»Good things grow in Ontario« heißt der Slogan, mit dem die Provinz seit Jahrzehnten für ihre Lebensmittel wirbt. Ontario, nach Québec die zweitgrößte Provinz Kanadas, ist reich an Obst, Gemüse, Fisch und Wein. Dieser Link führt auf unser Schwesterportal kanadastisch.

Jennifer Latuperisa-Andresen
Unterwegs mit Tony de Luca
Die Niagara-Region erstreckt sich vom Lake Ontario bis zu den Wasserfällen. Bei meinem Besuch zeigte sie mir einer, der hier als Pionier der Regionalküche gilt: Tony de Luca. Er war Eröffnungskoch im Vineyard Café des Weinguts Hillebrand und führte später eigene Restaurants in Niagara-on-the-Lake. Sein Prinzip damals wie heute: Er kauft bei den Menschen, die er kennt.
»Lass es mich so ausdrücken: Ich bin der Pionier. Derjenige, der begonnen hat, die Küche hier zu etablieren und an die lokalen Produkte zu glauben«,
sagte er mir. Rund 90 Prozent seiner Ware kamen damals aus Niagara. Woher genau, wollte er mir zeigen, und nahm mich mit auf seine Einkaufstour. Heute gibt Tony de Luca sein Wissen als Chef-Professor am Canadian Food and Wine Institute des Niagara College weiter und kocht als Gastkoch auf Weingütern der Region.
Erster Halt: die Upper Canada Cheese Company
In Jordan Station, rund 30 Minuten westlich von Niagara-on-the-Lake, stellt die Upper Canada Cheese Company seit 2005 Käse her. Ihre Besonderheit: Sie verarbeitet ausschließlich Milch von Guernsey-Kühen, laut eigener Angabe als einzige Käserei Kanadas. Davon gibt es im ganzen Land nur eine Handvoll Herden. Guernsey-Milch hat mehr Butterfett und schmeckt entsprechend voller.

Jennifer Latuperisa-Andresen
Wir probierten den Camembert »Comfort Cream«, der sehr buttrig schmeckt. Bekanntester Käse des Hauses ist der »Niagara Gold«, ein halbfester Käse nach Trappisten-Rezept, der 2020 bei der Royal Agricultural Winter Fair in Toronto ausgezeichnet wurde. Tony kaufte damals gleich einen Korb voll für die Abendkarte.
Zweiter Halt: ein Marktstand an der Lakeshore Road
Danach hielt Tony an einem Verkaufsstand direkt an der Lakeshore Road. Als er mir erzählte, dass hier sein Obst und Gemüse herkommt, wollte ich es erst nicht glauben. Doch als ich Maureen McSween traf, die damals mit ihrem Mann Scott die Quiet Acres Farm führte, verstand ich, warum. Wenn Maureen über ihre Brombeeren sprach, zeigte sie einen Stolz, den ich sonst nur von Müttern kenne, die ihr Kind zum ersten Mal schwimmen sehen. »Kommen die Küchenchefs hier üblicherweise persönlich vorbei?«, fragte ich sie. »Bei jedem anderen nicht. Bei Tony schon.«

Jennifer Latuperisa-Andresen
Tony wollte immer wissen, was er abends über den Pass schickt. »Das habe ich in Deutschland gelernt«, erzählte er. Seine Lehrjahre hatten ihn unter anderem nach Deutschland geführt, dort lernte er, als Küchenchef den Überblick zu behalten und in jeden Topf zu schauen.

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Dritter Halt: Eiswein bei Inniskillin
»Wein hat in Niagara fast einen höheren Stellenwert als das Essen selbst«,
meinte Tony, als er mich am Weingut Inniskillin absetzte. Für mich war Eiswein damals noch ein Fremdwort. Beim ersten Tasting wurde schnell eine kleine Eiswein-Schulung daraus. Ich lernte, dass die gefrorenen Trauben nachts bei strengem Frost von Hand gelesen werden. Typische Rebsorten für kanadischen Eiswein sind Vidal, Riesling und Cabernet Franc.

