Foto: Ruby Hotels
Frankreich

Ehemaliges Bankbüro: Marseille hat ein neues Designhotel mit Meerblick

Wo früher Bankangestellte arbeiteten, übernachten jetzt Marseille-Besucher. Mit dem Ruby Lilou feiert die ursprünglich deutsche Hotelmarke, die inzwischen zum britischen IHG-Konzern gehört, ihr Debüt in Frankreich. Es bietet 237 Zimmer, ungewöhnliches Design und eine Dachterrasse mit Blick bis zum Mittelmeer.

Marseille ist keine Stadt, die sich gern herausputzt. Zwischen alten Hafenmauern, Graffiti, prächtigen Fassaden und bröckelndem Putz zeigt Frankreichs zweitgrößte Stadt ihre Widersprüche ziemlich unverblümt. Genau diese Mischung hat sich Ruby für sein französisches Debüt ausgesucht. Anfang Oktober 2026 eröffnete die Hotelgruppe das Ruby Lilou, dessen Vergangenheit zunächst wenig Romantik verspricht: Der Gebäudekomplex beherbergte jahrzehntelang Büros der Bank BNP Paribas. Nun sollen provenzalische Farben, Anspielungen auf die Punkkultur und ein Hauch Yacht-Design dafür sorgen, dass niemand mehr an Kontoauszüge denkt.

Zwischen Hafenviertel und Marseilles größtem Stadtumbau

Wo liegt’s? Das Ruby Lilou Marseille befindet sich am Boulevard des Dames 49 im zweiten Arrondissement, zwischen dem historischen Vieux-Port, dem alten Viertel Le Panier und La Joliette. Die Gegend gehört zum Entwicklungsgebiet Euroméditerranée, in dem Marseille seit Jahrzehnten ehemalige Hafen- und Gewerbeflächen umgestaltet. Die Metrostation Joliette liegt etwa drei Gehminuten entfernt. Vom Bahnhof Saint-Charles sind es fünf Minuten mit der Metro, vom Flughafen ungefähr 45 Minuten mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Die Vorgeschichte des Hauses ist bemerkenswert: Das Gebäude war früher Teil der BNP-Paribas-Niederlassung in Marseille. Drei miteinander verbundene Bürogebäude mit mehr als 10.000 Quadratmetern Fläche wurden zu einem Hotel- und Bürokomplex umgebaut. Die Arbeiten begannen Mitte 2023, ursprünglich war eine Fertigstellung Anfang 2026 vorgesehen. Seit dem 28. September empfängt das Hotel Gäste; am 5. Oktober verkündete Ruby offiziell die Eröffnung.

Vier Zimmerkategorien mit Anleihen aus dem Yachtbau

Wie viele Zimmer? Das Ruby Lilou verfügt über 237 Zimmer in den vier Kategorien Nest, Cosy, Lovely und Wow. Dahinter steckt das Konzept »Lean Luxury«, mit dem Ruby komfortables Übernachten in zentraler Lage anbieten möchte, ohne sämtliche Extras eines klassischen Luxushotels mitzufinanzieren. Besonders die kleineren Kategorien richten sich an Gäste, die ohnehin lieber die Stadt erkunden, als viel Zeit auf ihrem Zimmer zu verbringen.

Helles Lovely-Doppelzimmer im Ruby Lilou Marseille mit großem Bett, dunkler Holzvertäfelung, gläserner Regendusche und Marshall-Verstärker.

Foto: Ruby Hotels

Als gestalterische Vorlage dienten luxuriöse Yachten. Platzsparende Einrichtungslösungen und eine klare Raumaufteilung sollen den vorhandenen Grundriss möglichst gut ausnutzen. Zur Ausstattung gehören großzügige Betten, ebenerdige Regenduschen und Verdunklungsvorhänge. Marshall-Verstärker und Bluetooth-Lautsprecher bringen Musik ins Zimmer. Bemerkenswert: Weil der Bürokomplex über Jahrzehnte baulich verändert wurde, mussten die Architekten mit sehr unterschiedlichen Grundrissen arbeiten.

