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Reise-Fail am Ningaloo Reef: Ich habe einen Walhai geknutscht

»Der Walhai weicht nicht aus«, sagt Guide Tom, kurz bevor elf Leute vom Boot ins Wasser springen. Ein Satz, der sich draußen am Ningaloo Reef in Westaustralien noch als äußerst brauchbar erweisen wird. Vorher gibt es jedoch eine Reisebegleitung mit Wasserallergie, einen Schnorchel mit Eigenleben und den größten Fisch der Welt. Teil 21 unserer Reise-Fail-Serie kommt von Chefredakteurin Jenny.

Ich schaue Susi, meine Reisebegleitung, noch mit großen Augen an, als sie mir mitteilt, dass sie definitiv nicht ins Wasser geht. Wie bitte? Wir sind ans andere Ende der Welt geflogen, um genau das zu tun und mit Walhaien zu schwimmen! Susi zuckt mit den Schultern, sortiert ihr Handtuch und macht es sich auf der Bank bequem. Entscheidung gefallen, Argumentieren zwecklos. Susi hat schlichtweg Angst und das ist okay.

Der Ablauf hier an der Coral Coast in Westaustralien läuft wie ein Uhrwerk. Ein kleines Flugzeug sucht die Tiere aus der Luft, funkt die Position an den Captain, das Boot fährt genau dorthin, wo die sanften Riesen des Meeres gerade schwimmen. Zehn Gäste – nein, ohne Susi nur neun und zwei Guides machen sich bereit. Es ist ein reiner Schnorcheltrip, tauchen muss hier niemand. Bei einem Fisch dieser Größe reicht ein Blick unter die Wasseroberfläche.

Beim Ablegen schießt eine Gruppe Orcas an uns vorbei. Killerwale heißen nun mal nicht Kuschelwale, sage ich mir und finde meinen Respekt vor diesem Ozean angemessen gut sortiert. Susi auf ihrer Bank sieht das ähnlich, nur konsequenter.

Illustration von zwei Frauen auf einem Boot.

Illustration: ChatGPT

Ein Maul wie ein Scheunentor, ein Appetit auf Krümel

Der Walhai, wissenschaftlich Rhincodon typus, ist der größte Fisch der Gegenwart. Im Schnitt messen die Tiere sechs bis acht Meter, einzelne Exemplare erreichen über 14 Meter und ein Gewicht, das Fachleute auf mehr als zwölf Tonnen schätzen. Ich falle nicht ins Beuteschema. Gottseidank. Der Walhai filtriert, was das Wasser hergibt: Plankton, Krill, kleine Fische. Dafür saugt er Wasser an und presst es durch seine Kiemen. Der größte Fisch der Welt lebt also von den kleinsten Dingen im Meer. Ungefähr so, als würde ein Sattelschlepperfahrer sich ausschließlich von Chiasamen ernähren.

Dazu trägt er rund 3.600 winzige Zähne im Maul, von denen er beim Fressen keinen einzigen benutzt. Reine Deko, seit ungefähr 60 Millionen Jahren. Ein Walhai kann 100 Jahre alt werden, die Weltnaturschutzunion IUCN führt ihn als stark gefährdet. Am Ningaloo Reef ziehen die Tiere verlässlich zwischen März und Juli vorbei, wenn sich das Plankton am Riff sammelt.

 

Die Instruktion: flink sein, Platz machen

Vor dem Sprung sammelt uns Tom auf dem Achterdeck ein. Abstand zu den Tieren halten. Wer mit dem Schnorchel tiefer geht, bewegt sich flink und macht rechtzeitig Platz. Der Walhai weicht nicht aus, sagt er. Er schwimmt seine Linie, komme, was wolle.

Gut, denke ich mir, ich halte ohnehin Abstand. Von diesem Fisch geht keine Gefahr aus, Respekt habe ich trotzdem. Ein Riff dieser Größenordnung verlangt das, unabhängig davon, wer gerade darin herumpaddelt. Und die Orcas von vorhin haben mein Demutslevel bereits sehr freundlich justiert.


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Irgendwo zwischen Susi und den Freitauchern

Also ab ins Wasser. Ich dümpel wie eine gestrandete Robbe an der Oberfläche und halte nur den Kopf unter, um die Riesen zu sehen. Alle anderen ziehen richtig runter und beobachten sie aus nächster Nähe, elegant wie Seehunde. Das sieht verlockend aus. Auf der Mut-Skala von Susi bis Freitaucher stehe ich ungefähr in der Mitte.

