Al Boraq: Mit 320 Kilometern pro Stunde von Casablanca nach Tanger
Ein »Les billets s’il vous plaît« katapultiert mich ins Hier und Jetzt. Ich bin im Zug, oder besser: im Al Boraq, dem Highspeed-Zug und gleichzeitigen Verkehrsvorzeigeprojekt der marokkanischen Regierung. Pünktlich ist er auf die Minute. Und verdammt schnell. Mit bis zu 320 Kilometern die Stunde heizt er etwa von Casablanca nach Rabat und anschließend weiter in Richtung Tanger. Das Ganze in nur etwas mehr als zwei Stunden für knapp 350 Kilometer.
Dem Schaffner im schwarz-grünen Kostüm scheint die Schnelligkeit seines Zugs aber gerade ziemlich egal zu sein. Er möchte meine Fahrkarte sehen, die ich etwas schlaftrunken aus der Hosentasche krame. »Merci, bon voyage«, garniert mit einem fröhlichen Lächeln, schon ist er auch wieder weg. Und ich für einen kurzen Moment allein mit der Landschaft, die heute grau am Fenster vorbeirast, weil über dem Atlantik ein ordentliches Tief den Regen ans Fenster peitscht.

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Ausbau bis zur WM 2030: Wohin der Schnellzug künftig fahren soll
Als bahngeplagter Tourist aus Deutschland ist so eine Zugreise in Marokko aber doch ziemlich spannend. Also, dass es nicht nur schnell gehen kann, sondern auch pünktlich. Wer könnte das besser skizzieren als Ahmed Bouhaltit, technischer Direktor der staatlichen Eisenbahngesellschaft ONCF, den ich im Zug zum Gespräch treffe. Rundes Gesicht, Brille, feiner Anzug und ungemein blitzende Augen, gerade wenn er über seinen Al Boraq spricht.
Wenig später weiß ich, was ich schon längst ahnte: Das marokkanische Schnellzugprojekt ist ein voller Erfolg – und das Streckennetz, insbesondere im Hinblick auf die nahende Fußball-WM 2030, im totalen Ausbau. Künftig soll die Schnellstrecke bis zum Flughafen Casablanca ausgebaut werden, damit der Zug auch da die 320 Kilometer pro Stunde ausreizen kann und nebenher werden weitere Strecken erschlossen. Bis nach Marrakesch im Süden und Fès im Landesinneren wird unter anderem geplant. Für die Marokkaner eröffnen sich so ganz andere Möglichkeiten, gerade im Pendelverkehr. Und für Touristen ist es eine willkommene wie zeitsparende Alternative zu Auto oder Flug.
Azemmour: Eine Kleinstadt, in der Schnelligkeit kontraproduktiv wäre
Für die Fußballjungs im kleinen Ort Azemmour wird das Thema Schnelligkeit vorerst keine allzu große Rolle spielen. Zum einen schon allein wegen der Nachbarschaft zur Hafenstadt El Jadida mit ihrer alles überstrahlenden portugiesischen Zitadelle und der Nähe zu Casablanca, wo man ohnehin in den Al Boraq steigen kann. Zum anderen, da darf ich ganz ehrlich sein, weil Schnelligkeit in Azemmour gänzlich kontraproduktiv wäre – gerade für mich als gemeinen Marokko-Reisenden, der hier so wunderbar zur Ruhe kommen kann. Es gibt keine Sehenswürdigkeiten im klassischen Sinn. Sondern eine reizvolle kleine Stadt am Fluss, die einen ungewohnt spröden Charme versprüht.

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Die Medina wirkt so ursprünglich, rau, fast aus der Zeit gefallen. Marode Mauern, stille Gassen, dafür immer wieder riesige Graffiti, weil einmal im Jahr ein Streetart-Festival stattfindet, das bunte Spuren hinterlässt. Wer sich treiben lässt, wird belohnt. Zumindest ist das bei mir der Fall. Entlang unzähliger blau getünchter Wände und kleiner Eingänge mit den markanten eisernen Türklopfern lande ich schließlich direkt am Fluss im L’Oum Errebia, einem kleinen Restaurant mit angeschlossenem Hotel. Einen Augenblick später stehen Wein und Nüsse auf dem Tisch und kurz darauf auch die Lamm-Tajine mit Pflaumen. Ein Gedicht.
Rabat: Hassan-Turm, Mausoleum und ein Bau von Zaha Hadid
»La prochaine destination: Rabat-Ville«, säuselt es durch den Lautsprecher. Ankunft in der Hauptstadt. Rabat verbindet politische Bedeutung mit einer, zu meiner Überraschung, großen Portion Lässigkeit. Zu den markantesten Sehenswürdigkeiten zählt der Hassan-Turm, von dem König Mohammed V. dereinst das erste Freitagsgebet nach der verkündeten Unabhängigkeit abhielt. Ein imposantes, wenn auch unvollendetes Monument aus dem 12. Jahrhundert, flankiert von einem Feld aus steinernen Säulen. Direkt daneben liegt das Mausoleum von Mohammed V., ein architektonisches Meisterwerk mit filigranen Verzierungen und an jedem der vier Eingänge eine bunt gewandete Wache. Archaisch sieht das aus, aber auch ziemlich toll. Von hier oben hat man auch einen guten Blick hinüber auf das Große Theater, eines der letzten Bauwerke der preisgekrönten Architektin Zaha Hadid.

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Ganz anders dazu präsentiert sich die Kasbah des Oudaïas: ein fast mediterranes Ensemble aus weiß-blauen Häusern, engen Gassen und spektakulären Ausblicken auf den Atlantik. Neben Touristen verfolgen einen auch Katzen auf Schritt und Tritt. Da sie ihre Bewohner in der Vergangenheit vor Feuer und Erdbeben gewarnt haben, hat jeder Riad mindestens zwei Tiere im Haushalt. Die Medina wiederum ist überschaubar, was für Besucher den Vorteil hat, dass alles entspannter und weniger aufdringlich ist. Wie selbstverständlich flaniert man durch die kleinen Gassen, vorbei an Schafsköpfen, gerupften Hühnern und allerlei Fisch, aber auch Gewürzen, Süßigkeiten und jeder Menge Textilien, sodass man auch selbst einmal in die Dschellaba, den traditionellen marokkanischen Kapuzenmantel aus Schurwolle, schlüpfen kann.