Jennifer Latuperisa-Andresen
Seine Wurzeln hat der Eiswein im deutschsprachigen Raum, und nach Kanada brachte ihn ein Österreicher: Karl Kaiser, Mitgründer von Inniskillin. Das Weingut wurde 1975 gegründet. 1983 fraßen Vögel die Trauben für den ersten Eiswein-Versuch, 1984 gelang mit Netzen über den Reben der erste Jahrgang. 1991 gewann ein Vidal-Eiswein von Inniskillin den Grand Prix d’Honneur bei der Vinexpo in Bordeaux. Heute ist Kanada der größte Eisweinproduzent der Welt, über 90 Prozent stammen aus Ontario. Bei meinem Besuch führte mich Kellermeister Bruce Nicholson durch die Reben. Heute verantwortet Nicholas Gizuk, der unter ihm lernte, die Weine des Hauses.
Eiswein bleibt ein riskantes Geschäft. Ist der Winter zu mild oder kommt der Frost zu spät, fällt die Ernte aus. Dieses Risiko steckt im Preis.
Weingüter in Niagara-on-the-Lake
Inniskillin war nur der Anfang. Rund um Niagara-on-the-Lake liegen heute etwa 30 bis 40 Weingüter. Neben Inniskillin gehörten Hillebrand, Reif und Stratus damals zu meinen Favoriten. Stratus fällt schon optisch aus der Reihe: Während die meisten Weingüter an Landsitze erinnern, ist Stratus ein moderner Kubus. Laut eigener Angabe war es das erste vollständig LEED-zertifizierte Weingut der Welt. Reif ist ein Familienbetrieb, der seit 1982 Wein am Niagara Parkway macht. Hillebrand heißt heute Trius Winery at Hillebrand, sein Restaurant ist das einzige in Niagara-on-the-Lake mit einer Empfehlung des Guide Michelin.
Abendessen bei Tony de Luca
Am Abend saß ich in Tonys damaligem Restaurant und sah, welche Anziehungskraft er auf die Region hatte. Paare hatten sich in Schale geworfen und hielten bei Kerzenschein Händchen. Meine Tischnachbarin war aus Vancouver angereist, um einmal bei Tony de Luca zu essen. Es gab rosa gebratenes Hirschfilet auf Ontario-Gemüse.

Jennifer Latuperisa-Andresen
Es schmeckt einfach besser, wenn man weiß, woher die Produkte stammen. Und so freute ich mich, dass der Ricotta der Upper Canada Cheese Company in der hausgemachten Pasta steckte und die Äpfel vom Marktstand karamellisiert zum Nachtisch kamen. Ein Tag, der mir gezeigt hat, was »Good things grow in Ontario« wirklich bedeutet.
Niagara-on-the-Lake: Infos für die Reise
Anreise: Nonstop nach Toronto fliegen ab Frankfurt Air Canada, Lufthansa und Condor, ab München Air Canada und Lufthansa. Vom Flughafen Toronto Pearson sind es rund 130 Kilometer nach Niagara-on-the-Lake. Vor Ort lohnt sich ein Mietwagen.
Shaw Festival: Seit 1962 zeigt das Theaterfestival Stücke von George Bernard Shaw und seinen Zeitgenossen. Die Saison läuft von April bis Oktober, dazu kommt eine Holiday Season im November und Dezember. Dieser Link führt auf die Seite des Shaw Festivals.
Übernachten: Das Shaw Club Hotel liegt zentral in der Picton Street zwischen Theater, Hauptstraße und Weinroute. Dieser Link führt auf die Seite des Shaw Club Hotels.
Weingüter: Inniskillin, 1499 Line 3 am Niagara Parkway. Stratus Vineyards, 2059 Niagara Stone Road. Reif Estate Winery, 15608 Niagara Parkway. Trius Winery at Hillebrand, 1249 Niagara Stone Road. Dieser Link führt auf die Seite von Inniskillin.
Käse: Upper Canada Cheese Company, 4159 Jordan Road, Jordan Station. Dieser Link führt auf die Seite der Käserei.
Reisezeit: Im September und Oktober ist Weinlese, dann ist die Region besonders schön. Wer Eiswein erleben will, kommt im Januar zum Niagara Icewine Festival.
Niagarafälle: Die Wasserfälle liegen rund 20 Kilometer entfernt. Auf der kanadischen Seite fahren die Boote von Niagara City Cruises bis dicht an die Fälle heran. In der Stadt Niagara Falls mit ihren Casinos und Leuchtreklamen muss dagegen niemand lange bleiben.


