Es sollte ein Spaziergang werden, so stand es im Programm. Was folgte, war ein Marsch durch den Dschungel auf allen Vieren, ein Körper voller Blutegel, eine Nacht zwischen Kakerlaken und die Erkenntnis: Auf Pressereisen ist das Wort »Spaziergang« mit Vorsicht zu genießen. Ein Reise-Fail (Teil 18) aus Khao Yai.
Es ist gut zwei Jahrzehnte her, als ich das letzte Mal in Thailand war. Der Film The Beach mit Leonardo DiCaprio war noch frisch im Kopf. Auf meiner Einladung zur Pressereise hieß es, DiCaprio habe während der Dreharbeiten im selben Hotel genächtigt, in dem auch wir schlafen sollten. Sollten. Denn das Hotel hatte, anscheinend unvorhersehbar für die Organisatoren, just zu dem Zeitpunkt unserer Ankunft geschlossen.
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Du legst uns als Quelle fest. Und wir dich in unserem Herzen. ♥Das war der erste Schock. Im Hintergrund wurde ohne unser Zutun eine andere Unterkunft organisiert. Welche, das sollte sich erst später als zweiter, dritter und vierter Schock entpuppen. Wir, die Journalist:innen, machten derweil im Khao-Yai-Nationalpark einen »Spaziergang«. So stand es im Itinerary. Mit Anführungszeichen hätte es ehrlicher geklungen.
An dieser Stelle ein kurzer Exkurs, wie eine Gruppenpressereise funktioniert. Mehrere Menschen, gleiche Profession, kennen sich vorher meist nicht. Der Ablauf steht oft erst wenige Tage vorher fest. Mitreden beim Programm? So gut wie unmöglich. Es kommt auf den Veranstalter an, aber in der Regel ist das nicht drin. Man muss sich verlassen, sich in fremde Hände begeben, vertrauen können. So war es auch hier. Wir kannten uns alle erst seit 24 Stunden, als der Spaziergang begann, der in einem Blutbad enden würde. Klingt spannend, ja, deswegen erwähne ich es.

Illustration: Gemini
Vor der Abreise gibt es meist einen groben Überblick, damit man weiß, was alles in den Koffer gehört. Eine Dschungelwanderung ist eben etwas anderes als ein Spaziergang durch einenf Nationalpark. Also packte ich statt der starkprofilierten Wanderschuhe modische Sneaker in den Trolley. Auch die erfahrenen Kollegen gingen beim Wort »Spaziergang« von asphaltierten Wegen aus. Zumindest von befestigten. Ich trug nagelneue weiße Schlupf-Sneaker. Ohne extra Halt. Das sollte am Ende jedoch meine geringste Sorge sein.
Die Sache mit den Stulpen
Bevor es losging, bekamen wir alle Baumwollstulpen. Gegen Blutegel. Damit die uns nicht beißen. Blutegel, dachte ich noch, das ist ja für manche Leute Wellness. Manche Menschen zahlen Geld dafür, dass sie auf ihre Haut gesetzt werden. Ich klemmte mir also meine Stulpen über die Waden und fühlte mich gewappnet. Für einen Spaziergang.
Es ging jedoch querfeldein. Über matschigen Boden, so schlammig, dass Halt ein Fremdwort war. Vorne ging eine Machete voraus. Eine Machete!!! Auf einem Spaziergang!!! Abhänge wurden zur Rutschpartie. Wir hielten uns an Bäumen fest, an denen Viecher hochkletterten, bei deren Anblick ich unter normalen Umständen geschrien hätte. Hier hatte ich keine Kapazität mehr fürs Schreien. Hier ging es ums Vorwärtskommen. Irgendwie mussten wir hier doch wieder raus!
Wir krochen unter Spinnennetzen hindurch, die so groß waren wie ein Fernseher. Mittendrin hockte eine Spinne, eindeutig so fett wie mein Handy. Teilweise ging es auf allen vieren voran. Ich erinnere nochmal: Angezogen waren wir für einen Spaziergang. Im Sinne von kurze Hose, dünnes Shirt, weiße Sneaker.

