bietet die Website der Gesellschaft für bedrohte Völker.


