Osttirol hat ein Geheimnis, das gar keines sein will: Es liegt einfach ein bisschen abseits. Vom übrigen Tirol trennt es der Alpenhauptkamm, wer anreist, kommt durch den Felbertauerntunnel oder über Kärnten. Genau diese Lage hält die großen Ströme fern. Rund um Lienz reihen sich Sonnendörfer an die Hänge, darüber ragen die Kalkwände der Lienzer Dolomiten auf, und in den Tälern finden sich Spuren, die bis zu den Römern zurückreichen.
Unser Startpunkt ist Oberlienz am Eingang des Iseltals, ein Dorf mit rund 1.500 Einwohnern. Von hier aus geht es mit Lamas in die Berge, in eine tosende Schlucht, in eine Römerstadt und auf den heiligen Berg Osttirols.
Mit dem Lama durch die Lienzer Dolomiten
Ein Lama hat es nie eilig. Es bleibt stehen, wenn ihm ein Kraut am Wegrand gefällt, und es geht erst weiter, wenn es dazu bereit ist. Wer mit den Tieren aus den Anden durch die Berge rund um Lienz wandert, übernimmt automatisch ihr Tempo, und genau darin liegt der Reiz.

Norbert Eisele-Hein
Die Touren von Dolomitenlama führt Martin Lobenwein, der die Herde von einem Verwandten aus Oberlienz übernommen hat. Die Lamas leben bei der Moosalm auf gut 1.000 Metern über Lienz. Das Angebot reicht von kurzen Schnupperwanderungen bis zu längeren Bergtouren, das aktuelle Programm gibt es auf Anfrage. Jeder Gast führt sein eigenes Lama am Halfter, die Tiere tragen das Gepäck.
Schnell lernt man, die Tiere zu lesen. Hängen Ohren und Schwanz locker nach unten, ist das Lama entspannt. Stellt es beides auf, ist es aufmerksam. Legt es die Ohren an und reckt die Nase in die Höhe, fühlt es sich bedrängt, dann ist Abstand angesagt. Und wenn eines stehen bleibt, um sein Geschäft zu erledigen, wartet die ganze Karawane, denn die anderen folgen meist am selben Platz.

Norbert Eisele-Hein
Oberlienz: Sonnendorf mit römischen Wurzeln
Die beiden Ortsteile Oberlienz und Oberdrum liegen auf dem sonnseitigen Schwemmkegel des Schleinitzbachs, einem der größten Tirols. Gesiedelt wurde hier schon früh: Im Ortsteil Lesendorf haben Archäologen eine römische Villa rustica freigelegt, das Gebiet war von der frühen Kaiserzeit bis in die Spätantike bewohnt.
Wie die Bauern später lebten, zeigt das kleine Freilichtmuseum am Schleinitzbach. Ein zweistündiger Spaziergang führt von der Bad- und Brechelstube in Oberdrum zu den alten Anlagen, in denen einst Flachs getrocknet und gebrochen wurde.

Norbert Eisele-Hein
Galitzenklamm: Klettersteig durch die Wasserfälle
Nur wenige Kilometer weiter, in Leisach, hat sich der Galitzenbach tief in den Fels gegraben. Durch die Galitzenklamm führt ein Klettersteig an Wasserfällen, Gumpen und glatt geschliffenen Wänden vorbei. Wer das Gelände nicht kennt, geht am besten mit einem Bergführer, geführte Touren gibt es auf Anfrage.
Aguntum und Lavant: Römerstadt und heiliger Berg
Vor den Toren von Lienz liegen die Ruinen von Aguntum, der einzigen römischen Stadt auf dem Gebiet des heutigen Tirol. Freigelegte Mauern von Wohnhäusern, Thermen und dem Stadttor lassen ahnen, wie bedeutend der Ort einst war.
Gegenüber erhebt sich der Kirchbichl von Lavant, der heilige Berg Osttirols. Seit der Römerzeit war der Hügel ein Ort der Verehrung, heute stehen dort zwei Kirchen. Im kleinen Museumsraum lassen sich archäologische Funde aus der Gegend bewundern, und der Blick über das Drautal ist ein Geschenk obendrauf.

Norbert Eisele-Hein
Schloss Bruck: Kunst in der Burg
Die Burg aus dem 13. Jahrhundert am Stadtrand von Lienz beherbergt heute das Museum der Stadt. Zu sehen sind eine doppelgeschossige Kapelle mit spätgotischen Fresken, eine große Sammlung von Werken des Malers Albin Egger-Lienz und wechselnde Ausstellungen.
Aktiv im Iseltal: Rad, Raft und Wildpark
Durch Oberlienz führt der Iseltal-Radweg, gut 30 Kilometer lang, fast eben und größtenteils asphaltiert, ideal für Familien. Wer es nasser mag, findet im Nachbarort Ainet den Adventurepark von Osttirol Adventures mit Rafting, Canyoning, Kajak, Stand-up-Paddling und Klettern. Familien mit Kindern zieht es in den Wildpark Assling, wo heimische Wildtiere in großen Gehegen leben.
Übernachten auf der Sonnenseite
Auf dem Gästehaus Glanzhof in Oberdrum, einem Biohof seit 1984, entspannt man im großen Obstgarten mit Biotop und schaut hinüber auf die Lienzer Dolomiten. Komfortabler wohnt man im Wildauers Haidenhof oberhalb von Lienz, heute als »Stay & Sleep« geführt, mit Naturpool, Sauna und weitem Blick über die Dächer der Stadt.

Norbert Eisele-Hein