Illustration: Gemini
Ein Blutfleck im Nacken
Irgendwann sagte jemand aus der Gruppe, ich hätte einen Blutfleck im Nacken. Aus dem Fleck wurde eine Lache. Dann stellten wir es bei allen fest. Unsere Körper waren übersät mit Blutegeln. Und die sind, wie man weiß, für eines bekannt: Sie sondern eine Art Blutverdünner ab.
Wenn die Tierchen sich vollgesogen haben, fallen sie ab. Und dann fließt das Blut. Bei uns allen. Am Hals, in den Kniekehlen, unter der Brust, am Bauch. Wir konnten uns kaum davon befreien, denn sie schienen nachzuwachsen. Oder sagen wir besser: nachzufallen. Sie haben sich offenbar gefreut, dass endlich ein paar schmackhafte Warmblüter durch ihre Region tapsen.

Illustration: Gemini
Apropos Warmblüter. Im Khao Yai gibt es Tiger. Ja, richtig gelesen. Und wir haben Tigerspuren gesehen. Kratzmarken an Bäumen, Abdrücke im Schlamm. Sind Tiger eigentlich ähnlich gepolt wie Haie, fragte ich mich, während ich mich durchs Dickicht kämpfte. Fühlen die sich von Blut angezogen? Eine Frage, die ich mir auf einem Spaziergang nie hätte stellen wollen.
Wie lang die Wanderung war? Ich weiß es nicht mehr. Es fühlte sich an wie Tage. Sagen wir so: meine profillosen, nagelneuen Sneaker waren anschließend dahin. Eigentlich das gesamte Outfit. Wir sahen aus, als wären wir einem Massaker entkommen. Und in gewisser Weise waren wir das auch.
Die Pritschen, das Gitter, die Kakerlake
Damit nicht genug. Die mittlerweile gebuchte Unterkunft war eine sporadische Ferienwohnung, die ansonsten wohl an Arbeiter vermietet wird. Wir mussten allesamt auf Pritschen in einem Zimmer schlafen. Halb so wild. Dieser Tag zwischen Blut und Schlamm hatte uns eh zusammengeschweißt. Wer einander gegenseitig Blutegel aus dem Nacken zupft, ist quasi verwandt.
Also hieß es erstmal raus aus den Klamotten. Sich von einer fremden Kollegin auf Blutegel untersuchen lassen, die einen an den Stellen befreit, an die man selbst nicht hinkommt. Eine Tätigkeit, von der ich vor 24 Stunden noch nicht wusste, dass sie zu meinem Berufsbild gehören würde. Dann unter die Dusche.
Und damit zum nächsten Reisefail. Ich stand auf einer Art Gitter. Einem dieser Bodengitter, durch die das Wasser abfließt. Wenn man sich dem Wasserstrahl ausreichend aussetzt, kann man von unten allerdings auch locker in die Dusche hochsehen. Eine bauliche Eigenheit, die ich erst später in voller Tragweite begriff. Ich wusch mir also die Haare und versuchte, den Tag aus meinem Kopf zu spülen.
Da fiel von oben eine handflächengroße Kakerlake auf meinen Schädel. Ungelogen!

Illustration: Gemini
Keine Heldenleistung, ich schrie. Vor Schreck. Daraufhin stellten wir fest, dass der gesamte Raum voller Kakerlaken war. Genau der Raum, in dem wir alle nächtigen mussten. An der Decke, in den Ecken, in den Ritzen. Und in der Dusche offenbar auch über dem Duschkopf, also direkt über dem Schädel der jeweils Duschenden.
Ich schlief also bei 35 Grad im Hoodie, den ich bis zur Nase festzog. Den Pulli in der Jogginghose, die ich so festzurrte, dass ich dachte, mein Blut könne nicht mehr durch meinen Körper fließen. Socken über die Hosenbeine. Hände in den Taschen. Nein, ich habe kein Auge zugemacht.
Fazit nach 24 Stunden Pressereise
Ja, ich hatte viel Blut verloren, ja, die Sneaker waren hinüber, ja, die Lust auf Thailand war mir irgendwie vergangen.
Vielleicht versuche ich es ja noch einmal in diesem Land, von dem so viele schwärmen. Aber wenn im Itinerary, das Wort »Spaziergang« vorkommt, dann bleib ich daheim.
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