Irgendwann hat jemand festgelegt, dass ein Italienurlaub so aussieht: Amalfiküste, Sizilien, Toskana. Zwar in wechselnder Reihenfolge, aber immer dieselbe Liste. Kalabrien stand da nicht drauf. Was einerseits schade ist, andererseits aber auch erklärt, warum es dort noch so aussieht, wie es aussieht.
Die Stiefelspitze Italiens hat zwei Meere: das Tyrrhenische im Westen, das Ionische im Osten. An der schmalsten Stelle liegen gerade gut 30 Kilometer zwischen beiden. Dazwischen steigen Gebirge wie die Sila und der Aspromonte auf, mit Wäldern, Seen und Dörfern, die im Winter unter Schnee liegen. Wer nach Kalabrien fährt, bekommt Strand und Berge in einer Reise, und das meist ohne das Gedränge, das anderswo am Mittelmeer längst zum Sommer gehört.
Warum gilt Tropea als schönster Ort der Costa degli Dei?
Tropea sitzt auf einem Sandsteinfelsen hoch über dem Meer, die Altstadt reicht bis direkt an die Kante. Vom Belvedere schweift der Blick hinunter auf Santa Maria dell’Isola, eine Wallfahrtskirche auf einem eigenen Felsen im Wasser. Früher war dieser Felsen eine Insel, heute verbindet ihn ein Sandstrand mit dem Ufer. Das Meer davor leuchtet in einem Blau, das auf Fotos unecht wirkt, in Wirklichkeit aber tatsächlich so aussieht. 2021 gewann Tropea den nationalen Wettbewerb »Borgo dei Borghi« als attraktivstes kleines Dorf Italiens. Je nach Perspektive ein Qualitätsbeweis oder ein Vorbote von Andrang. Bislang hält sich beides in Grenzen.
In den Gassen hängen Zöpfe aus roten Zwiebeln vor den Läden. Die Cipolla rossa di Tropea schmeckt so mild, dass die Kalabresen sie roh essen und sogar zu Marmelade einkochen. Aus Spilinga, ein paar Kilometer landeinwärts, kommt die ’Nduja, eine feurig scharfe Salami zum Streichen, die inzwischen auf Speisekarten von Berlin bis New York steht.
Südlich von Tropea läuft die Küste im Capo Vaticano aus, einem Kap mit kleinen Buchten zwischen hellen Granitfelsen. An klaren Tagen reicht der Blick bis zu den Äolischen Inseln und zum Stromboli. Die ganze Küste zwischen Pizzo und Nicotera trägt den Namen Costa degli Dei, Küste der Götter. Ein großes Versprechen, das dieser Abschnitt erstaunlich gelassen einlöst.
Was macht Pizzo und Scilla so besonders?
Nach Pizzo fahren die meisten wegen einer Kugel Eis. Der Tartufo di Pizzo besteht aus Haselnuss- und Schokoladeneis mit flüssigem Schokoladenkern, bestäubt mit Kakao. Die Cafés an der Piazza della Repubblica servieren ihn seit Jahrzehnten, am besten am späten Nachmittag, wenn die Sonne tief über dem Golf steht. Über dem Platz erhebt sich das Castello Murat. Dort ließen die Bourbonen 1815 Joachim Murat erschießen, Napoleons Schwager und bis kurz zuvor König von Neapel. Etwas außerhalb liegt die Chiesetta di Piedigrotta, eine Kirche in einer Tuffsteinhöhle direkt am Strand. Schiffbrüchige Seeleute sollen sie im 17. Jahrhundert angelegt haben, später meißelten Künstler aus dem Ort Heiligenfiguren direkt in den Fels.

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Weiter südlich, kurz vor der Meerenge von Messina, liegt Scilla. Homer siedelte hier das Seeungeheuer Skylla an, das Odysseus‘ Gefährten verschlang. Heute geht es im Ort deutlich friedlicher zu. Im Viertel Chianalea stehen die Fischerhäuser mit den Grundmauern im Wasser, die Boote liegen in schmalen Durchgängen zwischen den Hauswänden. Von Mai bis August fahren die Fischer auf Schwertfischjagd, mit Booten, die einen hohen Ausguckmast und einen noch längeren Steg am Bug tragen. In den Trattorien von Chianalea kommt der Fang abends gegrillt oder als Involtini auf den Tisch.
Eine halbe Stunde weiter südlich zeigt das Nationalmuseum von Reggio Calabria die Bronzen von Riace. Die zwei griechischen Kriegerstatuen stammen aus dem 5. Jahrhundert vor Christus, ein Taucher entdeckte sie 1972 vor der Küste. Allein für diese beiden Figuren lohnt sich der Umweg.
Wie sieht Kalabrien abseits der Küste aus?
Die meisten Reisenden kennen von Kalabrien nur den Strand. Eine gute Stunde landeinwärts beginnt eine Landschaft, die eher an Skandinavien erinnert. Die Sila ist eine Hochebene mit dichten Kiefernwäldern, Stauseen und Dörfern auf über 1.000 Metern. Seit 2002 schützt ein Nationalpark große Teile davon. Im Reservat der Giganti della Sila bei Croce di Magara stehen kalabrische Schwarzkiefern, bis zu 45 Meter hoch und rund 350 Jahre alt. Im Sommer bleibt es hier oben angenehm kühl, im Winter laufen in Camigliatello Silano die Skilifte.
Auf der ionischen Seite thront Gerace auf einem Felsrücken, ein mittelalterliches Städtchen mit der größten Kathedrale Kalabriens. Wer von Tropea aus quer über die Halbinsel fährt, erlebt an einem Tag beide Meere und die Berge dazwischen.

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Wann und wie reist man am besten nach Kalabrien?
Die schönsten Monate sind Mai, Juni und September bis Anfang Oktober. Dann ist das Meer warm, die Strände sind ruhig, und die Tage bleiben lang. Im August reist halb Italien an die Küste, besonders rund um Ferragosto am 15. August. Viele Hotels an der Küste öffnen nur von Frühjahr bis Herbst.
Der wichtigste Flughafen ist Lamezia Terme, von dort sind es rund eine Stunde mit dem Auto nach Tropea. Den Flughafen fliegen Inlandsverbindungen aus Rom und Mailand an, in der Saison auch Direktflüge aus Deutschland. Mit der Bahn geht es per Frecciarossa bis Lamezia Terme oder Reggio Calabria. Für Ausflüge nach Scilla, in die Sila oder nach Gerace lohnt sich ein Mietwagen.
Hoteltipp: Villa Paola in Tropea
Die Villa Paola (hier geht es zur Website) liegt oberhalb von Tropea in einem ehemaligen Kloster des Paulanerordens, das zwischen 1543 und 1552 erbaut wurde. Den Ort hatte der Ordensgründer Francesco di Paola selbst ausgewählt, und seine Wahl überzeugt bis heute: Der Blick reicht weit über das Tyrrhenische Meer. Seit Herbst 2025 hat das Mailänder Architekturbüro Palomba Serafini Associati das Haus behutsam renoviert. Die klösterliche Stille ist geblieben, der Strohsack ist einem Bett mit gutem Kopfkissen gewichen. Das Restaurant »De‘ Minimi« steht im Michelin Guide Italia 2026. Küchenchef Emanuele Pucci kocht mit Gemüse und Kräutern aus dem hauseigenen Garten und setzt auf Fermentation und langsame Reifung. Zimmer ab ca. 305 Euro pro Nacht für zwei Personen inklusive Frühstück, geöffnet von April bis November.