Lavendel, Naturstein und eine ziemlich rebellische Provence

Was verspricht das Interieur? Das Gestaltungskonzept trägt den Namen »La Belle Re-Belle«. Gemeint ist eine Provence, die sich nicht auf Lavendelsäckchen und Landhausmöbel reduzieren lässt. Sanfte Violetttöne erinnern an Lavendelfelder, Ocker an sonnengebleichten Stein und Blau an das Mittelmeer. Dazwischen setzen kräftige Farben, grafische Muster und Anspielungen auf die Punk- und Anti-Style-Bewegungen der 1980er-Jahre bewusst Kontraste. Naturstein, verputzte Oberflächen und warmes Holz bilden die ruhigere Grundlage. Gestreifte Stoffe und auffälligere grafische Elemente verhindern, dass daraus ein allzu braves mediterranes Hotelinterieur wird. Die Gestaltung spielt mit den Gegensätzen einer Stadt, die gleichermaßen von provenzalischer Tradition, Hafenindustrie und alternativer Kultur geprägt ist.

Zum Hotelkomplex gehört auch Ruby Yani, der erste französische Coworking-Standort der Ruby-Gruppe. Coworking bedeutet, dass Selbstständige, Geschäftsreisende und andere Berufstätige gemeinsam ausgestattete Büroräume nutzen können, ohne selbst ein Büro mieten zu müssen. Im Ruby Yani stehen dafür über 120 flexible Arbeitsplätze, private Büros und Besprechungsräume zur Verfügung. Das Interieur mit Skateboards an den Wänden, unterschiedlichen Möbeln und offen verlegten Rohrleitungen erinnert eher an einen Kreativtreff als an ein klassisches Büro. Die Arbeitsplätze können beispielsweise tageweise oder über eine Mitgliedschaft genutzt werden.

Coworking-Bereich Ruby Yani in Marseille mit Skateboards an der Wand, Holztischen, unterschiedlichen Stühlen und industriell gestalteter Decke.

Foto: Ruby Hotels

Musik gehört ebenfalls zum Konzept. In den öffentlichen Bereichen wechseln kuratierte Playlists mit Live-Auftritten. Gäste können sich sogar Gitarren ausleihen.

Provenzalische Häppchen statt großer Hotelküche

Wo essen und trinken? Die gastronomische Zentrale des Hauses ist die »Lilou Bar«, die rund um die Uhr geöffnet ist und sowohl Hotelgästen als auch externen Besuchern offensteht. Ein klassisches Hotelrestaurant mit mehrgängigen Menüs gibt es nicht. Stattdessen setzt Ruby auf ein unkompliziertes Angebot, das vom morgendlichen Kaffee bis zum späten Cocktail reicht.

Beim Frühstück stehen Barista-Kaffee der italienischen Rösterei Hausbrandt und Bio-Tees von Samova bereit. Eine regionale Spezialität sind die Navettes de Marseille, kleine, traditionell mit Orangenblütenwasser aromatisierte Gebäckstücke. Tagsüber gibt es leichte mediterrane Gerichte wie Piadine und Panisse, eine südfranzösische Spezialität aus Kichererbsenmehl, die mit provenzalischer Knoblauch-Aioli serviert wird.

An der Bar stehen regionale Weine, das Marseiller Fada (Weißbier) und klassische Cocktails neben hauseigenen Kreationen wie dem Mistral Gimlet und der Lilou Margarita. Zwischen 16 und 19 Uhr bietet die Bar eine Aperitivo-Stunde an, bei der beispielsweise ein Limoncello Spritz oder Negroni Sbagliato mit kleinen Knabbereien acht Euro kostet. Wer einen Platz unter freiem Himmel bevorzugt, kann seine Getränke auf der Dachterrasse genießen. Dort werden ebenfalls kleine Speisen angeboten.

Lilou Bar im Ruby Lilou Marseille mit langer beleuchteter Bartheke, dunklen Holzstühlen, hängenden Weingläsern und Schachbrettboden.

Foto: Ruby Hotels

Kulinarisch ambitionierte Reisende werden außerhalb des Hauses mehr Auswahl finden. Schließlich wäre es schade, in einer Hafenstadt mit einer der interessantesten Esskulturen Frankreichs jeden Abend im Hotel zu verbringen.

Zwischen Street-Art, Hafenmauern und mediterraner Architektur

Was kann man in der Umgebung unternehmen? Besonders nahe liegt Le Panier, das älteste Viertel Marseilles. Hinter seinen schmalen Gassen, bunten Fassaden und steilen Treppen verbergen sich kleine Geschäfte, Künstlerateliers und das Kulturzentrum Vieille Charité, ein ehemaliges Armenhospiz aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Allerdings ist Le Panier längst auch eine Touristenattraktion. Wer Marseille abseits der Souvenirläden kennenlernen möchte, sollte deshalb ebenso die weniger herausgeputzten Straßen erkunden.