Dann gebe ich mir einen Ruck, tauche ab und schwimme neben dem Walhai her. Wow. Das Tier ist so groß wie ein Sattelschlepper, dazu lautlos wie ein Elektroauto. Der Bus der Meere. Ich bin so fasziniert, dass ich mehrfach hektisch auftauchen muss, weil ich vor lauter Aufregung vergesse, dass der Schnorchel gerade unter Wasser liegt und Atmen dort schlecht funktioniert. Man lernt das im Prospekt nicht. Man lernt es hier, und zwar schluckweise.

Tom winkt. Tom winkt hektisch.

Illustration eines Mannes im Wasser mit zwei Walhaien.

Illustration: ChatGPT

Tom ist ein paar Meter voraus bei den anderen. Ich hänge durch meine Unterwasserproblemchen etwas hinterher. Wie freundlich von ihm, dass er mir winkt. Ich winke zurück, weil ich gut erzogen bin. Schon komisch, so eine Grußzeremonie unter Wasser. Tom winkt hektischer. Merkwürdig, denke ich, andere Menschen bekommen unter Wasser Signale, ich bekomme Grüße. Vielleicht meint er mich gar nicht. Also drehe ich mich um.

Tja. Facettenaugen wie eine Fliege wären hier unten ausgesprochen praktisch gewesen. Als ich mich gemütlich umdrehe und einen Schulterblick wage, als würde ich auf der Autobahn die Spur wechseln, sehe ich das Riesenvieh fast direkt hinter mir. Wahrscheinlich waren es noch fünf Meter. Gefühlt roch er bereits an meinen Flossen.


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Der Bus hält nicht

Ich versuche, elegant aus dem Weg zu schwimmen. So war es besprochen. Was folgt, sieht allerdings weniger nach Ballett aus und mehr nach Waschmaschine im Schleudergang. In der Hektik vergesse ich erneut, dass ich unter Wasser nicht atmen sollte. Ich schlucke Salzwasser in der Familienpackung, strample wie ein Neugeborenes mit den Füßen und spüre einen Aufprall an der Schulter. Okay, Kollision mit einem Walhai. Deutsche stirbt, weil sie zu dumm zum Schnorcheln war, denke ich noch, dann verliere ich kurz die Orientierung.

Illustration einer orientierungslosen Frau im Wasser.

Illustration: ChatGPT

Genau das ist das eigentliche Risiko bei so einer Begegnung. Der Aufprall selbst richtet wenig an, der Schreck dafür umso mehr. Wer zur Seite oder nach unten gedrückt wird, weiß für einen Moment nicht mehr, wo oben liegt. Zwölf Tonnen entwickeln eine Wucht, die einen aus der Bahn wirft. Im wahrsten Sinne des Wortes. Tom schwimmt zu mir, beruhigt mich und kontrolliert, ob noch alles dran ist. Passiert ist nichts außer dem Schreck. Und vielleicht habe ich etwas mehr Indischen Ozean intus, als der Tagesbedarf vorsieht.

Zurück auf der Plattform

Tom findet, ich sollte zurück zum Boot. Also verlasse ich die Gruppe und schaue mich auf dem Weg alle drei Züge um, damit ich ganz bestimmt keine zweite Kollision verursache. Der Bus der Meere hat für heute genug von mir gesehen.

Susi sitzt trocken, entspannt und mit diesem Gesichtsausdruck da, den Menschen tragen, die eine Entscheidung getroffen haben und dieser treu bleiben wollen. Das glaubst du mir nie, sage ich, als ich mich auf die Plattform setze und die Flossen von den Füßen streife.

Ich habe einen Walhai geknutscht.

Jennifer Latuperisa-Andresen
Je kälter, karger und einsamer es um sie herum wird, desto höher schlägt Jennys Herz. Wer braucht schon Palmen im Urlaub, wenn man auch Eisberge haben kann? Deshalb verbringt die Chefredakteurin aus dem Ruhrpott ihre Sommer auch gerne mal in der Arktis bei den Eisbären. Sie sagt: Das ewige Eis kann zur Sucht werden.