Richtung Wasser erreicht man die monumentale Cathédrale de la Major und das Mucem, das Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers. Sein moderner Bau mit filigraner Betonhülle ist durch eine Fußgängerbrücke mit dem historischen Fort Saint-Jean verbunden. Ein Spaziergang führt weiter zum Vieux-Port, dem alten Hafen der Stadt.

Mucem in Marseille mit seiner filigranen Betonfassade und großen Glasfront direkt am Wasser, im Vordergrund mehrere Segelboote.

Foto: beergash/Shutterstock.com

Auch La Joliette lohnt einen genaueren Blick. In ehemaligen Lagerhäusern befinden sich heute Geschäfte und Gastronomie. Interessant sind außerdem das regionale Kunstzentrum FRAC und die Veranstaltungshalle Le Silo, die einst als Getreidespeicher diente. Wer mehr Zeit mitbringt, kann mit dem Schiff zu den Frioul-Inseln fahren oder einen Ausflug in den Nationalpark Calanques unternehmen.

Eine Dachterrasse mit Marseille-Panorama

Highlight des Hotels? Die mehr als 300 Quadratmeter große Dachterrasse gehört zu den schönsten Bereichen des Ruby Lilou. Von hier reicht der Blick über die Dächer Marseilles bis zum Mittelmeer. Besonders reizvoll ist auch der kleine Außenpool im achten Stock, in dem sich Gäste nach einem Stadtbummel abkühlen können. Zum sportlichen Schwimmen ist das Becken allerdings nicht gedacht. Sonnenliegen und ein Handtuchservice stehen ebenfalls bereit. Der Pool ist täglich von 8 bis 21 Uhr geöffnet. An der Rooftop-Bar gibt es Kaffee, Cocktails und kleine Speisen. Auch Besucher, die nicht im Hotel übernachten, sind auf der Terrasse willkommen.

Was kostet der Spaß? Laut offizieller Eröffnungsmitteilung beginnen die Zimmerpreise im Ruby Lilou bei 130 Euro pro Nacht für eine Person inklusive Frühstück.

Weitere Informationen und Buchung auf der Website von Ruby Hotels.

Häufige Fragen

Was bedeutet »Lean Luxury« bei Ruby Hotels?
Mit »Lean Luxury« bezeichnet Ruby ein Hotelkonzept, das sich auf ausgewählte Komfortmerkmale konzentriert und auf manche Angebote klassischer Luxushotels verzichtet. Die Zimmer bieten beispielsweise hochwertige Betten, Regenduschen und eine sorgfältig gestaltete Einrichtung. Auf ein großes Hotelrestaurant oder eine umfangreiche Wellnesslandschaft wird dagegen verzichtet. Dadurch sollen die Übernachtungspreise vergleichsweise erschwinglich bleiben.
Können Hotelgäste das Ruby Yani kostenlos nutzen?
Nein, die Nutzung des Coworking-Bereichs Ruby Yani ist nicht automatisch im Übernachtungspreis des Ruby Lilou enthalten. Hotelgäste erhalten allerdings einen vergünstigten Tagespass. Regulär kostet dieser ab 30 Euro. Wie viel Übernachtungsgäste tatsächlich bezahlen, verrät das Hotel auf seiner Website nicht. Wer während seines Marseille-Aufenthalts einen professionell ausgestatteten Arbeitsplatz benötigt, sollte den Sondertarif deshalb direkt beim Hotel erfragen.
Welche guten Restaurants gibt es in der Nähe des Ruby Lilou Marseille?
Da das Hotel selbst nur kleine Speisen anbietet, lohnt sich ein Abstecher ins benachbarte Viertel Le Panier. Eine Marseiller Institution ist »Chez Etienne«, eine traditionsreiche Pizzeria aus dem Jahr 1943, bekannt für ihre Pizza mit Sardellen und Käse sowie gebratene kleine Tintenfische. Wer gern Meeresfrüchte mag, findet im »Entre Terre & Mer« frische Austern, Garnelen und Krustentierplatten, aber auch Käse- und Wurstspezialitäten. Etwas näher am Hotel liegt »Un Petit Cabanon Bouillon«, das eine saisonal geprägte provenzalische Küche mit mediterranen Einflüssen serviert. Alle drei Restaurants liegen in fußläufiger Entfernung.
Frank Störbrauck
Brasilien ist sein Ding. Hier feiert Frank gerne ausgelassene Strandpartys bis tief in die warme Nacht. Klar, die Copacabana ist dafür in aller Munde, ihn zieht es allerdings viel lieber nach Salvador, wo die Strände nicht weniger traumhaft sind. Pluspunkt dort: Die Partys sind kleiner und mit den Locals kommt man schneller ins Gespräch.